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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
„Jedes Erforschte ist nur eine Stufe zu etwas Höherem in dem verhängnisvollen Laufe der Dinge… Das Große und das Gute zu erfüllen, das sei meine Maxime… Ich habe den Einfall, die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens wissen… in einem Werke darzustellen.“
Alexander von Humboldt (1769-1859) gilt zu Recht als wichtigster und weltweit einflussreichster deutschsprachiger Wissenschaftler, Gelehrter und Schriftsteller der beginnenden Moderne. Er vollbrachte Pionierleistungen auf vielen verschiedenen Erkenntnis- und Wissensgebieten. So war er der erste wirklich interdisziplinäre Forscher und Denker; begründete dadurch das von Deutschland vom Beginn des 19. bis in die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts ausstrahlende Modell der modernen Universität mit; gab den modernen Naturwissenschaften ebenso wie dem geisteswissenschaftlichen Idealismus ihr Recht und ihren Ort in einem inklusiven Wissenssystem; betätigte sich als Vermittler zwischen restaurativen und revolutionären Sozialtendenzen seiner Zeit; opponierte früh gegen „Judengesetze“; und machte, nicht die letzte seiner richtungsweisenden Leistungen, Mitteleuropa zur angesehenen, für mehr als hundert Jahre unverzichtbaren Relaisstation des Wissens zwischen Ost und West.

Vor allem aber war er es, der als erster den Anspruch in die Tat umsetzte, eine Synthese des gesamten Wissens seiner Zeit in einem einzigen Werk zu liefern – und damit beispielhaft eine „integrale“ Zusammenfassung der verschiedensten Zweige der Erkenntnis zu begründen. Damit sollte innerhalb der beginnenden Wissensexplosion des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen, bereits deutlich absehbaren Überspezialisierung der analytischen Wissenschaften, die zu ihrem Auseinanderfallen führen würde, ein synthetisches Gegenmodell entstehen. Dieses sollte die Einheit - und damit nicht zuletzt auch die Praktikabilität - des Wissens für den Menschen gewährleisten. Die Zusammenschau aller verfügbaren Wissensbestände unter dem Gesichtspunkt des Ganzen: nämlich des Kosmos, sollte die einzelnen Wissensgebiete in methodische Komplementarität, in Austausch und Vergleich führen, innerhalb dessen sie sich wechselseitig ergänzen, aber auch korrigieren und, wenn nötig, mäßigen konnten. Schließlich sollte damit die Freude und Faszination an Wissen und Erkenntnis bei einem wachsenden Bevölkerungsteil geweckt - und Europa damit „in den Grundlagen der modernen Zeit vorangebracht“ werden.
Das Werk, mit dem Humboldt dieses in vielerlei Hinsicht „paradigmatische“ - und von Anfang an systematisch, ja penibel auf Popularität und Wirkung bedachte - Vorhaben in die Tat umsetzte, wurde zu seinem Haupt- und Lebenswerk. Es erschien über einen Zeitraum von 17 Jahren (1845-1862) in fünf Bänden und erlangte trotz seiner wissenschaftlichen Inhalte und seiner mehr als 900 Seiten Bestseller-Status: „Der Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“. Schlägt man das Buch auf, versteht man sofort, warum die Vorlesungen, auf denen es beruht, seine Zeitgenossen so sehr in Bann schlugen, dass die Polizei den Zugang begrenzen musste, weil buchstäblich ganz Berlin, von der „Hausfrau“ bis zu Bürgerlichen und Adeligen, in sie hineinströmte. Der Stil ist hinreißend und poetisch, ohne an Exaktheit der Beschreibung zu verlieren. Hier spricht kein Stubengelehrter, sondern ein ebenso eleganter wie ernsthafter Berichterstatter des Geheimnisses, der sich seines geistigen Eros zwischen literarischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnisart voll bewusst ist. Schon die ersten Seiten des Werkes zeigen, worum es geht: Um den geradezu revolutionären Zusammenschluß von Außen und Innen, in deren Schnittpunkt sich der archimedische Punkt der Moderne zu konstituieren beginnt: der geheime Zusammenhang zwischen Kosmos, Bewußtsein und Psyche.
„Denkende Naturbetrachtung. Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkräfte, als ein lebendiges Ganze. Das wichtigste Resultat des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, von dem Individuellen alles zu umfassen, was die Entdeckungen der letzteren Zeitalter uns darbieten, die Einzelheiten prüfend zu sondern und doch nicht ihrer Masse zu unterliegen, der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt. Auf diesem Wege reicht unser Bestreben über die enge Grenze der Sinnenwelt hinaus, und es kann uns gelingen, die Natur begreifend, den rohen Stoff empirischer Anschauung gleichsam durch Ideen zu beherrschen.
Bald ergreift uns die Größe der Naturmassen im wilden Kampfe der entzweiten Elemente oder, ein Bild des Unbeweglich-Starren, die Oede der unermesslichen Grasfluren und Steppen, wie in dem gestaltlosen Flachlande der Neuen Welt und des nördlichen Asiens; bald fesselt uns, freundlicheren Bildern hingegeben, der Anblick der bebauten Flur, die erste Ansiedelung des Menschen, von schroffen Felsschichten umringt, am Rande des schäumenden Giessbachs. Denn es ist nicht sowohl die Stärke der Anregung, welche die Stufen des individuellen Naturgenusses bezeichnet, als der bestimmte Kreis von Ideen und Gefühlen, die sie erzeugen und welchen sie Dauer verleihen.“ (Der Kosmos, I, 1-29).
Der archimedische Punkt des kosmischen Rätsels, der damit zwischen Außen und Innen umkreist ist, bildet bis heute die Avantgarde allen ernsthaften Fragens - ja beginnt in Wahrheit erst seit einigen Jahren, wirklich produktiv zu werden. Auch wenn diese, für die Zukunft der Erkenntnis in unserem Zeitalter der „Neuerfindung des Menschen durch den Menschen“ zunehmend entscheidende, Verbindung von Außen und Innen bei Humboldt noch nicht vollgültig und bis in die letzten Konsequenzen durchgeführt wird - Humboldt stößt in Diktion und Eros seines Fragens ständig an die Pforte des Rätsels des Zusammenhangs zwischen Kosmos und Psyche, in der das wahre Rätsel sowohl des Menschen wie des Universums liegt. An dieser Pforte hält er sich hartnäckig, wie ein allererster, durch Zufall oder Bestimmung an sie geratener einsamer Pionier einer neuen Zeit auf, ohne vor äußerer Materialmasse oder inneren Zweifeln zu weichen. Damit erweist sich schon von den ersten Seiten an für den Leser als richtig, was Hans Blumenberg über Alexander von Humboldt sagte: „Die Arbeit der Wissenschaft soll sich verwandeln in den Genuß des Betrachters, nichts soll erklärtermaßen die stören, die weniger wissen, weil Wissen im Dienst eines anderen Weltverhältnisses steht.“
Es fällt auf, dass diese Sätze, wenn vielleicht auch in anderer Diktion, genauso von Humboldts Verwandten im Geiste und Wissens-inklusiven Nachfolgern Rudolf Steiner, Jean Gebser, Sri Aurobindo oder, heute am ehesten sein kongenialer Nachfolger, vom Vordenker der weltweiten integralen Bewegung, Ken Wilber, stammen könnten. Wilber hat gerade mit dem Lehrbetrieb an seiner weltweiten „Integralen Universität“ begonnen, in der, wie er verlauten ließ, dem Humboldtschen „Kosmos“ und Humboldt überhaupt wichtige Vorbild-Funktion zukommen soll. In der Tat ist Humboldts „Kosmos“ eben genau das erste Werk, das unter den Rahmenbedingungen seiner Zeit vorwegnahm, was später etwa der Einstein seiner letzten 30 Jahre, und was heute eine ganze neue Forschergeneration als zentrale Aufgabe ansieht: die Suche nach der „Weltformel“, und darüber hinaus nach integraler Zusammenschau. Dies erstens, um das „verschleierte Zentrum“ des Kosmos zu finden; zweitens, um das Ganze des Wissens lebenspraktisch als menschliches zu verwirklichen; drittens aber vor allem, damit vom Kosmos ein Licht auf die Bestimmung des Menschen falle, und vom Menschen ein Licht auf die Bestimmung des Kosmos. Wissen muß Welt erschließen, und es muß für die Vertiefung des Menschseins wirksam sein: das war Humboldts wichtigste Maxime. Sie bleibt, mehr denn je, gerade in Zeiten des biotechnologischen „Transhumanismus“ das entscheidende Schlagwort für die Notwendigkeit der entwickelten Moderne – nicht nur für Ken Wilber, sondern für das Ganze der Wissenschaften im 21. Jahrhundert.
Fazit? Alexander von Humboldts Lebenswerk „Der Kosmos“ kann Vorbild sein dafür, welche Haltung die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts wiederum einnehmen wird müssen. Es kann vor allem aber auch das zu erinnernde, wiederholende, durchzuarbeitende Beispiel im Hinblick auf die kritische Selbstanalyse der Geschichte der Wissenschaften sein. Die im „Kosmos“ mutig angegangene Aufgabe einer inklusiven Erkenntnis wird die heutige Wissenschaft in den kommenden Jahren neu aufgreifen müssen. Jedenfalls dann, wenn sie an die genuin meta-disziplinären Erkenntnis-Aufgaben im Spannungsfeld zwischen neuen Humantechnologien, geistig-kulturellem „Transhumanismus“, weltweiter Vernetzung, globalisierter Ökonomie, Veränderung des Sozialen und Politischen sowie Umformung des Moralischen überhaupt noch herankommen will. Denn im Zentrum der Gegenwart keimt bei genauer Betrachtung nur eine einzige Frage, die zur Voraussetzung aller anderen Fragen, aber auch jeder einzelnen Entscheidung in Technik, Politik und Moral wird: die Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Stellung im Kosmos. Humboldts „Kosmos“ kann die Geschichte der Gegenwart, welche in ihrem Zentrum die Geschichte der neuartigen Begegnung des Menschen mit sich selbst und seinem Kosmos sein wird, begleiten und impulsieren. Und sein Werk wird deshalb vielleicht erst in unserem Jahrhundert zu jener Wirkung und Signalfunktion gelangen, die sich der große Gelehrte erhoffte. Wir sollten geistig, wissenschaftlich und kulturell zu Humboldts „Kosmos“ zurückkehren, ihn sehr genau studieren, um mit Hilfe von Humboldts erkennendem Grundgestus über Humboldt hinauszugehen. Wer von unserer neuen Wissenschafts-Generation an der substantiellen Erneuerung des Zeitgeistes arbeiten will, muß dieses Werk im Grunde in- und auswendig kennen, so wie man früher Gedichte auswendig gelernt hat.
Hans Magnus Enzensberger und seinen Mitarbeitern Franz Greno, Ottmar Ette und Oliver Lubrich ist für die Neuherausgabe - die erste vollständige Neu-Edition des Humboldtschen Originaltextes und die erste komplette Ausgabe seit dem 19. Jahrhundert überhaupt - in einer selten schönen Form mit vielen bibliophilen Feinheiten zu danken. Es steht zu hoffen, dass ihre Bemühung nach gebührlicher Inkubationszeit Früchte tragen und mittelfristig zur Erneuerung der heute darniederliegenden mitteleuropäischen Wissens- und Denkanstalten beiträgt, aber auch zur Wiedergewinnung einer bestimmten Haltung der Erkenntnis, die wir für die kommenden Jahre auch im deutschsprachigen Raum so dringend benötigen. Übrigens: Den „Kosmos“ gibt es in Auszügen auch als Hör-CD, mit einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger zu Ehren Humboldts, gelesen von ihm selbst – für Geniesser beim Autofahren oder Zuhause.
Alexander von Humboldt: Der Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (1845-1862). Neu herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette. Frankfurt am Main (Eichborn) 2004, 960 Seiten, gebunden in Großformat mit Leseheftchen, 99 Euro. Erhältlich auch auf 2 CDs in Digipak mit Booklet, gelesen von Gert Heidenreich, mit einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger, ca. 140 Minuten, Frankfurt am Main (Eichborn) 2004.