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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Die Durchführung der Lesungen zum Marburger Literaturpreis und die Preisverleihung selbst sind von vielen Anwesenden überwiegend positiv beurteilt worden. Das Grundkonzept scheint also zu stimmen. Im Folgenden einige Hinweise, die das Ziel haben, den Marburger Literaturpreis in kommenden Jahren noch attraktiver zu machen:
Die Preisträgerin hat in ihren Dankesworten Kritik an dem Sinn der Lesungen der Kandidatinnen und Kandidaten für den Preis anklingen lassen. Aus meiner Sicht sollte die Lese- und Kritikstruktur, die in diesem Jahr zum ersten Mal nach dem Vorbild der Klagenfurter Literaturtage ausprobiert wurde, beibehalten werden. Sie bietet den Autorinnen und Autoren eine Plattform, sich und ihre Literatur bekannt zu machen. Darüber hinaus gibt sie den Jurymitgliedern Gelegenheit, ihre Argumente für die Auswahl einer Autorin / eines Autoren in den engeren Kandidatenkreis vorzutragen
Damit diese Lese- und Kritikstruktur funktioniert, ist es unerlässlich, dass das Publikum erfährt, wie es zur Zusammensetzung der Jury kam und welche grundlegenden Kriterien, welches Literaturverständnis, welche Auswahlprinzipien die einzelnen Jurymitglieder haben; wie oft sie sich zum Beispiel getroffen haben, um über die Kandidaten zu sprechen, und in welchem Diskussionsprozess sie sich auf die Kandidatinnen und Kandidaten geeinigt haben. Grundsätzlich gilt, dass die Öffentlichkeit einen Anspruch auf größere Transparenz bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten und der Vergabe des Hauptpreises hat. In diesem Zusammenhang: Wären fünf Jurymitglieder nicht eher in der Lage, eine angemessene Auswahl von Preisträgerkandidatinnen und -kandidaten zu treffen?
Möglicherweise könnte die Kandidatenzahl von sieben auf fünf verringert werden. Die Auswahl selbst wäre damit noch stärker als in diesem Jahr bereits eine Auszeichnung. Außerdem könnte die Organisation gestrafft werden.
Der Regiopreis, so wie er in diesem Jahr vergeben wurde (Kinderbuch, Lehrer-Schüler-Zusammenarbeit, Würdigung auch von Lehrerverdiensten, geringe Zahl von Kandidaten), ist problematisch. Es erscheint überlegenswert, ob der Regiopreis nicht ganz abgeschafft werden kann. Das Geld könnte als Preis des Landkreises an einen weiteren Kandidaten vergeben werden. Wenn dann dazu auch noch ein nicht dotierter Publikumspreis käme, könnten zwei weitere Kandidaten mit einer publikumswirksamen Anerkennung rechnen. Sieben Autorinnen und Autoren in die engere Wahl zu nehmen, aber nur eine Preisträgerin am Ende auszuzeichnen, scheint ein Ungleichgewicht zu sein.
Die Verantwortlichen werden erkannt haben, dass erfreulicherweise eine große Zahl junger Zuhörerinnen und Zuhörer bei den Lesungen anwesend war. Das hat sicherlich (auch) mit dem Begleitseminar des Fachbereichs Germanistik zu tun. Dagegen war die Zahl der Zuhörer, die älter als 35 / 40 Jahre waren, gering. Vielleicht hat das mangelnde Interesse einer bestimmten Altersgruppe auch mit den Räumlichkeiten der Waggonhalle zu tun. Warum für den Marburger Literaturpreis eigentlich nicht in das Rathaus gehen? Diese Räume würden dem Preis neue Zuhörerinnen und Zuhörer sichern.
Der Preis sollte in den Wochen und Monaten vor der Vergabe durch einen VHS-Kurs und durch eine deutlichere Präsentation der Bücher in der Stadtbücherei einem interessierten Publikum nahe gebracht werden. In der VHS könnten die Bücher – ähnlich wie das offensichtlich erfolgreich das Germanistikseminar getan hat – Thema eines Kurses sein.
Schließlich sollte Marburg versuchen, auch immer wieder Kontakte zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern herzustellen, und solche Kontakte, wo immer es geht, zur Aufwertung des Marburger Literaturpreises nutzen. Die Preisverleihung selbst bietet dazu vielfältige Möglichkeiten. So könnten ehemalige Preisträgerinnen / Preisträger zu Lesungen (zum Beispiel am Vorabend des Tages, an dem sich die Kandidatinnen und Kandidaten präsentieren) eingeladen werden. Solche Lesungen brächten dem Preis eine größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.
Herbert Fuchs