Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Ob man das Problem des metaphysischen Realismus verstehen kann - eine Erwiderung auf Friedrich Seibold: Die Fehlinterpretation der Wirklichkeit

von Werner Schumacher

Dass man Wirklichkeit verfehlen kann, daran besteht sicher gar kein Zweifel; es besteht aber andersherum ein erheblicher Zweifel daran, dass man Wirklichkeit nicht nicht verfehlen kann. Die Frage, um die es Friedrich Seibold geht, ist aber eine ganz andere und übrigens eine, die in der Tradition nicht unbekannt ist, oder besser: die Tradition der alteuropäischen Philosophie hatte ständig geschwankt zwischen einem Dualismus und einem Monismus, zwischen Descartes und Spinoza, zwischen Kant und Hegel; dabei handelte es sich um einen Unterschied, der in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlicher Gewichtung mal so herum, mal anders herum aufgenommen, behauptet, begründet, widerlegt und wieder, unter veränderten Bedingungen, noch einmal ausgegraben und von vorne durchgearbeitet wurde.

Was auch immer man über den Erfolg Tradition sagen möchte, wie hoch oder wie gering man ihr Scheitern schätzen möchte, sie hat wenigstens für eines wahrlich gesorgt, dafür nämlich, dass ihr Problem bis heute nicht langweilig geworden ist. Offensichtlich gibt es noch immer ausreichenden Grund, sich über Fehlinterpretation von Wirklichkeit zu irritieren, was übrigens ja durchaus verständlich ist. Denn nichts im Alltag, auch im Alltag eines Philosophen, ist so normal wie Irrtum, mit Ausnahme des Nichtirrtums, der, über den Daumen gepeilt, etwa mit gleicher Wahrscheinlichkeit vorkommt. Da dies nun schlechterdings nicht zu leugnen ist, so bleibt doch die Frage übrig, warum denn ausgerechnet die eine Seite dessen, was wahrscheinlich ist, mit größerer Sorgfalt und Nachdenklichkeit der Kritik, der Analyse, der Argumentation Für und Wider unterzogen wird, während die andere Seite kaum mit gleicher Gründlichkeit bedacht wird. Warum ist die Beurteilung der Herkunft von Irrtum der Herkunft von Nichtirrtum vorzuziehen? Oder besser: warum gibt es bis heute keine Theorie für das, was beidseitig wahrscheinlich, was schlechterdings normal ist? Nichts ist gewöhnlicher als die Welt so oder anders zu verstehen.

Es mag daran liegen, dass eine Theorie, die auf das Erwartbare und Normale spezialisiert ist, wenig Aufregung auslösen, dass sie wenig beitragen kann zur Verstärkung dessen, was am Ende des Beitrags von Friedrich Seibold gleichsam als conditio sine qua non allen Räsonierens vorangestellt wird: es gäbe angeblich eine Pflicht der Vertiefung des Humanitätsgedankens, die einer heillos verworrenen Welt zur Perfektionierung ihres Zustandes verhelfen könnte; es käme darauf an, das Leiden in der Welt zu mindern; und der Irrtum, nicht der Nichtirrtum, habe dafür die Last der Verantwortung zu übernehmen.

Angesichts der gigantischen Verwirrungs- und Irrtumsmöglichkeiten der modernen Gesellschaft macht die Beharrlichkeit, mit der Friedrich Seibold behauptet, der Irrtum sei an allem Schuld,  auf die Frage aufmerksam, was wir uns denn vom Nichtirrtum zu versprechen hätten, wo es sich beim Irrtum doch um nichts anderes handelt als eine Möglichkeit, die unter vielen selbstverständlich vorkommt; eine Möglichkeit, an der, ganz realistisch betrachtet, kein irdischer, kein empirischer Weg vorbei führt.

Vielleicht ist auch gar nicht das Verfehlen der Wirklichkeit das Problem, sondern die Frage, warum das Problem der Tradition bis heute nicht bewältigt werden konnte, warum wir also immer noch an traditionellen Problemen arbeiten, ohne uns darüber zu irritieren, dass die Überlieferung des Problems  - so wie es uns vorliegt - höchst ungewöhnlich ist.

Friedrich Seibold hat uns etwas widerlegt, und es wäre überaus wundersam, wenn seine Widerlegung nicht widerlegbar wäre, aber belassen wir es dabei und halten wir uns durch die Widerlegung für überwunden. Für ein Bewusstsein gibt es keine bewusstseinsunabhängige Realität; die Welt sei nur für ein Bewusstsein eine Welt; die Welt ist eine Welt für mich. Darüber zu streiten würde ja auch kaum etwas mehr bringen als das, was seit Schopenhauer als verstanden und abgetan gilt: dass die Welt meine Vorstellung ist, und nur der Wille, die zweite Seite der Welt, informiert mich darüber, dass alles auch ganz anders sein kann.

Und trotzdem: über die Herkunft des Problems ist damit noch nichts gesagt, und wir müssten, wenn wir uns für überwunden halten, nach einem Bewusstsein fragen, das dazu in der Lage wäre, sich über sich selbst in der Weise zu irritieren, dass es sich selbst für gegenstandslos halten kann, dass es sich also bewusst darüber wird, dass etwas Bewusstseinsunabhängiges existiert, ohne sich über diese Paradoxie bewusst zu werden. Ein Bewusstsein müsste also, auf sich allein gestellt, selbstparadoxierend operieren können; es müsste, sowohl unabhängig von etwas anderem, als auch unabhängig von sich selbst, aufgefasst etwa als freier Wille, eine Unterscheidung zwischen sich selbst und etwas anderem einführen können, es müsste sich gleichsam als doppeltes Bewusstsein konstituieren, etwa als bewusstes und nicht bewusstes Bewusstsein; es müsste sich als duale Entität verstehen. Es müsste etwas leisten können, wovon ein metaphysischer Realismus sich die Lösung all seiner Probleme erhofft.

Man mag dieses Argument als den Versuch der Widerlegung einer Widerlegung nehmen und Zweifel darüber haben, ob es mit unserer Einsicht in und unserem Einverständnis mit der Widerlegung eines metaphysischen Realismus ganz so ernst gemeint ist.

Tatsächlich aber irrt sich, wer meint, dass der Irrtum für ein Bewusstsein ein großes Problem darstellt. Es ist eben genau andersherum. Der Irrtum, auch die vollständige Verfehlung einer Wirklichkeit, ist für ein Bewusstsein kein Problem. Wenn ich mich irre, wenn ich also in Erfahrung gebracht habe, dass ich dies tue, dann irre ich mich nicht darüber, dass ich irre, weil mein Irrtum verschwindet, wenn ich ihn begreife. Begreife ich ihn nicht, nun, dann bin ich über meinen Irrtum nicht informiert, ich irre mich also nicht. Denn wie sollte man sich über Irrtum informieren, wenn darüber aufgrund des Irrtums keine Information vorliegt? Andernfalls müsste ein Bewusstsein in einen Zustand geraten können, in welchem es nicht wissen kann, was es weiß, es also nicht zwischen Irrtum und Wahrheit unterscheiden könnte. Daraus ergibt sich, dass der Irrtum nicht als Irrtum zur Welt kommt, sondern als Wahrheit über ihn, und wenn nicht als Wahrheit, dann zumindest als Unterscheidungsmöglichkeit: irre ich mich oder irre ich mich nicht, wenn ich erkenne, dass ich mich irre? Einfacher ausgedrückt: eine Falschinformation kann im Moment ihres Vorkommens nicht als falsch identifiziert werden, weil sie in diesem Fall keinesfalls falsch sein könnte. Dies gilt allgemein auch für den generellen Fall einer ganzen Weltsicht. Falsch oder richtig? Wer es herausgefunden hat, müsste eine widerspruchsfreie Antwort finden können auf die Frage, ob der Unterschied von falsch und richtig falsch oder richtig ist.

Und damit könnte man den Fall für erledigt halten, aber so einfach möchte man es aus verständlichen Gründen natürlich nicht haben. Wollte man aber auf eine solch einfache Betrachtungsweise insistieren, so schlösse sich daran nahtlos die Forderung an nach einem Menschenrecht auf Irrtum, eine Forderung, der, bei aller Wertschätzung von Menschrechten, die härtesten Vorbehalte und Widerstände entgegengebracht würden. Man meint es zwar ernst mit Menschrechten, aber nur insofern sie niemals den Menschen aus der Pflicht entlassen, diese Rechte zu garantieren. Gäbe es aber auch ein Menschrecht auf das, was ganz real und alltäglich beobachtbar ist, nämlich ein Recht auf Irrtumsfähigkeit, was ja nichts anderes ist als eine Möglichkeit der Unterscheidung und damit letztlich auch der Urteilsbildung, so würde man, glaubt man, nirgends mehr eine Adresse für die Forderung nach Menschrechten finden, womit der Humanitätsgedanke letztlich und für alle Zeit utopisch abgelagert wäre. Stattdessen aber wird ein Menschrecht als unbedingte Bedingung verstanden, und man kann sich dann nicht mehr darüber wundern, dass es mit der verbindlichen Verankerung von Menschenrechten nicht so recht gelingen kann. Wie auch, wenn man nicht sehen will, dass ein Menschenrecht eben keine Menschenpflicht ist. Man mag das für abwegig halten, aber erst, wenn man einsieht, dass Menschenrechte – ganz allgemein formuliert  - eine paradoxe Handlungsanweisung sind, kann man ahnen, dass Menschen als Adresse für Forderungen nach mehr Humanität eigentlich ungeeignet sind.

Das Bewusstsein hat nicht nur kein Problem mit Irrtum, es könnte ohne ihn auch gar nicht gut funktionieren. Denn worüber sollte man noch nachdenken, wenn man sich einbilden könnte, die Welt richtig zu sehen, ohne dies selbst als Einbildung zu sehen?

Wenn wir also das Problem, an dem der metaphysische Realismus der Tradition gescheitert ist, nicht in das Bewusstsein kopieren wollen, brauchen wir eine andere Theorie; eine Theorie, die uns nicht besserwisserisch darüber informiert was ist und was nicht ist, sondern die uns erklärt, woher Irritationen kommen, wie Irritation möglich ist, Irritation hier verstanden als instabile Latenz von Sinnverweisungsmöglichkeiten, die noch nicht zur Auskunft geben können, welcher Gedanke als nächstes zu Bewusstsein kommt. Oder wir nennen das Bewusstsein ein metaphysisches Problem, worüber sich bereits Nietzsche zu recht lustig gemacht hatte. Dann hätten wir guten Grund, die kantische Transzendentalphilosophie noch einmal zu studieren, denn sie hatte, wenn auch mit aller gebotenen Skepsis, die Möglichkeit der Metaphysik an die Bedingung der Möglichkeit von Bewusstsein gekoppelt, was so gesehen keine schlechte Lösung war, allein, ein Bewusstsein, das etwas vermag, was außerhalb seiner selbsterzeugten Realität keine Entsprechung kennt, dürfte schwerlich dazu in der Lage sein, einem interessanten Gespräch zu folgen. Nicht allein aus diesem Grunde konnte Kant sich nicht dazu durchringen zu sagen, das Bewusstsein sei alles, was der Fall ist. Denn wie sollte man verstehen können, was woanders verstanden wird, wenn doch die Bewusstseine (sic!) voneinander unabhängig operieren und keines in das andere hineinzuschauen vermag? Das Bewusstsein ist eben nicht alles was der Fall ist; dass es dazwischen noch etwas gibt, das akzeptieren wir wohl, aber das, worum es dann geht, kann mit einer traditionellen Ontologie nicht mehr hinreichend beschrieben werden. Eine Ontologie mag uns zwar informieren können über den Unterschied von Sein und Nichtsein, aber nicht über die Herkunft dieses Unterschieds.

Eine Philosophie, eine Theorie, die anfängt mit der Einsicht, das Bewusstsein sei alles, was der Fall ist, hat schon im selben Augenblick verloren, sobald sie zu Papier gekommen ist. Denn wo kommt das Papier her, die Tinte? Aus einem Bewusstsein? Wie finden Papier und Tinte den Weg auf den Schreibtisch unseres Denkers? Durch denken? Und wenn nicht, durch was dann? Durch Handeln, sicher; aber wie wird Handeln koordiniert? Durch denken? Dass es da noch etwas gibt – das leuchtet jedem Gottlosen ein; dass es ein Ding-an-sich nicht sein kann, versteht auch ein moderner Metaphysiker inzwischen recht gut. Aber was ist es dann? Man kommt nicht drauf, solange man inbrünstig fordert, eine Erklärung habe widerspruchsfrei zu sein, auch Friedrich Seibold argumentiert nicht widerspruchsfrei, weil man Erklärungen dieser Art nirgends findet, jedenfalls nicht empirisch, vielleicht utopisch, dann aber wenigstens ohne Hoffnung. So viel Pietät sollte angesichts einer ungeheuren Vielzahl unerfüllter Versprechungen schon sein.

Tatsächlich gilt, dass die Tradition des metaphysische Realismus gescheitert ist, was vielleicht daran liegt, dass sie ihrer eigenen Vorgabe nicht gerecht werden konnte. Denn mit welcher widerspruchsfreien Begründung kann man fordern, eine Erklärung habe widerspruchsfrei zu sein? Wer so etwas begründen kann, kann auf eine entsprechende Forderung gut und gerne verzichten.

Woher kommt denn das Verlangen, das Scheitern auch noch zu beweisen? Ob da noch etwas anderes im Spiel ist? Es kann freilich zugestanden werden, dass ein metaphysisches Konzept sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, auch da und dort, wo davon nicht explizit die Rede ist. Es bleibt aber doch kaum die realistische Hoffnung, dass erstens dieses traditionelle Konzept aus unseren Materialien (gemeint ist hier alles von Lehrbüchern und Computerspielen bis Parteiprogrammen und Theaterstücken) verschwinden wird, und dass zweitens die längst zu einem folkloristischen Gemeingut gesunkene Metaphysik, wenn auch wenig weiterführend, so doch kaum für irgend ein soziales Problem verantwortlich gemacht werden kann. Und schon gar nicht für Defizite der Humanität. Wo dies aber dennoch geschieht, so möchte man sich fragen, warum und aus welchem Grunde die Metaphysik der Tradition immer noch die nachdenklichsten Gemüter zu bewegen vermag.

Die Frage, so meine ich, muss zunächst ernster genommen werden als ihre mögliche Antwort. Warum arbeitet eine Gesellschaft immer noch an Problemen, deren Herkunft für sie weitgehend im Dunkeln liegt, während man gleichzeitig und andersherum nirgends sehen kann, dass die immer noch geführte Diskussion des Problems zu irgend einer Lösung führen kann? Für ein Bewusstsein eine bewusstseinsunabhängige Realität zu behaupten gleicht fast einer Zirkusnummer, diese aber zu widerlegen, ohne lachen zu wollen, bedeutet doch, im selben Zirkus engagiert zu sein. So weit ich es übersehe, war der Humor niemals ein Hauptanliegen der Philosophie, was vielleicht ein weiterer Grund für ihr Scheitern war.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man darüber nachdenkt, wann und warum dieses Problem aufgetaucht ist, und vielleicht findet man Hinweise darauf, dass das Problem in seinem Entdeckungszusammenhang eine Lösung verkapselte, die den damaligen Zeitgenossen vielleicht noch unsichtbar, aber doch nützlich entgegen kam, den heutigen Nachfahren aber schon sichtbar und in der Folge zu einem Gräuel wurde, weil sie nicht darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen so etwas wie ein Ding-an-sich überhaupt in Erscheinung treten konnte und warum man sich vormals so sehr dafür interessierte.

Einzusehen, dass es ein Ding-an-sich nicht gibt, dafür bedarf es inzwischen kaum einer komplizierten Anstrengung. Aber warum kam man denn überhaupt dazu? Diese Frage zielt darauf, ob man rückblickend latente Chancen der Realitätsbetrachtung ausfindig machen kann, die erst unter Bezugnahme auf ganz andere Bedingungen, auf gänzlich veränderte gesellschaftliche Realitäten und auf einem ganz anderen Feld in eine Lösung überführt wurden, eine Lösung, die allerdings nicht genutzt werden kann, solange man verbissen, gleich viel ob wert- oder geringschätzend, an der Tradition hängt und meint, ihr alle Defizite der Gegenwart zum Vorwurf machen zu dürfen.

Nun reicht hier natürlich dafür nicht mehr der Platz, diese Überlegungen zu vertiefen. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit, diese Dinge ausführlicher zu besprechen.

Ich möchte schließen damit, dass es zweifellos für ein Bewusstsein ganz sicher keine bewusstseinsunabhängige Realität gibt, aber für etwas anderes kann etwas anderes sehr wohl möglich sein. Die anschließende Frage lautet dann nicht: Was ist das? Sie lautet: Wie ist das möglich? Und wenn eine Antwort formuliert werden kann, dann nur durch Kommunikation, denn was immer ein Bewusstsein denken mag, nichts davon existiert als Realität, sofern darüber nicht kommuniziert werden kann. Wer etwas anderes behauptet, kommuniziert nur etwas anderes.

Aber so einfach ist das freilich nicht.

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