Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Hans Sieverding: Himmel, Hölle, 1, 2, 3. Briefe an Ovid. Eine Ausstellung des Marburger Kunstvereins, Oktober - November 2004

Bereits der Titel der Ausstellung verbindet zwei Bedeutungsebenen miteinander: sein erster Teil bezieht sich auf das bekannte Kinderspiel, der zweite auf Ovids "Briefe der Heroinen", in denen, vom Dichter erfunden, etwa Penelope an Odysseus, Briseis an Achill, Dido an Aeneas, Ariadne an Theseus, oder Medea an Jason schreiben, die Trennung beklagen und auf ein Wiedersehen hoffen. Rolf Jessewitsch erläutert in der Einleitung: "Gestern ist heute" zum Katalog: "Hans Sieverding geht von den Schriften des Dichters aus, um ihm und uns eine verständliche Rückmeldung zu geben: die Techniken haben wir weiterentwickelt, nicht aber unser Zusammenleben. Da finden die alten Grabenkämpfe statt" (Katalog, S. 5).

Jessewitsch zum Haupttitel: "Die Extrema menschlichen Schicksals werden spielerisch beschworen - in einem Spiel oder hier: in einem Bild. Dabei sind Himmel und Hölle kein Gegensatz, sondern zwei Seiten der Folgen schicksalhafter Verstrickungen des Menschen" (ebda.). Äußerst interessant ist also die Verknüpfung der beiden Bezugsebenen, die Jessewitsch herstellt: "Aus der Gegenwart wendet sich Hans Sieverding an Ovid und antwortet ihm, dass er die Menschen wie die der Antike sieht: von Gefühlen getrieben sind sie dem Spiel der Götter ausgeliefert, denn: sie lassen sich treiben. Da er die Himmlischen weit über sich wähnt, schafft sich der Mensch für seine Vorstellungen Mittler, die ihm ähnlich sind: Heilige. In der Antike sind es Heroen: Menschen, die den Göttern nahe stehen, ohne ihre Nähe zu den einfachen Erdenbürgern verloren zu haben" (ebda.). Diese Fingerzeige sind bedeutsam, auch wenn manches unabgesichert scheint ("sie lassen sich treiben"). Bereits hier zeigt sich, die Bilder selber fordern zu ihrer Interpretation heraus, für die sie aber zugleich eindeutige Hinweise verweigern.

Halten wir jedoch fest: "Mittler" sind archetypische Gestalten, die zwei Sphären - in der Regel eine niedere und eine höhere - miteinander verbinden. Die Heroinen Ovids und Sieverdings sind solche Figuren. Der Maler stellt sie gesichtslos dar, häufig als bloße Umrisse, deren Bewegungslinien sich überlagern und so den Eindruck vermitteln, dass diese Frauen einen rituellen Tanz aufführen. Das konstitutive Element der Bilder wird so, was ihnen eigentlich zu Grunde liegt: "Es scheint, als sei die Zeichnung nicht nur historisch die ursprünglichste aller künstlerischen Äußerungen, sondern auch für den einzelnen Künstler heute noch der eigentliche Anfang bildnerischen Denkens, eine unverzichtbare Methode, um den eigentlichen Bildgedanken auf die Spur zu kommen [...]. [...] Bei Sieverdings Arbeiten wird die Zeichnung [...] zum eigentlichen [...] bildkonstituierenden Element" (Bernd Storz: "Suchbewegungen. Zum Bilderzyklus Himmel, Hölle, 1, 2, 3 von Hans Sieverding", Katalog S. 45). Wenn die Zeichnung eigentlich "Bildeinfälle" (ebda.) festhält, also Grundmomente einer Bild-Bewegung, die dann zu seiner Struktur werden, so kehrt Sieverding, indem er die zeichnerischen Linien zum eigentlichen Thema seiner Malerei macht, diesen Prozess um. Das Zugrundeliegende, ins Unsichtbare Zurücktretende, wird sichtbar, und der Betrachter begreift, dass im Innern einer archetypischen Form eine sie ausmachende Bewegung stattfindet.

 

Wodurch entstehen archetypische "Figuren"? Auf vielen der in Marburg zu sehenden Bilder ist die Begegnung zwischen Mann und Frau in den Innenraum der Frau verlegt, der aber nun nach außen tritt und damit, in der Verbindung von Innen und Außen, zur Metapher wird - für den eigentlichen seelischen Bereich, seine Hoffnungen und Verletzungen. Damit wird jedoch zweierlei deutlich, das, wenn heute von "Seele" gesprochen wird, nur zu leicht vergessen wird. Zum einen ist offenbar die individuelle Seele nichts Statisches, sondern beinhaltet, wie Sieverding zeigt, eine archetypische Bewegungsform. Zum anderen weist eben ihr Archetypisches auf eine in ihm stattfindende und es ausmachende Begegnung hin. In der individuellen Seele verbirgt sich ein kollektives Prozess-Moment: "die Figur [steht] nicht für sich selbst [...], sondern [erscheint] immer als ein Hinweis auf etwas anderes [...]: Haltung, Emotion, spezifische Bestimmtheit. Hier klingen die großen Gefühle an [...]. Hier, in den fragilen bildnerischen Erkundungen, die eine Festlegung auf vorgefertigte Bildbegriffe gar nicht erst zustande kommen lassen, erscheinen Liebe und Leidenschaft, Zerstörung, Kampf und Verzweiflung, Tragik, Trauer und Wut in ihrer Ursprünglichkeit und Individualität" (ebda.).

Darin aber liegt das Seltsame: es gibt keine "großen" - ursprünglichen - "Gefühle" ohne ein den eigenen Ursprung erst konstituierendes archetypisch-kollektives Moment. Und seine Daseinsweise entzieht sich jeder "Festlegung auf vorgefertigte Bildbegriffe". Was wären in diesem Betracht "Liebe und Leidenschaft", "Kampf und Verzweiflung", oder "Trauer und Wut"? Wenn das Archetypische in unserer Seele, das uns doch zutiefst fremd ist, sich momenthaft mit ihrem individuellen Kern verbindet und beide sich ineinander spiegeln, gleichermaßen aber auf eine weitere solche Spiegelung, in einem anderen Menschen, treffen, kann es zu einer existentiellen Begegnung kommen, in der sich gleichsam die "Liebe selbst", und so auch wesenhafte Auseinandersetzung, Verzweiflung oder Wut angesichts des tiefsten Scheiterns und eine bis in den Abgrund der Daseins reichende Trauer, die die eigene Ausweglosigkeit in letzter Steigerung akzeptiert, entzünden.

 

Das ist die Welt der griechischen und Shakespeareschen Tragödien, oder auch des Hölderlinschen "Hyperion". Etwas davon jedoch zeigt sich auch in den Sieverdingschen Bildern. Storz berichtet vom Anspruch des Malers, "in seinem Zyklus Zustandsbeschreibungen in heutiger Sicht zu geben und dabei, wie er sagt, "trotzdem optimistisch" zu bleiben"" (ebda.); eben dieser Optimismus verweigert sich der klassischen, wie der modernen Haltung, die Wahrheit nur im Extrem findet, ohne deswegen in bloße Harmlosigkeit zu geraten. Die Gefahr, ins Harmlose abzugleiten, scheint allerdings manchen Arbeiten Sieverdings anzumerken zu sein. Wodurch begegnen die Bilder dieser Tendenz? Sie bekennen sie ein: die Tanz-Linien der "Heroinen" schaffen keine räumliche Tiefe, sondern bewegen sich direkt auf der Bildoberfläche. Wenn es denn heute noch etwas Archetypisches gibt, so existiert es, rätselhaft genug, auf der Fläche der gegenwärtigen Lebensbezüge.

Max Lorenzen

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