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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Jacques Derrida: Privileg. Vom Recht auf Philosophie I, übersetzt von Markus Sedlaczek, Passagen Verlag Wien 2004, 143 S., ISBN 3851656121, 19.- €
Jacques Derrida: Mochlos oder Das Auge der Universität. Vom Recht auf Philosophie II, übersetzt von Markus Sedlaczek, Passagen Verlag Wien 2004, 179 S., ISBN 3851656768, 25.- €
Gibt es ein Recht auf Philosophie? Aber ist Philosophie nicht fest im Kanon der Wissenschaften verankert, so dass der Verweis auf ein solches Recht eigentlich müßig ist? Welche Formen des Wissens werden jedoch durch die Wissenschaften repräsentiert?

Inwiefern diese Fragen relevant für Derrida sind, lässt sich seiner Charakteristik des Collège International de Philosophie entnehmen: „Es ist ein Ort, den wir zuallererst solchen Formen des Wissens, der Forschung und der philosophischen Praxis öffnen wollen, die uns durch die gegenwärtigen Institutionen in Frankreich wie im Ausland unzureichend legitimiert oder gar der Legitimation beraubt zu sein scheinen. Da diese Delegitimierung oder Disqualifizierung auf oft unsichtbaren Wegen, Umwegen oder überdeterminierten Wegen erfolgt, müssen wir ihr eine aktive und wachsame Aufmerksamkeit widmen, ob es sich nun um die Beziehungen zum Staat als solchem oder um diese oder jene Kräfte der sogenannten Zivilgesellschaft handelt, um eine bequeme Unterscheidung aufzugreifen. [...] Es geht dabei um den Zugang zur Philosophie und zur Wissenschaft, um das Recht auf Philosophie und auf Wissenschaft.“ (Vom Recht auf Philosophie II., 101 f.) Das Recht auf Philosophie ist demnach ebenso wenig verbürgt wie ein Recht auf Wissenschaft. Dem Thema, das Derrida mit anderen Akzentuierungen auch im ersten Band behandelt, ist die Resonanz vorherbestimmt. Das Verhältnis zwischen Universität und Bildung, Politik und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen steht nach wie vor im Blickfang virulenter Diskussionen auch in Deutschland. Zu sehr ist die Politik mit Aktivitäten beschäftigt, die vom Reformeifer beseelt sind, ohne doch eine Erneuerung der Universität, die den Namen wirklich verdient, in die Wege zu leiten, als dass man das Thema Universität, Bildung und Hochschulreform aus den Augen verlieren dürfte.[1] Wie die Aufsätze von Derrida belegen, sind diese Themen nicht allein in Deutschland Gegenstand einer vehementen Auseinandersetzung zwischen Universität und Politik.
Verfolgt man die hochproblematische, spannungsvolle Konstellation, die Derrida in seinen Ausführungen zur Universität dem Leser vor Augen führt (Vom Recht auf Philosophie II, S. 11-101), wird die Erinnerung wach an die insbesondere in den 1960er Jahren geführten Diskussionen um die Reform der Hochschulen in Deutschland. Vordergründig dominierten in diesen Diskussionen Themen, die in den Stichworten Verschulung der Universität und Massenuniversität ihre Schwerpunkte zu haben schienen.[2] Untergründig ging es in diesen Diskussionen jedoch um mehr, nämlich um die Frage, wie sich der Begriff der Bildung auf zeitgemäße Weise reaktualisieren und die Aufgabe der Philosophie an der Universität reformulieren lässt.
Bereits im Vorfeld dieser Diskussionen gibt Adorno - an der Grundüberzeugung von Fichte festhaltend – zu bedenken, dass die Wissenschaft durch Bildung eine praktische Kraft entfaltet, die jedoch in dem Maße an Wirksamkeit verliert, wie ökonomische Imperative die Bedeutung von Bildung als zweifelhaft und den Bedarf an fachlichem Wissen als notwendig erscheinen lassen. Im Unterschied zu späteren Positionen von Jaspers, Schelsky und anderen Autoren widerspricht Adorno all jenen Ansichten, wonach der Riss zwischen der Wissenschaft auf der einen Seite und einem lebendigen Bildungsideal auf der anderen Seite durch eine Reform der Universität und einer inneren Umbildung der Wissenschaft selbst aufzubrechen ist. Überlegungen, wie sie der Schülerkreis um Stefan George im Anschluss an Webers Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“ äußerte,[3] gehören unwiderruflich der Vergangenheit an. Die Zweifel an der Unumstößlichkeit der Spezialisierung der wissenschaftlichen Tätigkeit und der unüberbrückbaren Kluft zwischen strenger Wissenschaft und praktischem Lebensvollzug sind verstummt. Opponierten die George-Schüler noch gegen den Fortschritt der Wissenschaft im Namen der ausstehenden Antworten auf die bedrängenden Fragen des praktischen Lebensvollzugs, d.h. der Frage, was zu tun ist[4] fällt diese Frage für die Generation Adornos eigentlich nicht mehr in den Bereich der universitären Wissenschaft. Max Webers Auffassung, dass die Spezialisierung der unabdingbare Preis des Fortschritts der Wissenschaft ist, stimmt Adorno mit der Ergänzung zu, dass diese Spezialisierung nicht allein im Zeichen wissenschaftlichen Forschens steht, sondern auch dem Zweck der Einübung beruflicher Fertigkeiten dient. Die „Ausbildung des Individuums zu der in ihm gelegenen Vollkommenheit“,[5] dieses Prinzip universitären Lehrens und Lernens, an das noch Paul Natorp unbefangen festhalten konnte,[6] gehört in Adornos Perspektive der Vergangenheit an. Gefragt ist die Bildung in Kenntnissen, die im Berufsleben später anwendbar sind, und die Übung in technischen Fertigkeiten, die die Positionen auf dem Arbeitsmarkt verbessern sollen. Man muss nicht Max Schelers Auffassung teilen, dass das Zurücksinken des „Bildungswissens“ in die Sphäre des Privaten eine verhängnisvolle Entwicklung darstellt, deren wohl „furchtbarste aller nur denkbaren Barbareien“ darin besteht, dass das „Bildungswissen“ im Schutt einer reinen Arbeits- und Leistungszivilisation unwiderruflich begraben werden könnte,[7] um zu erkennen, dass das, was heute unter Bildung und Erziehung firmiert, kaum noch etwas mit den Vorstellungen zu tun hat, wie sie einst von Fichte, Humboldt, Nietzsche und anderen Denkern unterbreitet wurden. Sollte der Rückzug der Bildung in die Sphäre des Privaten und Kontingenten im Zeitalter der Globalisierung längst Realität geworden sein?
Es zeichnet Derridas Ausführungen aus, dass er diese Frage offen lässt, wenn er ein weiteres, nicht minder wichtiges Problem aufgreift: Die Frage nach dem Platz, den die Philosophie an der Universität in Gegenwart (und Zukunft) einnimmt. (Vom Recht auf Philosophie I, S. 45-50, 66-85) Auch diese Frage hat eine große Tradition, wenn man die lebhaften, periodisch wiederkehrenden Diskussionen im deutschen Sprachraum betrachtet, in denen es um das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft(en) geht, nachdem mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften Fichtes Idee einer universitären Sonderstellung der Philosophie unhaltbar wurde. Wenn Max Weber den klassischen Bildungsgedanken als verführerische Illusion bezeichnet, ohne noch auf die Idee einer universitären Sonderstellung der Philosophie einzugehen, um zu betonen, dass die intellektuelle Rechtschaffenheit die einzige Tugend ist, zu der an der Universität guten Gewissens erzogen werden könne, so ist diese Auffassung keineswegs Gemeingut. Noch Wilhelm Dilthey hegt keinen Zweifel daran, dass das „Ziel aller wahren Philosophie [...] Pädagogik im weitesten Sinne, Bildungslehre des Menschen“ ist.[8] Es fehlt nicht an Überlegungen zu einer Reformulierung dieses Gedankens. So setzte der Neukantianer Alois Riehl um 1900 seine Hoffnung auf die Herausbildung der Philosophie in und durch die Einzelwissenschaften, indem er seine Zeitgenossen auf eine neuartige Entwicklung aufmerksam macht: den Übergang der Naturwissenschaften zur Philosophie.[9] Riehl lässt offen, ob diese Entwicklung das Verhältnis von Universität und Bildung in der Weise zu fassen erlaubt, wie es Fichte, Humboldt und Schleiermacher einst konzipierten, oder neuartig zu überdenken notwendig macht. Auch wenn Jaspers diese Hoffnung mit Riehl insofern teilt, als er von der Annahme ausgeht, dass eine aus den Fachwissenschaften hervorgehende Philosophie die wissenschaftliche Erkenntnis „in Beziehung zu allem Wißbaren“ setzt,[10] ist seine Analyse keineswegs von einer euphorischen Stimmung gekennzeichnet. Indem die Philosophie daran erinnert, dass das Wissenwollen in den verobjektivierten Resultaten der Wissenschaften - den Büchern, Apparaten und Sammlungen - erstarrt und dass wirkliche „Erkenntnis ganz an ihren Vollzug gebunden ist und in jeder Form des Bestandes, des Zeitloswerdens, verloren geht“,[11] weckt sie laut Jaspers immer wieder neu die Bereitschaft zu wirklicher Erfahrung und die Offenheit für Dinge, die bisher im Kontext wissenschaftlicher Erklärungen noch nicht zur Anwendung gekommen sind, die aber die Phantasie des Spezialwissenschaftlers sich vorstellen können muss, wenn er innovativ arbeiten will.
Von der gleichen Überlegung geht Helmut Schelsky aus, der seine Hoffnung auf eine aus den Fachwissenschaften hervorgehende Philosophie setzt, die die Grenzen und Bedingungen der Einzelwissenschaften erforscht, um diese offen „gegenüber der Verengung ihrer Weltbezüge“ zu halten.[12] Obgleich dieser Gedanke immer noch nachdenkenswert ist, erscheint er uns Heutigen angesichts des universitären Wissenschaftsalltags als suspekt. Mit Jürgen Habermas lässt sich sagen, dass gegenüber dem autonom gewordenen System von Forschung, Ökonomie und Verwaltung die vom „neuhumanistischen Bildungsanspruch inspirierte Frage nach der Integration der technischen Lebensbedingungen in die Praxis der Lebenswelt“ hoffnungslos veraltet erscheint: „Die Bildungsfrage ist zwar im Durchgang durch die Wissenschaften, aber nicht mehr aus der Dimension der Wissenschaft selbst zu beantworten.“[13]
Überblicken wir die Konstellation dieser Diskussion am vorläufigen Ende eines langen, unabgeschlossenen Streitgesprächs über das Verhältnis von Bildung, Wissenschaft und Philosophie, so ist festzuhalten, dass seit Fichte und Nietzsche die Frage, ob Wissenschaft bildet, eine negative Antwort findet – mit entsprechender Konsequenz, die lautet: Wissenschaft ohne Bildung führt zur Selbsttäuschung über die Kraft des Wissens und kann in Wissenschaftsaberglauben umschlagen. Obwohl von Jaspers dieser Gedanke konsequent ausformuliert worden ist, finden seine Bedenken heute kaum noch Resonanz, nicht einmal mehr bei Kritikern der von der Politik erhobenen Forderung, dass die Universitäten sich ganz der Ausbildung widmen sollten und die Forschung ausschließlich an den Instituten der Helmholtz-Gemeinschaft, an den Max-Planck-Instituten und den Leibniz-Instituten erfolgen sollte.[14]
Weniger klar fällt die Antwort sowohl bei Derrida als auch bei anderen kritischen Kommentatoren europäischer Wissenschaftspolitik auf die Frage aus, was Bildung unentbehrlich macht. Fichte meinte eine Antwort auf die Frage ‚Bildung wozu?’ in der Ganzheit der Person zu finden, Nietzsche in der Vollendung des eigentlichen Selbst, Jaspers verstand unter Bildung eine spezifische Lebensform und Scheler den wohlgeformten Menschen.[15] Auch wenn uns diese Antworten heute kaum noch zu überzeugen vermögen, so bleibt doch das Problem: die Frage nämlich, was unter Bildung zu verstehen ist.
Aus Adornos Gedanke der Mündigkeit, Schelskys Auffassung von intellektueller Souveränität und Fichtes bzw. Webers Idee der Rechtschaffenheit ist ein Aspekt zu lernen: Die Antwort auf die Frage nach dem, was Bildung ist, liegt in den möglichen Begründungen ihrer Notwendigkeit. Nach der Notwendigkeit von Bildung zu fragen, scheint sich jedoch erübrigt zu haben, wenn man einen Blick auf die Kriterien wirft, nach denen „scheinbar nützliche gegen scheinbar weniger nützliche Wissenschaften“ ausgespielt werden, „um in Zeiten knapper Ressourcen den Kampf hierum als Hochschulpolitik auszugeben“.[16] Denkbar ist, mit Habermas auf dieses Problem mit dem Hinweis zu reagieren, dass wir nur dann, „wenn die Wissenschaften die permanente Erweiterung der technischen Verfügungsgewalt gleichzeitig im Horizont der praktischen Folgen, angesichts deren wir handeln müssen [...] reflektieren lernen, [...] die Kraft zur akademischen Bildung in einem sozial gewandelten Sinne zurückgewinnen“ werden.[17] Oder man kann sich die Frage stellen, ob es an der Zeit ist, nach einem anderen Begriff für Erziehung und Bildung zu suchen. Was der Soziologe Dahrendorf 1965 schreibt, scheint auch heute noch zuzutreffen: Von den beiden Pfeilern der Universität hat sich die Lehre als stärker erwiesen; von der wechselseitig befruchtenden Konkurrenz von Universität und Akademie, die Humboldt einst sich erhoffte, ist wenig geblieben.[18] Für welche Antwort man sich auch entscheiden mag: Wer denkt, dass in der Diskussion über Bildung, Universität, Hochschulreform und die Position der Philosophie im Gefüge der Wissenschaften bereits alles gesagt worden ist, tut gut daran, Derridas Ausführungen gründlich zu lesen.
Mirko Wischke
Anmerkungen
[1] Ich
beziehe mich u.a. auf die Beiträge zu den
Themenschwerpunkten in „Forschung & Lehre“ 12/2004
und 1/2005. Nicht unerwähnt sollte in diesem
Zusammenhang bleiben, dass derzeit über 2 Mill.
Akademiker, promovierte und habilitierte
Wissenschaftler, Fachhochschulabsolventen und
Ingenieure ohne bezahlte Arbeit sind. Genauere Angaben
finden sich bei Petra Schlim, Trotz Bildung und
Qualifikation arbeitslos, in: Forschung & Lehre
1/2005, S. 16-18.
[2] Vgl.
Helmut Schelsky, Einsamkeit und Freiheit. Idee und
Gestalt der deutschen Universität und ihrer Reformen,
Hamburg 1963; Georg Picht, Was erwarten Staat und
Gesellschaft von der Universität? In: Merkur 22. Jg.,
238 (1968) Heft 1/2, S. 18-32; Ralf Dahrendorf,
Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive
Bildungspolitik, Osnabrück 1966; Jürgen
Habermas, Vom sozialen Wandel akademischer Bildung.
In: Merkur 183, (1963), S. 413-427. Meine Auswahl
beansprucht weder Vollständigkeit noch eine
repräsentative Auswahl der wichtigsten Publikationen
zu diesen Diskussionen zu sein.
[3] Vgl.
beispielsweise Friedrich Wolters, Stefan George und
die Blätter für die Kunst, Deutsche Geistesgeschichte
seit 1890, Berlin 1930, S. 481, 480.
[4] Erich
von Kahler, Der Beruf der Wissenschaft, Berlin 1920,
S. 9.
[5] Wilhelm
Dilthey, Grundlinien eines Systems der Pädagogik
(1884-1894), hrsg. v. Dieter-Jürgen Löwisch, Darmstadt
2002, S. 15.
[6] Paul
Natorp, Sozialpädagogik. Theorie der Willenserziehung
auf der Grundlage der Gemeinschaft, Stuttgart
41920, S. 5.
[7] Max
Scheler, Die Formen des Wissens und die Bildung,
a.a.O., S. 39.
[8] Wilhelm
Dilthey, Grundlinien eines Systems der Pädagogik
(1884-1894), hrsg. v. Dieter-Jürgen Löwisch, Darmstadt
2002, S. 9.
[9] Alois
Riehl, Zur Einführung in die Philosophie der
Gegenwart, Leipzig 1903, S. 248.
[10] Karl
Jaspers, Der philosophische Glaube, München 1954, S.
195.
[11] Karl
Jaspers, Philosophische Logik. 1. Bd.: Von der
Wahrheit (1947), München.Zürich
31983, S. 18.
[12]
Helmut Schelsky, Einsamkeit und Freiheit, a.a.O., S.
290.
[13]
Jürgen Habermas, Vom sozialen Wandel akademischer
Bildung, a.a.O., S. 423.
[14] Vgl.
die Schilderung von Harald Fritzsch, Ruiniert von der
Politik, gegängelt von der Bürokratie. Die Universität
muß wieder ins Zentrum der Wissenschaft, in: Forschung
& Lehre 12/2004, S. 672-674, hier: S. 674.
[15] Max
Scheler, Die Formen des Wissens und die Bildung.
Vortrag, gehalten zum zehnjährigen Stiftungsfeste der
Lessing-Akademie in Berlin, Bonn 1925, S. 22.
[16] Peter-Alexis
Albrecht, Die Vernichtung des Individuellen. Vom Ende
der universitären Freiheit in Forschung und Lehre, in:
Forschung & Lehre 12/2004, S. 650-651, hier: S.
651.
[17] Jürgen
Habermas, Vom sozialen Wandel akademischer Bildung,
a.a.O., S. 427.
[18] Ralf
Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in
Deutschland, München 1965, S. 177.