Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 1


 

  Aufruf zum Aufbruch in die Freiheit

  Rüdiger Safranskis neue Schiller – Biographie

Wie testet man ein so „viel gerühmt(es)“ (F.A.Z.) Werk wie Safranskis Neuerscheinung auf seinen „Gebrauchswert“? – Wer zur Zeit in Marburg mit dem Aufzug neben der Elwertschen Buchhandlung vom Pilgrimstein in die Oberstadt fährt, kann im Schaukasten rechts ein Plakat des Marburger Theaters entdecken, auf dem für den Besuch eines Schiller – Stückes – so scheint es zunächst – geworben wird: „Der Parasit“. Der Parasit??? Von Schiller??? Nie gehört, so ist wohl die Reaktion der meisten. Etwa eine Neuentdeckung bzw. Ausgrabung? (Man hat in der Eile den erklärenden Zusatz „nach Picard“ übersehen!) – Und: Man schlägt nach bei Safranski im Werkregister (ein Schlagwortregister fehlt). Dort ist ein „Parasit“ nicht auffindbar. Mit Recht, wie weitere Recherchen schließlich den Wissbegierigen belehren.) Ein weiterer Blick auf das ominöse Plakat lässt nun das Personenregister Safranskis nach Picard durchforsten: Fehlanzeige. Die beigefügte Zeittafel zum Leben und Werk Schillers verkündet schließlich, nach 9 Seiten ab Schillers Geburt 1759, unter der Jahreszahl 1803 auf S. 538  den „Beginn der Übersetzung von L.B. Picards Lustspielen Encore des Menechmes (Der Neffe als Onkel) und Mediocre et rampant, ou le moyen de parvenir (Der Parasit). Daher also nicht im Werkregister! - Man möchte gern mehr darüber wissen. Das Inhaltsverzeichnis ist zwar ohne Jahresangaben, aber der Hinweis 1803 in der Zeittafel lässt einen alsbald im vorvorletzten, 22. Kapitel landen, unter der Teil-Überschrift: “Rückkehr nach Weimar. Theaterleben.(…)“ Dort liest man auf S. 473 dann über Goethes und Schillers „gemeinsame Reformtätigkeit“ für das Weimarer 1791 gegründete Hoftheater. Erwähnt werden neben Goethes Voltaire – Übersetzungen („Mahomet“ und „Tankred“), Schillers Übersetzungen von Shakespeares „Macbeth“ und Gozzis „Turandot“ „sowie einige(r) populäre(r) französische(r) Komödien“. Punktum!Hier jetzt ohne Jahresangaben oder weitere Informationen zu Autor(en) und Stücken. Weiteres Recherchieren über Schiller und Picard in anderen Schiller –Biographien brachte folgende, für eventuelle hiesige Theaterbesucher vielleicht interessante Informationen: Louis-Benoit Picards (1769 – 1828) beide Stücke, noch dem ancien régime verpflichtet, von Schiller auf Wunsch des Weimarer Herzogs Carl August übersetzt u n d bearbeitet, wurden am 18.5. („Der Neffe als Onkel“) und am 12.10.1803 („Der Parasit“) am Hoftheater uraufgeführt.- Außerdem standen von Schiller selbst 1803 auf dem Spielplan: „Die Jungfrau von Orleans“, „Wallensteins Lager“, „Die Räuber“, „Die Braut von Messina“, „Maria Stuart“ und „Wallensteins Tod“ (vgl. Christoph Wetzel „Friedrich Schiller“, Salzburg 1979, S. 63, 100).

 

„Unbestrittene Höhepunkte des Weimarer Theatergeschehens aber bildeten die Aufführungen von Schillers eigenen Stücken.“ So wieder Safranski. Und nun folgen Angaben zur Entstehung von „Maria Stuart“, „Jungfrau von Orleans“,“Braut von Messina“ mit Ansätzen zur Interpretation; danach schließlich ausführlich zum „Wilhelm Tell“, dessen Weimarer Uraufführung vom 17.3.1804 mit Jahresangabe präzise nur durch Nachschlagen in der Zeittafel ersichtlich wird.

Ergo vorläufiges Fazit für den Benutzer: Safranskis Buch ist nicht immer geeignet als alleiniges „Nachschlagewerk“ über Leben und Arbeiten Schillers. Es setzt einen Leser voraus, der bereit ist, hin- und herzublättern und der möglichst schon etwas über Schiller weiß.

Einen Anmerkungsapparat gibt es übrigens auch nicht bei Safranski; Schiller – Zitate im Text werden sofort in Klammern  nach der von ihm benutzten Werkausgabe angegeben; alle weiteren Zitate finden sich ohne Stellennachweis.Dafür gibt es im Anhang ein differenziertes Auswahl-Literaturverzeichnis.

Andererseits: Man muß natürlich den Unter- bzw. Alternativ – Titel seiner Biographie beachten: „Die Erfindung des Deutschen Idealismus“. Hier, also im philosophischen Bereich, hat der seit 1.1.2005 sechzigjährige Autor Safranski, längst bekannt durch seine Bücher über die Philosophen Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger, über den Dichter-Komponisten E.T.A.Hoffmann u.a.m., seinen unübersehbaren Schwerpunkt gesetzt. Das erklärt Auslassungen, Raffung und Dehnung, zu denen jeder Biograph gezwungen ist. Daher werden auch bestimmte Werke Schillers, die der Fokussierung auf dieses Thema dienen, ausführlicher behandelt (z.B.“Die Räuber“; „Don Karlos“), andere kommen kürzer. - Wir erfahren  - mit Schiller in Jena – ausführlich über seine Rezeption von Kants „Kritik der Urteilskraft“ und „Kritik der reinen Vernunft“, von Schillers Auseinandersetzung mit Fichte und Schelling. Und schließlich – nicht ohne die wesentlich werdende Verbindung mit Goethe – über Schillers ästhetische Schriften und Zeitschriften.

Der „phänomenologische Philosoph“ oder „philosophische Phänomenologe“ Safranski (F.A.Z. 31.12.04) versucht sich und uns den Autor Schiller aus seinem Werk herauszuarbeiten, nicht umgekehrt, in biographischer Willkür, das Werk auf das Leben zu reduzieren. Deshalb auch Safranskis Coup zu Beginn (im Prolog), als er nicht – wie gängig – mit Schillers Herkunft, Eltern, Geburt einsetzt, sondern umgekehrt mit dem Obduktions – Befund des Arztes an Schillers Leichnam: “Bei diesen Umständen muß man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können.“ Und aus Heinrich Voß’ Kommentar an Schillers Sterbebett „Nur bei seinem unendlichen Geiste wird es erklärbar, wie er so lange leben konnte“, leitet Safranski seine „erste Definition von Schillers Idealismus“ ab: “Idealismus ist, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt. Es ist der Triumph eines erleuchteten, eines hellen Willens. Bei Schiller war der Wille das Organ der Freiheit.“ (a.a.O.,S.11) Das ist allerdings nicht naturwissenschaftlich-medizinisch, sondern wirklich rein idealistisch gedacht, Herr Safranski!

Safranskis Lesung in der Elwertschen Universitäts-Buchhandlung am 4.November 2004 zeigte, wie klar durchdacht er sein Buch von diesem Vor-Wort am Totenbett über Schillers Leben und Werk bis zum tödlichen Ende (S.525) ausgespannt hat.

Aber: Der Leser sollte – trotz dieses etwas düsteren Eingangs – nicht schwarz sehen. Denn es folgen bald die Kapitel über die Erziehung des jungen Schiller auf der Karlsschule; die ersten Jahre auf Schloß Solitude in Ludwigsburg, später dann in Stuttgart auf der Militär-Akademie des absolutistischen Herrschers Karl Eugen. Sie zeigen beileibe keine rosigen Jugenderlebnisse, lassen im Gegenteil den für die heutige Jugend schwer nachvollziehbaren Drill einer militärisch-autoritären Erziehung sichtbar werden:

„Fest geregelter Tagesablauf: Aufstehen, sommers 5 Uhr, winters 6 Uhr, Musterung, Rapport, Frühstück, Unterricht von 7 bis 11, Montursäubern und Musterung durch den Herzog, 12 Uhr Mittagessen, Spaziergang gruppenweise mit Aufsicht, Unterricht von 14 bis 18 Uhr, Erholungsstunde 18 bis 19 Uhr, Musterung, Rapport, Schlafzeit ab 21 Uhr.“ Und die Sanktionen, unter denen die Schüler, auch Schiller, zu leiden hatten: „Ausgangssperre, Schläge, Essensentzug oder Karzer (…)“. Solche Strafen gab es z.B., wenn man bei heimlicher Lektüre von Goethes „Leiden des jungen Werther“, dem damaligen Bestseller der akademischen Jugend, erwischt wurde. All dies liest sich spannend. Und was wäre gewesen, wenn Schiller nicht in seinem jungen, gerade 21jährigen Lehrer Abel einen verständnisvollen Förderer und Anreger seiner poetischen und philosophischen Interessen und Neigungen gefunden hätte?

Auch den „in ganz Deutschland gefürchteten und bewunderten Pamphletisten, Enthüllungsjournalisten und Verfasser von politischer Kampflyrik“ (S.102) Christian Friedrich Daniel Schubart lernt Schiller kennen, der die Hohe Karlsschule als eine „Sklavenplantage“ zu bezeichnen wagt und 9 Jahre auf dem Hohen Asperg ohne Prozeß und Verurteilung in Isolationshaft gehalten wird. Dessen Erzählung im „Schwäbischen Merkur“ wird neben der durch Abel erfahrenen Geschichte des „Sonnenwirts“ zur Anregung für Schillers „Räuber“. Entstehung, Aufführung und Interpretation dieses Erstlings widmet sich Safranski ausführlich.Hier sieht er in Karl und Franz Moor „Zwei Extremisten: des entfesselten Idealismus der eine, des hemmungslosen Materialismus der andere.“ (S.109) “Die Räuber“: “die grandiose Kopfgeburt eines Mediziners, der mit philosophischen Ideen literarisch experimentiert.“ Entsprechend interpretiert Safranski sie unter medizinischem, philosophischem, literarischem und wirkungsästhetischem Aspekt. Schließlich landen beide Brüder beim „Nihilismus“. Das Ende Karls, der seinem Selbst treu bleibt, beurteilt Safranski positiv: “Freiheit ist, wenn sich ein Ich mit seinem Selbst zusammenschließt. Dieser Gedanke, der hier zum ersten Mal aufblitzt, wird Schiller noch ein Leben lang beschäftigen, und er wird ihn grandios ausarbeiten.“ (S. 115) In seiner Lesung sprach Safranski vom „Abenteuer der Freiheit“ als Schillers Leidenschaft. Die Schaubühne ist für Schiller „Zelebrierung des Schauspiels der Freiheit“. Wobei für Safranski Schillers Enthusiasmus aus dem Lebensekel erwächst; Schiller, ein „abgebrühter Enthusiast“, mit allen Wassern des Materialismus gewaschen. (Kein Wunder: „Die Räuber“ und Schillers medizinische Dissertation „Philosophie der Physiologie“ entstehen simultan!)

Später, in Jena, ist Schiller durch seine Schrift „Über den Abfall der Spanischen Niederlande“ zum führenden deutschen Historiker und Geschichtsprofessor geworden, da erscheint ihm Geschichte als sicheres Terrain, wohingegen sich die Frage naxch dem Nutzen der Kunst stellt. „Die Schönheit steht unter Rechtfertigungsdruck“. Durch die Wissenschaft erfolgte Entseelung, Kälte und Leere; aber in der Poesie ist eine neue Verzauberung möglich. Schiller fühlt sich frei gegenüber den religiösen Zwängen der eigenen Epoche: der Ort der Transzendenz ist für ihn leer. Stattdessen sieht er das „Heilige“ im Sinn des erfüllten Augenblicks. Safranski hat daher als Motto die parallel zur „Maria Stuart“ entstandene „Nänie“ seinem Buch vorangestellt: “(…) Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, / Dass das Schöne vergeht; dass das Vollkommene stirbt. / Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich, / Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.“ Hier feiert Schiller laut Safranski die Wiederkehr des Mythos in der Kunst: Das Schöne triumphiert über das Nützliche.

Bis zu seinem Ende arbeitet Schiller am „Demetrius“, dem Fragment gebliebenen Drama, worin Safranski das „Hochstaplermotiv“ à la Thomas Mann für die Künstler-Existenz sieht. Der „Gaukler“ Demetrius gehört für ihn „ zur Familie der Illusionisten“ (S.529), Kunst als freies Spiel mit der Wirklichkeit. Diesen Weg Schillers hat Safranski mit Enthusiasmus und großer Kenntnis der Geistesgeschichte verfolgt und für uns beim Lesen nachvollziehbar gemacht. So ist die Lektüre Safranskis ( und Schillers!!!) sehr anzuempfehlen (auch wenn kleinere Mängel wie wörtliche Zitatwiederholungen – Schopenhauers Menschen als „Fabrikware“ S. 51 u. 149  oder dem Ästheten Schiller sicher übel aufstoßender Gebrauch des Verbums „brauchen“ mit Infinitiv ohne „zu“ von  einem aufmerksamen Lektorat hätten vermieden werden sollen!)

Rüdiger Safranski: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Hanser Verlag, München 2004, ISBN 3-446-20548-9, 560 S., 25,90 €

Hannelore Schmidt-Enzinger

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