Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Mein Buch des Monats:  Dezember 2004

Sigrid Damm: „Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung“. Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2004, 500 S., ISBN 3-458-17220-3, 24,90 €

Rechtzeitig zum Schiller-Jahr 2005 ist auch dieses Buch erschienen, das Sigrid Damm eine 'Wanderung' nennt. Sie sagt dazu, indem sie sich auf Schillers Anweisung: „Lesen Sie meine Schriften, und lassen den Menschen übrigens laufen“ bezieht: „... darauf richtet sich meine Neugier, von der meine Wanderung bestimmt sein wird: auf die Individualität, die dieses Werk hervorbringt. Das Verwobensein der Schriften mit dem 'Menschen'. Wie eines mit dem anderen verbunden ist, sich beflügelt, stört, verwundet, beglückt, stranguliert und fördert . Nicht das Werk ist Gegenstand meines Buches, es sind die Umstände und Bedingungen seiner Entstehung. Daher beschäftigt mich die Verbindung von Werk und Leben nicht aus dem Blickwinkel der Nachwirkung, nicht aus der Sicht auf Schaffenshöhepunkte oder besondere Ereignisse. Ich gehe den unspektakulären Weg, mein Blick richtet sich auf den Arbeitsalltag Schillers. Die Zeit als Erzählraum zieht mich an. Ich wandere die Linien seiner Lebenszeit entlang, erschließe mir die Landschaft seiner Jahre.  Für diesen Weg ist ein authentischer Zeuge mein Begleiter: Schiller selbst.  Ich finde ihn in seinen Briefen ...“. (15)

Auf dieses Programm muss sich der Leser einlassen, er wird über Schillers Werke fast weniger erfahren als über seine finanzielle Lage in einzelnen Abschnitten seines Lebens, die ständigen Schulden. Seine Krankheiten werden eine bedeutende Rolle spielen, aber auch die Freundschaften, die sein Werk ermöglicht haben – nicht nur seine eigenen Briefe, sondern auch die seiner Zeitgenossen werden herangezogen, um die Verhältnisse sichtbar zu machen, aus denen der junge Dichter sich lösen musste, um auf Umwegen zu seinen Zielen zu gelangen.

Sigrid Damm beginnt ihre Wanderung in dem Moment, in dem Friedrich Schiller sein erstes Drama „Die Räuber“ publiziert – im Selbstverlag mit geborgtem Geld. Es selbst hält die „Räuber“ für ein Lesedrama. Doch auf Empfehlungen hin entschließt sich der Mannheimer Theaterdirektor W.H. von Dalberg, das in seinem Sinne bearbeitete Stück auf die Bühne zu bringen. Es wird am 13. Januar 1782 uraufgeführt. Damit ist für Schillers Leben ein entscheidender Einschnitt gesetzt. Der junge württembergische Untertan und Militärarzt muss  - wegen unerlaubten Verlassens seines Dienstes und  Überschreitens der Landesgrenze in eine unsichere Zukunft fliehen, denn als Theaterdichter fühlt er sich zwar, aber davon kann er nicht leben.

Dass er allerdings glaubt, dies sei seine Berufung, hat ihm der Erfolg der „Räuber“ nahe gelegt – die Schilderung der Premiere beweist die enorme Wirkung der Aufführung auf die von weit her angereisten Zuschauer. Sie hat verschiedene Gründe, auf die  die Autorin im einzelnen eingeht. Zusammenfassend heißt es: „Mit diesem Drama wird der völlig Unbekannte mit einem Schlag berühmt. Wie zehn Jahre  davor Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ avancieren „Die Räuber“ zum Kultstück einer jungen Generation“.(23) Aber er verliert damit die Heimat, die er heimlich verlassen muss, auch seine Angehörigen sieht er erst nach vielen Jahren wieder – von nun an ist alles Ungewissheit, Exil.

Über Schillers Kindheit und die Zeit auf der Carlsschule erfahren wir zunächst nichts – sie kommen später zur Sprache, eine gute Übersicht aber bieten die „Lebens- und Werkdaten“ im Anhang.Die Autorin begleitet den Flüchtigen nun nach Mannheim, Frankfurt, Oggersheim – ein Leben in Verstecken und unter falschem Namen. Zuflucht findet er dann als Dr. Ritter  in Bauerbach bei Meiningen auf dem Gut Henriette von Wolzogens, wo er von Dezember 1782 bis Juli 1783 an „Kabale und Liebe“ und am „Fiesko“ arbeiten kann. Als Theaterdichter kehrt er nach Mannheim zurück, erlebt alle nur möglichen Schwierigkeiten mit dem Ensemble und dem Publikum, das leichtere Kost vorzieht. Hier in Mannheim wird Schiller Opfer eines „epidemischen Fiebers“, 6000 Menschen erkranken daran. Schiller (als Arzt) behandelt sich selbst äußerst rigoros und arbeitet bei hohem Fieber weiter. Mehrere Monate leidet er noch unter den Folgen dieser 'Vergiftung des Trinkwassers'  in  der Stadt und bleibt mit angegriffener Gesundheit zurück.

„Existenziell entscheidend aber wird für Schiller in Mannheim die Begegnung mit einer verheirateten Frau, mit Charlotte von Kalb [...] Diese Frau bekommt für Schiller eine ähnliche Bedeutung wie Charlotte von Stein für den jungen Goethe. Sie wird Schiller, obgleich jünger als er, Erzieherin, Kritikerin, Gesprächspartnerin, Freundin, Vertraute. Und sie wird wohl auch seine Geliebte...“. (46/47)

Das zweite Kapitel ist Schillers 'Rettung' durch die Freunde in Leipzig und Dresden gewidmet, Christian Gottfried Körner, Minna und Dora Stock und Ludwig Ferdinand Huber. Körner wird ihm zum lebenslangen Freund, ihre Briefe sind von nun an eine ganz unerschöpfliche Quelle für das, was wir von Schiller wissen. In der Zeit von April 1785 bis Juli 1787 ist Schiller bei den Freunden in Leipzig, Loschwitz und Dresden als Gast – so wird ihm die Arbeit am „Don Carlos“ ermöglicht. Farbe hätte die Darstellung dieser Phase gewinnen können, wenn der Alltag, wie ihn das Gedicht „Bittschrift“ voller Humor schildert, einbezogen worden wäre, in dem das Nebeneinander von Arbeitsstube und Waschküche thematisiert wird und das mit dem Seufzer endet: „Der Teufel soll die Dichterei / Beim  Hemderwaschen holen.“ Auch Schillers ironische Vergegenwärtigung von „Körners Vormittag“ im gleichnamigen Sketsch (so würden wir heute sagen) fehlt.

Von Dresden aus dann Weimar – wo Schiller jedoch noch nicht Fuß fassen kann. Die Wanderung führt noch einmal nach Meiningen zurück und nach Rudolstadt, wo es zu engen Kontakten mit den Schwestern Charlotte von Lengefeld und Caroline von Beulwitz kommt und zu einer kurzen Begegnung mit Goethe. Ende des Jahres 1788 erreicht ihn dann die auf dessen Empfehlung erfolgte Berufung zum außerordentlichen Professor  der Universität Jena.

Mittelpunkt des dritten Kapitels ist Schillers Verlobung mit Charlotte, seine Liebe zu Caroline, die Vorstellung von einem Leben zu dritt. Ermöglicht wird die Ehe mit Charlotte, „dem sanften Licht über seinem Daseyn“ (1790) im Verzicht auf diese Utopie. In dieser Phase seines Lebens fühlt sich Schiller als Historiker, nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung im folgenden Jahr muss er das Lehramt aufgeben: dazu verhilft ihm die auf drei Jahre gewährte Pension von 1000 Talern durch den dänischen Prinzen von Augustenburg.

Es folgen die Jahre der Kant-Studien und der aesthetischen Schriften – vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, in der der Dichter der „Räuber“ durch die Nationalversammlung in Paris zum Ehrenbürger Frankreichs ernannt wird – und von der er sich nach dem Todesurteil für den König abwendet. Von August 1793 bis in den Mai 1784 begleiten wir Schiller auf seiner Reise nach Schwaben, wo sein Sohn Carl zur Welt kommt. Hier sieht Schiller elf Jahre nach seiner Flucht den Vater wieder (seine Mutter war in Jena zu Besuch) – das Leben der Eltern wird nachgezeichnet. In dieser Zeit hat Schiller zeitweilig eine ernste Schreibhemmung, aus der ihm auch die Begegnung mit seinem zukünftigen Verleger Johann Friedrich Cotta heraushilft.

Ein erstes Ziel erreicht die Wanderung im fünften Kapitel in der Begegnung zwischen Schiller und Goethe, der ihrer Bedeutung entsprechend breiter Raum gewährt wird. Zu dem Briefwechsel mit Körner und dem in der Jenaer Zeit begonnenen mit Wilhelm von Humboldt tritt jetzt die Korrespondenz mit Goethe, die uns zu Zeugen des Geschehens macht. „Literarisch gilt Goethe in jenen Jahren als wenig erfolgreich. Seine bei Göschen erschienene Werkausgabe verkauft sich schlecht. Die Wiedergeburt als Künstler, die er durch den Italienaufenthalt meinte erfahren zu haben, findet nach seiner Rückkehr keine angemessene Anerkennung“.(195) Schiller dagegen hat an Statur gewonnen: „Zu Beginn der neunziger Jahre erreicht der Autor Schiller einen vorläufigen Höhepunkt seiner Publizität. Seine Erfolge auf dem Buchmarkt mit den hohen Auflagen des  Romans „Der Geisterseher“ und der Arbeiten zur Geschichte sind unübersehbar [...] Er hat gute Gründe für ein selbstbewußtes Auftreten. Er kann nicht mehr einfach übergangen werden“. (194) So kann es zu dem Beginn dieser für beide unendlich wichtigen Geistesfreundschaft kommen: die Zeit ist reif. „Schiller wird die Begegnung mit Goethe als das „wohlthätigste Ereigniß“ seines „ganzen Lebens“ charakterisieren. Goethe wird, wenige Wochen nach Schillers Tod,  sagen, er habe durch den Verlust des Freundes „die Hälfte“ seines „Daseyns verloren““.(204). Besonders eindringlich beschreibt die Autorin Schillers ersten Aufenthalt bei Goethe in Weimar. Sie macht aufmerksam auf die so unterschiedliche Tageseinteilung beider – Schiller arbeitet in der Nacht, schläft bis mittags. Goethe dagegen geht elf Uhr schlafen. Obwohl Schiller von Beschwerden nicht frei ist – der Aufenthalt tut ihm gut. In den ununterbrochenen Gesprächen entstehen die gemeinsamen Pläne und die Bestärkung in den jeweils eigenen Arbeiten.

Schiller verspricht, Goethes „Römische Elegien“ in den „Horen“ zu veröffentlichen, ohne Rücksicht auf den möglichen Skandal und die Verstimmung des Herzogs Carl August. Der andere, näherliegende Skandal berührt Schiller nicht – in den vierzehn Tagen seines Besuches am Frauenplan bekommt er Christiane Vulpius und Goethes Sohn August nicht zu Gesicht. Goethe hält ihm die Gefährtin fern, die seit sechs Jahren sein Leben teilt, ob aus Rücksicht auf Charlotte von Schiller und ihre Freundschaft mit Frau von Stein?

Die gemeinsame Arbeit beginnt, die Schillers an Goethes „Wilhelm Meister“, die Goethes an Schillers „Briefen zur aesthetischen Erziehung des Menschen“. In dieser Zeit, 1794/95 lehnt Schiller einen Ruf an die Universität in Tübingen ab, er bleibt in Jena.

In den folgenden fünf Kapiteln, die mehr als die Hälfte des Buches ausmachen, zeichnet Sigrid Damm die zehn Jahre dieser Freundschaft bis zum Tod Schillers nach, in denen die Weimarer Klassik begründet wird, die großen Dramen Schillers entstehen, Goethe zur Dichtung zurückfindet. Sie setzt Schwerpunkte, zuerst geht es um Schillers neue Gedichte, zu denen dieser an Wilhelm von Humboldt schreibt: „Von jeher war Poesie die höchste Angelegenheit meiner Seele, und ich trennte mich eine Zeit lang bloß von ihr, um reicher und würdiger zu ihr zurückzukehren“.(234) Aber immer erscheinen die Werke eingebettet in die Lebensumstände Schillers, in seinem Arbeitstag, abgerungen den immer neuen Schüben der Krankheit. „Schillers Ängste, das Zimmer zu verlassen; Wetterfühligkeit, Reiseunlust, Übervorsichtigkeit ...“ (244)

An diesem Beispiel ist hinzuweisen auf die Neigung der Autorin, immer wieder in eine Art von Telegrammstil zu verfallen, unvollständige Sätze zu schreiben – nein, eher zu sprechen, zu sich selbst zu sprechen, wie man den Eindruck hat, und wo sich derartige Stellen häufen, irritieren sie auch. Ein weiteres Beispiel mag dies illustrieren: „Die Jahre 1796, 1797, 1798. Die intensivsten und beglückendsten der Freundschaft zwischen Schiller und Goethe. Briefaustausch. Geistige Nähe. Gespräch. Gegenseitige Bewunderung. Liebe ...“. (289)

Nächste Schwerpunkte sind der Briefwechsel (von Schiller sind 45, von Goethe 47 Briefe erhalten), die „Horen“, von denen nur drei Jahrgänge erscheinen konnten, die „Xenien“ -  bis 1797 entstehen 900 dieser kritischen Verse, die Tagesgespräch werden und schließlich zur Vereinsamung der beiden in der literarischen Welt führen. Aus der Entstehungszeit erzählt ein Brief Minna Körners: „Charlotte und sie saßen unten in den Jenaer Wohnräumen „und hörten über sich ... die Stimmen der dichtenden Freunde. In kürzeren und längeren Pausen ertönte ein schallendes Gelächter, zuweilen von sehr vernehmlichem Fußstampfen begleitet. Wenn die Herren um 12 Uhr zum Mittagessen herunter kamen, waren sie äußerst aufgeräumt, und sagten mehr als einmal: Heute sind die Philister wieder gründlich geärgert worden!““. (258)

Eingeschoben sind die weiteren  Geschicke von Schillers Eltern und Schwestern bis zum Tode des Vaters in dieser unruhigen Zeit. Schiller hat ihn nicht wiedergesehen – seine Absage an Tübingen war eine rechte Enttäuschung für den alternden Mann.

1797 ist das „Balladenjahr“, dann tritt die Arbeit am „Wallenstein“ und den Aufführungen seiner drei Teile in den Mittelpunkt (291-331) Zum Schluss heißt es: „Zum Abschluß der Wallenstein-Trilogie beglückwünscht Carl August den Autor vor aller Augen in der Hofloge und äußert den Wunsch, Schiller möge nach Weimar ziehen“.

Noch in diesem Jahr 1799 kommt es wirklich im Dezember zum Umzug nach Weimar, unter erschwerten Bedingungen, weil diesmal Charlotte Schiller erkrankt ist und geschont werden muss. Schiller selbst ist in Rückstand für den „Almanach auf das Jahr 1800“, für den er „Das Lied von der Glocke“ verfasst – sein wohl bekanntestes Gedicht, auch das am meisten parodierte. Die jüngeren Zeitgenossen des Dichters machten sich darüber lustig, vor allem Caroline Schlegel-Schelling – es ist aber an anderer Stelle überliefert, dass bei einem Fest, zu dem Clemens Brentano in der Neujahrsnacht  seine Freunde in Jena einlud, der Vortrag der „Glocke“ Begeisterung und Rührung hervorrief.

Weimar hält nicht, was sich Schiller versprochen hat – Goethe ist meist in Jena, das Verhältnis zum Herzog verbessert sich nicht wirklich. Aber das Theater wird wichtig, Schiller vertritt Goethe in der Leitung des Hauses, wirkt an den Spielplänen mit, liefert die Bearbeitung des „Macbeth“ für die Bühne. 1800 erscheint die Buchausgabe des „Wallenstein“, Schiller arbeitet an „Maria Stuart“ (der V. Akt entsteht auf Schloss Ettersburg, wo er – als Gast des Herzogs – in Ruhe arbeiten kann). Es gibt Aufregungen: heute kaum vorstellbar erregt die Abendmahlsszene Anstoss, in Wien kommt das Drama auf den Index wegen der Hinrichtung Marias, die an die Marie Antoinettes in Paris erinnert.

„Die Jungfrau von Orleans. Ein romantisches Trauerspiel“, sein nächstes Werk, „läßt sich in keinen so engen Schnürleib einzwängen, als die Maria Stuart [...] Jeder Stoff will seine eigene Form, und die Kunst besteht darin, die ihm anpassende zu finden. Die Idee eines Trauerspiels muß immer beweglich und werdend sein, und nur virtualiter in hundert und tausend Formen sich darstellen“, so Schiller. (364) Zur Uraufführung in Leipzig am 11.9.1801 fährt Schiller, besucht die Freunde in Dresden: „Die Reise, die ihm Distanz schafft. Die Publikumsovationen in Leipzig, die ihm seine Leistung bestätigen. Er ist nicht auf Weimar angewiesen. Hat an Selbstsicherheit gewonnen.  Hat nacheinander alles von sich geworfen: Historienschreiberei, ästhetische Theorie, Herausgebertätigkeit, mit einigen Ausnahmen auch die lyrische Produktion. Einzig  die dramatische Arbeit beschäftigt ihn. Er bündelt seine Kräfte“. (376) Erst im April 1803 wird die „Jungfrau von Orleans“ in Weimar aufgeführt.

1802 ziehen Schillers in das Haus an der Esplanade in Weimar um, eine erhebliche Verbesserung, die allerdings hohe Kosten macht. Das Haus und der Garten in Jena werden  nun verkauft. An Tag des Einzugs stirbt Schillers Mutter bei der Tochter in Cleversulzbach, wo sie beerdigt wird (Mörike wird sich später des Gedenksteins annehmen). Ein Einschub trägt ihr Leben seit Schillers Besuch in der Heimat nach.

Schiller wird in diesem Jahr in den Adelsstand erhoben, was besonders für seine Frau wichtig ist, die nun wieder bei Hofe empfangen wird. Am 16. November 1802 bringt ein Bote den „Adelsbrief aus Wien“, wie Schiller im Kalender vermerkt. Seine Einkünfte verbessert das nicht. Getrübt wird diese Zeit durch die Intrigen der Dramatikers August Kotzebue gegen Goethe und durch die Rolle der jungen Schauspielerin Caroline Jagemanns, der Geliebten des Herzogs.

Am 19.März 1803 wird in Weimar „Die Braut von Messina“ uraufgeführt, ein rauschender Erfolg, aber das „Vivat“, das junge Leute auf Schiller ausbringen, erregt den herzoglichen Ärger. Anders in Bad Lauchstädt,  wo bei Schillers Aufenthalt „Wallensteins Lager“, „Die Braut von Messina“ und „Die Jungfrau von Orleans“ aufgeführt werden. Hier wird er gefeiert von den Studenten aus Halle, die herüberkommen, und ein Abend bringt sogar die bisher höchste Einnahme: 354 Taler! Für das Weimarer Theater übersetzt Schiller auf Wunsch des Herzogs die Lustspiele „Der Neffe als Onkel“ und „Der Parasit“ von Picard aus dem Französischen.

Schon im März 1804 wird „Wilhelm Tell“ in Weimar uraufgeführt – ein Volksstück, wie Schiller es bezeichnet, ein großer Erfolg. Ende des Jahres verkauft Cotta bereits 10000 Exemplare der Buchausgabe. Freilich erweist es sich als nicht ganz leicht, den „Tell“ auf die Bühne zu bringen, dazu erscheint er den Verantwortlichen denn doch zu revolutionär, erinnert geradezu an die „Räuber“ mit seinen Freiheitsforderungen – es wird also gekürzt und der V. Akt oft ganz gestrichen.

Wichtigstes Ereignis in diesem Jahr ist Schillers Reise mit seiner Familie, auch den Kindern, im Mai nach Berlin. Hier wird „Die Braut von Messina“ in seiner Gegenwart aufgeführt und die Berlinische Zeitung berichtet: „Bei seinem Eintritt in die Loge  ist Schiller mit allgemeinem Beifall von der Versammlung empfangen worden; freudiger Zuruf hieß ihn herzlich willkommen, und wiederholte sich so lange und so laut, bis die Musik begann“. (444) Der Berlinbesuch lässt sich gut an, am folgenden Tag ist Schiller beim Prinzen Louis Ferdinand eingeladen, dann wird die „Jungfrau von Orleans“ in der Inszenierung von Iffland aufgeführt. Am 13. Mai empfängt ihn die Königin Luise im Schloss Charlottenburg – so geht es weiter. „17. Mai: Potsdam, Einladung der Familie  nach Sanscouci zu einem Frühstück mit dem preußischen Königspaar. Die Fahrt nach Potsdam. Empfang, Gespräch. „Auch die beiden Jungen waren mit und Karl hat mit dem Kronprinzen Freundschaft gestiftet““. (445) Kabinettsrat Beyme kann Schiller ein Jahresgehalt von 3000 Talern bieten – ein Ruf nach Berlin.

Obwohl Schiller in Weimar den inzwischen nachlassenden Umgang mit Goethe vermisst ( „Kann ich aus Goethen einen Poetischen Funken herausschlagen, so soll es an mir nicht fehlen, aber leider sehe ich jetzt wenig Anschein dazu, da ihm andere Sachen den Kopf warm machen“... 441), fällt doch die Entscheidung fürs Bleiben – sicher auch Charlotte zuliebe, die sich im Norden nicht wohl gefühlt hat. Zudem beginnt im Sommer 1804 eine permanente Krankheitszeit für Schiller, der er doch die Arbeit am „Demetrius“, einem russischen Stoff diesmal, abzwingt. Zum Einzug der Zarentochter  Maria Paulowna als Erbprinzessin in Weimar verfasst Schiller im November „Die Huldigung der Künste“, die er selbst  zur Aufführung bringt.  Auf den dringenden Wunsch des Herzogs, der inzwischen sein Gehalt erhöht hat, übersetzt er Jean Racines Tragödie „Phèdre“, die zum Geburtstag der Herzogin am 30. Januar 1805 Premiere hat.

„Doch der Eindruck, daß alles in Schillers Leben seiner Arbeit zu- und untergeordnet ist, relativiert sich, betrachtet man sein Verhältnis zu seinen Kindern“ (451), so beginnt die Verfasserin ihre besonders schöne und eindringliche Darstellung Schillers als Vater. Zugleich  führt dies über zum Schluss – am 25.4. und 1.5. kommt es zu letzten Begegnungen mit Goethe, am 9.Mai dann endet Schillers Leben.

Sigrid Damm öffnet dem Leser den Blick auf die tägliche Leistung, die den „Mühen der Ebene“ abgerungen ist, zeigt, wie ein großes Werk wahrlich nicht geschenkt wurde, sondern Widerständen aller Art entrissen werden musste, und auf einem Schaffenshöhepunkt jäh endete – die letzte Arbeit blieb unvollendet zurück. Die Autorin hat sich auf ihrer Wanderung Schritt für Schritt diesem Werk und dem Leben dahinter angenähert und uns auf dem Weg mitgenommen.

Renate Scharffenberg

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