Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

"Es wird mir ganz wichtig sein, die Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern weiter zu intensivieren"

Gespräch mit dem Marburger Bürgermeister Egon Vaupel

 

"…und bin dann nach dem Grundwehrdienst der Liebe wegen nach Marburg gekommen"

Marburger Forum: Herr Vaupel, natürlich kennt Sie jede Marburgerin und jeder Marburger. Aber rufen Sie uns, und gerade auch den Nicht-Marburgern, doch bitte einige Daten ins Gedächtnis. Seit wann sind Sie Bürgermeister, und in welchem Bereich waren Sie vorher tätig?

Egon Vaupel: Ich bin Bürgermeister seit dem 1. November 1997. Am 31. Oktober 1997 in der Stadtverordnetenversammlung gewählt, konnte ich bereits einen Tag später den Dienst antreten. Vorher war ich in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig. Ich habe am 1. November 1966 eine Lehre als Großhandelskaufmann bei einem Süßwarengroß- und Kfz-Einzelhändler in Bad Endbach begonnen. Das waren sehr lehrreiche Jahre im wahrsten Sinne des Wortes. Danach bin ich in die Industrie gegangen zu den Frank´schen Eisenwerken nach Dillenburg/Niederscheld. Dort war ich in der Arbeitsvorbereitung tätig und zuständig für Materialbeschaffung, Materialdisposition und alles, was damit zusammenhängt. Durch die Firma bekam ich die Chance, eine zusätzliche Ausbildung in REFA-Studien vorzunehmen. Dabei geht es um Arbeitszeitstudien, Arbeitsplatzgestaltung, Arbeitsplatzeinrichtung. Das hat mir gleichfalls sehr viel gebracht und mir einen tiefen Einblick in die Arbeitswelt vermittelt. Nach Ableistung des Grundwehrdienstes kam ich der Liebe wegen nach Marburg.

Natürlich ergab sich, da ich aus der Industrie kam, für mich die Frage, was nun in Marburg tun? Es gab wenig industrielle Betriebe in Marburg. Den Beruf, den ich ausübte, gab es hier quasi nicht, es war jedenfalls kein Arbeitsplatz zu finden. Über einen guten Bekannten bekam ich dann den Tipp, doch bei der Finanzverwaltung anzuheuern. Das habe ich auch getan. Ich habe dann eine weitere Ausbildung zum Finanzwirt in der Finanzverwaltung gemacht. Danach noch eine Weiterbildung in EDV. Viele Jahre habe ich dann beim Finanzamt in Marburg im Publikumsverkehr gearbeitet. Dies hat mir einen großen Spaß gemacht. Und wenn ich das abschließend noch sagen darf, geplant war der Schritt am 1.11.1997 zum Bürgermeister nicht, der kam überraschend.

MF:   Schließen wir doch der Vollständigkeit halber gleich noch die Frage an, wann Sie geboren wurden, und woher Sie stammen?

Egon Vaupel: Geboren wurde ich am 15.11.1950 in Schlierbach. Dort bin ich auch zur Schule gegangen. Die ersten Jahre Volksschule, erste Klasse erste Reihe, achte Klasse achte Reihe, acht Klassen in einem Schulraum. Wir waren zu dritt im Schuljahr. Ich wechselte dann später nach Hartenrod in die Mittelpunktschule und kam über die Handelsschule und Berufsausbildung, wie bereits beschrieben, nach Marburg. Das sind die wichtigsten Stationen in meinem bisherigen Leben gewesen.

 

"Damit war die Grundlage gelegt für meinen Weg in die Politik"

MF: Wie kommt man zur Politik - welche Interessen und natürlich welche Fähigkeiten gehören nach Ihrer Ansicht dazu?

Egon Vaupel: Ich glaube, die wichtigste Fähigkeit, um Politik machen zu können, ist das Interesse an den Menschen, an ihren Lebensumständen und dem friedvollen Zusammenleben der Menschen weltweit. Wie bin ich dazu gekommen: ich glaube, daß den wichtigsten Part dabei mein Großvater gespielt hat. Es gibt zwei ganz wichtige Personen in meinem Leben, die mich geprägt haben. Das eine ist mein Großvater, die andere meine Mutter. Mein Großvater hat mich von Anfang an darauf hingewiesen, daß man die Pflicht hat, das Zusammenleben in einer Demokratie und einem Gemeinwesen aktiv mitzugestalten. Ob nun in der Politik, oder in einem Verein. Ich denke, damit war die Grundlage gelegt für meinen Weg in die Politik. Dazu kommt natürlich, daß ich großen Spaß an der Kommunikation mit meinen Mitmenschen gefunden habe, von denen ich auch immer sehr viel lernte und immer noch lerne .

MF: Skizzieren Sie bitte für unsere Leserinnen und Leser Ihren gegenwärtigen Aufgabenbereich. Womit hat sich der Bürgermeister einer mittelgroßen Universitätsstadt zu befassen?

Egon Vaupel: Mein gegenwärtiger Aufgabenbereich ist sehr umfangreich. Er umfasst die gesamten Themen, die den Baubereich betreffen. Er hat weiterhin mit den Liegenschaften der Kommune zu tun und betrifft natürlich Schule und Kultur. Ich bin zuständig für die Volkshochschule und die Stadtbücherei, auch das liegt mir sehr am Herzen. Die Vertretung der Stadt im Zweckverband der mittelhessischen Wasserwerke liegt in meinem Aufgabenbereich, ebenso der gesamten Abwasserbereich, sowie die Städtischen Bäder und auch der Sport. Es handelt sich also um ein sehr umfangreiches Aufgabengebiet.

MF: "Kultur" im weitesten Sinne spielt in Ihrem Amt eine große Rolle. Könnten Sie uns die spezifische Marburger Situation in dieser Hinsicht beschreiben?

Egon Vaupel: Die besondere Stärke Marburgs wird natürlich durch die Universität begründet. Hieraus ergibt sich auch die Einzigartigkeit des Marburger Kulturlebens. Ich höre oft, solang es hell ist, lebt Gießen stärker, aber wenn das Licht angeschaltet wird, geht man nach Marburg - weil man in Marburg etwas erlebt, sich wohlfühlen kann und weil man sich beteiligen kann.

Das beginnt natürlich bei den Marburger Kinobetrieben. Die hohen Besucherzahlen sind allen bekannt. Das hat etwas mit der Familie Cloosmann und das hat etwas mit der Familie Hetsch zu tun. Es geht nicht nur darum, ein Kino zu betreiben und Filme abzuspulen, sondern es geht um das angebotene Programm.

Und so geht das weiter in die einzelnen Bereiche der Kultur. In der Zusammenarbeit zwischen Universität und Stadt entwickelt sich einiges, so beispielsweise der Kamerapreis und der Literaturpreis und ganz neu der Debattierclub.

Die spezifische Situation der Kultur in Marburg wird bestimmt von der Vielfalt, und für mich ist es ein ganz großes Anliegen, diese Vielfalt zu erhalten. Kultur bedeutet für mich, viele Anstöße zu geben und Diskussionen zu führen, im Diskurs zu sein. Nur über die Kultur, nur über die Auseinandersetzung in der Kultur werden wir meiner Auffassung nach Zukunftsfragen wie die Integration lösen können.

Um dies alles abzusichern, brauchen wir in den nächsten Jahren eine Diskussion um die finanzielle Zukunft der Kulturinitiativen, gerade auch im soziokulturellen Bereich.

 

"Wir müssen unsere Kinder viel stärker kreativ bilden"

MF: Fragen wir etwas genauer nach. Sie gehören einer rot-grünen Koalition an. Welche Präferenzen werden da in der Kulturpolitik gesetzt, was ist besonders wichtig, was ist es weniger?

Egon Vaupel: Für uns ist es ganz wichtig in der Koalition – und die Zustimmung hierbei geht weit über die Koalition hinaus, das merkt man immer wieder bei den Haushaltsberatungen - , eben diese Vielfalt in der Kultur zu unterstützen. Es gibt in dieser Hinsicht, wie ich letztens einmal gesagt habe, verschiedene Leuchttürme, die besondere Wichtigkeit haben. Das ist das Hessische Landestheater, das ist der Konzertverein, das sind die soziokulturellen Zentren in der Stadt, die freie Kulturszene, wobei mir diese Etikettierung "frei" und "bürgerlich" überhaupt nicht zusagt. Was bedeutet hier "frei"? Da müßte das Andere ja "unterdrückt" sein, so kann ich das beim besten Willen nicht sehen. Die Breite ist uns wichtig, ihr gehört die Präferenz. Ich würde überhaupt keine einzelnen Sparten dabei herausstellen.

Für mich ist aber, gerade auch im Kulturbereich etwas ganz besonders wichtig, das ist die Ausbildung und Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen. Wir müssen unsere Kinder viel stärker kreativ bilden, und dazu gehört für mich das Kinder- und Jugendtheaterfestival, dazu gehört ‚Ramba-Zamba’, dazu gehört für mich die gute Arbeit der Musikschule und dazu gehören für mich die gute Zusammenarbeit verschiedener Initiativen mit den Schulen. Also wenn ich eine Präferenz sehen würde für die Koalition, dann wäre das der Weg, die Kinder und die Jugendlichen hin zur Kultur zu führen, weil das ein guter Weg ist. Aber auch die Eltern sollten ihren Teil zur kreativen, ja auch spielerischen Bildung der Kinder beitragen. Wir alle müssen den Kindern Lust auf das Lernen machen.

MF: Natürlich fehlt überall das Geld. Immerhin wird aber in Marburg ein größeres kulturelles Projekt geplant und demnächst umgesetzt, nämlich der Theaterneubau auf dem Gelände des Theaters am Turm. Worin liegt die Bedeutung dieses Vorhabens ?

Egon Vaupel: Wenn ich sage, daß wir Fragen der Zukunft nur lösen können, wenn wir uns in einem kulturellen Diskurs auseinandersetzen, dann braucht Kultur natürlich auch Räume. Ohne Räume ist das nicht möglich. Der Theaterneubau, oder besser gesagt die Weiterentwicklung des Geländes am ehemaligen Gaswerk war keine bereits langfristig geplante Überlegung der Stadt. Sie wurde notwendig durch die Kündigung des Mietvertrages für das Café Trauma durch das Land Hessen. Eine Umfrage hat ergeben, dass gerade das Café Trauma, neben den Marburger Kinos, eine der beliebtesten Einrichtungen der Erstsemester ist. Wir mußten also eine Lösung suchen, sollte die Einrichtung nicht geschlossen werden. Wir haben über die kulturpolitische Gesellschaft eine Umfrage in Marburg gestartet, ob, wie und wo wir Räume neu erstellen, bzw. bestehende weiter entwickeln sollten. Das Ergebnis war das Gelände des ehemaligen Gaswerkes. Für mich ist dieses Gelände als Kulturstandort ein wichtiger Bausteine für die Zukunft. Hier kann sich in der Zusammenarbeit zwischen Medienwerkstatt Abraxas, German Stage Service [einem freien Theaterprojekt], dem Musiker/Innenverein und dem Café Trauma ein Kulturstandort entwickeln, der weit über die Grenzen von Marburg hinausstrahlt.

MF: Kultur benötigt, wie Sie gerade ausgeführt haben, Vielfalt. Die jedoch kostet Geld. Sie müssen einen vernünftigen ökonomischen Rahmen für die Marburger Kultur-Szene bereitstellen. Bedauern Sie, dass manches einfach nicht machbar ist, oder anders gefragt, welches wären Ihre Wünsche und Utopien?

Egon Vaupel: Selbstverständlich bedaure ich, dass wir manches (noch) nicht finanzieren können. Ich würde gerne in den unterschiedlichsten Bereichen etwas mehr Geld zur Verfügung haben. Das ist im Moment nicht da. Hier besteht aber Handlungsbedarf. Bund und Länder müssen sich stärker beteiligen und die Kultur ist als Verfassungsziel festzuschreiben.  Meine Wünsche und meine Visionen für die Zukunft hängen aber zuerst mit den Menschen zusammen, die in der Kulturszene arbeiten. Ich hoffe, dass wir weiter so viel ehrenamtliches Engagement haben werden, wie das in der Vergangenheit auch der Fall war. Es wird sehr oft von Sponsoring gesprochen und an große Unternehmen und Marken gedacht. Für mich ist die beste „Marke“ die wir haben, die ehrenamtlich Tätigen der vielen, vielen Kulturschaffenden in unserer Stadt. Es ist mein Wunsch, dass das so bleibt und alle erkennen, dass ein solches Einbringen auch einem selbst etwas gibt und damit auch eine Gegenleistung erfolgt. Meine Utopie wäre, dass die Menschen viel früher als ich beispielsweise, der erst sehr spät den Weg in die Kultur gefunden hat, über den Kindergarten, über die Schüle Nähe zu Kunst und Kultur bekommen. Ich bin mir sicher, dass die kreative Ausbildung und Bildung des Menschen eine der wichtigsten Grundlagen für unser Leben darstellt.

 

"Das, was mir am meisten Leid tut in der Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte ist, dass es das Luisabad nicht mehr gibt"

MF: Immer wieder beklagen sich die Marburger Kulturschaffenden, dass wichtige Veranstaltungen kaum überregional wahrgenommen werden. Wie kommt das, liegt es an der schlechten Verkehrsanbindung oder gibt es andere Gründe?

Egon Vaupel: Dies hat mit der Verkehrsanbindung nichts zu tun. Man kann über die Verkehrsanbindung Marburgs streiten, es gibt mit Sicherheit Verbesserungsbedarf. Ob damit aber eine Verbesserung der überregionalen Wahrnehmung erfolgt, bezweifle ich. Ich bin auch nicht der Auffassung, dass die Veranstaltungen in Marburg schlecht besucht sind, die meisten Veranstaltungen in Marburg sind sehr gut besucht. Diese Wahrnehmung mag dadurch zustande kommen, weil in Marburg nur wenige Großveranstaltungen stattfinden. Es erhebt sich jedoch die Frage, ob man diese Großveranstaltungen braucht? Es gibt auch heute schon viele Veranstaltungen in Marburg, die aufgrund der Qualität weit über unsere Grenzen ausstrahlen, bspw. das Hessische Landestheater, der Kamerapreis oder auch das Treppenprojekt im Vorjahr. Und jedem Insider auch überregional ist bekannt welch hohen Standard JIM hat. Das Wichtigste ist, dass man der Kultur in unserer Stadt den Nährboden gibt der notwendig ist um gute Kunst und Kultur zu entwickeln und nicht nur die überregionale Aufmerksamkeit sieht. Diese kommt dann von selbst. Die überregionalen Veranstaltungen kosten meist  sehr, sehr viel Geld und über die Qualität der Veranstaltungen lässt sich streiten.

MF: Wenn Sie die Marburger Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte Revue passieren lassen, was hätte Ihrer Ansicht nach unbedingt anders laufen müssen - und womit sind Sie besonders zufrieden?

Egon Vaupel: Am meisten stört mich in der Stadtgeschichte der letzten Jahrzehnte, dass es das Luisabad nicht mehr gibt. Ob dieses Luisabad heute dann noch das alte Bad wäre oder eine andere Einrichtung in sich aufgenommen hätte, will ich dahingestellt sein lassen. Aber dieses Gebäude hätte ich gerne noch in der Stadt, es gehört für mich immer noch zum Marburg Stadtbild.

Es gibt markante Punkte, Bauwerke in einer Stadt die bestehen bleiben müssen. Was zur Geschichte gehört, sollte für die Zukunft erhalten bleiben.

Besonders zufrieden bin ich damit, dass unsere Stadt sich immer als Stadt der Bildung, als Stadt der Schulen und Universität sieht. Dies hat etwas mit dem Pflänzchen zu tun, das Landgraf Philipp gesetzt hat, als er die Universität, als er das Gymnasium Philippinum gründete. Er hat deutlich gemacht, wie wichtig die Bildung ist, dass muss so bleiben und wird auch der Wirtschaft in der Stadt nützlich sein.

MF: Wie könnte man die Marburger Oberstadt wieder mehr beleben? Oder lässt sich das permanente Geschäftssterben, die Verödung der Innenstädte, einfach nicht aufhalten?

Egon Vaupel: Das ist eine ganz schwere Frage. Es handelt sich hier um kein Marburg-spezifisches Problem, sondern um ein vielschichtiges Problem des Einzelhandels europaweit. Stichwort wie ECE, großflächiger Einzelhandel und Internet sagen einiges hierüber. Ich glaube, dass wir die Aufenthaltsqualität, den Erlebniswert der Oberstadt weiter steigern müssen. Die Grundlage ist mit dem Erhalt, der Sanierung der Bausubstanz in der Oberstadt gelegt. Ein weiterer Schritt, den wir gehen, besteht darin, die Plätze in der Oberstadt zu optimieren und auszubauen. Es hat einen Wettbewerb auf Initiative des Kinder- und Jugendparlamentes gegeben. Die Ergebnisse beginnen wir nun umzusetzen, das ist am unteren Steinweg bereits sichtbar.

Ich glaube, wir können nur dann etwas gegen den Trend tun, wenn darüber hinaus alle an einem Strang ziehen. D.h. die Hausbesitzer, die Geschäftsleute,  Mieter und Politik müssen gemeinsam handeln. Wir müssen lernen mit einem Gesamtkonzept die Innenstadt zu bewerben. Ich bin mir sicher, dass wir in Marburg trotz der Probleme gute Voraussetzungen haben, auch aufgrund der baurechtlichen Voraussetzungen die wir beschlossen haben und an denen wir festhalten müssen.

 

"Es ist richtig gewesen, Marburgs neue Mitte zu planen und da zu bauen, wo sie ist"

MF: Marburgs "neue Mitte", also das Erlenringcenter, die Kunsthalle und das Cineplex, sowie demnächst ein Wohn- und Dienstleistungszentrum, bietet immer noch Stoff zur Diskussion. Der größte der Läden des einen Gebäudes wurde überhaupt noch nicht vermietet. Hat man am Bedarf vorbeigeplant?

Egon Vaupel: Nein, ich glaube, es ist richtig gewesen, Marburgs neue Mitte zu planen und dort zu bauen. Das bedeutet nicht, dass ich städtebaulich mit allem zufrieden bin, was dort entstanden ist. Ich habe eben schon gesagt, ich werde das Luisabad immer vermissen. Genauso halte ich die architektonische Gestaltung des Erlenringcenters vorsichtig ausgedrückt für nicht gelungen. Man muss einen höheren Anspruch an die architektonische Gestaltung gerade in Innenstädten haben.

Darüber hinaus bin ich aber der Auffassung, dass Marburg-Mitte in der Konzeption mit den Kinos und der Kunsthalle als Kulturbausteine inklusive der Wohnnutzungen, eine wichtige und prinzipiell gelungene Sache ist. Wohnen in der Innenstadt wird in Zukunft noch wichtiger sein. Es ist von großer Bedeutung, dass die Menschen wieder in den Städten wohnen. Das hat auch etwas mit dem Einzelhandel und der Oberstadt zu tun. Auch die Verbindung zwischen dem sanierten Weidenhausen und der sanierten Oberstadt musste entwickelt werden. Die Konzeption von Mensa, Universität und Weidenhausen über den Elisabeth-Blochmann-Platz, über die neue Brücke und den Oberstadtaufzug in die Oberstadt zu kommen ist richtig. Dass der größte Laden noch nicht vermietet ist hat mit Sicherheit unterschiedliche Gründe. Dort könnte sofort eine Spielhalle untergebracht werden, aber das möchte ich auf keinen Fall. Vielleicht muss man sich überlegen in kleineren Einheiten zu vermieten. Dies funktioniert in der Nachbarschaft.

 

"... im Urlaub erst mal eine Woche gammeln"

MF: Sie kandidieren für das Amt des Oberbürgermeisters ( und wir wünschen Ihnen dazu viel Erfolg). Die Wahl ist am 30. Januar 2005. Welche besonderen Akzente in welchen Bereichen würde der Oberbürgermeister Egon Vaupel in seiner Politik setzen?

Egon Vaupel: Es wird mir ganz wichtig sein, was ich Ihnen eingangs bereits sagte, die Zusammenarbeit mit den Menschen, die Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern weiter zu intensivieren. Ich glaube, Prozesse für die Zukunft kann man nur gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern anstoßen, kann man nur mit den Bürgerinnen und Bürgern entwickeln. Man wird weiterhin eine Diskussion führen müssen über die Infrastruktur bei veränderten Vorgaben, sprich: die zu erwartende demographische Entwicklung. Die Bevölkerungszahlen werden rückläufig sein und die Menschen werden älter werden. Deshalb müssen wir eine Diskussion beginnen über die Fragen: Wie wollen wir im Alter leben? Ist es richtig, dass wir ältere Menschen in Heimen unterbringen oder brauchen wir veränderte Wohnformen, die kleeblattmäßig über die Stadt verteilt sind? Müssen wir in der Innenstadt deutlich mehr barrierefreie Wohnungen schaffen?

Es wird darüber hinaus zwei Bereiche geben, die werden mir immer am Herzen liegen, und sie werden immer Priorität genießen. Das ist der Bereich Bildung und der der Kultur.

Bei allem dürfen wir die Entwicklung der Kinderbetreuung nicht vergessen. Wenn ich von der Entwicklung spreche meine ich nicht nur mehr Plätze, sondern auch veränderte Formen der Betreuung, die den geänderten Lebensweisen gerecht werden.

MF: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Was machen Sie in Ihrer Freizeit, wohin verreisen Sie gerne, welche Musik, welche Bücher und Bilder bedeuten Ihnen besonders viel?

Egon Vaupel: In meiner Freizeit fröne ich gerne meiner Leidenschaft zu Schalke 04. Und im Urlaub, am liebsten an der Nordsee oder in fernen Kontinenten, faulenze ich sehr gerne um abzuschalten, gehe viel spazieren und lasse meinen Gedanken freien Lauf.

Musik die ich sehr gerne höre ist Rock, Soul und Gospel, die Musik der 60er und 70er Jahre - wer von uns erinnert sich nicht am liebsten an die Musik seiner Jugendzeit. Ich lese fast ausschließlich politische Bücher, zur Zeit: „Fanatische Krieger im Namen Allahs“. Am meisten interessieren mich im Moment alle Themen der Globalisierung sowie der Wurzeln des Terrors.

Bilder - das ist mittlerweile eines der größten Hobbys geworden. Die Poster von früher haben den Gemälden Platz gemacht. Großes Interesse habe ich an der Schwarz-Weiß-Fotografie. Ich bewundere die Werke von Helmut Newton.

Das Gespräch führte Max Lorenzen

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