Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

"Es ist mein Auftrag von Gott, Säufer zu sein": Literatur als Flaschenpost

von Ulrich Horstmann

(Vortrag, gehalten auf Einladung von philoSOPHIA-Hessen am 14. Oktober 2004 in Marburg)

Wie beim Umgang mit Hochprozentigem sollte man sich auch bei der Darstellung des Verhältnisses von Alkohol und Literatur, dem Wechselspiel zwischen Spirituellem und Spirituösem, vor allzuviel Vollmundigkeit in acht nehmen. Und das nicht zuletzt deshalb, weil die schreibende Zunft selbst zu großzügigen Verallgemeinerungen und flächendeckenden Statements neigt. Schon bei Horaz heißt es entsprechend kategorisch: »Es kann nicht lange gefallen, noch fristen das Leben die Dichtung, welche ein Trinker des Wassers verfaßt« (Epistolae I, xix); und unserer Tage schenkt ein Insider wie Michael Krüger, Schriftsteller und Verleger in Personalunion, noch einmal kräftig nach, indem er wissen läßt:

Wer schreibt, trinkt auch, lautet ein populäres, aber wahres Vorurteil. Was man den kargen Dichtergräbern nicht ansieht, wird deutlich, wenn man die nicht-kanonisierten Werke, die Briefe und Tagebücher der Autoren studiert: Ein Alkoholnebel liegt über der Weltliteratur. (Krüger 1993, S. 18)

Um im doppelt Nebulösen der Ansprache und des Angesprochenen nicht verlorenzugehen, muß der Nachforschende Klärungen herbeiführen und also Unterscheidungen treffen. Wir stecken entsprechend vier mögliche Interaktionszonen zwischen Alkohol und Literatur ab und nehmen im letzten und interessantesten Bereich dann nochmals Binnendifferenzierungen vor.

 

Trinkerdarstellungen in der Literatur

Große Zecher wie Falstaff oder kleingeistige Schluckspechte wie Stephano und Trinculo aus Shakespeares Sturm wanken durch zahllose Dramen, Romane, Erzählungen, und selbstverständlich hat auch die Lyrik – ich erwähne nur den Zyklus Alcools (1913) von Guillaume Apollinaire und Ringelnatz’ fast sprichwörtlichen Voll-Matrosen und »Krakeeler« Kuttel Daddeldu – ihren Beitrag geleistet. Im allgemeinen sind die literarischen Umgangsformen mit Berauschten entspannt und die entsprechenden Figuren, insbesondere im Zeitalter des Antihelden, nicht selten Sympathieträger. Direkte Rückschlüsse auf ein analoges Konsumverhalten der Autoren verbieten sich aber schon deshalb, weil natürlich auch ein abstinenter Verfasser um die Leichtigkeit weiß, mit der sich durch Trinkerszenen komische oder tragikomische Effekte erzielen lassen. Der Alkoholisierte und der Alkoholiker gehören deshalb wie der Prahlhans, der Geizige oder der ebenfalls »rauschhaft« Verliebte ins Stereotypenarsenal der Literatur. Die leichte Wiedererkennbarkeit der Muster und ihr verläßliches Funktionieren auch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg erklärt die relativ hohe Erscheinungsdichte. Sobald der Sonderfall eintritt, daß sich ein alkoholabhängiger Schriftsteller in einer Alkoholikerfigur zu spiegeln oder selbst darzustellen sucht, wird der klischeehafte Rahmen bewährter Präsentationsweisen dagegen nicht übernommen, sondern – wie noch zu zeigen sein wird – innovativ und erkenntnisstiftend durchbrochen.

Auf eben dieses Terrain der literarisierten Innenperspektive des Alkoholismus wollen wir uns im folgenden vortasten. Dazu nehmen wir weitere Sample-Reduktionen vor und scheiden neben den schablonenabhängigen gesunden Textproduzenten auch jene Mitglieder der durch Kreativität und Alkoholmißbrauch definierten Zielgruppe aus, die sich entweder in Schweigen hüllen oder aber eine Initiation durch den Exzeß nur vortäuschen.

 

Der Autor als verkappter Alkoholiker

Es gibt Schriftsteller, die nicht anders als Ingenieure, Juristen, Vorarbeiter oder Pfarrer ihre Abhängigkeit über viele Jahre zu verbergen wissen und sich auch hüten, in ihren Publikationen etwas von ihrem Ausgeliefertsein preiszugeben. Diese Personengruppe, zu der etwa die Roman- und Drehbuchautorin Marguerite Duras rechnete, mag aufgrund der hohen Dunkelziffer und der eigenartigen Tarnoperationen für Mediziner und Psychologen ein reizvolles Forschungsobjekt abgeben; im Rahmen unserer Fragestellung aber scheidet sie als Datenlieferantin aus, weil ihre Mitglieder jede direkte Aussage zum Zusammenhang von Trinkzwang und Schreibimpuls verweigern und dergestalt ihre Interpreten dazu verleiten, nachträglich mehr oder weniger verläßliche »Zusatzinformationen« auf opake Texte zu projizieren.

 

Der Autor mit Trinker-Image

Während ausufernder Alkoholkonsum gemeinhin negativ sanktioniert wird und man den »chronischen Fall« sozial ausgrenzt, zeichnet sich in der Literatur mit Poe und Baudelaire, bei genauerem Hinsehen aber wohl schon seit François Villon, eine gegenläufige Tendenz zur Nobilitierung ab. Der randständige, deklassierte, sich aus den bürgerlichen Zwängen und Verlogenheiten heraustrinkende Literat gewinnt unter diesem Blickwinkel Zugang zu Wahrheiten, die dem »Stocknüchternen« verschlossen bleiben, muß für sein Privileg aber mit körperlichem Siechtum und frühem Hinscheiden bezahlen. Die Attraktivität einer derartigen säkularen Märtyrerrolle, für die sich im späten 19. Jahrhundert der Begriff des »poète maudit« eingebürgert hat, wurde im 20. nochmals ökonomisch verstärkt. Außenseitertum zahlte sich im buchstäblichen Sinne immer besser aus, und der Marktwert von ostentativen Trunkenbolden wie Dylan Thomas (»I’ve had eighteen straight whiskies. I think that’s the record«) und Brendan Behan, des Underground-Säufers Charles Bukowski (»kaputt in Hollywood«) oder der absorptionsfähigen Südstaatler William Faulkner und Tennessee Williams mußte Konkurrenten zu denken geben, die an geschäftsschädigender Normalität zu laborieren begannen.

So erklärt es sich, daß die Zugehörigkeit zur Minoritätenklasse der Haltlosen und Selbstzerstörer bald von der überwältigenden Mehrheit der schreibenden Zunft beansprucht wurde. Und am »drinking problem« sollte die Aufnahme nicht scheitern; es ist in den einschlägigen Viten auf Nachfrage so problemlos verfügbar wie Anabolika für den ehrgeizigen Bodybuilder. Die Trinkerschwemme in fast allen Sektionen der modernen Kunst entpuppt sich damit eher als Produkt einschlägiger Selbstinszenierungen denn als besorgniserregendes Faktum, wobei man der Literaturwissenschaft den Vorwurf nicht ersparen kann, ihr Scherflein zu dieser optischen Täuschung beigetragen zu haben.

Immer wieder wird nämlich auch von akademischen Biographen und Interpreten das Privatleben renommierter Autoren unter die Lupe genommen und die Leserschaft auf pikante Enthüllungen eingestimmt. Dabei gibt eine seltsame Überbietungslogik den Ton an, die auf möglichst sensationelle körperliche und seelische Gebrechen abstellt, so daß mancher Schriftsteller auch ganz ohne eigenes Zutun in den »Genuß« des Alkoholiker-Image gelangt ist. Im Endeffekt verwandelt ein derartiges Erkenntnisinteresse die gesamte neuere Literaturgeschichte in ein Spital, wenn nicht Monstrositätenkabinett, in dem auf Schritt und Tritt die aufgedunsenen Gesichter genialer Saufause begegnen.

In seiner einschlägigen Studie Alcohol and the Writer behauptet Donald W. Goodwin entsprechend, daß es nur unter Barkeepern eine höhere Alkoholikerrate gebe als bei Literaten. Timothy Rivinus bietet eine Tabelle an, die die Pulitzerpreisriege von Theodore Roethke bis Sylvia Plath unter Rubriken wie »treated for major depressive illness«, »committed suicide« und »alcohol abuse/dependence« multipel pathologisiert und dergestalt den Eindruck erzeugt, die maßgebliche lyrische Produktion sei einer Gruppe von menschlichen Wracks zu verdanken, die eigentlich in die geschlossene Abteilung gehört hätten (Rivinus 1994, S. 52). Und schließlich und endlich hält sogar eine in Seattle erscheinende Zeitschrift, Dionysos: The Literature and Addiction Tri-Quarterly, den Mythos der Spiegelsymmetrie von Abusus und Originalität am Leben.

In Wirklichkeit ist die Vorstellung, derzufolge fast alle Meisterwerke Fluten von Vergorenem und Gebranntem entsteigen – von den Ausnahmen, die die Regel bestätigen, wird in Kürze die Rede sein –, aber ebenso stereotyp und klischeehaft wie die meisten in der Literatur auftauchenden Trinkergestalten. Und deshalb erzeugt sie wie andere Wahrnehmungsschablonen auch auf Dauer Übersättigungs- und Abstoßungsreaktionen. Die jüngste Autorengeneration demonstriert das auf eindeutige Weise, kehren ihre Vertreter doch entweder eine eiskalte Geschäftstüchtigkeit oder aber ihren postmodernen Zynismus heraus, der den künstlichen Paradiesen der Intoxikation so wenig abgewinnen kann wie ihren sozialutopischen oder religiösen Vorläufern. Hier bahnt sich ein durchgreifender Imagewechsel an, und man darf mit Teilen der Sekundärliteratur davon ausgehen, »that the epidemic of alcoholism among writers is now waning« (Donaldson 1990, S. 323), daß also die Zahl der definitiv Abhängigen auf ein etwa auch in Renaissance und Aufklärung nachweisbares Mindestmaß zurückgehen dürfte.

 

Der Autor als Kunsttrinker

Dieses Einholen der Fahne wird nun jene Sonder- und Glücksfälle wieder leichter erkennbar machen, die übrigbleiben, wenn man nach der hier praktizierten Methode sowohl oberflächliche und aufgebauschte wie auch stumme Formen der Interaktion zwischen Alkohol und Literatur beiseite geschoben hat. Das Untersuchungsfeld, das sich so eröffnet, ist nicht mehr nebelverhangen, aber trotzdem ein Ort des Wundersamen, eine Enklave, in der »Unmögliches« Gestalt gewinnt.

Der Realitätssinn leugnet diese »Singularität« rundheraus. »[There is] the notion«, schreibt Art Hill in seinem Aufsatz »The Alcoholic on Alcoholism«, »that alcohol or any other drug can be used as a creative instrument. It cannot. The idea that this medium of oblivion can be a moyen de la connaissance is patently ridiculous« (Hill 1974, S. 44). Solche Skepsis muß jedem sympathisch sein, der hinter dem bis in die jüngste Gegenwart so hoch gehandelten Markenzeichen des trinkenden Künstlers die Tendenz zur Verniedlichung einer Alkoholikerkarriere nicht übersieht. Und doch gibt es immer wieder Bücher, in denen das durch den gesunden Menschenverstand, durch Sachkenntnis oder Lebenserfahrung verläßlich Auszuschließende trotzdem geschieht, in denen der Alkohol wie bei E. T. A. Hoffmann vom Störfaktor zur Produktivkraft, von der lähmenden Droge zum Elixier wird und der Autor nicht mehr hin- und hergerissen ist zwischen Stupor und Ausnüchterung, Konzentration und Konzentrat, sondern synergetisch mit dem Genußgift arbeitet, statt dagegen anzukämpfen. Wer diesen Aggregatzustand erreicht, den nenne ich Kunsttrinker – eine im Gegensatz zur landläufigen Meinung durchaus rare Spezies, der wir uns nun in einem österreichischen und einem anglo-kanadischen, einem russischen und einem amerikanischen Gattungsvertreter bis auf Fluchtdistanz anzunähern versuchen.

 

Jack London, »John Barleycorn or Alcoholic Memoirs« (1913)

Jack London (1876–1916) beginnt schon als jugendlicher Streuner und »Austernpirat« zu trinken und hat mit 16 den sicheren Tod vor Augen, als er nachts stark alkoholisiert in der Bucht von San Francisco ins Wasser springt und von der Ebbe aufs offene Meer hinausgetragen wird. Obwohl erst in letzter Minute ein rettendes Fischerboot aufkreuzt, fruchtet die Lektion nichts. Auch als hochdisziplinierter Erfolgsautor mit einem obligatorischen Pensum von tausend Wörtern pro Tag spielt London weiter va banque und gerät immer wieder in den Sog jener anderen Flut:

There was no time that I didn’t want a drink. I began to anticipate the completion of my daily thousand words by taking a drink when only five hundred words were written. It was not long until I prefaced the beginning of the thousand words with a drink. The work refused to be done without drinking. (London 1967 S. 167)

Das Ende des zwanghaften Katz-und-Maus-Spiels gleicht seinem Beginn auf unheimliche Weise. Wieder probiert der inzwischen 40jährige etwas Selbstmörderisches aus, diesmal einen Cocktail aus Alkohol und Medikamenten. Auf diese Weise gelingt ihm in der Grauzone zwischen Suizid und Unglücksfall sein letztes Kunststück: nach 50 Büchern und fast 200 Kurzgeschichten doch noch zu ertrinken, und zwar auf festem Boden.

Solche über Jahrzehnte ausgedehnten Agonien und Todeskämpfe sind nicht untypisch für Alkoholikerbiographien. »It was one death drawn out in endless torture. You kept on dying, and dying; and still there was dying yet to do, and more dying ahead« (Jackson 1983, S. 175), heißt es in Charles Jacksons Trinkerroman The Lost Weekend von 1944. Aber sie erscheinen bei einem schöpferischen und vom Erfolg verwöhnten Menschen wie London doppelt erklärungsbedürftig. Eben dieser Aufgabe hat er sich nun in John Barleycorn (deutsch: König Alkohol) unterzogen, wobei er paradoxerweise gleichzeitig die Unverzichtbarkeit des Alkohols für sein literarisches Schaffen herausstellt und – zu Unrecht – behauptet, sich in der Anamnese davon frei- und also gesundgeschrieben zu haben.

London trinkt nach eigener Auskunft nicht, um Betäubungseffekte zu erzielen, sondern gegensinnig aus Erkenntnisdrang. Alkohol öffnet ein sonst verspiegeltes kognitives Fenster zur Welt und ist damit für diesen darwinistischen Pessimisten, der einer trostlosen Klarsicht in der Figur des Seewolfs ein weltbekanntes Denkmal gesetzt hat, die Wahrheitsdroge par excellence. Als solche baut er die schon in Bacons Idolenlehre gegeißelten Denkblockaden der Eigenliebe und des Gattungsnarzißmus ab und macht zum anderen den Anblick der Medusa Wirklichkeit erträglich, indem er den Schrecken abpuffert und Panikreaktionen verhindert. Als Gefühlspanzer und Spion, als Anästhetikum und Sehschlitz im schönen Schein der Lebenslügen läßt diese »bewußtseinserweiternde Droge« folglich alle Konkurrenten hinter sich.

Der Säufer, den London verachtet, schaltet sich aus; der Kunst- und Erkenntnistrinker dagegen schaltet sich ein, aktiviert die »weiße Logik« einer mitleidslosen, eisigen, arktischen Vernunft:

To the imaginative man, John Barleycorn sends the pitiless, spectral syllogisms of the white logic. He sees through all illusions, he transvalues all values. Good is bad, truth is a cheat, and life is a joke. (London 1967, S. 16)

Das Demaskierungspathos Nietzsches und seines Zarathustra schwingt in diesen Sätzen mit. Aber das Leihvokabular darf nicht den Blick für den erstaunlichen und selbstverantworteten Befund verstellen, demzufolge es künstlerische Rahmenbedingungen gibt, in denen ein uraltes Rauschmittel den Konsumenten nicht euphorisiert, sondern in eine geradezu metaphysische Ernüchterung treibt. Diese wiederum erweist sich als kreativitätssteigernd, doch vitalitätszersetzend und potenziert sich über die ständige Verlockung zum Entlastungstrinken unaufhaltsam selbst. Der alkoholanfällige Literat hat sich damit in einen Teufelskreis begeben, den er gleichzeitig als Erkenntnisspirale erlebt und also nicht verwünschen kann. Er findet sich, um es mit Londons eigenen Worten zu sagen, »on a truth-telling rampage« (London 1967, S. 12) wieder, auf einem Amoklauf des Die-Wahrheit-sagen-Müssens, aus dem es nur eine Ausstiegsmöglichkeit gibt, den Exitus.

 

Joseph Roth, »Die Legende vom heiligen Trinker« (1939)

»Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und schönen Tod« lautet der letzte Satz der letzten Erzählung Roths (1894–1939), der dieses letale Freikommen des Alkoholabhängigen von sich selbst und seiner Umwelt beschreibt, wobei der Autor, ähnlich wie Jack London, im Medium des Erzählens zugleich Selbstverständigung betreibt.

Zum Zeitpunkt der Komposition lebte Roth schon seit gut einem halben Jahrzehnt als Emigrant in Paris oder, wie man fast ohne Übertreibung feststellen kann, er lebte im Pariser Café Tournon, das er nur noch zum Schlafen verließ. Die finanzielle Situation war desolat, sein Gesundheitszustand nicht besser. Im Gegensatz zu London, der sich nur mit Hilfe der Schutzbehauptung, geheilt zu sein, zu seinem Delta-Alkoholismus oder »Spiegeltrinkertum« bekennen konnte, machte Roth nach mehreren fehlgeschlagenen Entziehungskuren aus seiner Abhängigkeit keinen Hehl mehr. Unter eine Karikatur setzte er folgendes Plazet: »Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit« (Nürnberger 1995, S. 8); und an seinen Freund Stefan Zweig schrieb er 1936:

Mit lechzender Zunge laufe ich herum, ein Schnorrer. Ich habe keine Nächte mehr. Ich sitze bis 3 h morgens herum, ich lege mich angezogen um 4 h hin, ich erwache um 5 h und wandere irr durch’s Zimmer. Eine Stunde ist ein See, ein Tag ein Meer, die Nacht eine Ewigkeit, das Erwachen ein Höllenschreck. (Nürnberger 1995, S. 108 f. )

Aus dieser Hölle des Trinkenmüssens, die nach ihm Malcolm Lowry in infernalischer Detailtreue ausgemalt hat, aber verabschiedet sich Roth nicht mit einem Fluch, sondern mit einer Heiligenlegende, wie sie nur ein Versöhnter, ein mit seinem Schicksal nicht länger Zerfallener, zu Papier bringen kann. »Es ist mein Auftrag von Gott, Säufer zu sein, um mich in seinem anderen Auftrag demütig zu halten« (Bronsen 1974, S. 582), hat er auf die Vorhaltungen Franz Bleis einmal erwidert, und wir Nachgeborenen machen es uns zu leicht, wenn wir aus diesem Satz nur ironische Resignation oder gar das unüberlegte Poltern des Angeheiterten heraushören wollen. Roth redet hier schließlich von nichts anderem als von seiner Säufer-Mission, von eben der »Auserwähltheit« gegen alle menschliche Vernunft, die auch die »Legende vom heiligen Trinker« ihren Lesern zumutet.

Ihre Hauptfigur, der Ex-Bergmann Andreas Kartak, der sich erst im sechsten Kapitel an seinen Familiennamen und damit an seine verlorene Identität erinnert, ist ein Pariser Clochard, »obdachlos« und »verwahrlost« (Roth 1976, S. 229). Durch solche Menschen sieht die urbane Betriebsamkeit und der bürgerliche Anstand hindurch, wohingegen der Text behauptet, Kartak sei »einer besonderen Aufmerksamkeit würdig«, statt der erwarteten Begründung aber achselzuckend hinzusetzt: »Warum wissen wir nicht« (ebd. ). Der Leser ist also eingeladen, es selbst herauszufinden, und dürfte dabei zunächst einmal sein blaues Wunder erleben.

Der Sympathieträger tut nämlich herzlich wenig, um sich unsere Zuneigung zu verdienen und den Aufmerksamkeitskredit zurückzuerstatten, den wir ihm ganz so einräumen wie jener Fremde im Text, der unserem Stadtstreicher auf Treu und Glauben 200 Francs aushändigt. Im Gegenteil, die unbekümmerte, nein, die gewissenlose Art, mit der Kartak den dreifachen Geldsegen mit Essen und Trinken, mit seiner Ex-Geliebten, mit Huren und früheren Kumpeln durchbringt, überzeugt uns mehr und mehr davon, daß er die »eigene Verkommenheit« (ebd., S. 223), wie sie ihm ein Bistro-Spiegel offenbart, nicht mehr loswird. Obwohl sich diesem »Subjekt« in einer Art Umkehrung der Hiob-Heimsuchungen in mirakulöser Massierung eine Chance nach der anderen bietet, gelingt es ihm doch mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit, jeden Neuanfang versanden zu lassen und das in ihn investierte Vertrauen verläßlich zu enttäuschen.

Und dieser jämmerliche Versager soll, schenkt man dem Titel Glauben, ein Heiliger sein? Allerdings; aber es ist ein so unscheinbares Ausgezeichnetsein wie das der heiligen Therese von Lisieux, der Andreas Kartak sein unverdientes Geld zurückerstatten soll. Man bemerkt es nur, wenn man bereit ist, seine konventionellen, erfolgsorientierten, berechnenden Wahrnehmungsmuster zur Disposition zu stellen und die Logik der Amortisation gegen eine ganz andere, gleichsam vertrauensselige einzutauschen, die auf Thereses »kleinem Weg« von der Anspruchs- und Bedingungslosigkeit der Gnade ausgeht. Den radikalen Bruch mit den Sichtweisen des Alltags hat diese Neuorientierung mit Londons  »White Logic« gemeinsam – und ihre Affinität zu »sich gehenlassenden« Alkoholikern.

Nach solcher Rejustierung der Optik liest man den Text auf einmal als Versuchungsgeschichte, und darin ist Andreas der Held, der sich trotz aller Anfechtungen nicht vom vorgezeichneten Lebenspfad abbringen läßt. Er bleibt »zu jenem langsamen Untergang entschlossen, zu dem Trinker immer bereit sind« (Roth 1976, S. 242), und entzieht sich erfolgversprechenden Konstellationen, ganz wie er das Kino verläßt, als sich ein Happy-End anbahnt und »der Mann in der Wüste von einer vorbeiziehenden, wissenschaftlichen Karawane gerettet und in den Schoß der europäischen Zivilisation zurückgeführt wurde« (ebd., S. 244). Für Joseph Roth ist auch dieser Lebensentwurf, der ja seinem eigenen gleicht, von Wert, mehr noch, »besonderer Aufmerksamkeit würdig«, denn das konsequente Scheitern kommt ihm ebenso respektabel vor wie der hart erkämpfte Erfolg. »Nüchterne werden das nie erfahren!« (ebd., S. 242) lautet der nachgeschobene auktoriale Kommentar, als von Andreas’ willentlicher Ohnmacht und seiner Entschlossenheit zur Selbstaufgabe die Rede ist. Aber aufmerksame Roth-Leser erfahren und begreifen vielleicht doch, daß auch die Obdachlosigkeit und das Verkommensein erkundet und zur Sprache gebracht werden wollen und daß deshalb Leben in Ordnung gehen, von denen die in solchen Fällen keineswegs schweigende Mehrheit behauptet, sie seien weggeworfen, vergeudet, verpfuscht worden.

 

Malcolm Lowry, »Under the Volcano« (1947)

Auch über den Exkonsul Geoffrey Firmin, Hauptfigur von Malcolm Lowrys Opus magnum, wird nicht der Stab gebrochen, und zwar aus dem gleichen Grund, der uns eine Verurteilung Andreas Kartaks unmöglich macht: Sein Leben ist, obwohl er sich darin oft genug nicht mehr auf den Beinen halten kann, von imponierender Geradlinigkeit. Er, der sich im ersten Kapitel brieflich als »a great explorer who has discovered some extraordinary land [whose] name is hell« (Lowry 1971, S. 36) vorstellt, ist im letzten im Herzen jener Terra incognita – »the place he loved, sanctuary, the paradise of his despair« (ebd., S. 338) – angekommen und wirkt an diesem seinem Bestimmungsort zugleich delirös und verklärt, seinen Mördern hilflos ausgeliefert und dem Verhängnis schon entrückt.

Firmins Abgang zu Allerseelen, genauer am 2. November 1938, wird multiperspektivisch erzählt und changiert für den Leser zwischen der zum Äußersten getriebenen Clownerie einer stadtbekannten Witzfigur und dem De profundis einer verlorenen Seele. Insofern gleicht der Roman den Skeletten und Särgen aus Zuckerwerk, den Totenschädeln aus Schokolade, die am Día de los Difuntos überall auf Mexikos Straßen feilgeboten werden: Er ist ein Memento mori, Schlußbild verfehlten Lebens, aber er schlägt auch pietätlos über die Stränge, feiert den Untergang und entläßt uns als Augenzeugen nicht mit einem bitteren Nachgeschmack, sondern mit makaberer Süße, mit jener heterodoxen Form von Trost, die auch in der »Legende vom heiligen Trinker« spürbar ist und für die wir keine Worte haben.

Malcolm Lowry (1909–1957), ein hoffnungsloser Fall wie Joseph Roth und wie Jack London Kognitionstrinker, dem es auf möglichst lange Verweildauer in jener Intoxikationszone ankam, »in which alone he was sober« (ebd., S. 85), hatte den Ehrgeiz, nicht einen weiteren Text über einen Trunksüchtigen zu schreiben, sondern uns zu initiieren, d. h. zumindest kapitelweise in einem kerngesunden Rezipientenhirn die Denk- und Wahrnehmungsprozesse eines Schwerstabhängigen zu reproduzieren. »It would perhaps be honest to admit«, schreibt er nach Fertigstellung, »that the idea I cherished in my heart was to create a pioneer work in its own class, and to write at last an authentic drunkard’s story« (zit. nach Hill 1974, S. 48). Dieser Anspruch auf Authentizität wird vom Text in unübertroffener Weise eingelöst. Lowrys Unter dem Vulkan, nicht bei innerer Hochspannung binnen Wochenfrist entstanden wie Hans Falladas Der Trinker (1950), sondern in nahezu zehnjähriger Schinderei fast möchte man sagen destilliert, ist ein Glanzstück literarisch vermittelter Unmittelbarkeit. Aber der Roman versetzt uns noch aus einem anderen Grund in Erstaunen: Er entschuldigt und beschönigt nichts.

Der Alkoholiker Lowry, der aufgrund einer Schreibhemmung nur diktieren konnte und dabei nicht einmal sitzen durfte, kehrt in der Darstellung des Alkoholikers Firmin – übrigens ein Anagramm zu »infirm« (gebrechlich, kraftlos) – die Erbärmlichkeiten und das Unverantwortliche im Verhalten seines Double nicht unter den Tisch, sondern heraus. Sein Held bleibt immer auch ein Jammerlappen, genau wie der Autor, der nach dem Erfolg von Under the Volcano nahtlos wieder ins feucht-unfröhliche Lamento und die ewigen Klagelieder zurückfindet, mit denen er schon vorher seine Umgebung und seine ihn bis zum Tod unterstützenden Familienangehörigen malträtierte. Über die paradoxe Lauterkeit des glasigen Blicks in den Spiegel schreibt der Kritiker Art Hill:

All alcoholics lie. But Lowry the Writer pulled off the remarkable feat of dissociating himself from the drunkard, and writing about him with the clearest eye that has ever been fixed upon him. And he did this without ever conquering his addiction. The alcoholic, even during a sober spell, simply does not share his secrets. Lowry broke that rule, and the result is something of a literary miracle. (Hill 1974, S. 36 f. )

Lowrys Hausarzt berichtet, daß dieser literarische »Wundertäter« nach einer Untersuchung von seiner Frau daran erinnert werden mußte, vor den Schuhen doch seine Strümpfe anzuziehen, und kommentiert: »This was a man who needed a lot of looking after« (McNeill 1975, S. 104). Dieser Fürsorge hätte fraglos auch Wenedikt Jerofejew bedurft, der auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs ein vergleichbares Wunder vollbrachte und dort wiederholt als hilflose Person in Erscheinung trat. Aber die Behörden hatten ihre Vorschriften. Und darin war nicht von sonderbaren Heiligen, sondern nur von konterrevolutionären Elementen die Rede.

 

Wenedikt Jerofejew, »Die Reise nach Petuschki« (1973)

Jerofejew (1938–1990) wurde wegen mangelnder Linientreue von der Moskauer Universität relegiert und hielt sich u. a. als Heizer, Wärter, Straßenarbeiter und Flaschensammler über Wasser oder besser Wodka. Wann er zu trinken begann, ist – wie fast alles andere in seinem Leben – nicht mehr genau zu ermitteln. Fest steht lediglich, daß sein Meisterwerk 1973 in einer israelischen Zeitschrift erschien, wohingegen es in der UdSSR bis 1988 nur illegal im Samisdat verbreitet werden konnte.

Der alkoholgesättigte Roman, dessen Leitsatz »Und ich trank unverzüglich« lautet, ist auf eine ganz unehrerbietige Weise zugleich durchströmt und durchflossen von großer russischer und europäischer Literatur und darüber hinaus nach dem uralten Muster der Pilgerfahrt modelliert, weil unterwegs – man erinnere sich an Chaucers Canterbury Tales – grenzen-
los erzählt werden kann. Nur sitzen die Wallfahrer
jetzt als skurriler »Abschaum« in einem Moskauer Vorortzug, und die Erlösung, auf die sie sich zubewegen, ist der Vollrausch. Allein der Ich-Erzähler, wie der Autor Wenedikt geheißen, kennt noch ein zweites Ziel, die gesichtslose Trabantensiedlung des Titels, der allerdings halluzinös-paradiesische Züge verliehen werden:

Petuschki – das ist ein Ort, wo die Vögel nicht aufhören zu singen, weder am Tag noch bei Nacht, wo sommers wie winters der Jasmin nicht verblüht. Die Erbsünde, wenn es sie gegeben hat, tangiert dort niemanden. Sogar die, die wochenlang nicht nüchtern werden, behalten dort ihren klaren, unergründlichen Blick. (Jerofejew 1996, S. 39)

Statt in dieser Totalnegation des real existierenden Sozialismus, dem im übrigen in vernichtenden Satiren auf die »russische Seele«, die revolutionäre Gesinnung, die im Kollektiv gepflegte Arbeitsmoral und die Sehenswürdigkeiten Moskaus der Spiegel vorgehalten wird, gelangt Wenedikt – russisch für Benedikt, der Gesegnete – schließlich in einem ungleich standesgemäßeren Jenseits an: dem Delirium tremens. Dahin haben ihm neben seinen Reisegenossen auch reichlich unorthodoxe Erscheinungen der Muttergottes, des Satans, der Sphinx, des lebendig gewordenen Bildes »Untröstlicher Kummer« aus der Tretjakow-Galerie sowie die Erinnyen das Geleit gegeben. Engelszungen stehen ihm schon vor der Abfahrt mit guten Ratschlägen wie »Aber ja, Wenitschka, aber ja, kneif die Augen zusammen, das hilft gegen den Brechreiz« (ebd., S. 12) zur Seite; den verläßlichsten Zuspruch aber verdankt Wenedikt seinen Selbstgesprächen, die auch in den verfahrensten Situationen nicht abreißen.

In ihnen hören wir noch einmal mit, was wir schon mit Hilfe der vorher diskutierten Romane begriffen haben sollten:

– daß neben den Tatmenschen und Erfolgswütigen auch »obdachlose Melancholiker« (ebd. ) wie Lowrys Konsul eine Welt bevölkern, in der es gerade denen, die ordentlich zu schlucken haben, »speiübel« (ebd., S. 14) werden muß;

– daß sich diese verschwindende Minderheit mit Jack London vielleicht deshalb »den Kopf klarzutrinken« (ebd., S. 22) versucht, um verderblicheren (Konsum-) Räuschen zu entgehen, denn »wir alle sind wie betrunken, nur jeder auf seine Weise« (ebd., S. 153);

– daß nach Joseph Roth auch das Scheitern eine Mission sein kann, die insbesondere dann unseren Respekt verdient, wenn wir vom Ertrinkenden Flaschenpost erhalten. »Es gibt keine verlogene Berufung«, insistiert Wenedikt in seinem nach Fusel riechenden Abteil, »man muß jede Berufung achten« (ebd., S. 60) – allen vorweg aber die der Kunsttrinker.

Literatur

Primärliteratur

Jackson C (1983) The Lost Weekend. Carroll & Graf, New York
Jerofejew W (1996) Die Reise nach Petuschki. Piper, München
London J (1967) John Barleycorn or Alcoholic Memoirs. Arco, London
Lowry M (1971) Under the Volcano. Plume, London
Roth J (1976) Die Legende vom heiligen Trinker. In: Kesten H (Hrsg) Werke, Bd 3. Kiepenheuer & Witsch, Köln, S 229–257

Sekundärliteratur

Bronsen D (1974) Joseph Roth. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln
Dardis T (1989) The Thirsty Muse. Alcohol and the American Writer. Ticknor & Fields, New York
Donaldson S (1990) Writers and Drinking in America. Sewanee Review 98: 312–324
Gilmore TB (1987) Equivocal Spirits: Alcoholism and Drinking in 20th-Century Literature. University of North Carolina Press, Chapel Hill
Goodwin DW (1988) Alcohol and the Writer. Andrews & McMeel, Kansas City
Hill A (1974) The Alcoholic on Alcoholism. Canadian Literature 62: 33–48
Höfele A (1988) Malcolm Lowry: Aber der Name dieses Landes ist Hölle. Piper, München
Krüger M (1993) Wieviel Flaschen braucht ein Buch? Süddeutsche Zeitung Magazin, 2.7.1993: 18–21
Kupfer A (1996) Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik. Metzler, Stuttgart
McNeill CG (1975) Malcolm Lowry Visits the Doctor. In: Lowry M (ed) Malcolm Lowry: Psalms and Songs. New American Library, New York, pp 102–105
Nürnberger H (1995) Joseph Roth. Rowohlt, Reinbek
Rivinus T (1994) Waltzing with Papa, Dancing with the Bears: Illness, Alcoholism and Creative Rebirth. In: Vice S, Campbell M, Armstrong T (eds) Beyond the Pleasure Dome: Writing and Addiction from the Romantics. Sheffield Academy Press, Sheffield, pp 40–57
Ryan-Hayes KL (ed) (1997), Venedict Erofeev’s Moscow-Petushki: Critical Perspectives. Lang, Frankfurt
Simmons C (1993) Moscow-Petuski: A Transcendental Commute, In: Simmons C: Their Father’s Voice. Lang, Frankfurt, pp 57–90
Treibstoff Alkohol. Die Dichter und die Flasche (1994). Themenheft Du. Zeitschrift der Kultur 12
Warner N (1997) Spirits of America: Intoxication in Nineteenth Century American Literature. Univ. of Oklahoma Press, Norman

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