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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Marcus Jensen: Oberland. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2004, 506 Seiten, ISBN 3-627-001044, 24,90 €
Marcus Jensen (geboren 1967) hat einen fulminanten Entwicklungsroman geschrieben, der auch ein moderner Heimatroman ist. Der bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Autor verfolgt dabei detailversessen, aber gnadenlos geradlinig das Prinzip der Dekonstruktion. Sein Held, Jens Behse, geb. am 1.11.1967 stirbt schon mit 22 Jahren und zwar an seiner absichtsvoll destruktiv betriebenen Selbstverortung in dem, was wir Leben nennen. Todesursache: Heimatlosigkeit. Jensen gliedert den Roman dreischrittig in waldorfpädagogisch-entwicklungsrelevante Sieben-Jahres-Abschnitte, wobei dem Erleben der Pubertät der weitaus größte Teil zukommt.

Oberland heißt der höchste Teil von Helgoland, der Insel die allen Sprengversuchen trotzte. Ein zentraler Begriff des 506 Seiten starken Werkes ist „Lunn“. So nämlich lautet der helgoländische Name für „Heimat“, und so erklärt es der Vater von Jens seinem siebenjährigen Sohn auf der Helgolandfahrt: “Das Land und die Insel heißen Lunn. Die Heimat. Es ist ein bisschen wie Zuhausesein, Jens. Sag das mal: Lunn.“ Ein Spielchen. Ein Wort wie Lunn sage ich doch nie wieder. (...) „Luhn?“ Lauter, das hat niemand gehört. Und den Vokal kürzer, Erstklässler. Ich halte die Mütze mit beiden Händen, kralle mich in die schönste Dreckschicht der Welt: „Luunnn!“ (76)
Schon der Klang des Wortes, mit dem man Weichheit und Samtigkeit, ja Zerbrechlichkeit (der Heimat wohlgemerkt) assoziiert, lässt aufhorchen, zumal das Gegenteil, das nicht und nirgends Zuhausesein Jens sein kurzes Leben lang begleiten wird. Eine Hauptfigur des Romans ist analog dazu wie ein Engel aus dieser Lunn-Welt konzipiert. Dieser Engel - ein frühreifes Mädchen - , der gleichzeitig auch seine eigene Negation verkörpert, wiegt 113,6 Kilo und heißt Steff. Steff ist die einzige und wahre Liebe für den vierzehnjährigen Jens. Und das fremde Wort aus Helgoland, welches angeblich nie wieder gesagt werden würde, wird als passende Liebeserklärung - seinem Klang angemessen -, geflüstert, nämlich in Steffs Ohr: Mit feuchten Augen und langem Hin- und Hergeschnaufe gebe ich aber ein kleines, winselndes Geräusch von mir. Damit du mich nach dem Lachen nicht heulen siehst, presse ich mich gegen deine Wange, atme ruckhaft ein. Ich schließe die Augen und drücke dich fest an mich. „Lunn“, sage ich also in dein Ohr. Und weiß nicht warum.
Doch Steff wird sich das Leben nehmen, noch in der Pubertät. Das Handeln erscheint tragisch aber konsequent, weil die Protagonisten in die Enge getrieben werden von Zwängen, die sie allerdings nicht überblicken (können). Der nahezu allwissende Ich-Erzähler wechselt nach Belieben die Erzählperspektiven. So weiß der Siebenjährige schon wie die Geschichte ausgeht, denn der Roman ist ein großer Rückblick aus der Vogelschau, die ja auch Sterbende mitunter einnehmen, wie man weiß und wie der Autor anmerkt. Aber die altkluge wie zynische Weltsicht des Kindes (Kapitel EINS), des Pubertierenden (ZWEI) oder des Zivis (DREI) ist mitunter unglaubwürdig und das ist eine Schwäche dieses Entwicklungsromans. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Jensen z.T. genau die gefährlich selbstgefällige Sicht der Dinge kopiert, die er an der Figur des Vaters von Jens Behse so gekonnt realsatirisch in Szene setzt.
Die Schilderung des familiären Hintergrundes, „Backgrounds“ möchte man sagen, gehört zu den stilistischen Glanzstücken des Buches. Die Dialoge sind gekennzeichnet von merkwürdig theatralem Sprechen und Gebaren, die Schilderung des passenden Ambientes mit handgetöpferten Klingelschildchen (150) führt dem Leser in Kammerspiel-Dichte vor, wie unerträglich die Versuche dieses pseudoabgeklärten Akademikerdaseins sind (aber eben auch wie unglaublich komisch sie wirken). Grandios die Szenerie auf Vaters vierzigstem Geburtstag.
Vater steht da mit dem Rotwein in der Rechten, er trägt seine dünne schwarze Lederweste, das Glas enthält den Kooperativen Chianti aus dem Wohnzimmer. (262) Mutter öffnet die Küchentür.: „Der Salat wäre fertig.“ „Schatz, magst du erst mal bei uns sitzen? Der Sammi erzählt gerade dem Jens, wer er ist.“ „Wer wer ist?“ „Der Sammi, du.“ „Warum, ich kenn euch doch alle.“ (...) „Du Jens, wenn deine Mutter das so sagt, dann meint die das natürlich kritisch. Die setzt uns da bewusst’n kritischen Kontrapunkt.“ (265/66)
Großer Gott, möchte man ausrufen, aber wir schreiben das Jahr 1982, die Friedens- und Ökobewegung ist angelaufen. Eine eigene Zeitrechnung scheint begonnen zu haben. Jens erzählt von Peter, dem Freund seines Vaters: Peter datiert jeden seiner Briefe mit dem Datum des Atombombenabwurfs über Hiroshima, 36 n.H., grundsätzlich. (149) Hier mag der Leser zurecht befürchten, dass dies keine Fiktion von Marcus Jensen ist, sondern die Sache an sich ein Vorbild haben muss. Das kann man sich nicht einfach so ausdenken. Der Leser ist gezwungen, sich zu erinnern. Stimmt. Political correctness trägt man in den frühen Achzigern regelrecht zur Schau und in Form von modischen Accessoirs wie Buttons auf der Jacke und Aufkleber auf dem R4. Heute findet man das witzig. Wie viele Ökos braucht man, um eine Glühbirne reinzudrehen? Elf. Einen, der sie reindreht, und zehn, die diese Erfahrung mit ihm teilen. (149)
Der Autor spielt ebenso gekonnt mit Versatzstücken aus der damals in der Tat neuartigen neuen Deutschen Welle. Der intertextuale Bezug des Romans zu Joachim Witts genialem Song „Goldener Reiter“ ist ein weiterer Höhepunkt. Joachim Witts Anklage scheint heute genau so aktuell zu sein wie vor fast 25 Jahren. Der goldene Reiter wird somit Jens Behses Identifikationsfigur, Jensen verknüpft sensibel Zitate aus dem Lied (Refrain: Hey hey hey ich war der goldene Reiter (...)Hey hey hey ich war ein Kind dieser Stadt) mit dem zugespitzten Fortgang der Handlung.
An der Umgehungsstraße, kurz vor den Mauern unserer
Stadt,
steht eine Nervenklinik, wie sie noch keiner gesehen
hat.
Sie... Sie hat das Fassungsvermögen
Sämtlicher Einkaufszentren der Stadt
Gehen dir die Nerven durch
wirst du noch verrückter gemacht
Auf meiner Fahrt in die Klinik
Sah ich noch einmal die Lichter der Stadt
Sie brannten wie Feuer in meinen Augen
ich fühlte mich einsam und unendlich Schlapp. Refrain
Die Jugendclique schreit: Nochmal noch mal noch mal!
(393/394)
Den weitaus größten Anteil seines Romans (ca. dreihundert Seiten) widmet Marcus Jensen der Entwicklung des Vierzehnjährigen Jens Behse. Zum Frühlingserwachen gehören hier Suizidgedanken und –versuche, die zugleich Initiationen sind (Jens hängt sich nackt an das Balkongeländer des Hochhauses 220-222), Séancen, Friedhofstreffen; Gedanken über Tod und Teufel bleiben hier aber keine Phrasen und das ist furchtbar bedrückend, denn schließlich wird auch die geliebte Steff in den Tod getrieben, den Jens jedoch rächt.
Für die Entdeckung der eigenen Sexualität gibt es viel Raum und Gelegenheit. (228/29) Geodreiecke dienen im Grunde auch nur dem einen Zweck: Von der Null in der Mitte gehen sieben Zentimeter nach rechts und nach links, macht vierzehn, darauf folgen noch jeweils zwei Zentimeter unskaliert, bevor die Plastikspitzen erreicht sind. Die kann der Teenager leicht in seine Schwanzwurzel stechen, um dann das Geodreieck mit der Hypotenusenmesslatte gegen den steifen Sprössling zu pressen. (...) „Hnf! Nmff!“, „Höh-ö-ö!“, „Ch-ch.“, “Pff, ooooh du.“ (229-233 etc.) Mit Verlaub, der Leser käme auch ohne die naturalistischen Laute weiterhin mit dem Text zurecht.
Auch könnte man ohne die (sind es hundert?) Seiten über Mathestunden der Klasse OIIIb bei Herrn Kleemann, von dem der Erzähler vorher weiß, dass er in der Nervenklinik landen wird, zurechtkommen. Aber der Autor eben nicht. Traumatisch muss das alles gewesen sein, dass man so ausführlich vom Herumreichen eines modernen Poesiealbums während des Unterrichts berichten muss.
Im Schlusskapitel ist Jens Behse gerade 22 und wechselt im Altenpflegeheim die Windel der Oma Kerber, welche nur noch konsistenzidentische Babyfutterscheiße (442) enthält. Der passende Ort für Sinn- und Seinsfragen, nun im Wechsel helgoländischer Bilder und als Zirkelschluss konzipiert. Das Schicksal hält zudem eine unerwartete Erinnerung an die geliebte Steff bereit: ein Polaroidfoto.
Jens Behse hat am Ende nichts im Herzen und nichts in der Hand, woran es sich anzuknüpfen lohnte und vernichtet daher seine alte, als helgoländer Strandgut angespülte Kapitänsmütze, die eine Narrenkappe hätte werden können. Schulhefte, Bilder und Briefe, auch sein Logbuch fallen der Entsorgung meiner persönlichen Dokumente (443) zum Opfer. Schließlich wirft Jens sich selber weg.
Als Schelmenroman, als „scharfsinnige Zeitreise in die jüngere Vergangenheit“ ist Jensens Roman im Klappentext angekündigt. War es nicht so, dass der Schelm sein Abenteuer immer mit simplizistischem Witz und einer gewissen Verschlagenheit meistert?
Marcus Jensen zeigt uns einen Helden, der zwar die Insignien von Abenteuer und Aufbruch trägt, womit die Kapitänsmütze vollends sinnbildlich wird, der aber nicht wirklich ins Leben hinausfahren will, weil er schon ein Zuhausesein nicht kennt. Das ist neu. Freddy Quinns Ich mach mir Sorgen, Sorgen um dich (9) aus Junge, komm bald wieder steht auf der ersten Seite des Romans, klingt aber noch bis zum Schluss nach.
Auf die Lesung des Autors (Samstag, 5. Februar 2005, in Marburg), der seine Leser wirklich in die jüngere Vergangenheit zurückschickt, (z.B. in die eigene Abiturzeit) kann man sich nur freuen.
P.S. Das mit dem uralten Balsamico (262) und dem Rucola-Salat (269) kam aber erst zwanzig Jahre später in Mode.
Erika Schellenberger-Diederich