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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Rainer Maria Rilke: Silberne Schlangen. Die frühen Erzählungen aus dem Nachlaß. Hg. vom Rilke-Archiv in Zusammenarbeit mit Hella Sieber-Rilke, besorgt durch August Stahl. Frankfurt/M.; Leipzig: Insel, 2004. ISBN 3-458-17226-2, €
Sechsmal eindeutiger Suizid, zweimal wahrscheinlicher; Kindsmord, Mord – ob im Affekt oder nicht –, versuchte Vergewaltigung, Ehebruch und Prostitution – ansonsten etliche Trennungen und allerwärts morbides Siechtum, Särge und Tod in einer von Konventionen gelangweilten Gesellschaft: dies die heillose Bilanz aus Rainer Maria Rilkes frühen Erzählungen aus dem Nachlaß (1893-1896), die im Herbst 2004 bei der Insel erschienen sind.

Hat Rilke im uns hauptsächlich bekannten mittleren und späten Werk seine Welt längst im Innen ausgemacht, sich gar mit einem »Hiersein ist Herrlich«, wie es in den Duineser Elegien (1923) heißt, bereits dort eingerichtet, klingt er in den Silbernen Schlangen – so der fast kitschige, scheinbar harmlose Titel des neuen Erzählbandes – noch seltsam brutal und ausweglos: »Da kracht neben mir ein Schuß. Mit zerschelltem Schädel wälzt sich Berger im Moose. Er blieb auf der Stelle tot« (S. 121), heißt es in Und doch in den Tod, einer sogenannten Zwielicht-Skizze, aus einer kleinen Sammlung von zwei Erzählungen, die Rilke Totentänze überschrieb. In Eine Heilige läßt der Dichter seine Protagonistin ›Anna‹ den Schädel des Schreinermeisters ›Gaming‹, ihres Ehemanns, mit einem einzigen Beilhieb spalten, während dieser schläft. ›Gaming‹, ein Säufer, hatte die Liebesdienste seiner Frau zuvor dem Wirt versprochen, als Gegenleistung für seine Trinkschulden. Würdelos ist das Handeln des Schreinermeisters und dennoch muß uns Rilkes Urteil über ›Anna‹, im Schlußsatz der Novelle, befremden: »Und sie war doch eine Heilige!« (S. 89).
Jeder sollte, aber keiner muß soweit lesen, um düstere Gedanken durch den Text wachzurufen, denn noch vor Beginn der zehnten Seite ist bereits die erste junge Frau namens Clara ertrunken: »Und sie ging in den Mühlteich. — Ende. –« (Das Eine, S. 9). Anscheinend fasziniert den Dichter der Tod durch das Wasser: seine ›Näherin‹ macht mit »den klaffenden Lippen und den unterlaufenen Augenlidern […] ganz den Eindruck einer Ertrunkenen« (S. 37), als man sie tot in Ihrem Zimmer vorfindet; in Eine Tote muß ›Herr M…‹ mit der Nachricht »Felice beim Teich abgerutscht, – alles vorüber« (S. 117) fertig werden, und schließlich trifft es auch ›Agnes‹, die plötzlich als Opfer ihrer selbst vor ihrem Gatten ›Hermann‹ in der »schwarzen Truhe« liegt »fahl und starr. Die wasserschweren Haare hatten den Kopf seitwärts gezogen. Die triefende Kleidung umschloß eng ihre Glieder« (Ihr Opfer, S. 131).
Niemand wundert also, daß auch die Titelgeschichte die nächtliche Chronik eines Selbstmordes wiedergibt. Nur die Methode ist diesmal eine andere. Auf die Bahnschienen, die zwei Silbernen Schlangen, legt sich der Lebensmüde und wird endlich zu ihrer »grausigen Beute. Formlos zerfetzt ein dunkler, blutiger Körper….« (S. 47).
Als Rilke, damals übrigens noch René Rilke, diese seltsamen Geschichten zu Papier bringt, ist er im Alter zwischen 18 und 22 Jahren. Wie sein Protagonist ›Paul‹ in der Erzählung Der Rath Horn, beschließt er: »Ein Dichter möcht’ ich werden, – ein Dichter – wie Horatius wie…« (S. 14). An Einbildungskraft und dem daraus entstehenden Material scheint es dem jungen Rilke nicht gemangelt zu haben, schließlich füllt er gerade in dieser Zeit Skizzenbuch um Skizzenbuch (vgl. RMR an Adolf Bonz, 25.12.1897). Dem Genre gegenüber fühlt sich Rilke allerdings noch unentschieden. Er produziert Dramatisches, schreibt und veröffentlicht gleichzeitig Gedichte und etliche Prosaskizzen, von denen einige kurz nach ihrem Entstehen in verschiedenen Zeitschriften erscheinen. Das Bestreben des Dichters ist es, »durch Abkommen mit einem Verleger oder stetige Verpflichtung für eine Zeitung« sich soviel zu verdienen, daß er »kurz und gut aus eigenem leben kann« (RMR an Ludwig Ganghofer, 16.4.1897). Daß er dies in Ansätzen erst während der Zusammenarbeit mit Anton Kippenberg bei der Insel erleben wird, kann er zu dem Zeitpunkt, als er durch den Verleger Adolf Bonz in Stuttgart die Möglichkeit zur Buchveröffentlichung seiner Novellen und Prosa-Skizzen erhält, noch nicht ahnen. Rilkes erster Erzählband mit dem endgültigen Titel Am Leben hin erscheint nach einer ausgedehnten editorischen Vorgeschichte endlich im März 1898 (vgl. SW IV, Anm. S. 975-978; S. 996-1005).
Rilkes Lektor im Insel Verlag, Fritz Adolf Hünich (1885-1964) ist einer der ersten, der damit beginnt, das verstreute Frühwerk des Dichters wieder ausfindig zu machen, zu sammeln und 1921 auch erneut zu veröffentlichen. Dabei stößt Hünich nicht immer auf Rilkes Gegenliebe, hauptsächlich, weil dieser große Teile seines jungen Schaffens später fast kategorisch ablehnt. Rilke läßt sein ›Eckermännchen‹, wie er seinen Lektor liebevoll bezeichnet, letztlich aber doch gewähren, auch wenn er sich »leicht verstorben« (Anhang, S. 144) vorkommt, als er den Wiederabdruck seiner frühen Werke, den Hünich in seinem unaufhaltsamen Sammeleifer in einer Privatausgabe besorgen will, abgesegnet hat.
Nach Rilkes Tod sind vor allem Rilkes Verleger bei der Insel, Anton Kippenberg, und der Herausgeber der Sämtlichen Werke, Ernst Zinn, gegen die etwas »peinliche Erinnerung« an Rilkes früheste Zeit. Kippenberg verhindert lange Zeit das Erscheinen von noch Ungedrucktem aus den frühen Jahren Rilkes; er will den Dichter in seinem Werk als ›Meister‹ präsentieren, nicht als ›Unfertigen‹. Zinn erwähnt zwar später die nachgelassenen Frühschriften Rilkes in seinen Anmerkungen zum IV. Band, schließt deren Veröffentlichung jedoch ebenfalls, »schon aus Raumgründen, aber vor allem um ihrer Unreife willen«, aus (vgl. SW IV, S. 1000).
Seinem Urteil ist zuzustimmen: die Novellen sind »unreif«, in ihrem sprachlichen und inhaltlichen Gehalt weit entfernt von einer literarischen Glanzleistung. Erst recht, wenn Rilke mit seinen Assonanzen daherkommt und uns vom »Malachit-Baldachin« (S. 111) erzählt, oder davon, das der »flache entblößte Busen« der ›Näherin‹ dem Protagonisten »Schrecken einflößte« (S. 33).
Endlich alle noch im Nachlaß Rilkes erhaltenen Erzählungen zu veröffentlichen, war dennoch die richtige Entscheidung von Erben, Herausgebern und Verlag. Nach den vereinzelten Publikationen von Carl Sieber (Pierre Dumont, 1932), August Stahl (Was toben die Heiden?, 1996) und Moira Paleari (Der Rath Horn, Was toben die Heiden, 2000) enthalten die Silbernen Schlangen 13 bisher vollkommen unbekannte Novellen Rilkes, die uns auf ganz eigentümliche Weise noch deutlicher Einblick in des Dichters Anfänge geben. Wenn auch in abgewandelter Form, erhalten wir wichtige Auskünfte über Rilkes Adoleszenzzeit, über seine frühe Einstellung zu Liebe, Kunst und Tod, oder über das Verhältnis zu seinen Eltern: »Die Mutter war weich und empfindlich, mürrisch und düster mein Erzeuger. Ich empfand eine gewisse naturgemäße Anhänglichkeit, die ich gern Liebe genannt hätte.« (S. 124).
Deshalb pflichte ich Moira Paleari bei und zitiere zustimmend ihre Aussage aus dem Jahr 2000: »Die frühesten Erzählungen bilden den Ausgangspunkt eines thematischen Kreises, den Rilke mit seinen Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge weiterführen und mit seinen späteren Dichtungen schließen wird«. Gerade aus diesem Grund ist der Verdienst der Verantwortlichen des Bandes Silberne Schlangen nicht hoch genug einzuschätzen. Einzig bliebe – bei der sonst tadellosen Editionsarbeit – die Neuanordnung der Erzählungen in Frage zu stellen. Warum haben sich die Herausgeber nicht an die Blaustiftnummerierung auf den erhaltenen Manuskripten (vgl. Anhang) gehalten und die weiteren Erzählungen einfach angefügt? Aber vielleicht ist eine solche Kritik auch zu kleinlich und in sofern entbehrlich. Nehmen wir es lieber so gut hin, wie es ist, und enden mit Rilkes Worten: »Der Tod ist ein Nummernwechsel« (S. 77).
[SW = Sämtliche Werke. 6 Bde. Hg. v. Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Ernst Zinn. Wiesbaden, 1955-1966.]
Arne Grafe, im Januar 2005