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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 3
Walter Benjamins Gesammelte Briefe liegen seit nunmehr fünf Jahren in einer sechsbändigen Ausgabe vor. Wenn der Verlag jetzt einen Briefwechsel veröffentlicht, verheißt das leider nicht, daß neue Briefe des Literaturkritikers und Philosophen aufgetaucht wären, sondern daß man seitens der Herausgeber gerade diese Korrespondenz für bedeutend genug hält, um sie ein weiteres Mal vorzulegen, ergänzt nunmehr um die erhaltenen Gegenbriefe. Bisher war man so mit bedeutenden Briefwechseln Benjamins verfahren, die für seinen intellektuellen Lebensweg signifikant waren, neben einigen kleineren dem mit Gershom Scholem (1980), den dieser noch selbst edieren und kommentieren konnte, sowie vor allem dem mit Theodor W. Adorno (1994). Beide Briefpartner waren herausragende Intellektuelle, bedeutsam für die interessierte Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik, die prägend zu deren Herausbildung beigetragen hatten. Der Einfluß ihres Freundes, mehr oder weniger engen Denkgefährten und Zeitgenossen Benjamin auf sie, aber ebenso ihr Stellenwert für sein Leben und Denken durften von vornherein Anspruch auf Interesse erheben. Scholem gab dem Text ein knappes Vorwort bei, er hatte 1975 bereits eine umfangreiche Darstellung ihrer Freundschaft vorgelegt, und lieferte nun sozusagen deren Textgrundlage nach. In Adornos Fall durfte sich der Herausgeber mit einem knappen Nachwort begnügen, die Briefe selbst waren zuvor schon zum guten Teil publiziert oder zur Kommentierung von Benjamins Gesammelten Schriften herangezogen und dabei ausführlich zitiert worden. Und über Adornos Werk wie Lebensgang kann man sich problemlos an anderer Stelle orientieren.

Von Gretel Adorno, wie sie umstandslos auf dem Titel heißt, weiß man natürlich, daß sie 1937 Theodor W. Adorno heiratete und Benjamin seit Ende der zwanziger Jahre mit ihr befreundet war. Bekannt ist, daß nicht zuletzt ihr fortgesetztes Drängen gegenüber ihrem Mann (und durch diesen mittelbar auch gegenüber Max Horkheimer in seiner Eigenschaft als Leiter des emigrierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung) wesentlich zu Benjamins Existenzsicherung im Exil beitrug, wenn man nicht sogar formulieren will: ihn am Leben erhielt. Was also liegt näher, als von den Herausgebern des Briefwechsels eine wenigstens knappe biographische Skizze zu erwarten, ein Wort über Gretel Karplus-Adornos Herkunft, ihren Werdegang als Chemikerin, ihre berufliche Tätigkeit in einer Berliner Handschuhfabrik, ihr Leben an der Seite Adornos im Exil, später in Frankfurt, ihr einsames Leben nach seinem Tod, schließlich ihr schrecklich verdämmerndes Ende? Nichts davon findet sich im Buch, von einer Charakterisierung der Bedeutung dieser Freundschaft für Benjamin einmal ganz abgesehen. Und warum Gretel Karplus, wie sie ja bis zur Eheschließung 1937 tatsächlich hieß, in den Brieflegenden zuvor schon gelegentlich als Gretel Adorno auftaucht, bleibt ebenfalls ein gut gehütetes Geheimnis der Editoren.
Was also liegt hier vor? Ein über 400 Seiten starker Band, dessen Inhalt bereits zum größeren Teil an anderer Stelle veröffentlicht ist, nämlich in Benjamins Gesammelten Briefen oder, wenn Adorno mit seiner Frau gemeinsam schrieb, im Briefwechsel Benjamin-Adorno, jetzt ergänzt um die Gegenbriefe Gretel Karplus-Adornos, über die wir nur erfahren, was aus dem Text selbst hervorgeht. Und natürlich das, was die Herausgeber anzumerken für gut hielten. Viel ist das nicht; Benjamins Briefe „werden nach der Edition der Gesammelten Briefe gegeben, auch die dort angeschlossenen Anmerkungen bleiben weitgehend erhalten“ (so die editorische Nachbemerkung, S. 417). Benjamin und seine Briefpartnerin geben sich zu Beginn ihrer Korrespondenz neue Namen – sie nennt ihn Detlef (nach Detlef Holz, einem der Pseudonyme, unter denen er auch für die Frankfurter Zeitung schreibt), sich selbst Felicitas bzw., wie Benjamin konsequent schreibt, Felizitas (nach der Figur aus dem Kriminalstück Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh, das Benjamin gemeinsam mit Wilhelm Speyer geschrieben hatte und dessen Handschuh möglicherweise auch auf ihre Arbeitswelt anspielt). Für eine Deutung dieses Vorgangs bleibt der Leser auf sich selbst verwiesen; nötig wäre sie, nähert sich doch die gestandene Geschäftsfrau Gretel Karplus als „Felicitas“ einerseits merkwürdig der Rolle einer kleinen Schwester gegenüber ihrem großen Bruder – von der man denn doch zumindest gerne wüßte, wie sie mit der literarischen Figur der Felizitas aus dem genannten Bühnenstück zusammenhängt; andererseits unterstützt sie ihn – in dieser Hinsicht ganz große Schwester – immer wieder mit Geldsendungen. Das Stück jedenfalls ist nicht zugänglich, es fehlt in Benjamins Gesammelten Schriften ebenso wie seine Briefe an Speyer in den Gesammelten Briefen. Und wenn Gretel Karplus-Adorno im Oktober 1933 schreibt: „Kein Mensch weiß von Detlef und Felicitas, ich selbst ahne nur unsere Beziehung, wie könnte ich denn darüber sprechen. Sie ist in meinem Leben trotz ihrer Unsichtbarkeit vielleicht das Festeste, was ich habe, das einzige, worauf ich mich verlassen möchte, ohne immer ängstlich und wachsam sein zu müssen. Verzeih, wenn ich Dir heute soviel sage, ich ersticke sonst“ (S. 94), wird erneut deutlich, daß einem als Leser grundlegende Informationen fehlen, die erst den Hintergrund einer solchen Feststellung auszuleuchten vermöchten.
In Ermangelung einer biographischen Skizze muß der Leser weiterhin selbst aus den Briefen herauslesen, daß Gretel Karplus-Adorno enge Freundschaften mit Ernst Bloch und, auf Drängen Benjamins schließlich auch mit seinem Vetter, dem Arzt Egon Wissing, verbanden. Und wenn der Zusammenhang auch nahelegt, daß diese Freundschaften zeitweilig eine erotische Seite hatten – die Herausgeber verlieren darüber kein Wort. Nun sind gerade intime Einzelheiten nicht unbedingt das, was den Leser dieser Korrespondenz in erster Linie interessieren wird (auch wenn man da nie ganz sicher sein kann); hält man ihre Mitteilung aber für unpassend, warum hat man dann die Andeutungen und Anspielungen überhaupt abgedruckt und unkommentiert gelassen?
Doch wenn man als Leser schon an sich halten muß, so hält man sich am besten ans Detail: Gelegentlich erwähnt Benjamin seiner Briefpartnerin gegenüber Bücher, die er liest, so etwa im Mai 1933 Célines Voyage au bout de la nuit, das er kurz zuvor erhalten hatte. Der Roman sei, so lesen wir in der Anmerkung, im Jahr zuvor in Paris erschienen, „die deutsche Übersetzung – ,Reise ans Ende der Nacht‘ – von Werner Rebhuhn wurde 1933 in Leipzig veröffentlicht“ (S. 43). Nun, der deutsche Titel stimmt. Erschienen ist der Band 1933 im Verlag Julius Kittls Nachfolger mit der Ortsangabe Mährisch-Ostrau und Prag, übersetzt hat ihn Isak Grünberg. Diese vom Kittl-Verlag zudem erheblich „überarbeitete“ (um nicht zu sagen verpfuschte) Übersetzung wurde 1958 von Rowohlt neu herausgebracht und erst vor einigen Jahren durch eine neue Übertragung ersetzt. Einband und Schutzumschlag der Ausgabe von 1958 stammen von Werner Rebhuhn. Die Angelegenheit wird dadurch nicht besser, daß man in den Gesammelten Briefen (Band IV, S. 210) zwar Isaak (!) Grünberg genannt, den Erscheinungsort aber ebenfalls mit Leipzig angegeben hatte. So sieht das also aus, wenn Fußnoten der Gesammelten Briefe „weitgehend erhalten“ bleiben.
Als Benjamin im Zusammenhang mit Plänen für die Veröffentlichung seiner Berliner Kindheit den Verleger Erich Lichtenstein erwähnt, der „die Geschäftsführung jener jüdischen Buchgemeinschaft hat,“ erfahren wir zwar Lichtensteins Lebensdaten, über die jüdische Buchgemeinschaft, so wird uns versichert, sei jedoch „nichts ermittelt“ (S. 151). Seit dem Jahr 2000 liegt im Buchhandel ein von H. U. Wittkowski herausgegebener Band vor: „...da werde ich lieber Seifensieder.“ Erich Lichtenstein im Spiegel seiner verlegerischen und publizistischen Arbeit. Mit einem Beiband: Blätter der Jüdischen Buch-Vereinigung 1934-1936 (Reprint), der außerdem eine Bibliographie der Veröffentlichungen der Jüdischen Buch-Vereinigung enthält. Im Zweifel hätte vermutlich ein Anruf beim ja ebenfalls in Frankfurt residierenden Börsenverein für den Deutschen Buchhandel genügt, um das zu ermitteln – wenn man schon nicht selbst biliographieren kann oder will.
Wenn Benjamin 1938 Brechts russischen Übersetzer und Freund Tretjakoff erwähnt und vermutet, er sei „höchst wahrscheinlich nicht mehr am Leben“ (S. 332), ist das den Herausgebern keinen Hinweis wert, weder wer Sergej Tretjakoff war, noch wann er lebte, was er von Brecht übersetzte oder wie er – 1939 – starb. Das liegt wohl daran, daß man in den Gesammelten Briefen bei der ersten Erwähnung in einem Brief Benjamins an Margarete Steffin eine Anmerkung zur Person Tretjakows (wie Benjamin ihn da schreibt) gemacht hatte und niemand auf die Idee kam, sie könne auch für die Leser des vorliegenden Briefwechsels von Interesse sein. Überhaupt bleibt der Umgang Benjamins mit Brecht unkommentiert: Offenbar hatte Benjamin seiner Briefpartnerin von einem Wandel der politischen Ansichten des Autors erzählt und unveröffentlichte pornographische Gedichte Brechts erwähnt, zumindest kommt sie am 3. August 1938 nahezu in einem Atemzug auf beides zu sprechen und bittet Benjamin um schriftliche Belege für das eine (um sie dem Institut für Sozialforschung vorlegen zu können, wo man bekanntlich über den Einfluß Brechts auf Benjamin nicht glücklich war) und um eine Abschrift der Gedichte. Diese Gedichte wurden erst 1982 veröffentlicht, maßgeblich jedoch wohl nicht, wie die Editoren etwas pauschal und recht obenhin nachweisen (S. 342), in Brechts Gedichten über die Liebe, sondern in den Gedichten aus dem Nachlaß 1913-1956, die als zweites Supplement zu Brechts Gesammelten Werken erschienen. Wenn man im Benjamin-Archiv schon keine zitierfähige Ausgabe der Werke Brechts zur Hand hatte, so hätte der Suhrkamp Verlag doch sicher gerne ausgeholfen?
Kleinigkeiten? Genörgel am Detail? Vielleicht. Aber man kann das wissen. Als Leser von Benjamins Briefen sollte man es wissen, als ihr Herausgeber müßte man es. Man sollte es aber auch hinschreiben.
Rolf Bulang
Gretel Adorno / Walter Benjamin: Briefwechsel 1930-1940. Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005. 433 S., 4 Abb., Leinen mit Schutzumschlag. ISBN 3-518-58430-8, 26,90 €