Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 1


 

Der Marburger Literaturpreis: Forderungen und Hoffnungen

von Tanja von Werner

... es gehört ja beinahe zum guten Ton einer Stadt – zumal wenn sie auch noch Universitätsstadt ist – interlektuell zu brillieren. Ein Literaturpreis erscheint demgemäß ideal, solch frommes Streben ins Rampenlicht zu rücken: Der Festakt ist gelungen, die nominierte Autorin zieht gerührt und strahlend zugleich mit dem empfangenen Preis von dannen und das Komitee, das uns diesen interlektuellen Höhenflug beschehrt hat, kann sich zufrieden zurück lehnen und der Dinge harren, die da mit dem nächsten Literaturpreis auf uns zukommen mögen.

Und wir? Wir stehen unter Umständen da mit Fragen über Fragen:

Wer hat diese Jury nomminiert? Worin liegt die Qualifikation der Juoren?

Welche Bücher lagen ihnen zur Auswahl vor ? – 60 Stück? Wer hat überhaupt diese erste Auswahl getroffen? Wie soll es möglich sein, über all diese Bücher einen qualifizierten Überblick zu gewinnen? Wieso wurden zuletzt eben diese 7 Bücher ausgewählt?

Der zweitägige Literaturmarathon war nichtsdestotrotz kaum dazu angetan, Licht in das Dunkel dieser Fragen zu bringen. Vielmehr jubelte die Jury all ihren Autoren fröhlich zu. Man bekam als Zuhörer unweigerlich den Eindruck, eine Entscheidung zwischen diesem oder jenem Werk sei objektiv eigentlich gar nicht möglich. Wie bereits erwähnt - das Procedere der Finalenauswahl, die hierzu notwendigen Überlegungen blieben genauso verschleiert, wie die Wagonhalle, in der die Lesungen stattfanden. Neben der repräsentativen Lesung wäre eine eingehende Befragung der Autoren nach dem wie und dem warum zum Werk sinnvoller gewesen, als die Jubelinterpretation, die sich das dreiköpfige Tribunal da lieferte. Als eine Zuhörerin tapfer genug war, die Juorinnen darauf hinzuweisen, doch mal die anwesenden Autoren zu befragen, erntete dieser kluge Kommentar nur ungehaltene Blicke seitens der Angesprochenen. Aber wie brillant hätte doch solch eine Vorgehensweise sein können! Man stelle sich vor: Zuerst die dramatische Selbstinzenierung des Autors, dann 5 Minuten Befragung durch das Publikum, dann nochmals Inquirierung durch die Jury. Keine Interpretetion, keine Laudatio. Dazu sind Preisverleihungen da. So aber schwieg vor allem das Publikum. Was hätte es auch noch beisteuern können? Die paar Meldungen, die ergingen, waren nichts mehr als ein matter Abglanz der Worte, die bereits voller Emphase geäußert worden waren. Schade eigentlich. Vielleicht hatte den Versammelten auch die Düsternis der zwar avantgardistisch gedachten, letztendlich aber kaum dem konservativen Sujet eines hochtrabenden Literaturpreises angemessenen Umgebung der Wagonhalle etwas aufs Gemüt geschlagen. Um so freier konnte freilich die Jury in ihrer Entscheidungsfindung schalten und walten. Man wage in Erwägung zu ziehen, das Publikum hätte selber noch Stimmrecht gehabt! Nun gut. Die Verleihung des Marburger Literaturpreises wird sich in den nächsten Jahren sicherlich noch einem Wandel unterziehen, hin zu mehr Transparenz, mehr Ausgewogenheit, einer angemesseneren Präsentationsform, einer Loslösung vom Regiopreis, so dass auch diesem eine eigene festliche Verleihung zuteil werden könnte.

So Forderung und Hoffnung zugleich.

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