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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Agnieszka Karas: „Der Pole, der auch Deutscher war. Das geteilte Leben des Witold Hulewicz“, fibre Verlag, Osnabrück 2004, ISBN 3-929759-88-8, 151 S., 19,50 €
Rilkeleser kennen seinen Namen: Witold Hulewicz, ihm verdanken sie lange Briefe mit wichtigen Aussagen des Dichters über sein Werk: „er hat sie ihm abverlangt“. Die Rilke-Chronik verzeichnet: „(1895-1941) polnischer Schriftsteller und Übersetzer, 1941 erschossen.“ Jetzt erschließt Agnieszka Karas in ihrem Buch, was sich hinter den knappen Angaben verbirgt. Darin wird zugleich an dem einen Schicksal das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen sichtbar, das sich bis in unsere Tage hinein auswirkt.

Die Autorin beginnt mit Erinnerungen: „Vor langer, langer Zeit...“, als der junge Witold mit seinen Brüdern auf dem Gut seiner Eltern in Koscianki, nicht weit von Posen, aufwuchs. Damals gab es keinen polnischen Staat, seit der letzten Polnischen Teilung gehörte diese Landschaft zu Preußen. Hier war unter anderem der Unterricht der polnischen Sprache verboten, war Privatsache. Witold und seine Brüder besuchten das deutsche Gymnasium. Als er 19 Jahre alt war – gerade hatte er das Abitur bestanden – brach 1914 der Erste Weltkrieg aus. Er wurde als deutscher Staatsbürger zu einer Fernmeldetruppe einberufen, die an der Westfront eingesetzt wurde. „Ein Pole, der auch Deutscher war“.
In einem Brief Hulewiczs vom 31.3.1917 aus dem Krieg schreibt dieser von den Plänen, in Posen eine „Zeitschrift für Literatur und Kunst“ herauszugeben, die sein ältester Bruder, der Maler Jerzy Hulewicz gemeinsam mit dem lange in München lebenden Schriftsteller Stanislaw Przbyszewski entwickelte. Przbyszewski (1868-1927) schrieb anfangs in deutscher Sprache, wurde dann als Führer des literarischen „Jungen Polen“ heftig angefeindet. Eine der Abbildungen zeigt ihn 1916 in Koscianki, wo ihn Jerzy H. porträtiert (31). Der verehrte Meister stand mit Witold H. in Verbindung, ermutigte ihn mit dem Lob seiner ersten Arbeiten und gab ihm Ratschläge: „Sie haben viel zu sagen [...] Ich sehe in Ihnen den Menschen, der – Gott gebe! - vielleicht bald, gemeinsam mit Jerzy, die mörderische Arbeit um die Kulturisierung der Posener Region beginnen wird“. (25) Im März 1918 erschien Hulewiczs erster Beitrag in der Zeitschrift „Zdroj“ (Die Quelle) des Bruders unter dem Pseudonym „Olwid“, eine Rezension des Buches „Der Krieg im Westen“ von Bernhard Kellermann.
An der Westfront lernte W.H. den deutschen Expressionismus kennen und begann Gedichte aus der Zeitschrift „Die Aktion“ ins Polnische zu übersetzen. Dazu kamen eigene lyrische „Impressionen vom Schlachtfeld“. Fotos zeigen ihn in deutscher Uniform, dazu ein Titelblatt von „Zdroj“ und eines der „Aktion“ mit dem Hinweis auf eine Ausstellung Jerzy Hulewiczs. (29-34)
Nach dem Aufstand in der Provinz Posen, der am 27. Dezember 1918 ausbrach und erfolgreich endete, wurde die neue Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Polen im Versailler Vertrag festgelegt. Die Brüder Hulewicz waren nun Bürger ihres eigenen Landes – Witold diente während der nächsten drei Jahre in der polnischen Armee. Seit 1920 war er mit einer jungen Warschauerin, Anna Kapinska, verheiratet, 1922 kam ihre Tochter Agnieszka zur Welt. Ihren „Erinnerungen“ verdanken wir Einzelheiten aus ihrem Leben: „Kurz nach der Eheschließung zog die Mutter von Witold zu dem jungen Ehepaar. Anna hatte entschieden, daß man die verwitwete Helena nicht allein wohnen lassen sollte. Nun waren sie zu dritt, oder eigentlich zu viert, da ein kleiner Gast seine Ankunft für die Zeit um Neujahr ankündigte. Die Stimmung zu Hause war unterschiedlich: Mal gab es Enthusiasmus und Träume, mal kindliche Spiele, dann wieder Verzweiflung und ein Meer von Tränen, danach böse Worte und stille Stunden.“ (38)
W.H. studierte an der Universität Posen, machte eine Lehre im Verlag, spielte viel Klavier und übersetzte aus dem Deutschen – schon im Krieg hatte er Rilkes „Auguste Rodin“ gelesen, den er nun zu übertragen begann, auch wenn seine Bitte an Rilke um Genehmigung einer polnischen Ausgabe noch ohne Antwort geblieben war. Einschneidend war, dass die Zeitschrift „Zdroj“ sich nicht halten ließ und 1922 das väterliche Gut verkauft werden musste. Witold zog mit Frau und Tochter nach Warschau und gründete die Verlagsbuchhandlung „Hulewicz & Paszkowski“ mit dem
versierten Partner und einem Kredit des Schwiegervaters. Als der Verlag, in dem 1923 Rilkes „Rodin“-Buch erschien, später aufgelöst werden musste, hieß es in Warschau: „Als sie die Firma gründeten, brachte Paszkowski die Erfahrung mit, und Hulewicz das Geld. Als sie die Firma auflösten, hatte Paszkowski das Geld, und Hulewicz die Erfahrung.“ (61)
Ihr drittes Kapitel überschreibt die Verfasserin mit einem Zizat aus Rilkes Briefen an Hulewicz: "Ich kenne Sie doch schon lange..." Im Oktober 1922 hatte Rilke aus Muzot an Katharina Kippenberg gemeldet: "Ein polnischer Rodin ist hier eingegangen", und am 14. Dezember an Hulewicz geschrieben und ihm versichert, "daß es mich freut und ehrt, daß Sie jenen Zyklus von Biographien mit meiner Arbeit haben einleiten wollen." (43) Er ging auch auf den Plan einer Übertragung der "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" ein.
Hulewicz ging an die Arbeit, übertrug Gedichte Rilkes, "Das Buch der Bilder" und "Das Stunden-Buch", organisierte zugleich Rilke-Abende, gemeinsam mit der berühmten Schauspielerin Irena Solska. Über die Veranstaltung in Wilna schrieb der Maler Ferdinand Ruszczyk: " Um vier Uhr ging ich zu einem Rilke-Nachmittag [...] Es kam Hulewicz, ein netter Mensch mit Geschmack. Er spricht gut und natürlich. Sein Vortrag über Rilke war durchflochten mit Rezitationen der Solska (toll!)". (47) Im Anschluß schrieb man eine gemeinsame Postkarte an Rilke. Dieser geht in seinem Brief vom 10.4.1924 darauf ein: "Ihr ganzer langer Brief, der im Anschluß an den Wilna Abend geschrieben wurde, ist mir ein lebhafter Beweis für das Gleichgewicht, das sich innerhalb Ihrer eigenen Leistung herstellt [...] Frau Irena Solska hatte ich schon, in meinem eigenen Gefühl, eine Ausnahmestellung eingeräumt [...] ich denke nämlich daran, ihr die ersten Rosen zu schicken, die heuer in meinem Garten sich erschließen werden .." (48/49)
Im Februar 1924 hatte Rilke ein Exemplar der "Duineser Elegien" an seinen polnischen Übersetzer geschickt – mit einem Widmungsgedicht (46):
Glücklich, die wissen, daß hinter allen
Sprachen das Unsägliche steht;
daß, von dort her, ins Wohlgefallen
Größe zu uns übergeht.
Unabhängig von diesen Brücken
die wir mit Verschiedenem baun:
so daß wir immer, aus jedem Entzücken
in ein heiter Gemeinsames schaun.
Im Sommer 1924 reiste Hulewicz nach Paris, wo er neben Studien zur Musik auf Rilkes Rat Paul Valéry interviewte, und fuhr von dort zu Rilke in die Schweiz. Am 24. und 25. Oktober 1924 besuchte er ihn in Muzot. Er berichtet: "Mein Gastgeber hat etwas weibliches in seinen Bewegungen und im Klang seiner weichen Stimme. Er ist völlig ins Gespräch vertieft, jeder Gedanke spiegelt sich im strahlenden Blau seiner Augen und in der senkrechten Falte zwischen ihnen [...] Er sieht aus, als sei er 35 Jahre alt, indessen vollendet er in einem Jahr das 50. Lebensjahr." (52) Hulewicz las Rilke seine Gedichtübertragungen vor; dieser "trank den Klang der fremden Sprache und assoziierte die vagen Verwandtschaften mit dem Russischen, das er kannte." (53) Hulewicz verabschiedete sich nach diesen beiden Tage mit den Worten: "Ich habe oft im Leben, in der Schule und während des Krieges, die deutsche Sprache und den Geist dieses Volkes verflucht. Sie haben mich für dieses Unrecht reich und überreich entschädigt." (57)
Zurück in Polen veröffentlichte Hulewicz seine Eindrücke in einem langen Artikel, einer Verbindung von Reportage und Interview. Als der Text – verkürzt – deutsch in der "Prager Presse" vom 30. 11. 24 erschien, erregte er Aufsehen. Rilke hatte sich Hulewicz gegenüber sehr kritisch geäußert: "Seine Aussagen über sein Verhältnis zu Prag, zu den Tschechen, Österreichern und Deutschen wurden also politisch interpretiert. Sie wurden zum Anlaß einer heftigen Kritik an Rilke in der deutschböhmischen Presse." (59) Es kam zum "Fall Rilke". Ausführlich stellt dies Erich Unglaub dar: "Das Hulewicz-Interview in der Prager Presse", jetzt in dessen "Rilke-Arbeiten" 2002, auf die sich die Autorin bezieht. Rilke bemühte sich um Richtigstellung und schrieb schließlich an Hulewicz: "Ich selbst trage Schuld daran, daß ich in unserem Gespräch Themen unterbrachte, für welche Sie, ein Fremder, der zu mir gekommen war, nicht gleich ein richtiges Maß finden konnte: oft servierte ich Ihnen pures Salz, ohne mich um das Gericht zu kümmern, das man nur mit einer einzigen Prise Salz hätte zubereiten sollen" (13.12.24, 60)
Vorher noch hatte Rilke in langen Briefen die Fragen seines Übersetzers zum "Malte" und zu den "Elegien" beantwortet – er äußerte sich darin ausführlicher als jemals zuvor. Kurz vor seinem Tod intervenierte er am 24.11.26 bei Anton Kippenberg , als der Verlag für die "Malte"-Übertragung eine Ablösesumme gefordert hatte – sie wurde erlassen.
Bereits von Paris aus hatte Hulewicz sich in Wilna beworben: "Hiermit bitte ich um die Stelle des Sekretärs in der Abteilung für Kultur und Kunst beim Amt des Regierungsdelegierten in Wilna".(50) Seine Ehe war zerbrochen, in Warschau hielt ihn nichts. In der neuen Stellung war er voller Pläne für die kulturelle Belebung der Stadt. Der Dichter und spätere Nobelpreisträger Czeslaw Milosz schreibt: "Wilna übte auf Menschen eine unheimlich starke Wirkung aus [...] Die am weitesten im Norden gelegene barocke Stadt. - Wenn Sie sich Hulewicz vorstellen wollen, so kann ich Ihnen sagen: ein ziemlich großer Mann, schwarzhaarig, fast arabisch, ein sehr männlicher Typ. Ich sehe ihn auf dem Motorrad ... und immer mit einer schönen Frau auf dem Sitz hinter ihm." (62/63) Hulewicz selbst betonte: "Wilna ist eine Linse, welche die scharf gezeichneten Strahlen unterschiedlicher Nationalitäten bündelt" (64) – so waren z.B. mehr als acht Konfessionen in der Stadt vertreten.
Im April 1925 erschien die erste Nummer der Zeitschrift "Wilnaer Wochenblatt", deren Chefredakteur Hulewicz war, im November eröffnete er die Spielzeit des Warschauer "Reduta"-Theaters in Wilna. Nicht alle waren von der lebhaften Tätigkeit des "ungebetenen Gastes" begeistert, konservative Kreise lehnten ihn ab, was später Folgen haben sollte. Für sich arbeitete "Olwid" an seinen Rilkeübertragungen, beteiligte sich 1926 an der Debatte über eine eigenwillige Faust-Übersetzung von Emil Zegadlowicz und wurde dadurch in der polnischen Öffentlichkeit als Kenner der deutschen Literatur wahrgenommen. Sieben Jahre hatte er an seinem Buch "Göttlicher Vagabund. Beethoven – Werk und Mensch" geschrieben, das 1927 herauskam. "Im Osten Polens gab es noch kein Radio, also fuhr Witold mit seinem Motorrad durch die Dörfer und Städtchen Litauens, und wo immer es ein Klavier gab, spielte er die Musik seines Komponisten. Er spielte in Gemeinschaftshäusern und Schulen für Dorfkinder und Greise, manchmal inmitten von Hunden, Katzen und Hühnern. Er nannte das: "Beethovisierung Litauens"." (79)
Auch dem Wilnaer Schrifstellerverband gehörte Hulewicz an. "Am 4. Mai 1927 fand der erste "Literarische Mittwoch" mit Publikum statt. Junge Wilnaer Musiker spielten ihre Kompositionen, Literaten trugen ihre noch unveröffentlichten Texte vor. Hulewicz las Ausschnitte aus seinem Gedichtband "Stadt unter den Wolken". "Das ist ein Buch über Wilna, Hulewiczs ungeheueres Interesse für diese Stadt. Das war etwas, was wir nicht kannten", erzählt Czeslaw Milosz." (82) Der Literarische Mitwoch war in den folgenden Jahren häufig ein wichtiges Ereignis.
Im Dezember 1927 wurde Hulewicz Programmdirektor im Polnischen Rundfunk, Sendestudio Wilna. Im Sommer 1928 wurde sein Hörspiel "Das Begräbnis von Kiejstat" ausgestrahlt, das erste polnische Originalhörspiel überhaupt. "Bei der Zusammenstellung des täglich achtstündigen Programms versuchte Hulewicz die verschiedenen Religionen und Volkszugehörigkeiten seiner Zuhörerschaft zu berücksichtigen. Es war sein Ehrgeiz, den gesamten Querschnitt der Wilnaer Gesellschaft zu erreichen: Bauern, Handwerker, Hausfrauen, Kinder, Kaufleute, und natürlich seine Lieblingszielgruppe – das literarisch und künstlerisch interessierte Publikum." (85). Seine Tochter, die bei ihm aufwuchs, schreibt in ihren "Erinnerungen" : "Es war für mich ein Rätsel, auf welche Weise mein Vater seine berufliche Tätigkeit mit dem Schreiben eigener Sachen und dem sozialen Engagement unter einen Hut brachte [...] Er hatte für alles Zeit, war nie müde, immer munter und gesund. Er machte sogar den Eindruck, als ob er noch einen Überschuß an Energie hätte, den er im Sommer beim Tennisspielen, im Winter beim Skifahren entladen mußte." (90)
Im Jahr 1934 kam es über eine Reihe von bösartigen Karrikaturen in der konservativen Wilnaer Zeitung "Slowo" zu einem Konflikt, der schließlich auf ein Duell ("leichte Säbel") hinauslief – daraufhin wurde Hulewicz zur Sendezentrale nach Warschau versetzt. "Hulewicz blieb in Warschau. Er leitete dort die literarische Abteilung, mit dem Nutzen für sich, für die Abteilung und für die ganze polnische Radiophonie", wie es in einen Monographie über den polnischen Hörfunk heißt. (95).
"Wir sehen uns wieder..." ist das letzte Kapitel überschrieben – das sind die letzten Worte auf der Postkarte, die Witold Hulewicz am 11. Juni 1941 aus dem Gefängnis an seine Mutter schrieb. Schon vor dem Ausbruch des Krieges hatte er 1939 einen "Radiokrieg" gegen die polnischsprachigen Propagandasendungen aus Breslau und Gleiwitz geführt – mit seinen Reden an die deutsche Bevölkerung. Dann kam die Nachricht vom Einmarsch der deutschen Truppen. Das polnische Radio wurde aus Warschau nach Lublin ausgelagert, am 15. September erreichten die Evakuierten, unter ihnen Hulewicz und seine zweite Frau, die polnisch-rumänische Grenze. "Ich fragte mich, erzählte er, was ich dort, an der rumänischen Grenze zu tun hatte? Ich beschloß, umzukehren. Das, was man mich aus dem Hörfunk wegtransportieren ließ, übergab ich einem Kollegen. Ohne mich zu verabschieden, kehrte ich um. Wir drängten uns durch die Einheiten der Deutschen, schoben uns am Rande der Frontkämpfe entlang. Kugeln löcherten unser Auto, aber – Gott gnädig! - Wir kamen an, und erst in Warschau wurde unser Wagen beschlagnahmt..." (110)
In Warschau fand Hulewicz Kontakt zu der Untergrundorganisation "Kommandantur der Verteidiger Polens" (KOP) und gab deren Zeitschrift "Polen lebt!" heraus, die wenige Tage nach der Kapitulation am 10.10.39 zu erscheinen begann: "Polska Zyje!" wurde im Geheimen gedruckt, von der ersten Nummer 6000 Exemplare – im Juli 1940 betrug die Auflage dann 30-40.000, ausgeliefert wurde im Fünf-Tage-Rhythmus. Verbreitet wurde die Zeitschrift im ganzen besetzten Polen, aber auch im Ausland. Witolds Bruder Bogdan z.B. las sie in der Gefangenschaft. KOP hielt durch sie den Kontakt zur polnischen Exilregierung. - Offiziell arbeitete Hulewicz in der Warschauer Stadtverwaltung, versuchte zerstörte und geraubte Kunstwerke, wenn nicht zu retten, so doch zu dokumentieren.
Ab Juni 1940 betrieb die KOP Zersetzungspropaganda in deutscher Sprache. "Hulewicz schrieb und redigierte Schriften und Flugblätter, die für die Deutschen bestimmt waren. Ihr Zweck war die Enthüllung der Nazi-Propaganda in den Augen der Deutschen ..." (119). Nach den Autoren dieser Schriften suchte die Gestapo fieberhaft und in der Nacht vom 31.8. auf den 1.9.1940 kam es zu einer Hausdurchsuchung bei Hulewicz und seiner Frau Stenia – zwar wurde nichts Belastendes gefunden, aber am nächsten Tag sollte er sich in der Gestapo-Zentrale melden. Von dort kam er nicht zurück. Auch seine Frau und seine Tochter wurden verhaftet und kamen wie er ins Pawiak-Gefängnis, wo sie sich manchmal sehen konnten. Die Lage des Gefangenen verschärfte sich, als es der Gestapo im Januar 1941 gelang, eine der Geheimdruckereien zu finden und dort Zeitschriften zu beschlagnahmen. Seine Tochter berichtet: "Anfang 1941 kamen die schwersten Augenblicke. Stenia und ich erfuhren, daß man ihn in der Dunkelzelle hielt, in einem so niedrigen Raum, daß man sich dort nicht aufrichten konnte, ohne Fenster und ohne Pritsche, mit Wasser auf dem Fußboden. Wir erfuhren, daß man ihn zu Verhören in die Aleja Szucha brachte und er von dort auf einer Krankentrage zurückgebracht wurde [...] Daß man ihn im Gefängnishospital behandelte und erneut zu den Verhören brachte [...] Gegen Ende meiner Haft habe ich ihn noch einmal gesehen. Er war sehr dünn und hatte ganz graue Haare." (134) Am 28. März 1941 wurde Agnieszka Hulewicz entlassen. Durch einen polnischen Aufseher erhielt sie noch Nachrichten, am 12. Juni sah sie diesen zum letzten Mal – ihr Vater sei fortgebracht worden.
Witold Hulewicz wurde am 12. Juni 1941 im Wald von Palmiry bei Warschau, zusammen mit vierzehn Männern und vierzehn Frauen, erschossen.
In der Darstellung von Agnieszka Karas wird dies "geteilte Leben" aus dem Vergessen gerettet und für den deutschen Leser zum ersten Mal sichtbar gemacht. Dadurch, daß die Autorin viele Zeugen vom Leben des Witold Hulewicz zu Wort kommen läßt, gewinnt das Buch ein hohes Maß an Authentizität. Auch die vielen Abbildungen aus Privatbesitz erleichtern die Annäherung. Was man sich gewünscht hätte: eine Zeittafel, die die einzelnen Stationen dieser Existenz deutlicher hätte hervorheben können. Aber vielleicht ist es ganz hilfreich, sie sich selbst zu erschließen...
Renate Scharffenberg