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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 2
Mein Buch des Monats März 2005
Carl Zuckmayer: „Deutschlandbericht“ für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika. Herausgegeben von Gunter Nickel, Johanna Schrön und Hans Wagener. Wallstein Verlag, Göttingen 2004, 308 Seiten, ISBN 3-89244-771-3, € 28,00.
In der dem „Deutschlandbericht" vorangestellten materialreichen Einleitung der Herausgeber wird Zuckmayers Situation nach Ende des Krieges verdeulicht: er will nach Deutschland, aber „nicht als Repräsentant der Siegermacht“ wie er an seine Frau schreibt, sondern als Zivilist. In seiner Biographie „Als wär's ein Stück von mir“ (1966) heißt es dazu: „Jetzt bewarb ich mich um einen Zivilposten bei der amerikanischen Regierung, in der Hoffnung, in kulturellem Auftrag nach Deutschland geschickt zu werden – die einzige Möglichkeit, überhaupt in absehbarer Zeit mein Geburtsland wieder zu betreten. Denn wenn man in Deutschland geboren war, unterstand man auch als amerikanischer Bürger einem besonders strengen Verbot der privaten Einreise, das im Lauf der Besatzungsjahre erst allmählich gelockert wurde“. (541)

Vom 5. November 1946 bis zum 30. März 1947 reiste Zuckmayer dann als ziviler Kulturbeauftragter der amerikanischen Regierung für Deutschland nach Europa. Da in diesen Zeitraum die Verkündung der Truman-Doktrin von der Eindämmung des Kommunismus fiel, konnte Zuckmayer zwar Westdeutschland und Österreich besuchen, erhielt aber keine Genehmigung für die Ausreise in die sowjetische Besatzungszone. Seine „Reiseroute“ findet sich – wie er sie dem Bericht beigefügt hat - mit den genauen Angaben S. 58-69.
Zu Beginn des Berichtes, der aus dem Englischen übersetzt ist, steht der Abschnitt, den die Herausgeber „Wiedersehen mit Deutschland“ überschrieben haben und der beginnt: „Mein erster Eindruck von dem Wiedersehen mit Berlin? Mit Deutschland? Er ist so, dass ich eigentlich erst einmal sechs Monate schweigen möchte. Nicht nur, weil mich die Zerstörung, das Elend, die Not, erschüttern, die Hitler über Deutschland gebracht hat. Es ist auch eine andere, ich möchte sagen, positive Erschütterung. Die Wiederbegegnung mit dem Land der eigenen Sprache...“ (55)
Die Reise beginnt in Frankfurt: „Frankfurt war die erste Großstadt, die ich als Kind gesehen hatte. Jetzt war es die erste Stadt, die ich in Trümmern liegen sah. Eine Frau beobachtete mich, wie ich bewegungslos in der Mitte dessen stand, was vom Römerberg, dem berühmten historischen Platz in der Altstadt, noch übrig war, und auf die Ruinen starrte. 'Ja', sagte sie in dem Dialekt, den ich in meiner ganzen Kindheit gehört hatte, 'so haben wir's ja gewollt – und so ist es gekommen'.“ (69)
Zuckmayer formuliert die Aufgabe, die er sich stellt: „Es sind nicht die Ruinen, nicht der Wiederaufbau, nicht die schwere Aufgabe vor uns, von denen ich sprechen möchte. Nicht die Frage, was man mit Deutschland machen soll, die ich ganz alleine nicht beanrworten könnte und die sich nur durch eine große gemeinsame Anstrengung aller Kräfte, die guten Willens sind, lösen läßt. Ich erzähle die Geschichte, die mich erschüttert hat – so dass ich sie erzählen muß. Es ist die Geschichte von Menschen, wie ich sie gesehen habe, wie sie mitten in unserer zivilisierten Welt im Winter 1946/47 lebten und starben.“ (70/71)
Unter „A.“ schildert er die Lage in den Besatzungszonen mit ihren jeweils zwei Welten, der der Besatzungsarmee und der der Besiegten und fragt nach der gegenseitigen Wahrnehmung voneinander. Beruhigt ist er in einem Punkt: „Es gibt – bisher – keine Stimmung für einen neuen Schlageter-Mythos oder eine Märtyrerlegende. Das mag in ein paar Jahren anders sein, - wenn wir jetzt versagen.“ (72) Für jüngere Leser, denen Leo Schlageter, der Freicorpskämpfer, der 1923 im französisch besetzten Ruhrgebiet nach einem Sabotageakt erschossen wurde, kein Begriff mehr ist, geben die ausführlichen Anmerkungen zu den genannten Namen gründlich Auskunft.
Zuckmayer benennt seine Sorge: „Wir erreichen die Menschen nicht. Wir finden keinen Weg in ihre Köpfe und Herzen. Wir beeinflussen die Schüler und Universitätsstudenten nicht wirklich, obwohl dazu einige Anstrengungen unternommen werden und es Pläne gibt...“ (79) Er verdeutlicht dies in seinen Berichten: „Die folgenden kurzen Darstellungen sollen etwas Licht auf innerdeutsche Umstände, Leben, Persönlichkeiten, elementare und wichtige Dinge werfen, - indem ich sie von beiden, der amerikanischen und der deutschen Seite berichte.“ (82) Und damit beginnt Zuckmayer zu erzählen, was ihm begegnet – darin liegen Bedeutung und Reiz dieser Texte, die nach nunmehr fast 60 Jahren zu uns gelangen.
Zuerst Berlin: Man sieht die von weißem Frost überzogenen Fassaden der noch bewohnten Häuser oder Häuserruinen, man riecht förmlich den Rauch aus den Rohren der Kanonenöfen, die aus vielen Fenstern starren – es ist ein grausamer Winter. Zuckmayer besucht den Verleger Peter Suhrkamp, dessen Ergehen in der Nazizeit und nach dem Kriegsende er nachzeichnet – den Versuch, seinen Verlag von Propaganda frei zu halten, die Denunziation und die Zeit im Konzentrationslager, aus dem er nur zum Sterben entlassen wurde: „Aber wie durch ein Wunder blieb er am Leben [...] Ich erzähle diese Geschichte in groben Umrissen, wobei ich zahlreiche furchtbare Einzelheiten auslasse, nur um zu zeigen, unter welchen Bedingungen im heutigen Deutschland Kulturarbeit geleistet wird.“ (84-88)
Einzelne Beobachtungen überraschen: „...der Durchschnittsdeutsche aller sozialen Klassen sieht viel sauberer und ordentlicher aus, als man angesichts seiner wirklichen Lebensbedingungen, des Drucks und der Plackerei seines Lebens erwarten könnte. Meines Erachtens ist dies ein Zeichen einer inneren Vitalität, die nicht aufgeben will, die sich bemüht, selbst in der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit einen klaren Geist zu bewahren. In der Hitlerzeit herrschte der deutsche Wahnsinn und die meisten Menschen haben genug davon.“ (89)
Dazu gehört auch der Hunger nach Kultur und Bildung – die Berliner Theater sind ständig gut besucht, selbst wenn die Menschen große Mühe aufwenden müssen, um hinzukommen. Es wird lebhaft über die Stücke debattiert. Und es wird gelesen, könnte viel mehr gelesen werden, wenn die Papierzuteilungen größer wären: „Es gibt eine echte intellektuelle Neugier und einen leidenschaftlichen Wissensdrang. 'Wir wissen, dass wir während des vergangenen Jahrzehnts unwissend und dumm gehalten wurden', sagen viele zu mir, 'laßt uns das um Gottes willen wettmachen'.“ (91)
Es folgt die Geschicht von vier jungen Zahnärzten, die sich auf ihre Weise durchschlagen, dann die zweier junger Mädchen und schließlich die eines Jungen aus gutem Hause, der ganz selbstverständlich stiehlt. Es sind Miniaturen, die jeweils ein Licht auf die Situation Jugendlicher werfen, und das ist die Gruppe, um die es Zuckmayer besonders geht – auf diese Weise bekommen die Probleme Namen und Gesicht. Zuckmayer hat nach seiner Rückkehr einen Teil seines Berichtes der Zeitschrift "Life" überlassen, die Auszüge daraus brachte – einiges davon wurde unter dem Titel "Verlorene Jugend" im November 1947 im Berliner "Tagesspiegel" veröffentlicht und fand ein lebhaftes Echo, das sich in Leserbriefen niederschlug. Ein paar dieser Leserbriefe sind im vorliegenden Band abgedruckt – zustimmend und kritisch – Zuckmayer selbst hat dazu Stellung genommen: er war nicht gefragt worden und distanziert sich von dem Titel: "Nichts scheint mir verfehlter, als – selbst im Angesicht der katastophalsten Zustände – von einer verlorenen Generation zu sprechen und damit einer Situation Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit beizumessen, aus der herauszukommen unser aller äußerstes Bemühen und unsere tiefste Hoffnung sein muß." (213)
Der nächste Abschnitt des "Deutschlandberichtes" trägt die Überschrift "Tagebuch, 23. November 1946" und enthält Zuckmayers Begegnungen mit Gegnern der Nazis: "Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen, deren Namen in der Geschichte des deutschen Widerstands berühmt geworden sind, oder mit ihren Witwen, Verwandten und Freunden. [...] Aber ich habe auch mit solchen Menschen gesprochen, deren Namen nie in Zeitungen erwähnt wurden und deren tote Verwandte vergessen sind – das Fußvolk, die unbekannten Soldaten des Widerstands." (102/03) Und wie durchgängig stellt er einzelne Schicksale dar, so das Gunter Weisenborns und seiner Frau, die sich aus den Augen verlieren, als er als "schwerer Politischer" verhaftet wird, und die sich erst im Chaos des Untergangs zufällig wiederfinden. (106/07)
Dann "München": "Von den hundertfünfundzwanzig Tagen und Nächten, die ich in Deutschland oder Österreich verbrachte, gab es keinen einzigen, der nicht in meinem Tagebuch mit einer oder mehreren solcher Geschichten vermerkt war. Nicht alle von ihnen sind düster, obwohl die meisten erschütternd sind. Ich versuche, auf diesen Seiten nur solche zu erzählen, die für unsere spezielle Aufgabe der Erziehungsarbeit, Reorientierung, des kulturellen Wiederaufbaus, erhellend oder anregend sind. Aber fast alles, was das Leben der Menschen betrifft, ist mit dieser Aufgabe verbunden...". (107) Zuckmayer verschließt die Augen nicht angesichts unsinniger Erschwerungen durch Ämter, deutsche und solche der Besatzungsmacht, ihn beschäftigt die Lage der entlassenen KZler ("KZler zu sein – Gefangener eines früheren Konzentrationslagers – ist eine schlechte Empfehlung bei einer Behörde in Deutschland"), und besorgt betrachtet er die Lager der DPs (der Ausländer in Deutschland, Zwangsarbeiter vor allem), die sich zu Zentren des schwarzen Marktes herausgebildet haben – schon weil hier der nicht zu besiegende Antisemitismus und Ausländerhass Nahrung findet. Im ganzen schätzt er die Schwarzmarktproblematik sehr nüchtern ein als notwendige Folge des zerstörten Wirtschaftswesens und der Geldentwertung.
Iin München sieht er das damals in Deutschland viel gepielte und sehr erfolgreiche Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder – erlebt bei den Proben alle die Schwierigkeiten mit, die sich aus den chaotischen Umständen ergeben. Und der Theateroffizier soll in allen Notfällen helfen und erfüllt wirklich die in ihn gesetzten Hoffnungen – eine Erfahrung, die man damals mit vielen der amerikanischen Kulturoffiziere machen konnte.
In "Heidelberg" wird gerade Zuckmayers Stück "Der Hauptmann von Köpenik" aufgeführt, er kommt ins Gespräch mit einigen Zuschauern, die anfangs ihr Missfallen ausgedrückt und kräftig gepfiffen haben, ehemalige Offiziere, die meinten, hier würden die 'heiligsten Güter der Nation' beleidigt. Eine lange Nacht wird daraus "voller Rückschläge und Konfusion, aber es war möglich" mit ihnen zu sprechen! (119/20) Ein anderes langes Gespräch schildert Zuckmayer, das er mit Schülern in einem bayerischen Gymnasium führt: "Ihr könnt sicher sein, sagte ich, dass ich nicht über Demokratie sprechen werde – an diesem Punkte lachten sie zustimmend, und ich nahm die Gelegenheit hinzuzufügen: wirkliche Demokratie ist etwas, worüber man nicht theoretisch diskutieren, sondern was man leben sollte." Und dann erzählte er ihnen von seinem Erfahrungen in Amerika – lauter Geschichten. (121-24) Dieser Abschnitt gehört zu jenen – ganz zahlreichen – die Zuckmayer aus seinem Bericht für das Kriegsministerium gestrichen hat. Glücklicherweise hat sich die erste Fassung erhalten.
In "Frankfurt" wird Zuckmayer unvermutet einer Pressekonferenz ausgesetzt. Er ist angenehm überrascht vom Echo in der Zeitung: "Man kann sich den Deutschen verständlich machen, selbst wenn sie heikle Fragen stellen und selbst wenn man ein früherer Deutscher ist, der Amerikaner geworden ist." (127). Aber es ist der Frankfurter Hauptbahnhof, bzw. seine Trümmer sind es, in denen er Dieter trifft: "Die Bahnhöfe sind nicht nur die elenden Wartesäle für ermüdete, erschöpfte Reisende, sie sind die Heimat der Heimatlosen." (142) Dieter ist einer der Protagonisten aus Zuckmayers "verlorener Jugend", den man so leicht nicht vergessen wird, ebenso lebenstüchtig wie verkommen – und doch bei einer letzten Begegnung auf dem Weg in eine bessere Zukunft.
Es sind die vielen Einzelschicksale aus den zerstörten Städten, die Zuckmayers "Deutschlandbericht" zu einer so anrührenden Lektüre machen – selbst jetzt, nach fast 60 Jahren sind sie von großer Unmittelbarkeit und Authentizität. Zuckmayer und übrigens auch seine Frau Alice Herdan-Zuckmayer, die ihn auf späteren Deutschlandreisen begleitete, nahmen wirklich warmen Anteil an den Menschen, fragten sie mit der Bereitschaft zuzuhören, auf sie einzugehen. Ich selbst gehörte im November 1950 zu einer Gruppe Marburger Kommilitonen, die Frau Zuckmayer auf einer Studentenbude besuchte. Sie kam damals aus dem Durchgangslager Friedland zu uns, und obwohl sie nicht viel Zeit hatte, war es eine unvergessliche Stunde, die wir mit ihr verbrachten: es war so wichtig, zu erkennen, wie anders unsere Lage wirkte, wenn sie von außen gesehen wurde, von einem Menschen 'aus der Welt' in unserer Enge.
Als Ergänzung zum Reisebericht legte Zuckmayer einen umfassenden eigenen "Bericht über das Film- und Theaterleben in Deutschland und Österreich" vor. In dessen erstem Teil geht es um das Theater, um zehn Inszenierungen in Berlin und um die Situation des Theaters in der Nazizeit. "Verglichen mit der Zeit vor 1933 muß man einen gewissen Verlust an Talenten und künstlerischer Qualität feststellen [...] Diese Ausfälle sind auf die nationalsozialistischen Säuberungswellen und schließlich auf die Entnazifizierung zurückzuführen." (158) Zuckmayer betont, dass sich das Theater in Deutschland als "Plattform für politische Propaganda" untauglich erwiesen habe, andererseits sei es "von größter erzieherischer und moralischer Bedeutung und größtem Wert." (159) Er geht dann kritisch auf die amerikanischen Schauspiele in deutschen Inszenierungen ein, die er gesehen hat und von denen eigentlich nur das Stück von Thornton Wilder seine Zustimmung findet. Aufschlußreich für die Situation ist folgender Satz: "Unglücklicherweise erhielt ich den Befehl, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, gerade in dem Augenblick, als ich eine Berichterstattungsreise durch den russischen Sektor vorbereitet hatte, für die die russischen Kulturoffiziere jede Art von Unterstützung zugesichert hatten." (166) Erschlossen werden die Berichte zu Theater und Film von den ausführlichen Anmerkungen. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang nur noch darauf, dass Zuckmayer schreibt: "Für eine Spielfilmproduktion würde ich die Geschichte des Münchner Studentenaufstands und sein tragisches Schicksal – unter dem Titel 'Die weiße Rose' – vorschlagen. (Dies war der geheime Name dieser Gruppe.)" (193)
Ergänzt werden die Texte aus dem Winter 1946/47 durch einige spätere Arbeiten zum selben Thema: "Jugendtagung 1948. Rückblick", "Deutschland, Sommer 1948: Jüngstes Gericht oder Stunde Null?" und "Jugend im Niemandsland (1949)". Dieser letzte Beitrag schließt mit einem Fazit Zuckmayers: "Bei einem Gespräch über das gleiche Thema 'Standort der deutschen Jugend' wurde ich unlängst gefragr, ob ich die Dinge nicht zu rosig sähe. Ich bin aber am Rosigen wenig interessiert, und das, was mich erfüllt, wäre mit dem Begriff 'Optimismus' ganz falsch bezeichnet. Als Antwort fiel mir ein, einen Vergeich aus der Optik zu gebrauchen. Wenn sich auf einer großen schwarzen Fläche ein kleiner weißer Kreis befindet und das Auge visiert diesen weißen Kreis als Zentralpunkt, so wächst er im inneren Bild und überstrahlt in der Reflexion die schwarze Fläche. Fixiert man den Blick aber auf die schwarze Fläche, so überwächst und verdunkelt sie den weißen Kreis. Optik ist höhere Wirklichkeit. Optik versinnbildlicht die Macht des Glaubens. Das menschliche Auge reflektiert die göttliche Schöpferkraft. Wie wir die Dinge anschauen, so werden sie sein." (238)
Renate Scharffenberg