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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Marburger Forum: Herr Laufner, Sie sind der Leiter des Marburger Kulturamts. Wir werden uns in diesem Gespräch besonders mit dem gerade vergebenen Marburger Literaturpreis befassen - aber zunächst möchte ich Sie bitten, uns einige biografische Angaben zu machen. Woher stammen Sie, wann wurden Sie geboren, und welche Wege haben Sie schließlich nach Marburg geführt?

Laufner: Ich wurde am 10. Januar 1953 in Trier geboren, habe in Trier auch 1971 das Abitur gemacht und kam dann zum Studium nach Marburg. Dort habe ich Erziehungswissenschaft, mit den Nebenfächern Soziologie und Psychologie, studiert, sowie Germanistik. Das Studium habe ich 1977 abgeschlossen. Bereits ab 1975 begann mein lokales kulturelles Engagement, und es ist mir dann im Zusammenhang mit der Gründung des Kulturladens KFZ gelungen, mir dort eine Zivildienststelle einzurichten. In den folgenden zwanzig Jahren musste ich mir meine Arbeitsstellen immer selber beschaffen. Ich machte also Zivildienst bis 1979. Da meine Frau, wir hatten schon das erste Kind, die erste von drei Töchtern, gerade im Referendariat war, und ich noch nicht wusste, ob ich in eine volle Berufstätigkeit einsteigen wollte, bewarb ich mich für ein Promotionsstipendium. 1981 habe ich über das Thema „Kulturpolitik, Stadtentwicklung und Alternativkultur“ promoviert. Der Zusammenhang mit dem, was ich jetzt mache, liegt auf der Hand.
MF: In welchem Fachbereich war das?
Laufner: Eigentlich Erziehungswissenschaft. Aber damals war man sehr leger in der Fächerzuordnung. Danach habe ich mir wieder eine Stelle im KFZ beschaffen können, nämlich die erste ABM-Stelle zum Ausbau des Theaters neben dem Turm. Diese Stelle ging nach einem Jahr zu Ende. Nun wurde es doch nötig, dass ich mir dauerhaft etwas aufbaute. Wir haben dann mit mehreren Leuten zusammen aus dem Personalstamm einer früheren alternativen Monatszeitung, der „Marburger Zeitung“, den „Express“ gegründet. Dort bin ich dann geblieben. Der "Express" erschien zunächst 14-tätig, dann wöchentlich, in Marburg und gleichzeitig in Gießen, sowie zwischenzeitlich auch in Siegen. Seit 1992 haben wir als "Express"-Initiative das Schlosspark-open-air entwickelt, aus dem 1998 das Stadtfest hervorging. Und ich glaube, das Stadtfest "Drei Tage Marburg" hat im wesentlichen dazu beigetragen, dass man mich im Jahre 2004 für qualifiziert hielt, auch die Stelle des Kulturamtsleiters zu übernehmen.
MF: Das heißt, Sie haben eine ganze Menge jetziger High Lights im Marburger Kulturleben mit ins Leben gerufen.
Laufner: Ja, das kann man so sagen. Ich war bei der Planungs-, Gründungs- und Aufbauphase des Kulturladens KFZ, des Theaters neben dem Turm TNT, des "Express" und des Stadtfestes „Drei Tage Marburg“ dabei. Schließlich bin ich ja auch lange genug in Marburg, immerhin schon über dreißig Jahre.
MF: Was ist überhaupt ein Kulturamt; oder anders gefragt: welches sind Ihre Aufgaben und diejenigen Ihrer Mitarbeiter/Innen?
Laufner: Ein Kulturamt hat zwei Dinge zu leisten, einerseits geht es inhaltlich um Kultur, andererseits geht es um die Verwaltung von Kultur. Dies sage ich jetzt gar nicht in abwertendem Sinne. Wir haben also zwei große Produkte, die wir sozusagen anbieten. Einmal haben wir die finanziellen Zuschüsse für die kulturelle Förderung der Vereine zu verteilen -das muss immer wieder neu justiert werden, damit es gerecht zugeht. Zu diesem Zweck stellen wir auch im Internet zahlreiche Informationen bereit, von der Adressenliste Marburger Kulturträger bis zu den notwendigen Formularen für den Kostenplan oder Verwendungsnachweis, sodass die Vereine direkt erfahren, wie man Anträge auf Förderung stellt. Alle diese Dinge drehen sich um die kulturelle Förderung. Dazu gehört auch die Organisation des Kulturforums als Zusammenschluss Marburger Kulturträger. Dieses Kulturforum trifft sich zwei- bis dreimal im Jahr.
Die andere Aufgabe beinhaltet, kulturelle Projekte selber durchzuführen. Ich demonstriere, worum es sich handelt. Alle zwei Jahre veranstalten wir das Ökumenegespräch gemeinsam mit den evangelischen und katholischen Theologen. Das nächste dieser Gespräche – am letzten hatte Bischof Lehmann teilgenommen - ist im Januar 2006. Vor kurzem, eben jetzt im Februar, fanden die Veranstaltungen zum Marburger Literaturpreis statt, Anfang März findet die Kinder- und Jugendtheaterwoche statt, am 11. März wird der Kamerapreis verliehen (immer am ersten oder zweiten Märzwochenende). Ein ganz großes Projekt ist die sich über drei Wochen erstreckende Marburger Sommerakademie, an der 250 Personen teilnehmen. Schließlich will ich noch die Ausschmückung der Rathausfenster als Adventskalender nennen, sowie einmalige Events wie das Treppenprojekt, das die größeren und kleineren Treppen der Marburger Oberstadt zu Veranstaltungsorten machte.
MF: Was zeichnet Ihrer Ansicht nach das Marburger Kulturleben besonders aus? Was hingegen fehlt oder müsste mehr gefördert werden?
Laufner: Das Marburger Kulturleben zeichnet sich durch besondere Vielfalt aus, die dadurch entsteht, dass, natürlich durch die Universität mitbedingt, sehr viele kreative Menschen in Marburg leben, die auch immer wieder neue Projekte initiieren. Sie selbst, das Marburger Forum, geben ja das beste Beispiel: vor vier Jahren hat man noch nicht viel von ihnen gewusst, vielleicht als Insider etwas gehört, jetzt haben Sie eine der wichtigsten, oder die wichtigste meinungsbildende Internet-Seite in Marburg mit enormen Zugriffszahlen. Ich sage das nicht, um Komplimente zu verteilen, sondern weil es Fakt ist. Das Forum arbeitet in einem philosophisch-literarischen Bereich. Im musikalischen Bereich gibt es noch viel mehr Gruppierungen, die sich engagieren. Kurz und gut, es existiert in Marburg ein Humus, hier wachsen und entstehen außerordentliche Dinge. Negativ an einer solchen Vielfalt ist vielleicht die Möglichkeit des Überangebots. Man müsste sich, scheint mir, nach einer solchen Zeit der Vielfalt, wo alle möglichen Blumen geblüht haben, überlegen, ob man sich nicht in Zukunft auch manchmal punktuell und themenbezogen mehr zusammenschließt und Dinge etwas größer entwickelt. Ich stelle diese Frage einfach einmal in den Raum.
MF: Kommen wir zum Marburger Literaturpreis, der immerhin dieses Mal für einiges Aufsehen in der Presse gesorgt hat. Vor zwei Jahren noch lag er in den letzten Zügen. Wie ist es gelungen, den Patienten so zu kräftigen, dass die Krankheit fast überwunden scheint?
Laufner: Zunächst haben wir schonungslos mit dem Kreis zusammen die Probleme, die Krise festgestellt. Es kommt ja gar nicht selten vor, dass man sich über die Situation hinwegtäuscht. Wir waren hingegen sehr offen und haben über drei Probleme gesprochen: 1. das "Luxusproblem". Es gab viel zu viele Einsendungen, nämlich 663 vor zwei Jahren. Das kann keine Jury bewältigen. Es ging folglich darum, diese Zahl auf ein bestimmtes Maß einzuschränken und zwar nach einem vernünftigen Filter. Die neue Voraussetzung besagt zum einen, dass nur noch Autorinnen und Autoren bis 40 Jahre teilnehmen können. Viel wichtiger jedoch ist, dass das eingesandte Werk in einem Verlag, und nicht etwa in einem Selbstverlag, veröffentlicht sein muss, und zwar in den letzten eineinhalb Jahren. Das war der entscheidende Filter, der es wirklich erlaubte, nicht so Interessantes oder Gelungenes herauszunehmen. Übrig geblieben sind ja eine Menge toller Sachen, wie man an der Endauswahl dann gesehen hat. 2. Das Problem der überregionalen Resonanz. Die überregionalen Feuilletons haben keine Notiz von uns genommen. Natürlich habe ich mir aber wenig Illusionen gemacht, dass nach 25 Jahren ein Preis, der in der Vergangenheit in den Feuilletons der Süddeutschen oder der FAZ keine Rolle spielte, nun plötzlich eine großartige Presse bekäme. Es war klar, dass das nur begrenzt verbesserbar ist. Wir haben jetzt einen Fünfzeiler in der Süddeutschen und einen kleinen Bericht auf der Hessenseite der Frankfurter Rundschau, auch auf hr2 hat man etwas gebracht. Das ist immerhin ein gewisser Erfolg, die Resonanz ist viel besser als beim letzten Mal, aber es zeigt auch, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.
Aber ganz entscheidend ist der letzte Punkt: es war überhaupt nicht zu akzeptieren, dass wir gerade hier vor Ort keinerlei Resonanz hatten. Man kann schon verlangen - und sollte entsprechen darauf hinarbeiten -, dass die Menschen in Marburg selbst von dem Preis Notiz nehmen und sich dafür interessieren, ja, dass sie von ihm auch in dem Sinne etwas haben, dass sie sich mit junger Nachwuchsliteratur auseinandersetzen. Dieses Kriterium musste einfach erfüllt sein.
So haben wir also eine ganze Menge Dinge in Gang gesetzt. Das Entscheidende war die Endauswahl, die so zum ersten Mal stattfand. Bisher hatte die Jury einen oder meistens unglücklicherweise auch noch zwei Preisträger erkoren. Diesmal haben sich die Juroren dafür entschieden, die Schriftsteller, die in die engere Wahl gekommen waren, in Marburg lesen zu lassen. Um den eigentlichen Preis herum entstand so ein Literaturfestival. Zudem gab es an der Universität, im Fachbereich Germanistik (der weit über 1500 Studierende hat), ein Vorbereitungsseminar. Denn es war doch ein Skandal, dass dort bislang tatsächlich niemand auch nur von dem Marburger Literaturpreis wusste. Das hat sich nun einigermaßen geändert, auch durch solche Veranstaltungsangebote wie die Party am Samstagabend nach den Lesungen - dergleichen zieht gerade ein junges Publikum an. Weiterhin haben wir Marburger Kulturträger angesprochen, und ich darf hier noch einmal vom Marburger Forum sprechen, weil bei Ihnen die Resonanz, durch Ihren Schwerpunkt, zweifellos am stärksten war. Weiterhin haben die Buchhandlungen Schaufenster mit den vorgeschlagenen Büchern gemacht, die auch in der Stadtbücherei ausgeliehen wurden usw. Die Oberhessische Presse hat Interviews mit den Autorinnen und Autoren abgedruckt. So ist bereits im Vorfeld eine Erwartungshaltung entstanden, mit dem Resultat, dass die Veranstaltungen außerordentlich gut besucht waren.
MF: Die neue Konzeption hat zu erheblich mehr Spannung im Verlauf der Veranstaltungen geführt. Es gab jedoch auch Kritik, über die wir noch sprechen werden. Was hat Ihnen besonders gefallen, was ist verbesserungswürdig?
Laufner: Zunächst hat mir gefallen, dass die Wagonhalle und dann natürlich auch der Rathaussaal bis auf den letzten Platz besetzt waren. Meine Angst, dass wir wieder wie früher 30 Besucher haben, die Hälfte davon Funktionäre, war unbegründet. Zweitens fand ich bei der Jury die intensive Entwicklung der Gedanken zu den einzelnen Literaten hervorragend. Auch die Bücher haben mich beeindruckt, beim Live-lesen fast noch mehr, als bei der Lektüre. Die Lesungen haben noch einmal eine eigene Qualität entwickelt.
Kommen wir zum Problematischen. Natürlich war der Einwand aus dem Projektseminar, die sehr rede- und wortgewaltigen Jury dränge das Publikum und seine Fragen an den Rand, nachvollziehbar. Hier könnte in Zukunft gegengesteuert werden – auch durch die Moderation.
MF: Allgemein bemängelt wurde die mangelnde Transparenz in vielen Dingen. Hier besteht offensichtlich Klärungsbedarf. Beginnen wir mit der Zusammensetzung der Jury. Wer hat die drei Mitglieder: die Schriftstellerin Juli Zeh, die Journalistin Maike Albath und die Literaturwissenschaftlerin Urte Helduser, ausgesucht, und welches Honorar erhielten die drei für ihre zweitägige Tätigkeit - und natürlich für die Beurteilung der eingegangenen Buchbewerbungen?
Laufner: Die Zusammensetzung der Jury ist beim Literaturpreis immer so gewesen, dass wir jemanden aus der Wissenschaft, vom Institut für Literaturwissenschaften, haben wollten und auch haben müssen, weiterhin eine Person aus der Publizistik, oft von der "Zeit" und der FAZ , das letzte Mal war Wilfried Schöller vom Hessenfernsehen dabei, und schließlich eine Literatin oder ein Literat, oft jemand, der beim letzten Mal gewonnen hatte. Wir wollten an dieser Dreier-Konstellation festhalten, haben aber gesagt, es müsste etwas mehr "Glamour" dabei sein. Weil der letzte Literaturpreisträger vielleicht auch mit seinem Namen nicht mehr so ganz in der Öffentlichkeit stand, haben wir erst Judith Herrman und dann Juli Zeh gefragt. Wir wollten auch eine junge Jury haben. Und irgendwann, als wir bemerkten, es gibt interessante Frauen, und wir schon zwei hatten, haben wir gesagt, dann machen wir eben eine reine Frauenjury, zumal beim Kamerapreis im Beirat sieben Männer, die über 50 sind, sitzen. Es war uns also sehr recht, jetzt drei Frauen, die unter 40 sind, zu haben. Urte Helduser empfahl sich schon, weil sie gewissermaßen im gleichen Alter mit den Schriftstellern ist, auf Maike Albath hat uns Prof. Lutz Hagestedt aufmerksam gemacht - und ich finde, sie hat das prima gemacht, sie kann, durch ihre Erfahrung bei Radio und Fernsehen, ausgezeichnet moderieren. Auch diese Anforderung war neu. Bisher konnte die Jury im Verborgenen arbeiten. Jetzt aber brauchten wir schon jemand, der auch eine öffentliche Rolle spielen kann. Das Honorar möchte ich nicht genau nennen, aber insgesamt war es eine kleinere vierstellige Summe. Damit lagen wir unter dem Honorar des letzten Literaturpreises.
MF: Aus den über 60 Büchern wurden letztlich 7 ausgewählt. Hat es eine Begründung der Jury gegeben? Wurde sie irgendwo publiziert?
Laufner: Nein, publiziert wurde das nicht. Wir haben gesagt, Qualität entscheidet. Wobei Qualität ja so viele Facetten hat. Bei Mirko Bonné etwa, dem Lyriker, sind andere Kriterien entscheidend, als etwa bei dem Psychothriller von Zoran Drvenkar, bei Rávic-Strubels Roman wiederum andere als bei „Oberland“ von Marcus Jensen. Eine öffentliche Begründung wäre zweifellos sehr schwierig gewesen. Auch dass es sich letztlich um sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer handelte, war Zufall. Es hätten auch fünf sein können. Hingegen war es uns sehr willkommen, dass die sieben ein ganz breites Spektrum literarischen Schaffens repräsentierten. Ich hatte das gehofft - es hätte ja auch sein können, dass alle irgendwie Hera Lind-mäßige Romane schreiben...
MF: Müssten die Beurteilungen der Jury nach den Lesungen nicht differenzierter in Lob und Tadel sein, statt sich, wie es der Fall war, überwiegend in langen Lobeshymnen auszudrücken?
Laufner: Die Schwierigkeit der Jury bestand darin, in ihren Beurteilungen die Konturen der Werke herauszuarbeiten, aber auch deutlich zu machen, dass die Endwahl eine positive Endauswahl war. Sie hätte schließlich nicht gut die in die Endauswahl genommenen Autoren alle heruntermachen können, dann fragt doch jeder, warum habt die denn ausgewählt, gab es denn niemand besseres. Insofern war es schon richtig, dass der Tadel dosiert war. Zudem konnte und wollte die Jury sich nicht zu früh festlegen (obwohl auch dieser Verdacht geäußert wurde: die wissen doch schon längst, wer es ist... nein, sie wussten es nicht). Entwickelt wurde also in den Beurteilungen auch, was die Jury dazu bewogen hatte, gerade dieses Werk auszuwählen.
Natürlich mussten auch die Schwächen aufgedeckt werden. Hier fand ich Juli Zeh ganz großartig - sie hat durchaus auch Lust an der Kontroverse gezeigt. Das war sehr belebend. Aber wie gesagt, es musste auch klar werden, dass es sich bereits um eine positive Endauswahl handelt.
MF: Könnten Sie sich vorstellen, dass das Publikum insgesamt stärker einbezogen wird, ja, dass es vielleicht sogar mit über die Preisvergabe abstimmen könnte? Oder wäre ein Publikumspreis denkbar, der die Fixierung auf den/die eine(n) Gewinner/In etwas abmildern würde?
Laufner: Ja, das sind alles Vorschläge, die ich mir sehr gut vorstellen kann. In gewisser Weise ist das Publikum natürlich einbezogen worden. Die Moderatorin hat sich an das Publikum gewandt mit der Bitte, Fragen zu stellen, und es kamen ja auch zum Teil sehr pointierte Fragen. Andererseits ist es klar, dass die anderen automatisch verstummen, wenn die Jury so lange spricht und einen so großen Raum einnimmt. Hier müsste vielleicht an einem anderen Verfahren gearbeitet werden. Vorstellbar wäre, von den Seminararbeitsgruppen oder auch den Literaturvereinen jemanden zu Wort kommen zu lassen. Das Prozedere müsste natürlich vorher schon klar sein, damit man sich darauf vorbereiten kann.
Ein Publikumspreis wäre auch denkbar, wobei man nur aufpassen muss, dass dem Hauptpreis nicht die Aufmerksamkeit gestohlen wird. Ich sagte bereits, dass es in den früheren Jahren mehrfach zwei Hauptpreisträger gab - mit dem Effekt, dass später niemand mehr wusste, wer denn den Preis bekommen hatte. Der Hauptpreis muss ganz einfach stärker leuchten. Was den Regio-Preis angeht, so weiß jeder, das ist aus der Region und nicht gleich zu bewerten. Wenn man also einen Publikumspreis einrichten würde, so müsste doch eine klare Abstufung zum Hauptpreis bestehen.
Noch etwas zur Fixierung auf diesen Hauptpreis. Der qualitative Abstand zwischen den sieben Autoren war so gering, dass es selbst die Preisträgerin hart ankam, und sie fast ein schlechtes Gewissen hatte, dass sie nun das ganze Geld mitnimmt: "the winner takes it all", und für die anderen nur ein kleines Honorar übrig bleibt. Ganze 150 €, ich darf das offen sagen. Das liegt deutlich unter einem Lesehonorar. Die Frage wäre also, ob man nicht allen ein gutes Lesehonorar gibt und entsprechend die Preishöhe kompensierend abstuft. Es gab solch einen Vorschlag. Es wird darauf ankommen, was in zwei Jahren finanziell noch machbar ist. Ich möchte in diesen Dingen dem Beirat, der all das auszuwerten hat, und auch den Kollegen vom Kreis nicht vorgreifen. Übrigens kamen solche Vorschläge aus der Jury: wenn die Teilnehmer/Innen schon so gut sind, dann gebt ihnen doch ein angemessenes Lesehonorar; so könnte jeder, auch wenn er nicht Preisträger ist, doch zufrieden aus Marburg wegfahren.
MF: Die Preisträgerin, Antje Rávic Strubel, hat besonders bemängelt, dass nicht klar war, was beurteilt wurde: der Text des jeweiligen Autors, der ja längst bekannt war, oder seine Lesung, sein Auftreten. Worüber also hat die Jury noch so lange beraten, und nach welchen Kriterien fiel die Entscheidung? Müsste nicht gerade an diesem hochwichtigen Punkt das gesamte Prozedere offengelegt werden?
Laufner: Da kann ich nur sagen, das trifft mitten ins Schwarze. Die Frage, warum das nicht vorher festgelegt wurde, ist vollständig berechtigt. Aber es gab eben so viele Unwägbarkeiten: wird es überhaupt eine Publikumsresonanz geben, wird die neue Form ankommen, dass wir gar nicht so ins Detail gegangen sind. Jetzt hat man ganz deutlich gesehen, dass die Frau schlicht und einfach Recht hat. Vorher jedoch ist diese Sache: was wird bewertet, das Werk oder die Selbstdarstellung bei der Lesung, nicht wirklich zu Ende gedacht worden. Wieviel Prozent macht denn die Performance aus? Ist es passend oder besonders authentisch, wenn der von mir wegen seines schnoddrigen Romans hochgeschätzte André Kubiczek verschnupft ist und jede Minute die Nase hochzieht? Oder ist das dann ein schlechter Vortrag? Muss man eine Show machen? Und wie würde solch eine Show bewertet werden? Hier müssen die Kriterien unbedingt klarer werden.
MF: Waren die Veranstaltungen, die sich immerhin über zwei Tage hinzogen: am Samstag, 5. Februar, von 14:00 Uhr bis 19:00 Uhr, am Sonntag, 6. Februar, von 11:00 Uhr, mit einer längeren Mittagspause, bis 17:00 Uhr - nicht zu lang, und hätten demzufolge nicht, wie vorhin schon von Ihnen erwähnt, etwa 5, statt der eingeladenen 7 Autoren/Innen genügt?
Laufner: Das war schon viel. Es war wie gesagt Zufall, dass es jetzt sieben gewesen sind. Es hätten tatsächlich auch fünf sein können. Die Jury hatte keine Vorgabe, sieben Teilnehmer/Innen auszuwählen, sondern eben diese sieben lagen einfach mit einem gewissen Abstand vor den übrigen und gleichzeitig auch dicht beieinander. Waren hingegen die einzelnen Lesungen lang genug? Sollte man wirklich nur fünf Autoren/Innen lesen lassen, dann aber vielleicht im Stundentakt? All das muss noch diskutiert werden.
MF: Bei aller Kritik im Einzelnen muss man doch sagen, dass die Veranstaltungen rund um den Literaturpreis insgesamt überwiegend gelungen waren. Die Preisverleihung im Rathaussaal setzte einen guten Abschlussakzent - wenn wohl auch der Regiopreis, besonders durch die Rede des Preisträgers Jan Kuhl zu viel Raum einnahm. Sprechen wir aber jetzt noch über andere Projekte des Kulturamts. Sie, Herr Laufner, waren gerade in Hanau, wo Marburg erneut einen Preis bei der hessischen Innenstadt-Offensive "Ab in die Mitte" errungen hat. Wofür wurde dieser Preis vergeben?
Laufner: Es handelt sich um einen Preis des Wirtschaftsministeriums. „Ab in die Mitte“ ist eine hessische Innenstadt-Offensive. Durch die Förderung von, ich sage mal Events, die aber Bezug nehmen auf die spezifische Örtlichkeit, sowie auch auf die spezifischen Träger und die verschiedenen Dimensionen von Innenstadt, sollen diese Kernzonen der Städte gestärkt werden. Innenstädte sind Handel, aber keinesfalls nur - sondern gleichermaßen Historie, Gastronomie, Kirchen und vieles andere. All diese Dimensionen - das Erhabene, das Metaphysische und natürlich auch der Tourismus - sollen angesprochen werden. Wir haben mit einem Projekt gewonnen, das "Innen gewinnen. Familien erobern Marburg" heißt, wo besonders auf die Erlebnisqualitäten der Innenstadt für Kinder und Familien abgehoben wird. Kinder wurden in den vergangenen Jahrzehnten eher aus den Innenstädten rausgedrückt, es sei denn, es handelte sich um die so genannte A-Bevölkerung: Ausländer, Arbeitslose usw., die in irgendwelchen schlechten Wohnungen unterkamen.
Das Projekt läuft vom 10. September bis zum 16. Oktober. Es wird fünf thematische Wochen geben, wo eben auch die Natur in der Innenstadt thematisiert werden wird (ein prekäres Verhältnis: die Städte haben die Natur ja auch geformt und unterdrückt). Da soll zum Beispiel auf einem Hausboot eine Art Flusskindergarten entstehen. Selbstverständlich wird der kulturelle Bereich eine große Rolle spielen, aber auch der historische (Stadtführung). Wir werden mit den unterschiedlichsten Trägern die verschiedensten Projekte und Veranstaltungen machen. Der Kinderschutzbund wird dabei sein, die Familienbildungsstätte usw.
Vor zwei Jahren haben wir mit dem Projekt "Treppen": "Hinauf, hinab, dasselbe", gewonnen, das die Besonderheiten der Marburger Oberstadt thematisiert hat. Es gibt also eine gewisse Kontinuität darin, die Kultur in die Innenstadt zu tragen. Es geht auch um ein Innenstadt-Marketing, aber eben nicht in dem engen, merkantilen Sinn. Wie ich schon sagte, eine Innenstadt ist viel mehr als Handel, auf dessen Strukturwandel und Probleme man selbstverständlich auch Bezug nehmen muss.
MF: Glauben Sie, dass kulturelle Initiativen die marode Situation der Marburger Oberstadt nachhaltig verbessern können?
Laufner: Ich sehe den Effekt der kulturellen Belebung viel indirekter, der lässt sich unmittelbar an der Ladenkasse nicht ablesen. Er hat Effekte in den Tourismus, in die Gastronomie hinein, sodass die Leute insgesamt, nicht nur veranstaltungsbezogen, in die Innenstadt gehen, weil sich insgesamt der Eindruck verfestigt, dass in der Marburger Innenstadt immer wieder etwas los ist. Es geht auch darum, dass potenzielle Studenten sagen, Marburg ist ok, da ist was los. Neulich wurde in der OP eine Studie der Wirtschaftsgeografen aus Gießen veröffentlicht. Darin heißt es, Studenten gingen viel lieber nach Marburg als nach Gießen. Warum? Nicht wegen einzelner Veranstaltungen, sondern das Gesamtbild, auch die sanierte Altstadt, zieht sie an, sowie dann der kulturelle Bereich, zu dem vielerlei und schließlich auch das Open-Air-Kino usw. gehört.
Dieses Gesamtbild ist für Bevölkerungsgruppen interessant, die wiederum für Marburg wichtig sind. Ich warne vor einer Bilanzierung direkt an der Ladenkasse. Da schneidet die Kultur schlecht ab. So einfach funktioniert das nicht.
MF: Zum Abschluss unseres Gesprächs wiederum einige persönlichere Fragen. Wie entspannen Sie sich nach der Arbeit? Welche Bücher lesen, welche Musik hören Sie gerne, welche Maler/Innen sind Ihnen wichtig? Wohin verreisen Sie gerne?
Laufner: Ich wohne sehr nah am Kulturamt, zweieinhalb Minuten von hier, am Rübenstein unterhalb des Lutherischen Kirchhofs. Dort habe ich eine kleine Laube, direkt an der historischen Kirchhofmauer, wo ich unheimlich gerne abends sitze. Das hat so etwas Rhein-Moselländisches, ich komme ja von der Mosel, und dort ich trinke auch ganz gerne ab und zu ein Glas Wein und höre dann die Chöre im Melanchthon-Haus oder in der Lutherischen Pfarrkirche proben. Man hört das recht gut, und dabei kann ich mich wunderbar entspannen. Ansonsten spiele ich Klavier, aber wirklich nur mittelmäßig, eben zur Unterhaltung. Ich habe zwar acht Jahre Unterricht gehabt, war aber nie ein wirklich guter Spieler. Natürlich übe ich nicht genügend, aber es macht mir trotzdem Spaß.
Dann lese ich gerne ganz unterschiedliche Sachen. Den Literaturpreis habe ich wieder einmal zum Anlass genommen, einfach alle vorgeschlagenen Bücher durchzulesen, um einen Einblick ins aktuelle literarische Geschehen zu haben. Ansonsten bin ich keiner Sparte verhaftet. Ich schätze ein klares, kräftiges Erzählen, ich mag es, abends anzufangen zu lesen und nach zwei Seiten drin zu sein in einem Buch. Schon weil ich abends doch manchmal relativ müde bin, bin ich kein Freund von sehr fein gesponnenen literarischen Experimenten. Ich mag's schon bisschen konventionell und grad erzählt. Zuletzt habe ich so unterschiedliche Autoren auf dem Nachttisch gehabt wie Haruki Murakami, unsere Jurorin Juli Zeh, Sven Regener, den 1998er-Literaturpreisträger Matthias Altenburg alias Ja Seghers mit seinem Frankfurt-Krimi „Ein allzu schönes Mädchen“ oder ein philosophisch-sozialwissenschaftliches Werk wie Richard Sennetts „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“.
Zur bildenden Kunst: ich bin kein großer Kenner, gehe aber aus Überzeugung in die Kunsthalle, mehr oder weniger zu jeder Vernissage, um mich inspirieren zu lassen, oder um zu erfahren, wie gegenwärtig Visuelles wahrgenommen und verarbeitet wird. Insgesamt bin ich – was das sehr weite kulturelle Feld angeht - eher der Typ des „Universal-Dilettanten“ als der des Ein-Sparten-Experten.
Meine privaten Reisen gehen fast schon zu fixiert nach Südfrankreich. Sicherlich wegen der Sonne, und wenn man dann so oft in einer Region gewesen ist, stellt sich eine gewisse Erinnerung ein: damals warst du da... und je älter man wird, desto mehr lebt man von solchen Erinnerungen. Wir haben uns jetzt richtig anstrengen müssen, auch einmal nach Italien zu fahren oder demnächst einmal Polen, vielleicht Krakau, anzusteuern. Einfach um diese Fixierung – wie die der Toscana-Generation - mal wieder zu durchbrechen. Es gibt ja auch andere schöne Flecken auf der Welt.
Das Gespräch führte Max Lorenzen