Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Die Fehlinterpretation der Wirklichkeit – Eine Zusammenstellung meiner Widerlegungen des metaphysischen Realismus und der Beweise für die Bewußtseinswelt

von Friedrich Seibold

Die Wirklichkeit besteht angeblich aus einer bewußtseinsunabhängigen Realität, der so genannten Außenwelt und dem Bewußtsein, der so genannten Innenwelt. So sieht es der metaphysische Realismus, die gängige Weltsicht, die aber in Form einer bewußtseinsunabhängigen Realität eine beweisbare Fehlinterpretation darstellt. Das ergibt sich alleine schon daraus, daß aus dem Bewußt-sein einer Welt keine von jeglichem Bewußtsein unabhängige Welt gefolgert werden kann. Überhaupt läßt sich aus dem Bewußtsein keine andere Art von Sein ableiten. Und daß man in der Erkenntnissuche logischerweise von nichts anderem ausgehen kann als vom Bewußtsein, das habe ich durch das Primat des Bewußtseins in meiner Wahrheitstheorie aufgezeigt; s. dazu den Essay „Einmal mehr: Was ist Wahrheit?“. Was immer man gegen dieses Primat vorbringen mag, es ist Ausdruck von Gedanken, also Bewußtsein, und widerlegt sich damit selbst. Es ist schwer zu begreifen, daß man nicht schon längst erkannt hat, wie widersinnig es ist, aus der Existenz des Denkens und damit des Bewußt-seins eine Existenz außerhalb jeglichen Bewußtseins zu folgern. Dem Denken bzw. dem Bewußtsein kann keine Welt unabhängig, d.h. außerhalb des Denkens bzw. des Bewußtseins widerspruchsfrei erreichbar sein. Es ist also mehr als naheliegend, daß ‚Welt’ immer eine aus Bewußtsein bestehende Welt ist.

Ferner ist es widersinnig, anzunehmen, die Natur existiere unabhängig vom Menschen bzw. vom menschlichen Bewußtsein, obwohl der Mensch ein Teil, ein Element der Natur ist. Das hieße, ein Ganzes sei unabhängig von einem seiner Teile oder es bestehe kein Zusammenhang zwischen etwas und dem, was aus jenem Etwas hervorgegangen ist.

Diese beiden Argumentationen sind zwar keine strengen Widerlegungen der realistischen Grundansicht, zeigen diese aber als höchst unplausibel.

Das gängige Weltbild findet seinen Ausdruck in der Vorstellung, (a) die Welt (Außenwelt) existiere bewußtseinsunabhängig, d.h., das Bewußtsein könne aus der Welt gedanklich herausgenommen bzw. weggedacht werden und in der Annahme, (b) es gäbe eine Welt, auch ohne diese zu denken. Diese Aussagen nun im einzelnen:

(a)

Die Welt (Außenwelt) existiert bewußtseinsunabhängig, d.h., das Bewußtsein kann aus der Welt gedanklich herausgenommen bzw. weggedacht werden.

Widerlegung der Behauptung: Die Weltsicht des Realismus in dieser Formulierung mit dem Begriff ‚bewußtseinsunabhängig’ widerlegt der ‚Prinzipielle Denkfehler’: „Begriffe, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließt, sind in dieser Bedeutung nicht denkbar, sind gedanklich nicht erfaßbar, sind nur als Denkfehler denkbar“; s. dazu den Essay „Ein grundlegender Denkfehler in der Philosophie“. Der Denkinhalt ‚bewußtseinsunabhängig’ ist ein Widerspruch in sich, weil seine Bedeutung („unabhängig vom Bewußtsein“ bedeutet „außerhalb des Bewußtseins“ und impliziert damit „außerhalb des Denkens“) sich vom Denken ausschließt. ‚Außerhalb des Denkens’ ist inhaltlich, d.h. sinngemäß nicht erfaßbar. Mengentheoretisch ausgedrückt: Die Denkinhalte ‚bewußtseinsunabhängig’ und ‚denkunabhängig’ sind Elemente der Menge (Gesamtheit) aller Denkinhalte, sind aber jeder ein Widerspruch in sich, indem sie sich durch ihre Inhalte „unabhängig vom Bewußtsein/Denken“ (= ‚außerhalb des Bewußtseins’ / ’außerhalb des Denkens’) vom Denken als Ganzem ausschließen; s. „Der Summensatz als Aporienschlüssel“ im Essay „Einmal mehr: Was ist Wahrheit?“. Ob als Begriff oder als Bedeutung, ‚bewußtseinsunabhängig’ ist ein Bewußtseinsinhalt/Denkinhalt, der als solcher  notwendigerweise bewußtseins- bzw. denkabhängig ist, daher unmöglich eine Beziehung zu dem haben kann, was mit bewußtseins- bzw. denk-u-n-abhängig zum Ausdruck gebracht werden soll. Funktional gesagt: ‚Bewußtseinsunabhängig’ wird bewußtseinsabhängig gedacht (weil es bewußtseinsabhängig ist), ist deshalb ein Widerspruch in sich, ein Denkfehler.  Kurz: Alles, was gedacht wird, wird bewußtseinsabhängig gedacht, so daß für ‚bewußtseinsunabhängig’ nur als Denkfehler im Denken Platz bleibt. Damit ist das übliche „realistische“ Weltbild apodiktisch widerlegt.

Eine spezielle Form des Prinzipiellen Denkfehlers ist ‚Nicht-Bewußtsein’, ein Denkinhalt, der im gedanklichen Herausnehmen des Bewußtseins aus der Welt besteht, denn dadurch entsteht in der Welt ein Zustand des Nicht-Bewußtseins. Nun ist aber das Bewußtsein Träger des Denkens. Wollte das Denken ein Nicht-Bewußtsein denken, entzöge es sich seine Grundlage. Bildlich gesprochen heißt das, „den Ast absägen, auf dem man sitzt“. Die Annahme, das Bewußtsein könne sich selbst wegdenken bzw. aus der Welt herausnehmen, d.h. sich verneinen, sich „aufheben“ entspricht einer Münchhauseniade. ‚Nicht-Bewußtsein’ läßt sich ebensowenig wie ‚bewußtseinsunabhängig’ vorstellen, weil das Vorgestellte eben Bewußtsein ist. Dasselbe gilt natürlich für ein ‚Nicht-Denken’ und ‚denkunabhängig’.

Da ein Nicht-Bewußtsein nicht sinngemäß, nicht widerspruchsfrei denkbar ist, läßt sich auch nicht sinnvoll denken, daß es existiert oder existieren könnte. Und weil also das Bewußtsein aus der Welt nicht herausgenommen bzw. weggedacht werden kann, ist es auch kein stichhaltiges Gegenargument, daß einst kein Bewußtsein in der Welt existiert habe. Vielmehr muß eben angenommen werden, daß Bewußtsein die Existenz von Lebewesen nicht voraussetzt. Folglich ist die Welt essentiell logisch zwingend Bewußtsein, ist nur als Bewußtseinswelt logisch haltbar. Die nachgewiesene, prinzipielle Unmöglichkeit eines Nicht-Bewußtseins ist ein unmittelbarer Beweis der Bewußtseinswelt.

Ein weiterer Beweis, daß sich das Bewußtsein nicht aus der Welt wegdenken läßt, ist der ‚Summensatz’: ‚A ist enthalten in der Summe aller A’; s. dazu den Essay „Einmal mehr: Was ist Wahrheit?“. Diese unmittelbare Denknotwendigkeit besagt, daß ein zu einer Ganzheit (einem System) definitiv gehörendes Element in der Summe aller zu dieser Ganzheit gehörenden Elemente enthalten ist. Also kann das Bewußtsein als ein definitives Element der Welt nicht aus der Gesamtheit aller Elemente ‚Welt’ gedanklich herausgenommen werden, zumal auch der entsprechende Gedanke zur Welt gehört und mit dem Bewußtsein aus dieser herausgenommen würde. Mit der unwiderlegbaren Logik des Summensatzes, mit der übrigens auch ein Denkinhalt/ Bewußtseinsinhalt nicht gedanklich aus dem Denken/Bewußtsein herausgenommen bzw. weggedacht werden kann (indem er sich inhaltlich als denk- bzw. bewußtseinsunabhängig präsentiert), kann das Bewußtsein nicht aus der Welt weggedacht werden. Sowohl der ‚Denkfehler’ als auch das ‚Nicht-Bewußtsein’ sind somit als Verstoß gegen den Summensatz darstellbar.

Zur Unterscheidung zwischen der mengentheoretischen Darstellung des ‚Denkfehlers’ (s. weiter oben) und seiner Darstellung als Verstoß gegen den Summensatz: Erstere zeigt ihn als Widerspruch in sich, letzterer zeigt, wie es zu diesem (und generell zu jedem) Widerspruch in sich kommt; s. dazu den im vorhergehenden Absatz genannten Essay.

(b)

Die Welt existiert, auch ohne diese zu denken.

Widerlegung dieser Behauptung: Ohne etwas Bestimmtes zu denken (hier die Welt), läßt sich nicht denken, daß dieses Bestimmte existiert. Den Widerspruch in sich in der Aussage (b) des gängigen Weltbildes enthüllt am schlagendsten mein

Philosophisches Lehrgedicht

Niemand kann ohne Widerspruch denken, nicht zu denken;
Niemand kann denken, etwas Bestimmtes nicht zu denken,
wird doch dieses Bestimmte in dem Gedanken gedacht.
Dennoch glaubt fast ein jeder, sinnvoll denken zu können,
es gäbe eine Welt, auch ohne diese zu denken.

Wie dann eine Welt „ohne diese zu denken“ denken,
wenn doch in dem Gedanken die Welt gedacht werden muß?
Indem nun also, was auch immer als Welt gedacht wird,
dieses Etwas nur vermeintlich nicht gedacht werden kann,
gibt es keine Form vonWelt, ohne diese zu denken.

Zu denken, es gäbe eine Welt, auch ohne diese zu denken, beinhaltet einen zweifachen Widerspruch in sich. Zum einen kann man eine Existenz (bzw. beliebig sonstiges) nicht denken, ohne sie/es zu denken, zum anderen wird sie/es eben durch ihr/sein vermeintliches Nicht-Denken gedacht. D.h. im ersteren Fall besteht der Widerspruch in sich zwischen Hauptsatz und Nebensatz (die Existenz einer Welt denken, ohne sie zu denken), im letzteren Fall innerhalb des Nebensatzes („ohne die Welt zu denken“).

Bereits die unter Punkt (a) aufgezeigte Unmöglichkeit eines Nicht-Bewußtseins verweist direkt auf die Notwendigkeit einer Bewußtseinswelt. Ihrem weiteren unmittelbaren Beweis dient die folgende, noch nicht dargestellte ‚Philosophische Weltformel auf mengentheoretischer Grundlage’:

Behauptung: Welt = Bewußtsein.

Beweis:

Erste Prämisse: Von einer nicht gedachten Welt läßt sich nicht widerspruchsfrei reden (weil, um von ihr zu reden, sie gedacht werden muß), d.h., eine nicht gedachte Welt ist logisch nicht denkbar. Jede Form von Welt wird gedacht und ist damit in Bewußtsein enthalten; vgl. Punkt (b) bzw. die Schlußfolgerung des Lehrgedichts.

Zweite Prämisse: Alles Bewußtsein ist in der Welt enthalten.

Schlußform (Theorem der Mengenlehre): Wenn A enthalten in B und B enthalten in A, dann A = B.

Schluß(folgerung): Indem also gilt, Welt enthalten in Bewußtsein und Bewußtsein enthalten in Welt, gilt Welt = Bewußtsein.

q.e.d.

Allen Ausdrucksformen des gängigen Weltbildes ist gemeinsam, daß sie Widersprüche in sich darstellen. In der Behauptung (a) ist es eine bewußte bzw. bewußtseinsabhängige Bewußtseinsunabhängigkeit sowie ein Bewußtsein, das sich selbst durch das Denken aus der Welt wegdenken will und ein Bewußt-sein des Nicht-Bewußtseins; in der Behauptung (b) ist es der nicht gedachte Gedanke „Welt“ bzw. das gedachte Nicht-Denken einer Existenz. Einschließlich der ‚Weltformel’ ist der metaphysische Realismus und damit das gängige Weltbild somit wenigstens fünffach widerlegbar, wodurch zugleich die Bewußtseinswelt zweifach (zum einen durch die Unmöglichkeit eines Nicht-Bewußtseins unter [a], zum anderen durch die ‚Weltformel’) unmittelbar beweisbar ist. In den übrigen drei Fällen ist sie indirekt beweisbar: durch die Konsequenz des Denkfehlers „bewußtseinsunabhängig“, durch den Summensatz, ebenfalls unter (a), und durch das Lehrgedicht unter (b).

Alle diese Beweise bzw. Widerlegungen zeigen die logische Unhaltbarkeit eines bewußtseinsunabhängigen Seins und damit die Unhaltbarkeit des Dualismus von Realität und Idealität sowie als Konsequenz davon die logische Notwendigkeit der essentiellen Einheit der Welt. „Bewußt“ im Terminus ‚Bewußtsein’ bzw. ‚Bewußtseinsinhalte’ kann dabei – wie im Essay „Ein grundlegender Denkfehler in der Philosophie“ gesagt – als Veränderungen von Individuen (Individualbewußtseinen) aufgrund ihrer Wechselwirkung, die als solche eine Erkenntnis der Physik ist, gedeutet werden (funktionale Hypothese!). Jedenfalls steht damit  philosophischer- / metaphysischerseits fest, daß es nicht nur kein bewußtseinsunabhängiges Sein, sondern folglich überhaupt keine essentielle Dualität geben kann, und dann ist es letztlich gleichgültig, wie man das ‚Substrat’ der Welt bezeichnet, ob als ‚Natur’, als ‚Gesamtbewußtsein’ oder wie von quantenphysikalischer Seite als ‚Information’. Somit zeigt sich schließlich auch logisch-philosophisch, was uns die Teilchenphysik hinsichtlich der makro- /mesoskopischen Welt und insbesondere neueste Erkenntnisse der Quantenphysik zudem hinsichtlich der Teilchenwelt lehren, nämlich daß die ‚reale’ = bewußtseinsunabhängige körperliche Welt eine Scheinwelt ist.

Die mit der Bewußtseinswelt entdeckte Wirklichkeit ist das Resultat logischen Denkens und damit eine gedachte, denkend konstruierte Wirklichkeit. Es macht deshalb keinen Sinn, eine tieferliegende Wirklichkeit für erreichbar zu halten, denn eine ‚wirkliche Wirklichkeit’ könnte nur abermals eine gedachte Konstruktion sein, die sich am logischen Denken messen lassen müßte, wenn sie eine logisch zwingende Wahrheit sein soll. Deshalb suggeriert eine ‚wirkliche Wirklichkeit’ lediglich, daß es per impossibile denkbar ist, daß das Denken sich als solches übersteigen könne.

Die ‚reale’ Welt ist eine offensichtlich durch die Sinne bzw. die Wechselwirkung der Sinnesdaten (‚physikalische’ Entitäten!) im Gehirn bewirkte Scheinwelt. Die Bewußtseinswelt ist die durch logische Analyse, d.h. die Wechselwirkung von Denkinhalten (ideale Entitäten!) bewirkte wirkliche Welt. Beide Welten, die scheinbare und die wirkliche sind Konstruktionen eines  menschlichen Individualbewußtseins, denn natürlich sind auch die Schlußfolgerungen aus einer logischen Analyse eine mentale Konstruktion, nicht nur die akzidentiellen Eigenschaften von Entitäten der körperlichen Scheinwelt.

Es ist eine naheliegende Annahme, daß sich Bewußtseinsinhalte wechselwirkend speziell zu Denkinhalten verändern können, die dann ihrerseits durch die postulierte Wechselwirkung Entitäten der Welt konstruieren. Konstruiert wird natürlich nicht die Existenz der Welt (Konstruktion setzt Existierendes voraus), sondern nur ihre Essenz (‚Bewußtsein’ bzw. ‚Natur’ und

die Fehlkonstruktion ‚Bewußtseinsunabhängiges’) sowie das Akzidentielle ihrer Eigenschaften, d.h. deren unterschiedliches Bewußt-werden, eben die verschiedenen Bewußtseinsinhalte. Diese werden konstruiert durch wechselwirkende und sich dadurch verändernde Individuen (Individualbewußtseine), während speziell Denkinhalte durch wechselwirkende und sich dadurch verändernde Bewußtseins- und/oder Denkinhalte konstruiert werden.

Es bleibt zu hoffen, daß der Irrweg des metaphysischen Realismus möglichst bald aufgegeben wird. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, eine widersinnige Theorie ad acta zu legen, sondern vor allem um eine weltanschauliche Aufklärung bezüglich einer irrigen Weltsicht als Voraussetzung für die Verinnerlichung der Bewußtseinswelt, um die Identifizierung des Menschen mit seiner gesamten Umwelt und damit eine Vertiefung des Humanitätsgedankens zu erreichen mit dem Ziel, das durch Menschen bewirkte Leiden in der Welt zu vermindern.

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