Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 2


 

Theater sehen – Theater spielen
Die 10. Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche

Das Hessische Landestheater Marburg im Theater Am Schwanhof
5. – 12. März 2005

In den Begrüßungsreden zur Eröffnung des 10. Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche hörten die Organisatoren des Festivals um den Intendanten Ekkehard Dennewitz, den Festivalleiter Jürgen Sachs und ihr Team von den Offiziellen der Stadt und des Landes Erfreuliches: Die Theaterwoche sei ein „Markenzeichen“ Marburgs geworden und habe sich zu einem erfolgreichen, angesehenen Festival für die Kinder- und Jugendtheater in Deutschland und darüber hinaus entwickelt, 50 Theater-Workshops ermöglichten Kindern und Jugendlichen Einblicke ins Theaterspiel, vor allem aber: das HLT könne auch in den nächsten Jahren mit den nötigen finanziellen Mitteln und Zuschüssen von Land, Stadt und Kreis für die Festivalwoche rechnen. Die Theaterleute wird die Anerkennung gefreut haben. In diesen kulturell eher "kalten“ Zeiten sind Zustimmung, Lob und finanzielle Planungssicherheit schon mehr, als viele Institutionen erhoffen können. – Im folgenden Bericht werden acht Aufführungen der mehr als zwanzig Produktionen vorgestellt.

 

Grips Theater, Berlin
Nellie Goodbye
Von Lutz Hübner

„Ich bin nicht tot. Ich bin da, ich lebe, ja? Ihr seht mich an wie einen Geist.“ Kommen solche Sätze über den Umgang mit dem Tod bei jungen Menschen, denen oft oberflächliche Wellness-Süchtigkeit nachgesagt wird, an? Die Aufführung von Nelly Goodby, mit dem am Samstag, dem 5. März, das Kinder- und Jugendtheaterfestival eröffnet wurde, ließ zweifelnde Fragen an der Zumutbarkeit des Themas Sterben für junge Menschen nicht aufkommen. Das Stück von Lutz Hübner, die Inszenierung von Franziska Steiof, die Bühnenausstattung von Mathias Fischer-Dieskau, die Musikregie durch George Kranz und das intensive Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler gingen sensibel, aber auch offen und direkt und damit so spannungsgeladen mit dem Thema Krankheit und Sterben einer jungen Frau um, dass Peinlichkeiten, hohle didaktische Töne oder falsche Rührseligkeiten vermieden wurden.

Das Stück stellt das Thema Sterben in einen Kontext, der vielen Jugendlichen vertraut ist: Eine Band probt mit Energie, Leidenschaft und Können für die Teilnahme an einem Rockmusik-Wettbewerb. Mitten in den stressigen Proben bricht die Leadsängerin Nellie (Laura Leyh) zusammen. Die niederschmetternde Diagnose der Ärzte lautet: Gehirntumor. Wie gehen junge Menschen, ehrgeizig, talentiert, miteinander befreundet, ineinander verliebt, mit dieser außergewöhnlichen Situation um? Sie verzweifeln und wollen alles hinschmeißen, besinnen sich dann auf die Stärken ihrer Freundschaft (Stephanie Schreiter überzeugend als Nellies Freundin Cora), verkriechen sich hinter ihre Schwächen und kleinen Feigheiten wie Nellies Freund Johnny (Jens Mondalski), stürzen sich in eher nebensächliche Aktivitäten wie Tina (Constanze Priester), oder setzen alles auf  Durchhalten wie Drummer Danny (beeindruckend: Christian Giese).

Das Leben der anderen geht weiter und lässt sich vom Sterben auch eines noch so nahen Menschen nicht einfach verdrängen. Die Band nimmt die Proben wieder auf, jetzt mit Tina als Sängerin. Aber der Tod, das zeigt Hübners Text eindringlich, zwingt die Musiker dazu, Masken fallen zu lassen und ihr Leben neu zu bestimmen. So kommt es kurz vor dem entscheidenden Auftrit beim Wettbewerb zur Enthüllung der kleinen und großen verschwiegenen und verdrängten Wahrheiten. Die Bandmitglieder akzeptieren, dass Nellie niemals zurückkehren kann, unheilbar krank ist und sterben muss. Nellie fügt sich in ihr Schicksal und sieht ein, dass sie dem Druck der Wettbewerbsvorbereitungen nicht mehr gewachsen ist, dass die Band nur ohne sie beim Wettbewerb eine Chance hat. In der Konfrontation mit Sterben und Tod ordnen sich die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gruppe neu: Es klärt sich, was Freundschaft ist und wer wen wirklich liebt.

Das Gripstheater hat mit der Inszenierung von Nellie Goodbye Mut und Fingerspitzengefühl bewiesen. Es ist nicht selbstverständlich, schwere Krankheit, Sterben und Tod eines jungen Menschen auf die Bühne eines Jugendtheaters zu bringen. Verschleierung und Tabuisierung des Themas sind, in den Medien wenigstens, die Regel. Dabei machen junge Menschen natürlich die Erfahrung von Krankheit und Tod in der Familie, im Freundes - und Bekanntenkreis. Es ist Hübners Verdienst, dass er diese existentiellen Erfahrungen in den Mittelpunkt seines Stücks stellt und eine Bühnensituation aus Rockmusik, musikalischen Träumen und Freundschafts- wie Liebesbeziehungen entwickelt, mit der sich viele junge Menschen identifizieren können. Und dann passt auch ein aufmüpfiger Satz wie der folgende in das ernste Bühnenspiel: „Die Musik ist nur der Versuch, dem Meister des Universums zu beweisen, dass wir uns von so einem Scheißtumor nicht davon abhalten lassen, Musikgeschichte zu schreiben.“ – Ein überzeugender Auftakt der 10. Hessischen Kinder - und Jugendtheaterwoche.

 

Theaterhaus Ensemble, Frankfurt
Othello
Von Ignace Cornelissen nach William Shakespeare

So genannte „nach Shakespeare“- Stücke und Inszenierungen sind seit mehreren Jahren auf vielen Bühnen „Mode“ geworden. Regisseure wie Stückeschreiber deuten mit dem Zusatz an, dass sie sich mehr als die üblichen Strich -Freiheiten herausnehmen, dass – im gelungenen Fall – die Vorlage durch kreatives Um- und Weiterschreiben eine neue künstlerische Qualität erhalten soll. Castorf hat das auf der Berliner Volksbühne immer wieder sehr erfolgreich mit Tennessee Williams-Texten vorgeführt. Im Schauspiel Frankfurt konnte man im letzten Jahr eine Romeo und Julia - Aufführung bewundern, der eine Textfassung des flämischen Lyrikers und Theater- und Prosaschriftstellers Peter Verhelst zugrunde lag.

Die Textvorlage des Theaterhaus Ensembles stammt von dem belgischen Autor und Theatermacher Ignace Cornelissen, ausdrücklich für ein junges Publikum geschrieben und 2001 uraufgeführt. Was bleibt in Cornelissens „nach Shakespeare“-Version vom berühmten Liebes- und Eifersuchtsdrama Othello übrig? Ein Stück, in dem wie in einem seltsamen Märchen von Osmanenangriffen, Schlachten und Abenteuern berichtet wird, ohne dass deren Handlungszusammenhang ganz deutlich würde, in dem Jago zwar zu Beginn entgegen seinen Erwartungen nicht zum Leutnant befördert wird, es dennoch aber im Laufe der Handlung ohne Kenntnis der Vorlage nur in Ansätzen klar wird, warum Jago gegen Othello intrigiert, in dem die Liebe zwischen Othello und Desdemona seltsam „aufgesetzt“ erscheint und Othellos Eifersucht und Desdemonas Tod eher überraschen, als sich aus den Beziehungen und Charakteren der Handlung entwickeln.

Mit dem hoch dramatischen Othello von Shakespeare jedenfalls hat Cornelissens „Light“ - Version kaum etwas zu tun. Und sie verliert eigentlich jeden Anspruch auf die „nach Shakespeare“ - Titelung, wenn man die Sprache hinzuzieht. In einem Jugendlichenjargon – das erste Bühnenwort ist „Scheiße“ – können Gefühle wie Hass, Eifersucht, Liebe und die Figuren, wenn sie in weit entlegene Geschichten eingebettet sind, nur schwerlich Wirkung entfalten. Othello ohne die poetische Kraft der Sprache wird fad und leblos, auch langweilig. Auf diese Art erfahren 12 - Jährige wenig über die mächtigen Gefühle, die Menschen umtreiben, unerhörte Dinge, gute wie schlimme, zu tun, und sie erfahren nichts Wesentliches über den großen William Shakespeare.

Da retten denn auch die Inszenierung von Rob Vriens, das Bühnenbild von Jörg Poppe und Rob Vriens und das Spiel von Günther Henne als Othello, Michael Meyer als Cassio, Uta Nawrath als Jago, Katrin Marder als Brabantino, Soldat und Mädchen und Verena Specht-Ronique als Desdemona nicht mehr viel. Das Theaterhaus Ensemble konnte mit dieser Aufführung nicht an die furiose Inszenierung von Agota Kristofs Das große Heft vor einem Jahr hier in Marburg anknüpfen.

 

theater überzwerg, Saarbrücken
Lüg mir die Wahrheit!
Von Peter Pohl

Das Stück von Peter Pohl, geboren 1940 in Deutschland, 1945 nach Schweden ausgewandert, wurde 1994 in Stockholm uraufgeführt . Die Produktion des Saarbrücker Theaters ist die deutsche Erstaufführung. – Auf der Bühne wird eine Situation aus dem Erfahrungsbereich vieler junger Zuschauerinnen und Zuschauer – die Aufführung wendet sich schon an Zehnjährige – in dichten Spielszenen entfaltet: die des Alleinseins, auch der Einsamkeit und der Hilflosigkeit. Die elfjährige Madde kehrt, wie jeden Tag wohl, aus der Schule in die leere Wohnung zurück: eines der vielbeschriebenen Schlüsselkinder, die es im Zeitalter alleinerziehender Mütter und Väter in weitaus größerer Zahl gibt als ehedem in den siebziger Jahren, in denen der Begriff geprägt wurde. Das Mädchen beginnt, später wird sich auch ihr fünfzehnjähriger Bruder Jocke daran beteiligen, das Wohnzimmer für den Vater, der Geburtstag hat, herzurichten und zu schmücken. Der Zuschauer ahnt, dass der Vater „wie immer“ aus beruflichen Gründen zu spät oder gar nicht nach Hause kommen wird: Die kleine Geburtstagsfeier ist Wunschtraum und Illusion.

Clou des Stücks aber ist eine Stimme, die vom Videoband kommt: die Stimme der Mutter, die Anweisungen und Ratschläge erteilt, als werde sie bald selbst anwesend sein. Erst als Maddes Bruder aggressiv auf das Video reagiert, wird klar, dass die Mutter die Familie drei Jahre vorher – die Gründe werden, ein dramaturgisch geschickter Griff, nie wirklich enthüllt – verlassen hat und die Filmaufzeichnung eine Art Abschiedsbotschaft an die Familie ist. Madde hätte das Band, das Bruder und Vater vor ihr versteckt halten gar nicht finden dürfen. Sie legt es ein, um sich die Illusion der Nähe der Mutter zu verschaffen, spielt es aber nie weit genug ab, um über das Verschwinden der Mutter die volle Wahrheit zu erfahren.

Maddes „Gespräch“ mit der Mutter auf dem Videoband ist eine extreme Form von Wahrheitsverdrängung und ein groteskes Bild der Sehnsucht nach einer intakten Familie und der Einsamkeit eines Kindes. Jocke versucht, seiner Schwester klarzumachen, dass die Mutter niemals wieder nach Hause zurückkehren werde: Für ihn ist sie „gestorben“. Madde wehrt sich gegen diese Erkenntnis mit der ganzen Einbildungskraft einer Elfjährigen. Dieser „Zweikampf “, der auch ein Kampf in der Seele der Elfjährigen zwischen Kindsein und Älterwerden ist, macht Pohls Text zu einem spannenden Bühnenstück. Es greift die Wirklichkeit junger Zuschauerinnen und Zuschauer in sehr direkter szenischer und sprachlicher Weise auf und verdichtet das Problem der Wahrheitsverdrängung als „Überlebenstrategie“ – daher auch der Titel „Lüg mir die Wahrheit“! – mit einfachen, aber wirkungsvollen dramaturgischen Mitteln zu einem echten „Drama“.

Dass die Inszenierung von Edith Ehrhardt das Interesse der jungen Zuschauer erreicht, ist auch das Verdienst der beiden Schauspieler: Sabine Merziger führt die Ängste, die Einsamkeit, Wunschträume eines elfjährigen Mädchens eindrucksvoll vor. Ihr Spiel mit Oliver Kai Mueller in der Rolle des Bruders ist sehenswert.

 

Puppentheater der Stadt Halle
Das Geheimnis des alten Waldes
Ein Märchen von Peter H. Gogolin frei nach Motiven des gleichnamigen Romans von Dino Buzzati

Ein zauberhafter Raum, wenn das Stück beginnt: Rahmen, hintereinander gehängt, im Vordergrund kleine Korbsessel, an dunklen Wänden verschiedene Figuren, von der Decke an Fäden herunterhängende Puppenmöbel und andere Gegenstände. Sechs dunkelgekleidete Schauspieler (Margit Hallmann, Ines Heinrich, Steffi Lampe, Nils Dreschke, Lars Frank, Uwe Steinbach) und ein Musiker (Sebastian Herzfeld) spielen mit sechs etwa kindsgroßen Puppen, die nach und nach ins Spiel kommen. Die Puppen sind phantastisch anzusehen; sie stellen den Waldbesitzer Oberst Procolo, seinen sechs Jahre alten Neffen Benvenuto, einen alten Mann, die Wachelster, den Wind Matheo und die Frau Bernarda dar.

Der Oberst, so die einfache Geschichte, erbt vom alten Morro einen Wald, dessen Haus und dazu seinen Neffen Benvenuto, dessen Eltern nicht mehr leben. Die Vorstellungen des Oberst von Erziehung sind Ordnung, Disziplin und Gehorsam; Sentimentalitäten und Gefühle sind nicht seine Welt; die friedliche Atmosphäre des Hauses und die natürliche Ordnung des Waldes sind in Gefahr; die Probleme mit dem kleinen Jungen sind vorprogrammiert.

Ein wundersames Puppenspiel beginnt. Zum Beispiel wenn die Wachelster den Oberst mit ihren Trompetenlauten stört: Der Oberst will sie erschießen, sie rettet sich mit einer Schusswunde und klagt alles dem Kind, das sie tröstet und bittet, ihm ein Gedicht vorzutragen. Dazu bewegen mehrere Schauspieler die Elsterpuppe, einer die Beine, einer die Flügel, einer den Kopf, einer spricht der Elsterpuppe den Text in den Mund. Der Zuschauer wird, indem er sieht, wie das Spiel funktioniert, Mitakteur und erlebt alles gleichzeitig aus der Distanz, die es ihm ermöglicht, die zuweilen düstere Geschichte auch schmunzelnd zu verfolgen.

Immer wieder werden Szenen durch das Zusammenspiel von Puppen und Schauspielern zu intensiven Bildern, so wenn Benvenuto und sein Onkel frühstücken oder wenn der Wind aus einem Koffer, in dem er jahrelang von den Waldgeistern gefangen gehalten wurde, befreit wird oder wenn ein Waldweg für die Geschichte benötigt wird und der Rücken eines Schauspielers herhalten muss, damit Benvenuto guten Muts darüber schreiten kann, oder wenn – vielleicht ein kleiner Höhepunkt der Aufführung – Benvenuto lernt, Ski zu laufen. Es sind diese einfachen, aber zauberhaften Einfälle, die aus der Geschichte um Oberst Procolo und seinen Neffen Benvenuto ein märchenhaftes, poetisches Spiel machen.

Und die Geschichte selbst endet wie ein Märchen. Denn Benvenuto bewirkt eine Wandlung zum Guten in seinem Onkel. Als der Wind den Oberst auf die Probe stellt und ihm vorgaukelt, Benvenuto sei beim Skifahren verunglückt, geht er sofort ohne warme Kleider los, um ihn zu suchen. Er stirbt, aber ist mit Benvenuto und dem Wald versöhnt.

Einmal wird die märchenhafte Stimmung durch die Erzählung des alten Oberst über den Krieg durchbrochen. Ein Schauspieler spricht den Text ohne Puppe. Das Märchen wird mit einem Mal politisch; die dunkle Wirklichkeit holt den Zauberwald ein.

Die Differenziertheit in der Darstellung der Geschichte, die liebevoll inszenierten Details, die einfühlsame Musik und der gekonnte Umgang der Schauspieler mit den phantasievollen Puppen machen die Qualität und den Zauber dieser Aufführung aus. – Das Publikum reagierte begeistert.

 

Bayerische Theaterakademie August Everding, München
Level 13
Von Alexander Schmidt

Alexander Schmidt hat mit Level 13 ein Theaterstück geschrieben, das auf die tragischen Geschehnisse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium verweist, in dem der Schüler Robert Steinhäuser im April 2002 sechzehn unschuldige Menschen erschoss. Für die Schreckenstat gab es seinerzeit unzureichende Erklärungen: mangelndes Selbstwertgefühl des Täters, Angst vor Versagen, aber auch Robert Steinhäusers Sucht, sich über Computerspiele und Fernsehen in einer virtuellen Welt, in der er die Wirklichkeit längst aus dem Blick verloren hatte, zu vergraben und einzurichten.

Schmidts Stück knüpft an die Erfurter Ereignisse an, will diese aber nicht auf der Bühne nachstellen. Ihm geht es darum, Einblicke in den Seelenzustand eines jugendlichen Amokläufers und Geiselnehmers zu gewinnen, die Persönlichkeiten eines Täters und seiner Opfer in das Blickfeld der Zuschauer zu rücken, auch zu zeigen, wohin es führen kann, wenn für junge Menschen wegen ihrer Abhängigkeit von den Medien die reale Welt hinter der virtuellen unbedeutend wird, ja verschwindet.

Das Stück beginnt ruhig: Auf beiden Seiten der Bühne stehen je zwei Schauspieler, vor der Bühne steht Jan. Die vier Schauspieler beginnen sich zu bewegen, wie aus einer Erstarrung erwacht, schreiten langsam über die Bühne, ihre Trittgeräusche sind zu hören. Dann stößt Jan zu ihnen: Er habe den Plan nicht ausführen können, sei nur bis Level 12, nicht bis Level 13 vorgedrungen. Im Laufe der Handlung wird der Zusammenhang der angespannten Situation klar: Jan hat eine Lehrerin und Schüler mit einer Pistole bedroht, hat sich aber überreden lassen, „nur“ zwei Schülerinnen und zwei Schüler, die sich freiwillig dazu bereit erklärt haben, als Geiseln zu nehmen. Es sind die vier im Raum Anwesenden. Jan wollte zur oberen Etage der Schule vordringen, um ihre Noten zu verändern, damit sie bessere Zukunftsaussichten hätten. Aber er ist, wie er sagt, nicht ans Ziel gelangt. Es wird angedeutet, dass er auf dem Weg nach oben aufgehalten wurde und kaltblütig um sich geschossen hat.

Level 12 – das Stück spielt damit auf ein Computerspiel an, bei dem der Spieler, bevor er Level 13 erreicht, durch Missgeschick oder Pech ausscheiden kann, – markiert Jans Scheitern, wieder einmal wie schon oft vorher. Das Versagen stellt letztlich seinen Antrieb zur Verzweiflungstat der Geiselnahme und zum Töten dar. Und das Verbrechen macht ihn endgültig und unwiderruflich zum wirklichen Versager. Er wird sich von seiner Tat nicht mehr befreien können.

Auch die Geiseln haben gebrochene Biografien, beherrscht von Leistungsdruck, Einsamkeit, fehlender Anerkennung, Lieblosigkeit und Sprachlosigkeit innerhalb der Familie wie im Freundeskreis. Das angedrohte gewaltsame Sterben ist schon fast – und darin liegt eine schreckliche Perspektive des Stücks – so etwas wie die Fortsetzung ihres verpfuschten Lebens.

Schmidts Stück in der gelungenen Inszenierung von Lisa Nielebock mit den beeindruckend spielenden Schauspielerinnen und Schauspieler Anne Bommer, Monika Varga, Julius Bornmann, Fjodor Olev und Jochen Palatschek ist eine „unter die Haut gehende psychologische Studie menschlichen Verhaltens in Extremsituationen“ (Donaukurier), deren Spannung auch stark von dem lebt, was sich nur in den Blicken, fahrigen Gesten und dem Minenspiel der Akteure niederschlägt. Dem Autor wurde für das Stück der erste Preis des 7. Münchner Jugenddramatikerpreis verliehen.

 

Theater Triebwerk Hamburg / Theaterwerkstatt Hannover
Der Musterschüler
Nach der gleichnamigen Novelle von Stephen King für die Bühne bearbeitet von Erik Schäffler

Der Musterschüler heißt Todd, ist 15 Jahre alt, mit Eltern, denen er immer wieder Rechenschaft über seine Schulleistungen geben muss. Er entdeckt durch Zufall die Identität eines ehemaligen KZ-Schergen, des hohen Nazi-Offiziers Kurt Dussander, der jetzt unter dem Decknamen Arthur Denker als „Normalbürger“ in der Nachbarschaft lebt. Anstatt seine Entdeckung den Behörden mitzuteilen, sucht der Fünfzehnjährige den alten Mann auf und lässt sich in ein raffiniert angelegtes Katz- und Maus-Spiel verwickeln. Todd zwingt Dussander alias Denker dazu, ihm die grausamen Ereignisse in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz, für die der Alte als hoher Beamter in der Lagerhierarchie mitverantwortlich war, in allen Einzelheiten zu schildern, wird regelrecht süchtig nach den Schilderungen unvorstellbarer Quälereien und Erniedrigungen der Lagerinsassen. Durch sein Interesse stachelt er den Alten dazu an, von Tag zu Tag und Woche zu Woche bereitwilliger und leidenschaftlicher in seine Vergangenheit zurückzukehren und mit seinen Verbrechen vor dem Jungen, in dem er einen Gleichgesinnten, einen Musterschüler eben, erkennt, zu prahlen.

Dieses gefährliche Spiel mit der NS-Vergangenheit wird in einer Szene besonders anschaulich. Todd überredet, ja zwingt den Alten dazu, eine SS-Uniform, die er mitgebracht hat, anzuziehen. Kaum trägt Denker alias Dussander den SS-Mantel und die SS-Mütze, beginnt er, der sonst hinkt und sich mühsam am Stock fortbewegt, aufrecht und im Stechschritt zu marschieren: Die Geister, die Todd mit seiner unmoralischen Neugier geweckt hat, wird er – das macht die Szene deutlich – nicht mehr verscheuchen können.

Beide, der Junge wie der Alte, verwickeln sich immer stärker in das böse Spiel mit der Vergangenheit, bis aus dem, was anfangs Sensationsgier und Befriedigung verdrängter Gedanken war, blutiger Ernst wird. Das schlimme Ende deutet sich an, als Denker lüstern davon erzählt, wie er im Ofen eine Katze verbrannt hat, und Todd drastisch vormacht, wie er einen Vogel, der verletzt vor ihm liegt, mit dem Fuß zertritt. Aus dem Alten wird ein Pennermörder, aus Todd, dem Musterschüler, einer, der aus guter Tarnung heraus wahllos mit seinem Gewehr, ein Geschenk seines autoritären Vaters, auf vorbeifahrende Autos schießt.

Dass die Beeinflussung junger Menschen so einfach und auf so schreckliche Weise funktionieren kann, darauf gibt das Stück vorsichtige Antworten. Den Eltern schiebt Stephen King offensichtlich eine besondere Verantwortung zu. Vater und Mutter dirigieren – sie spielen dabei Violincello (Uwe Schade) und Kontrabass (Heino Seilhorn) – vom Hintergrund aus mit bohrenden Fragen und übergroßen Erwartungen das Leben des fünfzehnjährigen Todd. Ihre Ansichten über Obdachlose beispielsweise fließen unmittelbar in Todds Verhalten später, als er nicht vor Gewalttaten gegenüber Pennern, wie er sagt, zurückschreckt, ein.

Schon das Eröffnungsbild gibt die Denkrichtung der Eltern - Figuren vor: Die beiden Musiker spielen auf ihren Instrumenten marschartige Klänge und heben dabei nach jedem Ton die Arme wie zum Hitlergruß. Auch im folgenden kommentieren die musikalischen Einlagen auf subtile Weise das Geschehen auf der Bühne, besonders die psychischen Verfassungen des Alten und des Jungen. Die kluge Inszenierung von Martina von Boxen macht die Aufführung mit solchen und vielen anderen Inszenierungseinfällen sehenswert. Gelungen ist auch die Umsetzung der Erzählung von Stephen King in ein Bühnenstück durch Erik Schäffler. Die szenischen und erzählend-berichtenden Teile halten sich geschickt die Waage.

Diskussionsstoff liefert der Inhalt des Stücks, das ja vor allem für junge Zuschauerinnen und Zuschauer inszeniert worden ist, zur Genüge: Was als perverses Psychospiel zwischen einem alten unbelehrbaren Nazi und einem moralisch skrupellosen Fünfzehnjährigen mit viel Spannung und intensiven Szenen beginnt, endet im letzten Drittel doch eher in einem Stephen King - Horrorkabinett, in dem Leichen im Keller verscharrt und ausgescharrt, Kehlen durchschnitten werden und Blut vom Boden aufgewischt wird. Auf der Bühne agieren Zombies, wie Denker sich und den Jungen einmal bezeichnet.

Dadurch aber, dass die Figuren vor den Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer ins Monsterhafte verzerrt werden, werden gleichzeitig auch die schrecklichen Taten, deren sich Denker brüstet, zu Verbrechen von Monstern, von Zombies eben, was vielen der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer ab 15 aus entsprechenden Horrorfilmen nicht fremd ist. Aber – und das macht der Text nicht immer klar – es waren eben nicht Monster, die die Juden, Zigeuner, Homosexuellen und politischen Häftlinge in die Gaskammern und Konzentrationslager geschickt haben, sondern – meist jedenfalls – „normale“ Durchschnittsbürger, fanatisierte Naziparteigänger, gedankenlose Mitläufer und willige Befehlsempfänger. Dass das Stück eine Täterlinie vom Naziverbrecher über den zombiehaften Pennermörder bis hin zum Autobahnmörder aus Lust oder Langeweile suggeriert und dabei behauptet, das eine sei die Folge des anderen, rückt das Stück in die Ecke ideologischer Verbrämungen und Verquickungen, die letztlich zu einer Verharmlosung der Naziverbrechen führen, ihr Verständnis jedenfalls bei einem jugendlichen Publikum ab 14 Jahren nicht gerade erleichtern.

Dabei entwickelt das Stück in den ersten beiden Dritteln eindrucksvolle Szenen, die durchaus zeigen, was der gängige Vorwurf meint, dass viele Täter der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts aus der Vergangenheit und dem, was sie taten, nichts gelernt und nie ihre Schuld daran akzeptiert hätten. Wenn der Alte, eindringlich dargestellt von Michael Habelitz, seinem jugendlichen Zuhörer von seinen Verhörmethoden mit Hilfe eines Lammragouts erzählt und Todd (Thomas Bammer) – „Ich will alles wissen über die Gaskammern“– nicht genug von den Schrecknissen, den Menschenquälereien und Ermordungen hören kann, dann wird in solchen Szenen etwas von der Kaltblütigkeit und Verrohtheit mancher Menschen deutlich und es wird auch deutlich, dass das Schreckliche für Menschen, auch junge Menschen, immer wieder ein eigentümliches Faszinosum darstellt, das sie auf perverse Weise in seinen Bann zieht und nicht loslässt.

 

Merkx & Dansers, Utrecht / Niederlande
Silverton
Tanztheater von Wies Merkx

Auf der Bühne ist eine Saloonbar aufgebaut: eine lange Theke mit fünf Lampen; davor Tische, viele Tische mit rot karierten Tischdecken; ein Cowboyhut an einem Ständer links hinten und einige Cowboyhüte auf der Theke; ein Mädchen putzt gelangweilt die Tische und räumt in der Bar auf. Das ist alles. Das Besondere ist, dass die Bar in der Wildweststadt schlechthin, in Silverton nämlich, steht und dass die Merkx & Dansers – Kompanie Silverton in der Choreografie von Wies Merkx auf die Bühne bringt. Und das geschieht mit allem, was zu einer Bar im Wilden Westen gehört: Im Saloon erscheinen zwei, später drei Männer, echte Cowboys natürlich, am Fransenlederwams, am langen schwarzen Mantel und an den breitkrempigen Hüten leicht als solche auszumachen, und prahlen vor dem Barmädchen in machohaften Posen und mit gockelhaftem Verhalten; einer spielt auf einer Mundharmonika Sehnsuchtsvoll-Herzzerreißendes; das Mädchen geht nicht wirklich auf die Männeravancen ein, ja macht sich über die „harten Jungs“ lustig, äfft sie nach und führt sie als Angeber vor; es kommt zum Streit, zum wirbelnden Kampf jedes Cowboys gegen jeden; dann kehrt wieder Ruhe ein; Whiskyflaschen machen die Runde; im Saloon wird heftig getrunken und gefeiert, bis die ausgelassene Stimmung – draußen vor der Saloonbar? – in wilde Reiter - und Lassospiele übergeht; fast glaubt man, eine ganze Rinderherde werde durch Silverton gehetzt; und in der Bar gehen Tanz, Trinkerei, Eifersüchteleien, machohafte Liebesgeplänkel mit der Bardame weiter, auch der Streit, der schließlich im Pistolengeballere endet; Leichen pflastern natürlich auch den Boden des Saloons in Silverton.

Wie dieser Western, so unterhaltsam und kurzweilig wie ein John Wayne-Film, inszeniert wurde? Mit guten Tänzer - Schauspielern vor allem; denn das Ganze ist ein Tanz, beeindruckend vorgeführt von Mirjam Pelupessy, Bas Dorlandt, Marco Gosselinck und Rombout Stoffers. Sie wirbeln über die Bühne, dass daraus wirklich die Holzbretter einer Bar in Silverton werden. Ihre einzigen Requisiten sind das Mobiliar im Saloon. Zu den atmosphärisch passenden Liedern vom Band werden aus den Tischdecken Peitschen und Lassos und aus den Tischen Tanzpartner, Reitpferde, Podeste für Cowboy-Siegesposen und – das vielleicht der Höhepunkt der einstündigen Show – Trommeln, auf denen wilde Rhythmen, aber auch Geräusche wie Pferdegetrappel oder der Lärm von Schlägereien verblüffend echt nachgemacht werden.

Ein unterhaltsamer Abend, mit vielen Showelementen, ironisch-augenzwinkernd und oft komisch, der mit einem poetisch-phantasievollen Bild beginnt und schließt: Das müde Barmädchen liegt auf einem der Tische, schläft ein, wird von den Cowboys mit Glitterschnipseln „geweckt“ und liegt am Ende wie am Anfang schlafend auf den Tischen: Silverton ein schöner Traum, eine kleine romantische Illusion.

 

Erfreuliches TheatErfurt
Die Königin der Farben
Ein interaktives Schattenspiel in und mit Farbe und Live-Musik nach einem Bilderbuch von Jutta Bauer

Auf einer halbkreisrunden Leinwand ist ein Farbpinsel zu sehen; links steht ein Klavier; rechts ein Pult mit einem Projektionsapparat: mehr braucht es nicht für einen poetisch-phantasievollen Abend für groß und klein, wenn drei Künstler daran gehen, auf ihre einmalige Art Märchenzauber und Märchenstimmung auf die Bühne zu bringen: Eva Noell als Zeichnerin am Projektionspult, Paul Olbrich als Sprecher und „Figurenbeweger“ unsichtbar unter oder hinter der Leinwand und Tobias Rank mit wunderbaren musikalischen Einlagen zum Malspiel auf der Leinwand  Sie alle drei erzählen das Märchen von der Königin, die am Morgen aufsteht, aus ihrem Schloss hinaus auf die Wiesen geht,  mit dem Baum und der Blume redet und spielt, in die Farbe Rot förmlich eintaucht, danach in den Farben Blau und Gelb Abenteuer im Wasser, am Strand und in der Wüste erlebt, zu ihren bunten Wiesenfarben zurückkommt und schließlich – die Farben sagen: es wird Abend – ins Schloss heimkehrt.

Die kleine Geschichte ist anrührend; zu einem Theatererlebnis wird sie durch die einfachen, aber poetischen Zeichnungen und die farbliche und musikalische „Untermalung“. Erwachsene wie Kinder konnten sich dem Zauber, den die Spieler aus Erfurt entfalteten, nicht entziehen und dankten mit begeistertem Applaus. Das Spiel um die „kleine Königin“ war ein gelungener Abschluss des 10. Hessischen Kinder- und Jugendtheaterfestivals und schloss an den Erfolg des Stücks Nellie Goodbye an, mit dem das Gripstheater acht Tage vorher die Theaterschau eröffnet hatte.

 

The winner is …

Der Intendant des HLT zog am Ende eine positive Bilanz des Festivals, zu dessen zweiundzwanzig verschiedenen Aufführungen 3200 Zuschauerinnen und Zuschauer, darunter viele Jugendliche und Kinder, gekommen waren. 4000 Kinder und Jugendliche hätten insgesamt an den Workshops und den Theaterangeboten teilgenommen – vielleicht das wichtigste Ergebnis, wenn das Theater an seine zukünftigen Zuschauer denkt. Egon Vaupel, der kommende Oberbürgermeister von Marburg, hat noch einmal versichert, dass das Kinder- und Jugendtheaterfestival ein fester Bestandteil der Kulturpolitik in Marburg sei. Auf die nächsten Festivals darf man also gespannt sein.

Und natürlich gibt es in diesen Zeiten der ständigen Wettbewerbe, Siege und Medaillenauszeichnungen auch einen „echten“ Sieger, der neben der Belobigung die Summe von 1500 Euro, gestiftet vom Freundeskreis des Theaters, mit nach Hause nehmen darf. Die Jury, zu der auch Kinder und Jugendliche gehörten, hat drei Preise vergeben: Der 3. Preis ging an das AGORA-Theater St. Vith aus Belgien für das Stück Das schwimmende Nest; der 2. Preis wurde dem Arab-Hebrew Theatre of Jaffa (Israel) für die Aufführung Ach Ach Boom Traachhh überreicht. The winner is – das Puppentheater der Stadt Halle mit dem Stück Das Geheimnis des alten Waldes. Die Jury lobte das Bühnenbild, die Puppen, die Requisiten, die einfühlsame Musik, die Geschichte und die schauspielerische Leistung der Puppenspieler. Es ist bemerkenswert, dass aus den vielen Produktionen, die auf dem Festival in Marburg gezeigt wurden, nicht ein Stück mit stärker politischem oder aktuellem Inhalt wie zum Beispiel Der Musterschüler oder Level 13 als preiswürdig ausgelobt wurde, sondern ein Stück, das vor allem wegen seiner märchenhaften Poesie begeisterte.

Herbert Fuchs

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