Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Ein verhinderter Dionysos? Rausch und Kritik als Problemspur der Moderne

Von Carsten Bäuerls seiten- und sprachgewaltiger Arbeit »Zwischen Rausch und Kritik«, die – in ihrer 3-bändigen Form – den Westfälisch-Lippischen Dissertationspreis 2001 erhalten hat, liegt hier der 1. Band vor, für sich allein schon mit 410 Seiten voluminös angelegt.

Das Thema der Studie ist der Versuch einer Genealogie von »Rausch« und »Kritik« als konstitutive Kulturmomente der Moderne, die, so der Autor, nach wie vor die Strukturen von Kultur und Gesellschaft konstituieren. Insofern stellen »Rausch« und »Kritik« zwei begriffliche Kulminationspunkte dar, die eine Grundproblematik der Moderne aufzeigen. Es ist das Nachzeichnen dieser Problemspur, die sich subkutan in der Kultur des 20. Jahrh. bis heute fortschreibt. Die Brisanz der beiden Kulturmomente Rausch/Kritik scheint dabei aktuell eher verdrängt als bearbeitet, daher fast unsichtbar geworden. »Rausch« beschreibt den Komplex menschlicher Freiheit, welche ihren Niederschlag und ihre Objektivation in künstlerischer Produktion findet (prominent bildende Kunst und Musik). »Kritik«, vom Geist der Aufklärung auf die rationelle Bahn gebracht, fungiert für Bäuerl letztlich als Moment des gesellschaftlichen Gestaltungswillens, als Wille zum gerechten sozialen Leben, als Stachel im Fleisch geronnener Verhältnisse mit dem Willen zur befreiten Lebenspraxis. Kunstwerk und Gesellschaft als kulturelle Hervorbringungen finden sich zwischen Rausch und Kritik wieder. Die Problematik der Möglichkeiten des Verhältnisses (gedacht in Konstellationen von Opposition, dialektischer Vermittlung, unversöhnlichem Antagonismus etc.) beider Momente macht sich Bäuerls Arbeit zur Aufgabe.

Als Zeugen für das Nachzeichnen dieser Spur dienen dem Autor Nietzsche, Bataille, Adorno und Benjamin als Hauptexponenten. Der Blick und die theoretische Ausrichtung Bäuerls steht dabei im Geiste »Kritischer Theorie« samt ihrem adornisch geprägtem sprachlichen Duktus und ihrer zuweilen etwas selbstgefälligen Verquastheit. Dies fällt eher unangenehm auf und dieser Sprachjargon verwischt an vielen Stellen oft die Argumentationslinie gerade dort, wo es darauf ankäme, sie klarer herauszuzeichnen. Aber Bäuerl muss sich auch theoretisch fragen lassen, warum er gerade auf »Kritische Theorie« setzt. Deren Revitalisierung glaubt Bäuerl mit der Behauptung stützen zu können, dass deren »Diagnostik sich [heute] als gesellschaftlich wahrer erweist als noch in den 70er Jahren« (S. 9). Leider bleibt letztlich der Beweis hierfür aus; Bäuerl bezieht sich nicht zuletzt mit seiner Autorenauswahl doch zu sehr auf Vergangenes, zu wenig auf aktuelle Debatten, sodass die eigentlich zeitgemäße gesellschaftliche Diagnose ausbleibt.

Nietzsches Frühwerk ist der Take-off für die Argumentation Bäuerls (Kapitel 1 und 2). Nietzsche formuliert in seiner »Geburt der Tragödie« das Paradigma von »Rausch« und »Kritik«, er entwirft die Folie, bringt zur Sprache, liefert die Matrix, von welcher aus Bäuerl dem Verhältnis von Rausch und Kritik nachgeht, bei Nietzsche personifiziert als griechisches Mythologie-Gespann »Dionysos/Apoll«, deren Kräfte Nietzsche für die Beschreibung der Zerrissenheit der Moderne heranzieht. Nietzsche glaubt in seiner Schrift das Doppelgestirn Kunst und Wissenschaft fusionieren zu können. Dionysos und Apoll, Rausch und Kritik hat er als Antagonisten im Blick und übersetzt die vorsokratische Tragödie in den Möglichkeitshorizont der Jetzt-Zeit. Nietzsche setzt vordringlich auf Dionysos, auf den Rausch, die vitale Lebens- und Schöpferkraft als Korrektiv gegen die entleiblichte, durchrationalisierte, entzauberte Welt sokratischer Vernunftherrschaft.

Diese dionysische Therapeutik Nietzsches findet sich auch bei Georges Bataille wieder (Kapitel III.). Nur scheint hier nicht mehr wie in der »Geburt der Tragödie« die Möglichkeit einer Vermittlung auf, sondern instrumentelle Vernunft und Rausch/Exzess stehen in Unversöhnlichkeit und nicht-logischer Differenz zueinander. Bataille lässt in seiner Sprache das absolut Inkommensurable aufscheinen, zeigt die Spur des Nicht-Identischen auf. Bäuerl weiß in wenigen Strichen den äußerst schwer zu lokalisierenden Raum der Bataillschen Philosophie zu skizzieren, wirft Bataille aber letztlich unkritisches Denken vor. Bataille (aus der marxistischen Linken kommend) weiß aber sehr wohl von der Vereinnahmung des Rausches durch die kapitalistische Produktion, der Konzession an die Nutzbarkeit; ein Rausch, der beherrschbar, planbar, kontrollierbar ist, ist bloßer Schein des Dionysischen und degradiert zur Reproduktion und Stabilisierung homogener Vernunft-Ordnung. Das von Bataille Anvisierte und Aufgezeigte entzieht sich aber jeglichem Zugriff. Trotzdem lebt das eine nicht auf Kosten des anderen: Dionysos und Apoll halten sich umklammert, bedingen sich gegenseitig, es kann nur das dionysisch überschritten werden, was apollinisch gebaut wurde. Das Thema ist die Selbst-Überschreitung der Vernunft, das Erreichen des Siedepunktes der Vernunft, bis diese in dionysischem Rausch explodiert.

Das schon angesprochene sprachlich Hypertrophe des Stils führt bei Bäuerl manchmal zu holzschnittartigen Abhandlungen, was im Falle Georges Batailles zu Darstellungen führt, die unzureichend und verzerrend sind. Der Grund hierfür lässt sich erahnen: Bataille verträgt sich nicht mit »Kritischer Theorie«, muss ihr »verdächtig« vorkommen, das libertäre, a-moralische Element ist ihr nicht fassbar, und so wird er domestiziert, zurechtgestutzt, mit moralischer Repulsion angefasst um ihn dann allzu schnell ad acta zu legen. So kommt Bäuerl nach sehr lesenswerten Ausführungen zu Ausschnitten aus Batailles Werk zu dem lapidaren Schluss: »kurz: der Narzißmusverdacht muß erhoben werden und ähnlich dem späten Nietzsche auch Bataille entgegengebracht werden« (S. 166). Dies ist besonders ärgerlich, da der »Vorwurf« Narzissmus hier weder terminologisch noch inhaltlich zutreffend ist. So ist Batailles Konzept der »depense« (in etwa: Verschwendung, Verausgabung) entschieden antinarzisstisch. Es zielt nicht auf Bereicherung oder Stabilisierung des Selbst hin, sondern auf Öffnung und Kommunikation. Bäuerl diskutiert nicht den immens wichtigen Kommunikationsbegriff Batailles. Bataille lässt die Kommunikation zwar »leer«, Apoll scheint hier abwesend, diese Leere ist tatsächlich eine diskursive Leere, wohl aber eine leibliche »dionysische« Sinn-Fülle. Die Kommunikation ist Sinn-Voll, voll von leiblicher Vernunft (s. Nietzsche), da sie gerade die narzisstische Monadologie der diskursiv-instrumentellen Vernunft aufzubrechen vermag. Demgegenüber trägt der Rausch im Dienste der homogenen Ordnung narzisstische Züge, er ist die Schein-Revolte, die Revolte, die sich zum Komplizen instrumenteller Vernunftherrschaft  macht. Sie ist so das bloße Moratorium der Arbeitswelt. Bataille sieht, wie Adorno im Übrigen auch, die heimliche Kollaboration dieses eskapistischen Rausches der Harmlosigkeit, welcher mit seiner Konzession an das vernünftig Mögliche schon seine transgressive Kraft verloren hat. Daher das Insistieren Batailles auf die absolute Inkommensurabilität, methodisch die Verabschiedung von Dialektik und die Betonung der Disjunktion, der nicht-logischen Differenz.

Dem späten Nietzsche (am Beispiel »Ecce Homo«) attestiert Bäuerl ebenso »Narzißmus« und verweist zudem auf Psychopathologie. Der Vorwurf ist alt, oft gebraucht, aber nur dadurch keinesfalls richtig. An solchen Stellen rächt sich der veraltete »kritisch-theoretische« Blick, eine unterkomplexe Theorie der Repräsentation, die auf alteuropäischen Verständigungsmustern basiert. Dabei hätten hier Derrida, Lacan und gar Foucault weitergeholfen: Wo bloße Aneignung des Textes nicht gelingt, das Medium Sinn leer läuft oder seinen eingefahrenen instrumentellen Vernunft- und Diskurssträngen entgleist, da ist es ein Leichtes, den Autor zu pathologisieren und den Text damit als irrelevant abzustempeln. Eine text- und diskurstheoretische Analyse im Sinne Derridas hätte hier gezeigt, das man Nietzsches »Ecce Homo« mehr abgewinnen kann als ein simples pauschales Stigma ad auctorem. Es ließe sich z. B. via Derrida Batailles Konzept der »transgression« sprachtheoretisch fruchtbar machen: Nietzsche überschreitet die funktionale Diskursivität, er durchstreicht die Position des Autors, überschreitet die Textsorte »Literatur« und zielt subversiv auf die vermeintliche Autonomie des Autors (des Subjekts). Solche Texte wie »Ecce Homo« können nicht gelesen werden mit dem Willen zur semantischen Reduktion, zum Wörtlichnehmen, mit Inhaltsfixierung. Den Schritt hierzu hatte Bäuerl schon fast getan: Referiert er doch im Exkurs zur Bataille-Kritik Derrida und dessen »Dekonstruktion«, problematisiert er den Akt des Sprechens, darüber, dass der »Text Bataille« gegen den Begriff angeschrieben ist, die identitätsphilosophische Konstruktion zum Kollabieren, den Sinn zum Gleiten bringt; eine Sprache, die gegen ihre eigene geronnene Begrifflichkeit revoltiert.

Aber Bäuerl fühlt sich hier nicht »zu Hause«. Die Kapitel über Adorno und Benjamin (IV. und V.) sind dagegen eher sein Terrain. Für Adorno ist der Entwurf des guten Lebens negativ im Kunstwerk repräsentiert, aber quasi hermetisch abgeriegelt. Adorno sieht den Rausch vornehmlich als kulturindustrieproduziert zum Gebrauch, zur platten Warenkonsumption. Als solcher ist der Rausch unfrei und nicht Statthalter befreiten Lebens, sondern Stabilisator des unfreien Immer-Gleichen. Kunst, vor allem Musik, steht unter dem Diktat des Tauschwertes und wird zum Zweck der Vermarktung affektiv aufgeladen. Dionysos scheint nie ferner als hier.

Im Spannungsfeld Rausch und Kritik lässt Bäuerl zum Schluss Walter Benjamin auftreten. Vornehmlich werden Benjamins Gedanken zum Thema im Gespräch und in Abgrenzung zu Adorno entwickelt. Gegenüber Adorno lässt sich Benjamin viel eher an Nietzsche und Bataille annähern. Benjamin setzt auf die Freisetzung des Rausches für Revolte und Subversion. Hier schlägt sich Benjamins Auseinandersetzung mit dem Surrealismus nieder (z. B. mit Aragons »Le paysan de Paris«). Aber es geht ihm nicht um Ästhetisierung des Politischen sondern um die Revolutionierung und Politisierung von Ästhetik. Blieb dies für Benjamin eine bloße politisch-kulturelle Erwartung, eine utopische Möglichkeit? Die Kunst- und Kulturindustrie, so scheint es, hat den Rausch für sich vereinnahmt, hat Dionysos für sich instrumentalisiert und umgeformt. Bleibt es nur bei der Reproduktion des Identischen?

An dieser Stelle wäre zu fragen, wie sich die aktuelle kulturelle Situation mit dem Problemfeld Rausch/Kritik beschreiben ließe. Hat Dionysos eine Chance in der Postmoderne und darüber hinaus? Und wie ließe sich Kritik heute verstehen? Leider bricht Bäuerl bei der Benjamin-Rezeption ab und flicht weder aktuelle Debatten ein noch versucht er selbst eine aktuelle gesellschaftliche Bestandsaufnahme. Wie aktuell ist also der vom Autor so beschworene »kritisch-theoretische« Blick? Aber obwohl dieser Nachweis dem Leser geschuldet bleibt, ist der groß angelegte Versuch Bäuerls, Nietzsche, Bataille, Adorno und Benjamin mit dem Sinn- und Problemkontinuum Rausch/Kritik zu lesen, äußerst anregend. Überzeugend ist er hierbei meist nur im Detail, die eigentliche Stoßrichtung des Autors aber wirkt befremdent antiquiert.

Lars Steinmann

Carsten Bäuerl: Zwischen Rausch und Kritik 1. Auf den Spuren von Nietzsche, Bataille, Adorno und Benjamin. 2003, Bielefeld, Aisthesis-Verlag, 410 S., Broschur, ISBN 3-89528-412-2, 45 €

Lars Steinmann ist Dipl. Soz., geb. 1973
Veröffentlichungen in: Jahrbuch für Soziologiegeschichte, Simmel Studies, Dialektik- Zeitschrift für Kulturphilosophie
Schwerpunkte und Interessen: Kulturphilosophie, Soziologische Theorie, ästhetische Moderne insb. Georg Simmel, Nietzsche, Georges Bataille, Religionssoziologie, Psychoanalyse
e-mail: lars-steinmann@web.de

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