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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Die theoretische Philosophie sucht die Welt zu erklären, die praktische Philosophie will eine Antwort auf die Frage finden, wie sich der Mensch in ihr verhalten soll. Die aus den Erkenntnissen der ersteren hervorgehende Welterklärung ist für die Beantwortung der Frage nach dem richtigen Handeln von Bedeutung, denn das Weltbild, das sich aus der jeweiligen Erklärung ergibt, beeinflußt das Verhalten des Menschen. Zum Beispiel befördert eine materialistisch geprägte Weltanschauung eine materialistische Lebensweise mit dem Streben nach materiellen Werten als Selbstzweck, das sich im Besitzstreben und im Trachten nach Statussymbolen zu erkennen gibt. Ein idealistisches Weltbild betont dagegen ideelle Werte und fördert dadurch die Persönlichkeitsentwicklung und den Altruismus.
Bestimmt wird das menschliche Verhalten – zu dem auch die sprachliche Äußerung gehört – aber vor allem von den physischen und psychischen Bedürfnissen, gegen die sich theoretische Erkenntnisse jeder, also nicht nur philosophischer Art, oft schwer oder gar nicht durchsetzen, wenn sie den Bedürfnissen zuwiderlaufen. Das heißt, Erkenntnisse bestimmen das Verhalten in der Regel nur dann, wenn ihnen nicht starke Bedürfnisse entgegenstehen; andernfalls werden die Erkenntnisse relativiert beziehungsweise ihre Richtigkeit bezweifelt. Das gilt sogar für praktische, wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt sich besonders in der Bagatellisierung nachweisbarer Gefahren für das eigene Wohl durch bestimmte aus Bedürfnissen hervorgehende Verhaltensweisen. Auch neigt man dazu, selbst in offensichtlich weniger erwiesenen theoretischen oder praktischen Erkenntnissen, als es gesicherte gegenteilige sind, eine Bestätigung für die Richtigkeit des eigenen Verhaltens zu sehen, wenn jene den Bedürfnissen entgegenkommen. Und um zwischen dem bewußten Verhalten, einschließlich dem sprachlichen, und den Erkenntnissen, d.h. dem Denken, störende kognitive Dissonanzen zu vermeiden, wird das das Verhalten rechtfertigende Denken im Dienste der Bedürfnisse rational untermauert. Konkrete Beispiele dazu sind jedem hinsichtlich ungesunder oder gefährlicher Lebensweise in Fülle bekannt und deshalb auch die Erfahrung, daß je stärker ein Bedürfnis, um so ungewisser der Einfluß es in Frage stellender Erkenntnisse ist, den diese auf das Verhalten haben.
Die im allgemeinen bestehende Priorität der Bedürfnisse gegenüber den Erkenntnissen schließt nicht aus, daß Bedürfnisse aufgrund von Erkenntnissen entstehen oder durch diese sich verändern und auch verschwinden können beziehungsweise sich im Widerstreit mit anderen Bedürfnissen durchsetzen. Darin liegt die Chance des Menschen zur Anpassung an die Erfordernisse seiner Umwelt. Eine sehr bedrohliche Erkenntnis bringt in der Regel das Bedürfnis nach der sie betreffenden Verhaltensweise zum Erliegen. Umgekehrt können Erkenntnisse Bedürfnisse auslösen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn aus dem Bedürfnis, bei Bedarf stets Beistand geleistet zu bekommen, die Erkenntnis erwächst, daß das, weil im Interesse aller, ein allgemeines Verhaltensgebot sein sollte und deshalb diese Erkenntnis zu dem neuen Bedürfnis wird, danach zu leben. Immer sind es aber bedürfnisgesteuerte Erkenntnisse, die der Auslöser dafür sind. Von eigentlicher Bedeutung ist für unseren Zusammenhang aber nur, daß sich im Verdrängen unliebsamer und Favorisieren gern gehörter Erkenntnisse ein Selektieren der Erkenntnisse – seien es Hypothesen, gesichertes Wissen oder bloß Überzeugungen anderer – im Sinne der Bedürfnisse vollzieht.
Nach dieser allgemeinen Betrachtung der Beziehung zwischen Erkenntnissen und Bedürfnissen ist es einsichtig, daß das eingangs beispielhaft erwähnte materialistische und idealistische Weltbild beziehungsweise die sie jeweils tragenden Erkenntnisse nur bei nicht entgegenstehenden Bedürfnissen wirksam sind. Auch ein Verhalten, das, wie in diesen Beispielen, unter dem Einfluß philosophischer Erkenntnisse steht, ist also letztlich das Resultat der Selektion dieser Erkenntnisse zugunsten bestimmter Bedürfnisse, so daß jene mit diesen harmonieren. Gerade auf dem philosophischen Gebiet sind die Bedürfnisse wegen des in der Regel fraglichen intersubjektiven Wahrheitsgehalts der Erkenntnisse bestimmender als letztere.
Die Dominanz der Bedürfnisse wird im Philosophischen vor allem dann deutlich, wenn durch sie nachweisbare aber im Einzelfall unwillkommene Erkenntnisse ausgeblendet werden. Das sogenannte „metaphysische Bedürfnis“ zum Beispiel, das heißt das Bedürfnis nach einer überirdischen, überempirischen Sinn- und Hilfestellung für das Leben, favorisiert gerne die dieses Bedürfnis bestärkende theologische Erkenntnis, wonach der Mensch in irgendeiner Form „geschaffen“ wurde, gegenüber der gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnis der Entstehung des Menschen aus der Tierreihe. Also auch bei Bedürfnissen, deren Befriedigung sich im Gedanklichen vollzieht, besteht die Tendenz, diejenigen Erkenntnisse für richtiger zu halten, die mit den Bedürfnissen mehr übereinstimmen, das heißt, sie besser befriedigen; mit Schopenhauer: „Es ist dem Menschen natürlich, zu glauben, was er wünscht, und es zu glauben, weil er es wünscht.“ Darum ist in allem, was geglaubt wird, nur allzuoft der Wunsch der Vater des Gedankens, indem sich der Wunsch, das heißt das Bedürfnis, die seiner Befriedigung dienenden Erkenntnisse aussucht.
Warum dem so ist, läßt sich einfach erklären: Die Befriedigung von Wünschen beziehungsweise Bedürfnissen ist das, was man gemeinhin Glück nennt, das Ziel alles Strebens.
Das Bewerten einander widersprechender Erkenntnisse zugunsten bestimmter Bedürfnisse, dergestalt, daß die Erkenntnisse mit jenen und den aus ihnen entstehenden Verhaltens- und Denkweisen in befriedigendem Einklang stehen, ist ein durchgängig, vom größten bis zum kleinsten Bedürfnis beobachtbares Prinzip. Dieses Prinzip mit der dadurch im allgemeinen bedingten Unterlegenheit bedürfniswidriger Erkenntnisse ist offensichtlich darauf zurückzuführen, daß die Bedürfnisse, nicht die Erkenntnisse der ursprüngliche Antrieb der Verhaltensweisen sind. Die Bedürftigkeit des Lebens ist sein eigentlicher Motor, daher wird man hinter jedem Verhalten und Denken wenigstens ein Bedürfnis, und sei es nur als Wunsch oder Wollen, finden.
So wie in dem genannten Prinzip Erkenntnisse durch Bedürfnisse geschieden werden, so scheidet die Unterschiedlichkeit der letzteren die Geister überhaupt, indem die Bedürfnisse in Form von Vorlieben und Neigungen durch das Selektieren der Erkenntnisse die zu ihnen passende Denkweise auswählen. Auf keinem anderen Gebiet tritt das mehr zutage als auf dem der Philosophie, weil es eben dasjenige ist, dessen Erkenntnisse in der Regel bloße Meinungen sind. Um so mehr haben die Vorlieben und Neigungen hier ein weites Feld, sich gedanklich zu befriedigen.
Die von den Bedürfnissen gesteuerten Verhaltens- und Denkweisen reichen von der bloßen Tendenz in die eine oder andere Richtung bis zur entschiedenen Lebensweise, zum Beispiel einem ethisch motivierten Vegetarismus. Auf dem Gebiet der Philosophie zeigt sich die Auswirkung unterschiedlicher Bedürfnisse am tiefgreifendsten in der einerseits auf logische Begründung und Beweisbarkeit gerichteten sowie andererseits in der spekulativen und auf bloßer Plausibilität beruhenden Denkweise. Das Bedürfnis nach logisch unbezweifelbaren Aussagen läßt sich nicht mit Spekulationen über ein intersubjektiv nicht überzeugendes Gedankending befriedigen und wird diese Denkweise deshalb ablehnen. Ebenso wird jenes metaphysische oder ein in meditativer Versenkung nach Erkenntnissen suchendes und sich darin befriedigendes Bedürfnis eine auf strenge Beachtung logischer Grundsätze bedachte Denkform als ihm nicht gemäß ablehnen. Die unterschiedlichen intellektuellen Bedürfnisse erklären so, warum Erkenntnisse mehr in der einen oder mehr in der anderen Richtung gesucht werden.
Die Akzeptanz philosophischer Aussagen beziehungsweise Erkenntnisse ist also vor allem abhängig von der neigungs- bzw. bedürfnisbedingten Denkweise, der logisch-rationalen oder einer mehr alogischen spekulativen. Je nachdem, welches Bedürfnis bestimmend ist, werden die einen oder die anderen Aussagen bis hin zu einer philosophischen Richtung angenommen oder verworfen. Darum sagt J.G. Fichte: „Welcher Art die Philosophie ist, die jemand sich erwählt, hängt einzig und alleine davon ab, welcher Art er selber ist.“ Umgekehrt, hinsichtlich der Philosophie, sagt Nietzsche: „Unsere Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen“, und an anderer Stelle, übereinstimmend mit Fichte: „Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei der es uns am freisten zumute wird; d.h. bei der unser mächtigster Trieb sich frei fühlt zu seiner Tätigkeit.“ – Das wäre gar nicht möglich, würden die Philosophen in erster Linie nach logisch zwingenden Aussagen streben, denn dann müßten sie letztlich zu denselben Erkenntnissen gelangen. So aber ist die Philosophie in Form der philosophischen Literatur im wesentlichen lediglich der Ausdruck des Versuchs, auf Vorlieben beruhende persönliche Überzeugungen als ‚objektive’ Wahrheiten erscheinen zu lassen, ist sozusagen eigentlich nur ein Jahrmarkt der Meinungen. Das heißt, auf eine einfache Formel gebracht, wahr ist in der Philosophie das, was den eigenen Bedürfnissen entspricht, und das sowohl auf seiten der Anbieter als auch auf seiten der Interessenten. Mit anderen Worten: Die Bedürfnisse sind der Maßstab für die Wahrheit philosophischer Erkenntnisse.
Durch das bedürfnisgelenkte philosophische Denken kommt es zudem zu einer gänzlich unterschiedlichen Auslegung des Begriffes ‚Wahrheit’, wodurch zwangsläufig die Philosophie im großen und ganzen zu einer bloßen Sammlung einander widersprechender Erkenntnisse wird. Wahr werden ihrzufolge – weil jede der Behauptungen mit dem Anspruch auftritt, wahr zu sein – die gegensätzlichsten Aussagen, die aus der jeweils subjektiven Sicht bedürfnisbedingt Geltung erlangen sollen. Das Wahrheitskriterium richtet sich dabei vor allem nach dem Motiv der Wahrheitssuche. So will das Streben nach einer durch Fakten gesicherten Wahrheit die Welt streng logisch interpretieren, um dadurch zu allgemeingültigen Aussagen zu gelangen. Das Bedürfnis nach einer spekulativen Deutung der Welt überträgt dagegen den Begriff der Wahrheit sogar auf Dogmen, deren Wesen gerade darin besteht, nicht bewahrheitbar zu sein.
Man kann also nicht erwarten, daß selbst noch so unwiderleglich bewiesene philosophische Wahrheiten unwidersprochen bleiben, wenn sie mit starken Bedürfnissen kollidieren. Vor allem, wenn es um existenzielle Fragen geht, gilt hier wie nirgendsonst der Satz, daß nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf, das heißt, was einem existenziellen Bedürfnis widerspricht. Zum Beispiel sagt Nietzsche: „Die stärkste Erkenntnis, die von der völligen Unfreiheit des menschlichen Willens, ist doch die ärmste an Erfolgen: denn sie hat immer den stärksten Gegner, die menschliche Eitelkeit.“ Ob es nun Eitelkeit ist oder ob es in ihr zum Ausdruck kommende tieferliegende Bedürfnisse sind wie der Selbstbestimmungs- und der Selbstverwirklichungsdrang, die gegen diese Erkenntnis opponieren und sie verwerfen, es ist sicherlich ein vitales Bedürfnis, das hier agiert.
Weder ist aber das Erkennen der inneren Unfreiheit die stärkste Erkenntnis, noch ist die Eitelkeit oder ein ihr zugrundeliegender anderer Antrieb das stärkste Bedürfnis, wie Nietzsche meint; dieses ist gewißlich das Bedürfnis, am Leben zu bleiben, jene, das Wissen um die Fragwürdigkeit des Lebens als Wert an sich. Sie ergibt sich daraus, daß ein absoluter Wert vernünftigerweise nur einem leidlosen Leben zukommen kann, denn das Leid ist das Schlimme an sich, dem deshalb jedes Lebewesen zu entgehen oder zu entfliehen sucht, und daher ein Unwert. Im Ganzen betrachtet, ist deshalb das Leben auf der Erkenntnisseite wegen des hohen Maßes an tatsächlichem und möglichem Leiden durchaus nicht so wünschenswert wie auf der Bedürfnisseite. Unvorstellbar groß ist die Menge an Leiden, die Lebewesen in jedem Augenblick ertragen müssen, dennoch setzt sich das Bedürfnis, das Leben als solches zu bejahen, auch hier in aller Regel gegenüber der Erkenntnis durch.
Ob es um das Leben als Ganzes oder um das individuelle Leben geht, immer bestimmen die Bedürfnisse, wo die Wahrheit liegt, immer sind sie es, die letztlich den Ausschlag für das eine oder andere Verhalten geben, und das bis hin zur Unterdrückung von Bedürfnissen durch gegensätzliche. Wie schon gesagt, können Bedürfnisse im Widerstreit liegen, und es ist ungewiß, welche dabei die Oberhand behalten, zumal auch stets bedürfnisbedingte Erkenntnisse auf Bedürfnisse einwirken oder sie ausbilden. Der Mensch ist eben in erster Linie ein Bedürfniswesen, nicht ein Vernunftwesen.
Ein vorherrschender Trieb, das Leben zu genießen, wird auch jene Erkenntnis zur dominierenden machen, die den Zweck des Lebens darin sieht, sich dessen zu erfreuen. So wird denn der Genußmensch, wenn das Unglück ihn nicht allzusehr verfolgt, das Leben im allgemeinen und seine eigenen Bedürfnisse im Hinblick auf die bei ihrer Befriedigung zu erwartenden Freuden bejahen sowie alle diese Einstellung bestätigenden Aussagen als wahr ansehen und vertreten. Der Weise, der deshalb kein Asket zu sein braucht, als sein Gegenpol, der vor allem nach Erkenntnis strebt und deshalb auch den Freuden und Genüssen auf den Grund zu gehen sucht, erkennt gerade in den sinnlichen Bedürfnissen eine Quelle möglicher Leiden. Er sieht jene die letzteren häufig nach sich ziehen, alleine schon wegen der nicht immer gegebenen Befriedigungsmöglichkeit, so daß der Mensch mit zunehmenden Bedürfnissen verwundbarer wird. Des Weisen Bedürfnis wird es deshalb sein, seine Bedürfnisse eher zu reduzieren, wissend, daß die nicht erlebten Freuden aus der Befriedigung eines nicht vorhandenen Bedürfnisses gar nicht vermißt werden können, weil es dazu eben dieses Bedürfnisses bedürfte. Also wird er ganz im Gegensatz zum Genießer, die Bedürfnisse und damit das Leben eher problematisieren beziehungsweise in relativer Bedürfnislosigkeit tiefe Weisheit und in ihrer Lehre hohe Wahrheit sehen.