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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Es ist dem Kulturamt unter Dr. Richard Laufner gelungen, den Marburger Literaturpreis wieder zum Leben zu erwecken. Zwar mag an der Organisation im Einzelnen noch manches verbesserungswürdig sein, insgesamt aber bekam das Publikum die Chance, sich an einem Wochenende in konzentriertester Form mit der jüngeren deutschen Gegenwartsliteratur auseinander zu setzen. Gerade jedoch, weil die Gesamtrichtung nun stimmt, möchte ich an einigen mir wesentlich erscheinenden Punkten konstruktive Kritik üben:
1. Die Öffentlichkeit sollte sowohl bereits im Vorfeld der Veranstaltung, als auch bei dieser selbst stärker integriert werden. Es wäre sinnvoll, die Kriterien für die Auswahl der Mitglieder der Jury selbst, als auch wiederum diejenigen der Jury für die Vorauswahl der Schriftstellerinnen und Schriftsteller und schließlich für die Vergabe des Preises offen zu legen. - Was spräche etwa dagegen, die Marburger selbst gleichfalls Vorschläge machen zu lassen, welche Autorinnen und Autoren eingeladen werden könnten?
2. Warum lässt man das Publikum nicht wenigstens auch abstimmen - und nähme ein solches Votum mit in die Urteilsfindung auf? Das hätte unmittelbar zur Konsequenz, dass die ungleichgewichtige Fokussierung auf die drei Jury-Mitglieder während der Veranstaltung aufgebrochen würde.
3. Noch einmal zur Jury: die Redebeiträge sollten kürzer, qualifizierter und vor allem differenzierter in Lob und Tadel sein. Geboten wurden aber vor allem allgemeine Elogen, die kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Werken oder Lesungen erkennen ließen.
4. Die stärkere Einbeziehung des Publikums müsste Hand in Hand gehen damit, dass auch die Autoren aus ihrer Rolle als "Wettkampf-Leser" herausträten: dies wäre zwangsläufig der Fall, wenn der Dialog zwischen Zuhörern und jeweiligem Autor ein größeres Gewicht bekäme. Was Antje Rávic Strubel bereits äußerte, dass nämlich nicht klar sei, ob das Buch oder die Lesung, also der "Auftritt", beurteilt werde, zeigt den Klärungsbedarf in aller Deutlichkeit.
5. In irgendeiner Weise - wie, kann ich selber zur Zeit nicht sagen - muss das Ungleichgewicht zwischen dem/der einen Preisträger/In und den übrigen sechs Autorinnen und Autoren mindestens partiell behoben werden.
Natürlich wäre die Frage interessant, ob sich aus den Lesungen des Wochenendes immerhin ein gewisses Bild der heutigen Literatur-Szene zusammensetzen ließe. Gibt es allgemeine Tendenzen und Sehweisen, stilistische Merkmale, vielleicht gar, bei aller Unterschiedlichkeit, einen gewissen Ton, der gleichsam eine spezifische Auffassung der Wirklichkeit bekunden würde - oder eben gerade nicht? Wir werden dem in den weiteren Beiträgen unseres Schwerpunktes, aber auch in einem Gespräch, das wir mit Antje Rávic Strubel, sowie Annette Pehnt und Mirko Bonné führen werden, nachgehen. Der Marburger Literaturpreis kann seine gestiegene Bedeutung unter anderem dadurch erweisen, dass er zu Fragen und Analysen stimuliert, die mit der Rolle und den Möglichkeiten von Literatur heute überhaupt in Zusammenhang stehen.
Max Lorenzen