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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 2
Carl Zuckmayer
Elegie von Abschied und Wiederkehr
Ich weiß, ich werde alles wiedersehn.
Und es wird alles ganz verwandelt sein,
ich werde durch erloschne Städte gehn,
darin kein Stein mehr auf dem andern Stein -
und selbst noch wo die alten Steine stehen,
sind es nicht mehr die altvertrauten Gassen -
Ich weiß, ich werde alles wiedersehen
und nichts mehr finden, was ich einst verlassen.
Der breite Strom wird noch zum Abend gleiten.
Auch wird der Wind noch durch die Weiden gehn,
die unberührt in sinkenden Gezeiten
die stumme Totenwacht am Ufer stehn.
Ein Schatten wird an unsrer Seite schreiten
und tiefste Nacht um unsre Schläfen wehn -
Dann mag erschauernd in den Morgen reiten,
der lebend schon sein eignes Grab gesehn.
Ich weiß, ich werde zögernd wiederkehren,
wenn kein Verlangen mehr die Schritte treibt.
Entseelt ist unsres Herzens Heimbegehren,
und was wir brennend suchten, liegt entleibt.
Leid wird zu Flammen, die sich selbst verzehren,
und nur ein kühler Flug von Asche bleibt -
Bis die Erinnrung über dunklen Meeren
ihr ewig Zeichen in den Himmel schreibt.
In Carl Zuckmayers Autobiographie "Als wär's ein Stück von mir" heißt es: "Dieses Gedicht hatte ich im Jahr 1939 geschrieben, bevor noch eine Bombe auf Deutschland gefallen war. Ich schrieb es damals in Hollywood, zu Beginn des Krieges – in einer Zeit, in der mir das 'Elend', in der ursprünglichen Wortbedeutung nicht anders als das Aus-Land, in das man vertrieben ist, die Fremde, das Exil, bewußt wurde, ein unabänderliches Schicksal. ... Dann habe ich viele Jahre kein Gedicht mehr geschrieben. Jetzt nahte die Stunde der Wiederkehr"- im Herbst 1946 – "aber sie wurde noch durch eine lange Wartezeit verzögert – und jetzt hatte das Heimbegehren sich neu beseelt, in Furcht und in Hoffnung": (539) Von Zuckmayers erster Rückkehr nach Deutschlabd erzählt sein "Deutschlandbericht", unser "Buch des Monats März 2005".
Renate Scharffenberg