Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Zweimal Eduard Mörike zum 200. Geburtstag

 

Veronika Beci:  „Eduard Mörike. Die gestörte Idylle“. Biographie, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich, 2004. 417 S., ISBN  3-538-07176-4, 26,00 €

Mathias Mayer: „Mörike und Peregrina. Geheimnis einer Liebe“.  Verlag H. C. Beck, München 2004, 254 S., ISBN 3-406-51657-2, 19,90 €

 

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Im Vorwort betont die Verfasserin: „Auf Weniges beschränkt sich unser Bild des Dichters: Vor uns steht ein gemütlicher, etwas weltfremder und müder Biedermeiermensch im Habit des evangelischen Pfarrers, ein Idyllenschreiber und Einsiedler, der zurückgezogen und etwas unbeholfen in seiner weltabgeschiedenen Pfarre getreulich, mitunter ein bisschen nachlässig seinen Dienst versieht. Kaum mag man glauben,  dass Mörike ein verheirateter Mann war, Vater zweier Töchter...“ (10)  Dieses Bild mindestens zu erweitern, zu korrigieren setzt Beci sich zur Aufgabe. „Mörike, der eine verwitwete Mutter, eine unverheiratete Schwester, drei glücklose Brüder und später Frau und Kinder zu unterhalten hatte, die meiste Zeit seines Lebens unter Geldnöten litt, konnte und wollte einen Rausschmiss aus dem Amt, gar eine Anklage wegen 'Demagogie' nicht riskieren. Er fügte sich in alles, was das Leben für ihn übrig hatte – mit dem größten Unwillen selbst in den Pfarrberuf.“ Schon dies macht deutlich: „dass hier kein stilles, idyllisches Leben vor uns ausgebreitet liegt, sondern ein sehr bewegtes und bewegendes Dichterschicksal voller Spannungen, Konflikte, Verzweiflung, voller Bitterkeit, Selbstkritik, Ironie und schließlich Resignation.“ (14).

In den ersten Kapiteln folgt die Darstellung von Mörikes Lebensweg von Beginn an; Beci schildert die idyllische Heimat Württemberg zu Anfang des 19.Jahrhunderts, wo der Dichter vor gerade 200 Jahren am 4. September 1804 zur Welt kam, erzählt von seiner behüteten Kindheit als Arztsohn und Liebling der Mutter. Nach dem frühen Tod des Vaters 1817 jedoch wird die Familie auseinander gerissen, Eduard kommt zu einem Onkel nach Stuttgart und wird 1818 ins Theologische Seminar in Urach aufgenommen. Er ist nach dem Willen des Vaters zum Pfarramt bestimmt und fügt sich diesem Wunsch.

Mörike gewinnt früh Freunde, Wilhelm Hartlaub und Wilhelm Waiblinger. Sie wandern und lesen miteinander. Ein Vorzug der Darstellung ist, dass auch die Schicksale dieser Freunde nachgezeichnet werden – man verliert sie als Leser nicht aus den Augen, auch wenn sich ihre Wege von denen des Dichters trennen. Dieser beginnt am vorgezeichneten Berufsziel zu zweifeln, nimmt aber dennoch 1822 das Theologiestudium im Tübinger Stift auf.

1823 kommt es zu Gefühlsverwirrungen: Mörike  verliebt sich leidenschaftlich in die schöne „Streunerin“ Maria Mayer, seine „Peregrina“, (ihr ist das Buch des Augsburger Germanisten Mathias Mayer gewidmet, s.u.). - Ludwig Bauer, ein weiterer Freund Mörikes schreibt diesem nach der Trennung: „Freilich habe ich sie noch nie als Heilige erblickt, sondern von jeher als jene heilige Sünderin, wie du sie mir gezeigt hast, aber dies gerade ist auch der Zauber, der über sie ausgegossen ist, und ihre Nähe so unheimlich reizend macht. Du freilich hast die Göttin an ihr verloren, und dein Herz blutet.“ (46) Lakonisch schließt der Abschnitt: „Maria wird schließlich nach Schaffhausen, ihrem Geburtsort, gebracht. Im Frühjahr 1826 kehrt sie nochmals nach Tübingen zurück, aber alle Türen bleiben ihr versperrt. Sie geht nach Winterthur, verheiratet sich und stirbt kinderlos und unbekannt mit  dreiundsechzig Jahren“. (47)

Verschärft wird Mörikes Lebenskrise durch das Ende seines jüngeren Bruders August, der 1824 als Apothekerlehrling tot aufgefunden wird – man vermutet Selbstmord. Mörike   erkrankt darüber und bleibt ein  Hypochonder sein Leben lang. 1826 wird er Vikar, wechselt die Pfarrstellen und träumt davon, als freier Schriftsteller oder doch als Bibliothekar zu leben. Als 1827 seine Schwester Luise stirbt, erhält er immerhin einen längeren Urlaub.

Damals sind die Peregrina-Gedichte schon entstanden, an einem Drama: „Der letzte König von Orplid“ arbeitet Mörike. Sein Lebensweg führt ihn weiter von einem Vikariat, einer Pfarrverwesung zur anderen. In Plattenhardt lernt er die Tochter des verstorbenen Pfarrers kennen, Luise Rau, mit der er sich verlobt: „Luise ist ganz sein Typ: zart, blass, ergeben, zärtlich, aber auch  humorvoll und bodenständig – vor allem diese letzte Eigenschaft ist geradezu notwendig für Mörike. Er braucht eine Partnerin, die lebensnah, praktisch bleibt, ein ruhiger Gegenpol zu seinen launenhaften Träumereien.“ (88). Mörikes Briefe an sie gehören zu den schönsten Liebesbriefen der deutschen Literatur – allerdings kommt es 1833, nach vier Jahren, zur Lösung des Verlöbnisses.

Inzwischen ist Mörikes Roman „Maler Nolten“ erschienen. Diesem wie anderen Prosawerken des Dichters widmet die Verfasserin eingehende Darstellungen. Den Roman nennt sie einen „geborstenen Text, willentlich geborsten...“ (98-104) und setzt ihn in Beziehung zu Mörikes eigenem Leben. Ausführlich behandelt sie auch „Lucie Gelmeroth“ (149-152), das Märchen „Der Bauer und sein Sohn“ (176-178), „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“ mit der „Historie von der schönen Lau“(247-58) und schließlich „Mozart auf der Reise nach Prag“ (280-295). Als Lyriker kommt Mörike selbst zu Wort mit den eingefügten Gedichten.

Am Fall von Karl Mörike, dem unglücklichen Bruder, verdeutlicht Veronika Beci die politischen Verhältnisse in den 30er Jahren. Karl ist Finanzbeamter, fühlt sich aber als Künstler – er spielt vorzüglich Klavier. Es kommt zu Unregelmäßigkeiten, Karl protestiert, wird entlassen und kommt wegen politischer Äußerungen in Festungshaft. Danach ist er vom Bruder abhängig, was zu immer neuen Schwierigkeiten führt, zumal dieser für dessen  Schulden – und seine eigenen – aufkommen soll. Auch die Brüder Adolph und Ludwig geraten mit dem Gesetz in Konflikt und finden bei der Mutter und also im Pfarrhaus Aufnahme – Mörike muss für sie sorgen. Seiner Arbeit bekommt das schlecht.

1834 nämlich erhält Mörike seine erste eigene Pfarre in Cleversulzbach, wohin er mit der Mutter, der jüngsten Schwester Klara,  Karl und zeitweise den anderen Brüdern übersiedelt (138). Hier kann er endlich wieder schreiben, zumal er einen Vikar zur Unterstützung erhält. Neben „Lucie Gelmeroth“ entsteht die Oper „Der Regenbruder“, die von Ignaz Lachner vertont wird. Auch weitere Dramen- und Opernpläne beschäftigen ihn – aber 1836 erkrankt er schwer und empfindet in den folgenden Jahren mehr und mehr seine innere Einsamkeit. Dass es im Pfarrhaus spukt, die Rede ist von einem Poltergeist, entspricht einem Zeitphänomen und verbindet Mörike mit seinem Landsmann Justinus Kerner.

Mörikes Wirkung ist um diese Zeit die eines Heimatdichters: das „liebenswert schrullige Image des dichtenden Dorfpfarrers hat sich mit der frühen Mörikerezeption verfestigt und prägt fortan einseitig das Bild des Dichters [...] Zu seiner Zeit, die gerade anfängt, die Heimat als faszinierenden Gegenstand der Literatur zu entdecken [...] stößt diese echte oder vermeintliche Seite Mörikes auf entschiedenes Interesse.“ (191-93) Als Inbegriff seiner Idyllendichtung wurde „Der alte Turmhahn“ missverstanden, der 1840 entstand.

Wegen seiner angegriffenen Gesundheit wird Mörike 1843 in den Ruhestand versetzt – 1841 ist seine Mutter gestorben, jetzt zieht er mit Klara zuerst nach Schwäbisch Hall und dann nach Mergentheim. In ihrem neunten Kapitel „Da schon ein blasser Streif den fernen Ost erhellt“, schildert die Autorin „Die Mergentheimer Jahre. Revolutionsfieber. Von 1843 bis 1851.“ (215-246) Erst 1851 kommt es zu einer entscheidenden Wendung in Mörikes Leben: er erhält eine Stellung als Lehrer für Deutsche Literatur am Katharinenstift in Stuttgart (erst 50 Gulden zur Pension dazu, dann 350), einer Mädchenschule. Wichtiger noch, es kommt zur Eheschließung mit Margarethe von Speeth. Im Jahr darauf wird Mörike der Dr.h.c. der Universität Tübingen verliehen. 1855 und 1857 kommen die Töchter Fanny und Marie zur Welt. Ein Dauerproblem besteht all die Jahre, weil Klara Mörike den Hausstand teilt.

Aus dem Jahr 1855 ist der Besuch Theodor Storms in Stuttgart überliefert. Storm schreibt über Mörike: „Er war damals erst einundfünfzig Jahre alt; in seinen Zügen aber war etwas Erschlafftes, um nicht zu sagen Verfallenes, das bei seinem lichtblonden Haar nur um so mehr hervortrat; zugleich ein fast kindlich zarter Ausdruck, als sei das Innere dieses Mannes von dem Treiben der Welt noch unberührt geblieben.“ (Anhang, 396) Weiter berichtet Storm: „Als das Gespräch sich auf das poetische Schaffen überhaupt wandte, meinte Mörike, es müsse nur so viel sein, daß man eine Spur von sich zurücklasse; die Hauptsache aber sei das Leben selbst, das man darüber nicht vergessen dürfe. Er sagte dies fast so, als wolle er damit den jüngeren Genossen warnen. Und daß es nicht ein bloß hingeworfenes Wort gewesen, beurkunden seine Gedichte, in denen der Inhalt eines reichen, wenn auch noch so stillen Lebens wie von selber ausgeprägt ist“. (ebd. 398)

An diesem Nachmittag liest Mörike seinen Gästen „Mozart auf der Reise nach Prag“ vor, sein letztes größeres Werk – in den ihm verbleibenden zwanzig Jahren versucht er eine Neufassung des „Maler Nolten“, die ihm jedoch nicht mehr gelingt. Es sind die Jahre des erfolgreichen Dichters, dem Ruhm und Ehre zuteil werden. Orden und Titel werden ihm verliehen, er selbst „empfindet sich als bürgerlichen Dichter, als einen der leisen Sänger. Die rauhen und aggressiven Töne mancher Kollegen schrecken ihn, etwa die kraftvollen Revolutions- und Arbeiterhymnen Georg Herweghs, der eisernen Lerche“. (301). Die Verfasserin stellt seine literarischen Vorlieben, seine Lektüreliste zusammen - „Goethes Werke stehen selbstverständlich über allem. 'Goethe ist mir immer auf den Fersen. Die schönsten Stellen aus seinen herrlichen Briefen summen mir immer in den Ohren'.“ (302)  Zu seinen Freunden zählen Gustav Schwab,  Justinus Kerner, Ludwig Uhland, Hermann Kurz und die Maler Ludwig Richter und Moritz von Schwind. Von letzterem stammen Illustrationen zu Mörikes Werk.

In seine letzten Lebensjahre fällt die Gründung des Deutschen Kaiserreichs während des Kriegs mit Frankreich 1870/71.  „Die Frage ist in diesem Moment noch einmal zu stellen, wieso ein Dichter mit politischer Aussage über einen so langen Zeitraum und auch jetzt noch als ein unpolitischer eingestuft werden konnte? Mir drängt sich eine neue Antwort auf. Mörike trägt seine kritischen Aussagen nicht marktschreierisch vor sich her [...] Eduard Mörike hat sich der revolutionären Sprache verschlossen; er hat eine abweichende Auffassung von Poesie, die er der tendenziösen Geste seiner Zeit nicht aufopfern will...“ (329)  Dem aufmerksamen Leser freilich entgeht seine kritische Betrachtung der Zeitläufte nicht, nur ist sie leise vorgetragen, in Nebensätzen – versteckte Botschaften.

Mörikes letzte Lebenszeit ist überschattet vom Selbstmord des Bruders Adolph, von der Trennung der Ehe, -  er selbst ist lange krank, als sie am 4.Juni 1875 endet. Die Autorin zieht am Schluss die Summe: „Wenig in diesem Leben war idyllisch, wenig ungetrübt. Jedes geschriebene Wort  ist schwer dem drückenden Alltag, den körperlichen Schmerzen, zuweilen der eigenen Bequemlichkeit abgetrotzt worden. Das macht Mörikes Dichtungen für uns Nachgeborenen jedoch nur um so kostbarer.“ (383) - Gewünscht hätte man sich in Becis Buch eine eingehendere Darstellung des Lyrikers Mörike - gerade als solcher lebt er weiter, man denke nur an ein Gedicht wie  "Gelassen stieg die Nnacht ans Land ...". Auch und gerade in diesem Bereich wäre es ja zu kurz gegriffen, wenn man in ihm nur den Idylliker sähe; eine derartige Schwerpunktsetzung hätte also die zentrale These der Autorin verstärken können.

Während Veronika Beci Mörikes Leben in allen Phasen durchaus einfühlend und mit dem Werk eng verbunden nachzeichnet, geht es in Mayers: "Mörike und Peregrina. Geheimnis einer Liebe" um die eine, wohl entscheidende Krise im Dasein des Dichters.

 

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Mathias Mayer thematisiert in seiner Einleitung das Problem: „Was als Rätsel seines Lebens beschrieben wurde, läßt sich nicht ins Eindeutige aufhellen, aber gerade in dieser Helldunkelheit bildet es den innersten Kern von Mörikes poetischer Produktion. Als er am Konflikt dieser Liebe zu zerbrechen und – vermutlich – der Rückhalt in der eigenen Familie zu einer weiteren Fessel zu werden drohte, brach sich das dichterische Talent endgültig Bahn.“ (7)  Er stellt sich die Aufgabe „neue Fragen zu stellen, die Linien zu verfolgen, die Leben und Werk, Liebe und Text mehr heimlich als offensichtlich miteinander verbinden“ (8), auch wenn das Rätsel bestehen bleibt.

Die Darstellung beginnt mit Mörikes Eintritt ins Tübinger Stift 1822, er ist 18 Jahre alt – und blickt zurück auf seine Kindheit, er ist das siebte von dreizehn Kindern, die nicht alle überlebten,  und auf  die Zeit als Seminarist in Urach. Im Stift ist er wenig angepasst in seinem Verhalten, damit seinem Freund Wilhelm Waiblinger verbunden. Sein Examenszeugnis von 1826, das ebenso viel über die Anstalt aussagt wie über den Prüfling, lautet: „Gesundheit hinreichend gut. Mittlere Statur. Hinreichend ausgeschmückte Rede. Fahrige Bewegungen. Hinreichend gute Begabung. Urteilskraft weniger ausgebildet. Treues Gedächtnis. Handschrift nicht schwierig zu lesen. Ehrbare, aber nicht genügend standhafte Sitten. Bereits genügend beharrlicher Fleiß. Hinreichende Mittel. Hat das theologische Studium mit mittelmäßigem Erfolg absolviert. Die mittelmäßig disponierte Predigt hat er auswendig gehalten. In Philologie und Philosophie mittelmäßig.“ (18)

Nach dem ersten Kapitel führt der Autor „Die schöne Schweizerin“ ein, Maria Mayer. „Kein Bild ist von ihr erhalten, alle Spuren scheinen verwischt, und doch gelten die vielen Spiegelungen, die Eduard Mörike von der entscheidenden Liebe seines Lebens festgehalten hat, als der wertvollste Teil seines ganzen Werkes.“ (7) Sie wurde 1802 in Schaffhausen unehelich geboren. „...sie sei, indes die Mutter erst im Zuchthaus gesessen, dann ins Arbeitshaus eingewiesen wurde, verdorben und verwahrlost, mit einem Hang zum Stehlen.“ (21) Von ihrer Jugend weiß man nichts. Nur dass sie um 1817 aus der Stadt verschwand. In diesem Jahr kam die Baronin von Krüdener nach Schaffhausen, eine pietistische Wanderpredigerin, die sich junger Mädchen und wohl auch Marias annahm. Um Marias Schicksale rankten sich Geschichten, so in den Erinnerungen des Historikers Ernst Münch, in dessen Elternhaus sie Arbeit gefunden hatte, an deren Wahrheitsgehalt jedoch zu zweifeln ist.

Jedenfalls lernte Mörike sie in den Osterferien 1823 als Schankmädchen in einem Ludwigsburger Gasthaus kennen, eine geheimnisvolle Schönheit, die auch seinen Freund Rudolf Lohbauer entzückte. „Glaubwürdig dürfte es aber sein, daß die Faszination Maria Mayers nicht allein in ihrer schwarzen Schönheit lag, im exotischen Schweizer Tonfall, sondern auch in ihrer mit der verschwiegenen Herkunft kontrastierenden Bildung [...] Überdies galt Maria als somnambul und erfahren in der Kunst des magnetischen Bestreichens, das wir heute wohl als parapsychologisches Phänomen beschreiben würden. Solche Praktiken, zwischen Medizin und Magie, mußten die Attraktivität des Mädchens erhöhen.“ (31)  Der Verfasser aber betont: „Über das eigentliche Liebeserlebnis an Ostern 1823 wissen wir gerade nichts, nur aus Spiegelungen zunächst der weniger betroffenen Außenstehenden, dann, nach dem Bruch, auch Mörikes selbst, lassen sich fiktiv überformte Splitter eines Bildes  zusammensetzen, das sich aber nicht rundet oder schließt.“ (32)

In den folgenden Kapiteln verdeutlicht Mayer die Hintergründe der Krise, den Prozess, mit dem sich Mörike aus der Bindung löst. Dazu gehören die Menschen seines Umkreises, die mehr oder weniger zu Zeugen werden, Briefe schreiben, Einfluss nehmen oder ihn an eine  vergangene  Liebe erinnern – wie das geschieht, als Klara Neuffer sich 1923 ihrem späteren Ehemann und Mörikes Studiengenossen Christian August Schmidt verlobt. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Phase Mörikes ältere Schwester Luise, deren Tagebuch aus dieser Zeit sich erhalten hat. In einem Brief an den Bruder heißt es: „R<udolf> und Marien vertraue ihnen nicht zu viel. Sie sind beyde nicht auf dem rechten Wege. Ich will sie beyde nicht richten ... „ (52) und weiter: „Bewahre ihr Bild das Bild der Tugend lebendig in Deinem Innern und danke ihm das Gute das es in Dir schafft, aber sie selbst laß Dir gestorben seyn.“ (53) Dies ist im Urteil des Autors: „Eine eloquente und subtile Botschaft der Diskreditierung, des Mißtrauens und des schlechten Gewissens. Was hätte der Bruder dagegenstellen sollen ?“ (ebd.)

Obwohl Mörike den Kontakt zu Maria abgebrochen hatte – er kehrte nicht nach Ludwigsburg zurück – versuchte er doch weiter, etwas über sie zu erfahren. Es gibt einen Brief des Malers Christian Philipp Köster an Mörike, eines Freundes von Lohbauer,  der über Marias Aufenthalt in Heidelberg berichtet: „Marie plauderte von Eduard und Rudolf [...] Ohngefähr sechs Briefe gab sie von euch zu lesen. Ich fühlte ganz eure kurze Seligkeit und traurige Auflösung...“ (61) Ein weiterer Zeuge ist Mörikes Freund Ludwig Amadeus Bauer, mit dem Mörike sein „Orplid“ erfand. Ihn machte er zum Mitwisser seiner Liebe, die dieser in einem Gedicht nachempfindet, an dem Mörike womöglich – dem Tone nach – mitgewirkt hat. Da heißt es: „Ach, daß Du einmal nur sie könntest schauen, / Wenn mit gesenktem Haupt sie schmerzlich lacht! / Säh'st ihren Blick mit zauberhaftem Grauen, / Den goldnen Ring in ihres Auges Nacht ...“  (64). Auch von den „Schweizerlauten“ ist in diesen Versen die Rede, Zeichen für ihren Wirklichkeitsgehalt.

Der Verfasser ergänzt die schriftlichen Zeugnisse durch  ein Bildnis Mörikes, eine sprechende Bleistiftzeichnung von Johann Georg Schreiner aus dem Jahr 1824, in dem Mörike noch einmal mit Maria zusammentreffen sollte. Ludwig Bauer berichtet: „Maria, sein wanderndes Ich, pochte wieder an sein Herz, verlassen, krank, Fremden hingegeben ohne Halt, ohne Ruhe, in ihm allein die schönre, ätherische Seite ihres Wesens wiedererkennend...“ (70) Mörike flieht: „So kam es,  daß er mir zurief: 'ich muß nach Hause !' und daß ich es eben so entschieden bejahte: 'Ja, du mußt!.“ (70/71).Zusammenfassend urteilt der Autor: „Wie Bauer mit großem Einfühlungsvermögen formuliert, liegt die Katastrophe dieses Juli 1824 ja eben darin, daß die für überwunden gehaltene Liebe, die er nur noch 'als heilige Reliquie in seinem Herzen trug', nun gleichsam als Wiedergängerin, als Untote erscheint,  aber mit allen Zeichen und allen Forderungen der Wirklichkeit: es sind nicht die schönen Seiten der Wirklichkeit, sondern es ist Marias elender, übel verschrieener Auftritt – krank, schutzlos, mißbrauchbar – der Mörike zerreißt.“ (71)

Überliefert ist, datiert vom 6. Juli 1824, die Abschrift des ersten Gedichtes aus dem späteren Peregrina-Zyklus von der Hand Wilhelm Hartlaubs: „Ein Irrsal kam in die Mondscheinsgärten / Einer fast heiligen Liebe...“ Im Buch folgt eine eingehende, subtile Interpretation von „Mörikes  vielleicht 'intimstem' Text, die voraufweist auf den zweiten Teil der Untersuchung, in dem es um die einzelnen Phasen der Arbeit an den fünf Peregrina-Gedichten geht.

Mörike wird von Freunden krank nach Stuttgart begleitet, zu Luise, und dort trifft ihn der nächste Schlag, der völlig überraschende Tod des Bruders August, der als Apothekergehilfe in Ludwigsburg lebte (eigentlich hatte er Arzt werden wollen) und der  hoffte, in Hohenheim Landwirtschaft zu studieren. „Am 19.August fand man ihn morgens zwischen 8 und 9 Uhr tot im Keller der Hausmannschen Apotheke in Ludwigsburg“ (94) -  ein Freitod wurde nicht ausgeschlossen. Noch einen Verlust bringt dies Schicksalsjahr – Mörike verbrennt sein Trauerspiel um „Orplid“, wie er Ludwig Bauer mitteilt, im November, als er es vollendet hatte: „beim ersten Durchlesen  desselben schien es mir, als hätte ich nicht die ganze Höhe meiner Idee erreicht...“ (106). Der Verfasser vergleicht diesen unersetzlichen Verlust mit Kleists Zerstörung seines „Guiskard“.

In zwei Kapiteln werden wir eingeführt in die Motive des Somnambulismus und der Wiedergänger, die beide für den „Peregrina“-Zyklus von Bedeutung sind. „Die somnambulen, bis ins Quasi-Epileptische reichenden Anwandlungen der Maria Mayer werden immer wieder berichtet; in seinem Gedicht macht Mörike daraus etwas anderes.“ (113) Hier heißt es: „Und nun strich sie mir, stille stehend, / Seltsamen Blicks mit dem Finger die Schläfe. / Jählings versank ich in tiefen Schlummer / Aber gestärkt vom Wunder-Schlafe / Bin ich erwacht zu glückseeligen Tagen.  / Führte die seltsame Braut in mein Haus ein.“ - Mörike verleiht dem Mädchen therapeutische Fähigkeiten, die an den Magnetismus erinnern, der ebenso wie der Somnambulismus zu dieser Zeit in Mode war (der Verfasser erinnert an Justinus Kerner). Das Wiedergängermotiv erscheint um diese Zeit in der Ballade vom „Feuerreiter“ und begegnete dem Dichter bei einer Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“, die er am 15 August 1824 zusammen mit seinem Bruder August besucht hatte: „Wenn der eigentliche Schock des Peregrina-Traumas im Wiedersehen liegt, obwohl und nachdem Mörike Maria Mayer schon ins poetisch Stilisierte verschoben hatte, dann gehören die  Wiedergängergeschichten des 'Feuerreiters' [...]  und die 'Don Giovanni'-Aufführung [...]  mit in das Urgestein der 'Peregrina'-Verdichtung.“ (126).

Die Geschichte des „Peregrina“-Zyklus beginnt mit der Handschrift von 1828, dem „Grünen Heft“, das vier der Gedichte enthält: „Agnes, die Nonne“, „Agnesens Hochzeit“, „Abschied von Agnes“ und „Nachklang von Agnes“ (wie alle weiteren Fassungen finden sich diese im Anhang). Eingehend erörtert der Autor das Eingangsgedicht, dessen zweite – eine Bergwerksstrophe – Mörike später getilgt hat. Was hier noch fehlt ist das Sonett „Verzweifelte Liebe“: „Die Liebe, sagt man, wird am Pfahl gebunden...“, das erst im „Maler Nolten“, leicht abgewandelt, den Gedichtkreis schließt. Handschriftlich ist es bereits aus dem Jahr 1828 überliefert (Abb. S.135). “Mörike hat selten auf diese wohl strengste Form des lyrischen Gedächtnisses zurückgegriffen, keinesfalls vor dem hier vorliegenden Text“, (137) was dessen Bedeutung hervorhebt, die vom Verfasser ausführlich begründet wird.

Noch freilich taucht der Name „Peregrina“ nicht auf, doch werden im nächsten Kapitel ihre „Schwestern“ ins Auge gefasst: Goethes „Mignon“ aus dem von Mörike geliebten „Wilhelm Meister“ und Shakespeares „Ophelia“ (beide von Mörike selbst gezeichnet, Abb. 12 und 13, S.149). Und weiter wird „die Legende der Maria Magdalena zum wesentlichen Bildarsenal der Peregrina, erlaubt sie doch die in der Lebenswirklichkeit Maria Mayers für Mörike kaum erträgliche Verbindung von Prostitution und Heiligkeit auf eine nicht nur gesellschaftliche, sondern kulturell und überdies religiös geprägte Art der Bildphantasie zu legitimieren,  wenigstens zu verauschaulichen“. (151) Den Namen  Peregrina benutzt Mörike zuerst im Roman „Maler Nolten“ als Decknamen für die Figur der Zigeunerin Elisabeth, die eingefügten Gedichte jedoch vermeiden den Namen noch (vgl. Anhang, 216-218). Dem Roman sind dann die beiden folgenden Kapitel 12 und 13 gewidmet.

Hervorgehoben wird immer wieder das Rätselhafte, aber auch Mörikes „Lust am Rätsel“ (175-181) sowie „Das Rätseln der Leser – zur Aufnahme der „Peregrina“-Gedichte“.(182-187) Hier wird u.a. auf Theodor Storm verwiesen. Er „vermutet, die Leser wüßten mit dem 'Peregrina'-Zyklus gar noch weniger anzufangen als mit den Gedichten, die aus der Privatmythologie der Orplid-Phantasie stammen. In seiner eigenen Ratlosigkeit, so darf man vermuten, zieht sich Storm hinter eine knappe Kennzeichnung zurück: 'die reizende Gestalt des Wundermädchens ist wie ein Irrlicht, von dem wir nicht wissen, ob wir es wirklich sehen oder ob es nur ein Bild der eigenen Phantasie vor unseren Augen spielt'.“ (163)

Die Untersuchung endet mit „Echos und Masken einer verjährten Liebe“. Marias weiteres Schicksal wird nachgezeichnet und ein Blick auf Mörikes spätere „Herzensbindungen“ geworfen, auf seine Briefe an seine Verlobte Luise Rau. 1848 hat Mörike „am Hochzeitsgedicht des 'Peregrina'-Zyklus ganz entscheidend korrigiert. Die Schlußstrophe, in der seit dem 'Grünen Heft' von der magischen Bestreichung des Bräutigams durch die Braut die Rede war, wird ersetzt durch eine in ihrer Kühnheit wohl außergewöhnliche Schilderung der Vereinigung“ (198), woran Storm Anstoß nimmt: „Zeichen dafür, daß Mörike seine Zeit durch die Konsequenz seiner 'Peregrina'-Phantasie überforderte“. (201) Selbst noch später, in der 4. Ausgabe seiner Gedichte von 1867 findet sich eine Änderung im dritten Gedicht. Statt der Verse „Von der Zeit an ...“ heißt es nun: „Krank seitdem, / Wund ist und wehe mein Herz. / Nimmer wird es genesen ...“ (202)

Mörike selbst spricht von „doppelter Seelentätigkeit“, und der Autor zieht den Schluß: „Die Wahrnehmung im Wachzustand ist weder die wichtigste noch die erste, die Traumseele weiß mehr und früher, allerdings auf andere Art als das Bewußtsein [...] Als Rätsel gibt sie dem Bewußtsein etwas zu denken, was mit den Mitteln des Bewußtseins nicht zu klären, zu enträtseln ist: erst die Dichtung, mit ihrem hohen Anteil traumhafter Bilder, kann etwas darstellen, was das Geheimnis zwar nicht löst, aber in seiner Unerklärbarkeit rechtfertigt“. (207)

Mathias Mayer führt den Leser in das Geheimnis dichterischer Produktion ein und eröffnet immer neue Sehweisen – dabei begleitet er den Dichter durch sein ganzes Leben, so wie diesen seine „Peregrina“ begleitet hat.

Renate Scharffenberg

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