Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 1


 

"Wahrheit laßt sich nun mal nicht beweisen. Nur die Lügen lassen sich nachweisen."

Ein Gespräch mit der Marburger Literaturpreisträgerin 2005 Antje Rávic Strubel

 

"Wichtig ist alles, was mich intensiv leben lässt"

Marburger Forum: Frau Strubel, Sie haben gerade für Ihren Roman "Tupolew 134" den Marburger Literaturpreis gewonnen, wozu wir Ihnen herzlich gratulieren. Beginnen wir unser Gespräch mit einigen biografischen Fragen. Wann und wo wurden Sie geboren - welches waren wichtige Stationen Ihres bisherigen Lebens?

Antje Rávic Strubel: Geboren wurde ich in Potsdam, aufgewachsen bin ich in Ludwigsfelde. Wichtig ist alles, was mich intensiv leben läßt. Das läßt sich nicht in Stationen festhalten. Meine Deutschlehrerin ist sicher wichtig gewesen, ebenso die Zelturlaube als Kind an der Ostsee, verschiedene Bücher und Menschen, wieder andere Menschen, meine erste Liebe, die sehr spät kam, oder besser gesagt: die erst nach verschiedenen anderen Liebeleien sichtbar wurde, weil es eine solche "erste" Liebe wohl gar nicht gibt. Weil man sie erst erkennen kann, wenn man zu vergleichen gelernt hat.

Antje Rávic Strubel bei ihrer Marburger Lesung

MF: Haben Sie sich gewissermaßen immer schon fürs Schreiben interessiert, oder gibt es entscheidende Anregungen? Hat Ihr Beruf, Sie arbeiten als Journalistin, Sie in engeren Kontakt zur Literatur gebracht?

Antje Rávic Strubel: Ich hatte schon immer die Vorstellung zu schreiben, ich habe auch, solange ich mich zurückerinnern kann, geschrieben. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, davon leben zu können. Journalistin zu sein, schien mir realistischer.

MF: Welche Autorinnen und Autoren der Vergangenheit und der Gegenwart sind für Sie besonders wichtig - und warum?

Antje Rávic Strubel: Das ändert sich je nach Jahreszeit, Stimmung und eigenem Schreibvorhaben. Für sehr wichtig und (beschämenderweise) absolut unterbeleuchtet in Deutschland halte ich Joan Didion. Ich bin gespannt, wann sich endlich ein großer Verlag findet, der eine Werkausgabe dieser klarsichtigen Gegenwartsautorin herausbringt, die nun wirklich zu den bedeutendsten amerikanischen Schriftstellern gehört.

 

"Das Ganze ist ein Spiel, ... ein Spiel damit, was Erzählen bedeutet und leisten kann"

MF: Sie sind, sagten Sie in Marburg, durch einen Fernsehbericht auf das Ereignis, die Flugzeugentführung, aufmerksam geworden, das Ihrem Roman zugrundeliegt. Worin bestand die "Initialzündung" - wodurch haben Sie bemerkt oder gespürt, dass dieser Stoff "ihr" Stoff ist?

Antje Rávic Strubel: Man muß sich diese Geschichte nur in ihren Einzelheiten angucken, und schon wird man die verrücktesten Dinge finden, die erzählenswert sind, die sich dem Erzählen geradezu anbiedern. Ich bin eher erstmal vor diesem riesigen Vorhaben zurückgeschreckt. Das hieß nämlich jede Menge Recherche. Und zwar in Politik, Jura und Zeitgeschichte. Und ich kann nicht sagen, daß ich juristisch besonders bewandert bin.

MF: Juli Zeh, die Mitglied der Marburger Jury war, sagte, "Tupolew 134" sei kein "realistisches" Buch, sondern eher eine Erzählung über das Erzählen und über Geschichte. Würden Sie dem zustimmen?

Antje Rávic Strubel: Ich weiß zwar, was literarischer Realismus bedeutet, aber mir hat noch niemand genau sagen können, was heute eigentlich ein realistisches Buch ist. Wenn Realismus nur noch die pure Abschilderung der Wirklichkeit meint, ohne zu fragen, von welchen Diskursen und Ideologien diese Wirklichkeit eigentlich hervorgebracht, konstruiert wird, interessiert mich das nicht. Wenn es allerdings um eine gewisse Wiedererkennbarkeit der Handlungen und Motive der Figuren geht, bin ich mit dem Begriff "realistisch" einverstanden. Und natürlich kommen historische Bezüge vor. Ich bin ja nicht gesellschaftsblind, schon gar nicht, wenn ich so ein Thema bearbeite. Aber selbst diese Bezüge stehen in einem größeren Zusammenhang, das Ganze ist ein Spiel, und - da hat Juli Zeh Recht - ein Spiel damit, was Erzählen bedeutet und leisten kann.

MF: Auch die anderen Jurymitglieder betonten, dass im Roman der Facettenreichtum, die Vielschichtigkeit der Realität gezeigt werde. Löst sich so - Ihrer Ansicht nach - , was früher, besonders in der Philosophie, "Wahrheit" hieß, eben in viele Facetten auf, die sich vielleicht gar nicht mehr zu einem Gesamtbild integrieren lassen?

Antje Rávic Strubel: Naja. Wahrheit laßt sich nun mal nicht beweisen. Nur die Lügen lassen sich nachweisen.

 

"Die großen Motive sind doch längst hinterfragt"

MF: Es ist nicht der große Wunsch nach Freiheit, der Ihre Hauptpersonen zur Flucht aus der DDR treibt, sondern, wie Sie in Marburg sagten, "einfach nur ein ein wenig unerträglicher Alltag". Wollen Sie uns damit zu verstehen geben, dass nicht die großen Motive, sondern im Gegenteil die alltäglichen Situationen die Menschen auch zu außergewöhnlichen Handlungen antreiben?

Antje Rávic Strubel: Die großen Motive sind doch längst hinterfragt, jedes große Motiv läßt sich auf kleine, niedere Gefühle zurückführen. Da berichtet eine Kriegsreporterin über ihr Entsetzen, über das viele Leid, das sie auf ihren Reisen erlebt hat, was sie als ihre moralische Aufgabe betrachtet, und rechtfertigt sich doch auf jeder dritten Seite, nur damit man ihr keine Sensationslust anhängen kann. Wie will man denn bei einer so vom seelischen Korruptionsverdacht durchsetzten Gesellschaft noch hehre Gefühle glaubhaft darstellen? Gleichzeitig macht das Spektakuläre die Differenzierung auch oft unmöglich, die man viel deutlicher sieht, wenn man sich am Kleinen, an den Details orientiert.

MF: Muss man also das "Banale" oder "Profane" mit ganz anderen Augen sehen?

Antje Rávic Strubel: Meistens wäre es schon schön, wenn überhaupt mal genauer hingeguckt würde.

MF: Sprechen wir über die Marburger Lesung. Sie haben im Rathaussaal bei der Preisverleihung schon angedeutet, dass Sie die Wettkampf-Situation, in die die sieben Schriftsteller gebracht wurden, kritisch sehen. Würden Sie das bitte ausführen?

Antje Rávic Strubel: Es hieß doch, die sieben ausgewählten Bücher seien die Besten. Dem entsprach aber das Lesehonorar überhaupt nicht. Ein anständiges Honorar hätte auch die Wettkampfsituation entschärft; dann wäre man, wenn schon ohne Preis, eben mit dem Gefühl einer gutbezahlten Lesung nach Hause gefahren.

Auch war vorher nicht klar, worauf sich die abschließende Jury-Entscheidung gründet; allein auf der Textqualität oder spielt die Art, wie sich die AutorInnen präsentieren, eine Rolle. Die Jury könnte sich beispielsweise vorher entscheiden, die Entscheidung aber erst zur Verleihung preisgeben. Als Autorin hätte ich jedenfalls ein seriöseres Gefühl bei der Diskussion meines Textes gehabt.

 

"Wie eine Sprinterin, die in einem wüsten Albtraum an die Kugelstoßanlage gerät"

MF: Wie haben Sie sich in dieser Situation wahrgenommen, wie haben Sie sich gefühlt?

Antje Rávic Strubel: Wie eine Sprinterin, die in einem wüsten Albtraum an die Kugelstoßanlage gerät; Sekunden lassen sich schlecht in Metern messen.

MF: Und die anderen Autorinnen und Autoren? Gab es einen Meinungsaustausch über die gemeinsame Lage, oder hat man den anderen womöglich als Konkurrenten gesehen?

Antje Rávic Strubel: Ich glaube, niemand hat sich besonders klasse gefühlt, aber wir alle sind ja erfahrene AutorInnen, so daß es zu keinen größeren Totschlägen kam. Nein, im Ernst, die Situation war so kollegial wie möglich.

MF: Wie fühlt man sich, wenn man von einer Jury nach der Lesung, sei es positiv, beurteilt wird? Gehört so etwas zum "Literatur-Betrieb", muss man sich als Autor/In eben daran gewöhnen?

Antje Rávic Strubel: Soweit ich das verstanden habe, hat die Jury begründet, warum sie die ausgewählten Texte für die Besten hielt. Dagegen ist ja nichts einzuwenden: Das widerspricht eben nur der merkwürdigen Wett-Lesesituation.

MF: Repräsentierten die sieben von der Jury ausgewählten Autorinnen und Autoren in gewisser Weise die jüngere deutsche Gegenwartsliteratur, oder fehlten vielleicht wichtige Schriftsteller?

Antje Rávic Strubel: Es fehlen immer welche. Besonders die, die heute aus dem allgemeinen Verständnis einfach rausfallen oder von denen wir nichts wissen, weil wir die entsprechende Wahrnehmung noch nicht haben. Weil die Zeit noch nicht auf Höhe der vorausgeeilten Künstler ist, wie Gertrude Stein wahrscheinlich in etwa sagen würde.

 

"Ich lese schreibend..."

MF: Eine allgemeinere Frage: wie beurteilen Sie überhaupt das System von Preisvergaben, Stipendien, Lese-Auftritten, Rezensionen und der Medienarbeit von Verlagen, kurz eben das, was man den "Literatur-Betrieb" nennt? Gibt es die Gefahr einer gewissen Stilisierung zum Medien-Typus von Autoren? Sehen Sie hier Probleme auch für sich persönlich?

Antje Rávic Strubel: Ach, das wird immer gleich so übertrieben. Man muß sich doch nur mal die kleine Rolle angucken, die der Literaturbetrieb innerhalb des allgemeinen Marktgetriebes spielt. Ich finde, wir können wirklich sehr froh sein über die zahlreichen Fördermöglichkeiten, die es gibt. In anderen Ländern gucken sie einen immer ganz und gar erstaunt an, wenn man erzählt, wo man überall und wie Stipendien kriegen kann...

Mich ärgert es allerdings, wenn eine große Zeitung in ihrem ohnehin engen Literaturteil als Aufmacher jemanden wie Bohlen bringen muß, nur weil irgendwelche Marketingchefs denken, Literatur sei immer das zwischen zwei Buchdeckeln.

MF: Beinahe zum Schluss möchten wir Sie nach Ihren Projekten fragen. Gibt es schon Pläne für ein neues Buch?

Antje Rávic Strubel: Ich lebe schreibend. Ich fange meistens ein neues Buch an, während ich noch im Endstadium des Alten bin, und ich hoffe, daß das noch eine Weile so bleibt.

MF: Und abschließend: welche Musik hören Sie gerne, welche Bilder oder Maler sind Ihnen wichtig, und auch: wohin reisen Sie gern?

Antje Rávic Strubel: Musik lasse ich mir gern empfehlen, am liebsten gucke ich mir Fotografie -Ausstellungen an, am erholsamsten finde ich karge, wilde Landschaften.

Das Gespräch führte Max Lorenzen

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