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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Der Versuch, dem zuletzt arg sang- und klanglos über die Bühne gegangenen Literaturpreis neues Leben zu verleihen, ist eindeutig gelungen. Waren beim letzten Mal mehr als 600 Manuskripte eingereicht worden, was jede Jury überfordern musste, aus denen dann ohne Beteiligung der Öffentlichkeit ein Werk ausgewählt und ausgezeichnet wurde, so hatte man diesmal das Verfahren gründlich verändert. Es konnten nun nur bereits in den Jahren 2003 und 2004 in deutschen Verlagen erschienene Bücher von Autoren und Autorinnen unter 40 Jahren vorgelegt werden, unter denen die Jury eine Vorauswahl traf: sieben Bücher kamen in die engere Wahl und wurden bereits im Herbst 2004 benannt, so dass sie über die Presse (wie im „Marburger Forum“) und in den Marburger Buchhandlungen rechtzeitig bekannt gemacht werden konnten. Die Universität Marburg veranstaltete dazu ein Begleitseminar im Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien der Philipps-Universität, durch das studentische Leser gewonnen wurden. Medienpartner des Marburger Literaturpreises ist der Hessische Rundfunk hr2.

Dr. Richard Laufner, Leiter des Marburger Kulturamtes,
eröffnet
die Veranstaltungsreihe
Es war also ein einigermaßen vorbereitetes Publikum, das sich am Samstagnachmittag im schwarz verhängten Theatersaal der Waggonhalle versammelte. Das Ambiente erschien nicht ohne Dramatik, die Jury wirkte beinahe wie ein Tribunal. Der Organisator, Dr. Richard Laufner, Leiter des Kulturamtes der Stadt, begrüßte die mehr als 100 Besucher im vollbesetzten Raum und erläuterte das Prozedere: jetzt sollten die Autorinnen und Autoren der nominierten Bücher aus diesen vorlesen – im Anschluss daran die Jury zum Gelesenen Stellung beziehen. Die Jury, das waren die Schriftstellerin Juli Zeh, die Journalistin Dr. Maike Albath und Dr. Ute Helduser vom Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien. Als Moderatorin stellte Katrin Gerecht die Lesenden vor.

Dr. Helduser, Dr. Albath, Juli Zeh und Katrin Gerecht
Als Erste präsentierte Maike Wetzel ihren Erzählungsband „Lange Tage“, aus dem sie die Geschichte „Zeugen“ las. Hervorzuheben ist die Qualität des Vortrags aller Autoren und Autorinnen: es war ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Gleich im Anschluss an die Lesung gaben dann die Mitglieder der Jury ihre ausführlichen Stellungnahmen ab, jeweils das ganze Buch einbeziehend – man hätte sich gewünscht, dass zunächst das Publikum die Möglichkeit gehabt hätte, der Autorin Fragen zu stellen. Als es schließlich dazu aufgefordert wurde, schien alles schon gesagt.

Maike Wetzel
Das Verfahren wurde in dieser Weise auch nach den folgenden Lesungen so gehandhabt. Als Zweiter las Mirko Bonné aus seinem Gedichtband „Hisbiscus Code“. Da er der einzige Lyriker bei dieser Veranstaltung war, befand er sich in einer schwierigeren Rolle als die Kollegen mit den Prosatexten: es ist schwer, Gedichte, gerade wenn sie verschlüsselt sind wie die seinen, beim ersten Hören schon angemessen aufzunehmen. Hilfreich war, dass er Gelegenheit hatte, auf Entstehungszusammenhänge und -hintergründe einzelner Gedichte kurz einzugehen, und er wenigstens ein Gedicht zum Abschluss noch einmal lesen konnte.

Der Lyriker Mirko Bonné
Nach einer Kafeepause im „Rotkehlchen“ folgten dann die nächsten beiden Lesungen. Zuerst stellte Antje Rávic Strubel ihren Roman „Tupolew 134“ vor, die Geschichte einer Flucht aus der DDR in einem gekaperten polnischen Flugzeug, die auf eine wahre Begebenheit zurückgeht. In der Diskussion der Jurymitglieder spielte vor allem das Erzählverfahren die Autorin eine Rolle, durch das verdeutlicht wird, wie unmöglich es ist, in der Erinnerung heraufzurufen, was wirklich geschah und aus welchen Beweggründen.
Seinen zweiten Roman „Die Guten und die Bösen“ stellte André Kubiczek vor: eine Satire aus dem wiedervereinigten Berlin. Er las jeweils die ersten Auftritte seiner skurrilen Protagonisten, die er durch seinen betont „coolen“ Vortrag zusätzlich charakterisierte. Wer freilich den ganzen Roman nicht gelesen hatte, konnte sich auch nach der Erörterung der Jury kein umfassendes Bild machen, wozu vielleicht auch beitrug, dass die Konzentration nachgelassen hatte, weil es inzwischen spät geworden war.
Am Abend feierte man dann „Powered by Projektseminar“ unter Leitung von Fridtjof Küchenmann mit den für den Preis „Nominierten“, den Jurymitgliedern und Gästen in der Waggonhalle eine gelungene Party.
Das hinderte niemanden, sich am Sonntagmorgen um 11 Uhr wieder zum zweiten Teil der Lesungen pünktlich einzufinden – angesichts des strahlenden Sonnenwetters hätte man sich einen anderen, weniger finsteren Raum gewünscht, aber vielleicht erleichterte dieser ja die Sammlung. Es begann Zoran Drvenkar, der Proben aus seinem bereits achten Roman „Du bist zu schnell“ vortrug. Das Programm zitiert aus dem Klappentext: „Ein rasanter Thriller, der meisterhaft die Verletzlichkeit und Zärtlichkeit einer gefährdeten Frauenpsyche auslotet – böse und erschreckend menschlich.“ Das Ineinander von Wirklichkeitswahrnehmung und Halluzination wurde beklemmend vermittelt. Im Publikum hörte man später, dass dieses Buch eigentlich ebenfalls preiswürdig gewesen wäre – aber das Publikum wurde ja nicht gefragt!
Nach dieser wirkungsvollen Vorstellung hatte es Annette Pehnt mit ihrem viel stilleren Buch „Insel 34“ nicht ganz leicht, in dem es um die Darstellung einer Obsession und ihre Folgen für das Leben der jungen Frau geht, die darunter – soll man sagen: leidet? Das Gepräch der Jurymitglieder verfing sich in der Frage, ob Leidenschaft beschrieben wird oder die Suche nach dem Sehnsuchtsort im Mittelpunkt steht – beides wurde dem Buch nicht wirklich gerecht.

Annette Pehnt
Den Abschluss fanden die Lesungen mit dem Roman „Oberland“ von Marcus Jensen, der die Zuhörer mitnahm auf eine stürmische Überfahrt nach Helgoland. Die Jury bemühte sich, dem Publikum den komplizierten Gesamtzusammenhang des Werk zu verdeutlichen, in dem es um nichts Geringeres geht als um die Wiederkehr eines jungen Toten, der nach seinem Selbstmord alles noch einmal erleben muss – von Geistern geleitet - zugleich aber auch um die Vergegenwärtigung des Sounds der Achtzigerjahre. Von der halbstündigen Vorlesung aus war es kaum möglich, einen Eindruck vom Ganzen zu gewinnen. Und darin liegt ein Problem des gewählten Verfahrens der Literaturpreis-Vorbereitung – die Jury ist selbstverständlich dem Publikum gegenüber in einem nicht einholbaren Vorteil.
Szenenwechsel: aus der Waggonhalle in den historischen Rathaussaal mit leicht verändertem Publikum - jetzt waren auch die Honoratioren der Stadt und des Landkreises anwesend. Gespannt wartete man darauf zu erfahren, für wen sich die Jury denn nun entschieden haben mochte. Zuerst erklang Musik, dem festlichen Rahmen entsprechend, es spielte das „Duo Anacleto“ Gitarrenmusik. Darauf folgte die Ansprache des Bürgermeisters Egon Vaupel, der auf die Geschichte des Marburger Literaturpreises einging und darauf, wie man ihm die seinem Rang angemessene Geltung verschaffen könne. Zeuge eines ersten Versuchs in dieser Richtung sei man in den vergangenen Tagen geworden.

Bürgermeister Egon Vaupel, Jan Kuhl, Landrat Robert Fischbach
Es folgte dann die Nennung des Regio-Preisträgers, den die Jury aus sechs eingesandten Arbeiten aus der Region Mittelhessen ermittelt hatte. Prämiert wurde das Kinderbuch „König Fittipaldi und sein Zauberkissen“ des Herborner Grundschullehrers Jan Kuhl, für das Maike Albath die Laudatio hielt. Der Preisträger selbst beschrieb eingehend, wie er mit seinem Vierten Schuljahr den Text erarbeitet habe und dankte den Kindern sichtlich gerührt.

Egon Vaupel gratuliert der Preisträgerin
Nach dem „Zwischenspiel mit Duo Anacleto“ wurde endlich das Rätsel gelöst: Den Hauptpreis von 7500 Euro erhielt Antje Rávic Strubel für ihren Roman „Tupolew 134“. Für die Jury würdigte Juli Zeh die Preisträgerin und ihr Werk unter anderem mit den Worten: „Antje Rávic Strubels Schreiben ist eine harsche Inbeschlagnahme der Wirklichkeit“ und betonte das überzeugende literarische Konzept, das der Arbeit zugrunde liegt. Später gestand sie, dass der Jury die Entscheidung nicht leicht gefallen sei, man habe sich erst kurz vor der Preisverleihung und auch nicht ohne kontroverse Gespräche entscheiden können.

Antje Rávic Strubel bedankt sich mit einer kurzen Rede
Nicht nur die beiden Preisträger, sondern auch die sechs übrigen Autorinnen und Autoren wurden mit Blumen bedacht – gerade ihnen wurde bedeutet, sie hätten allein durch ihre Wahl unter die sieben für die Vorauswahl Nominierten Anteil am Erfolg der Veranstaltung. Nicht ganz so positiv beurteilte Antje Rávic Strubel deren Situation: „Für das Publikum ist es toll und spannend, für die Autoren schwierig.“ Es sei nicht eindeutig, ob der Preis nach dem Text oder nach dem Auftritt vergeben werde, „wenn er nach dem Text vergeben wird, dann ist ein solches Wettlesen, eine solche Konkurrenz, nicht nötig.“ Dieser Einwand gegen das gewählte Verfahren ist bedenkenswert – auch wenn man auf die persönliche Vorstellung der Preis-Kandidaten ungern verzichten würde. Und müssen es denn sieben sein? Auch für das sichtlich interessierte Publikum waren es zwei anstrengende Tage ...
Der Festakt im Rathaus bildete einen schönen Abschluss und in jedem Fall scheint es, als sei der Marburger Literaturpreis vor dem Absinken in die Bedeutungslosigkeit gerettet.
Renate Scharffenberg