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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Maike Wetzel: „Lange Tage“. Erzählungen, Collektion S. Fischer, Frankfurt am Main, 2003, ISBN 3-596-16020-0, 189 S., 10,00 €
Der Band „Lange Tage“ enthält neun Geschichten, die längste hat 33 Seiten, die kürzeste 12, die anderen sind um 20 Seiten lang. Was schließt sie zusammen? Die meisten werden von ihren Protagonistinnen (nur einmal ist es ein Mann) in der ersten Person erzählt – oft im Kreisen um ihre Befindlichkeiten, wobei das, was geschieht, zumeist nicht gar so wichtig ist. Die jungen Frauen, die hier sprechen, sind unsicher sowohl in ihren eigenen Gefühlen als auch in Bezug zu ihren Partnern – sie probieren sich noch aus. Zeit vergeht – lange Tage...

Den intensivsten Eindruck vermittelt die längste der Erzählungen: „Geister“. Hier beobachtet die jüngere Schwester, wie sich die Magersucht der älteren, Vierzehnjährigen, allmählich steigert, bis die ganze Familie in ihrer Hilflosigkeit krank geworden ist. Dabei überzeugen die subtilen Beobachtungen des halben Kindes, das in den Sog der Verweigerung zuerst einbezogen wird, sich dann daraus in sein eigenes Leben zu lösen beginnt und sich eigentlich nicht mehr zu freuen vermag, als die Schwester plötzlich wieder zu essen anfängt. Die Situationen, in denen einzelne Familienmitglieder sich finden, beim Therapeuten, in der Schule, beim Pferderennen, sind mit wenigen, sehr genauen Strichen gezeichnet und hängen sich beim Leser fest. Unvergesslich (vielleicht) die Schilderung des Trampolinspringens, bei dem die jüngere Schwester jene Leichtigkeit erlebt, nach der die große sich vergeblich sehnt.
Um die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern geht es auch in „Schlaf“. Die kleine Tochter erlebt die Krankheit der Mutter, die wohl in in einer Nervenklinik behandelt wird (für das Kind undurchschaubar) bei der Großmutter, einer gänzlich vereinsamten alten Frau auf dem Dorf, die Verbindung nur zu ihren zehn Katzen hat – nun aber das Kind für immer bei sich behalten will. Die völlige Verunsicherung des Kindes löst sich erst, als es der Mutter dann doch gelingt, es wieder zu sich zu holen. Nur durch die Augen der namenlosen Kleinen gesehen, werden Großmutter und Mutter in ihrer je eigenen Problemwelt für den Leser beklemmend sichtbar.
„Zeugen“ ist die Erzählung, die am bewußtesten gestaltet erscheint. Sie beginnt: „Zuletzt passierte etwas Komisches. Der Sommer fiel aus, der Herbst auch. Es wurde sofort Winter. Die Bäume, die gerade noch geblüht hatten, warfen ihre Blätter ab, und in den Geschäften gab es nur Treibhausgemüse ...“ (7) Erzählt wird ein Verkehrsunfall mit seinen Folgen und seiner Vorgeschichte (in dieser Reihenfolge). Gegen Ende wird die Beobachtung vom Anfang aufgeklärt: „Mich kostete der Anblick der verunglückten Jugendlichen einen ganzen Sommer und den Herbst dazu. So lange dachte ich an nichts anderes und bemerkte es nicht einmal. Die Sonnenblumen blühten, das Riesenrad kam zum Erntedank in die Stadt, mein Vater brach sich den Arm. Schon in dem Moment, als diese Dinge passierten, erschienen sie mir wie Erinnerungen...“ (25) Die Zeugen des Unfalls, das erzählende Ich und Marcel, der Freund, legen kein Zeugnis ab, nachdem sie das Autowrack und die Toten finden, melden den Unfall nur mit einem falschen Namen: ihre eigene Verstrickung wird erst nach und nach erkennbar, und sprechen kann die junge Frau erst Jahre später darüber, in einer neuen Beziehung. Aber: „Tatsächlich hatte ich die Geschichte schon einmal geflüstert. Miriam [die einzig Überlebende] lag noch im künstlichen Koma, als ich sie besucht hatte. Sie konnte mein leises Sprechen nicht gehört haben...“ (26)
Kann man in diesen Geschichten mitempfinden, was die Ich-Erzählerinnen bewegt, so bietet sich in "Arme Ritter" dazu keine Möglichkeit – so bösartig sind die Zwillinge (wohl eher Schwestern als Brüder), die sich in der Wohnung ihrer Tante einrichten und diese nach und nach daraus verdrängen. Und auch das Mädchen, dessen Gedanken unaufhörlich um "Flips Bruder, den Metzger" kreisen, bleibt unbedeutend und lässt eher gleichgültig.
Wo Erwachsene auftauchen, am Telefon ("Zwei Stimmen") oder in dem Versuch, eine Beziehung zu stabilisieren ("Fremde Fenster"), verstärkt sich ein Eindruck von Unverbindlichkeit. Die letztgenannte Geschichte – sie ist auch die letzte im Buch – beginnt "Letzten Sommer sagte ein Mann zu einer Frau, ich liebe dich..." und endet nach Wochen oder Monaten: "Die Frau sagte, ich liebe dich. Der Mann sagte, ich auch. Zwei Tage später wussten sie mehr." (173, 189). Von Liebe ist jedoch nicht wirklich die Rede, eher von Langeweile und dem Wunsch nach Zerstreuung. Wie sagt Rilke: "Wunderliches Wort, die Zeit vertreiben / sie zu halten wäre das Problem" (Aus den Gedichten des Grafen C.W.) - freilich wäre das dann erfüllte Zeit und davon ist in dem Verhältnis dieses Mannes und dieser Frau nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Offen bleibt allerdings, ob die Autorin darin Kritik übt oder nur trocken feststellt, was ist.
Und blickt man auf die Lekture des Bändchens zurück, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Grau in Grau dieser Verhältnisse und ihrer Schilderungen mehr einer Konvention entspricht als dem Wunsch, auf die Dargestellten wirklich einzugehen, und ein vielfältigeres und farbigeres Bild von ihnen zu vermitteln. Natürlich sind Krisenszenarien wirkungsvoll, aber wenn sie allein Gegenstand von Erzählungen und Romanen werden, kann man sich dem Eindruck schwer entziehen, es handle es sich um eine Verabredung der jüngeren Autoren, gerade so Aufmerksamkeit zu erringen – und der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben, wobei andererseits eine gewisse Verarmung wohl unvermeidlich ist oder jedenfalls in Kauf genommen wird.
Elisabeth Freytag