Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

 

Buch des Monats Juni 2005

 

Pawel Huelle „Castorp“
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
C.H.Beck Verlag, 2005, 252 S., € 17.90, ISBN 3-406-52927-5

Castorp? Hans Castorp? Der, von dem es bei Thomas Mann im „Zauberberg“ heißt: „Der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen“? Ja, derselbe – Pawel Huelle begleitet ihn in seinem Roman nach Danzig, wo er, wie Thomas Mann berichtet “vier Semseter Studienzeit auf dem Polytechnikum“ verbracht hat – ehe er dann nach weiteren Studien in Braunschweig und Karlsruhe und bestandenem Examen zur Erholung nach Davos reist, wo er die sieben Jahre bis zum Ausbruch des Weltkriegs bleibt.

 

 

Bei Huelle beginnt der Roman mit einem langen Gespräch Hans Castorps mit seinem Onkel und Vormund Konsul Tienappel über seine Absicht, ausgerechnet „im Osten“ zu studieren, der dieser höchst skeptisch gegenübersteht: „was können die dort für eine technische Hochschule haben? Bestimmt eine miserable...“ (7). Aber allen Bedenken des Onkels zum Trotz: Castorp widmet sich seinen Reisevorbereitungen, und da er Schiffbauingenieur werden will, bricht er am 28. September zu Schiff nach Danzig auf.

Die Reise auf der „Merkur“ mit der kleinen Reisegesellschaft – die Mitreisenden werden eingehend und mit sanfter Ironie geschildert - , mit dem tüchtigen Kapität und dem weitgereisten Schiffsingenieur fährt Hans Castorp von Hamburg in zwei Tagen und zwei Nächten ans Ziel. Schon in diesen ersten Kapiteln zieht einen die Erzählweise des Autors in den Bann: Scheinbar beiläufig versteht er es, Stimmungen zu vermitteln, die Gefühle seiner Figuren in ihrem Verhalten zu kennzeichnen und in den vielfältigen Begegnungen eine unverwechselbare Atmosphäre herzustellen – unterbrochen oder eher verstärkt durch Beobachtungen voller Bildkraft.

Der Verfasser meldet sich selbst zu Wort und weist auf seine Absichten hin: „Sollten wir den folgenden Stunden oder – wenn man so will – den folgenden Sonnenauf- und -untergängen ebensoviel Aufmerksamkeit und Seiten widmen? Der verständige Leser kann sich natürlich denken, worauf diese Frage abzielt: Ja, wir wollen abkürzen, das heißt einen typischen Wechsel der Perspektive vornehmen, denn wenn diese Erzählung auch bis zum Schluss linear verlaufen wird, so müssen doch nicht alle Abschnitte mit der Präzision eines Spiegels den weiteren Stunden und Tagen aus dem Leben Hans Castorps entsprechen. Mit anderen Worten, es ist unser gutes Recht, die Aufmerksamkeit des Lesers auf einen Reisetag zu lenken und die anderen zu verschweigen oder auch in einem scherzhaften Satz zusammenzufassen 'und so war es bis zum Schluß'. Das Gedächtnis funktioniert schließlich nicht anders...“. (30).

Aber nicht allein Hans Castorp steht im Mittelpunkt des Romans, auch die Stadt Danzig mit ihrem Umland wird dem Leser aspektreich vergegenwärtigt – eine preußische Stadt im fernen Osten des Deutschen Reichs, wo es neben den deutschen auch polnische und sogar kaschubische Bewohner gibt. Einen ersten Blick auf die Stadt tun wir durch die Augen Hans Castorps, der von der Westerplatte, wo die „Merkur“ angelegt hat, auf einem Dampferchen einfährt: „Am schönsten waren jedoch die Türme von St.Marien, St.Johannes und der des Rathauses [...] Über den Dächern der Häuser, den Schornsteinen der Dampfer, den Masten der Segelschiffe thronend, wirkten sie keineswegs drückend auf das dichte Panorama – im Gegenteil, sie schienen es emporzuheben, als würde im nächsten Augenblick die ganze Stadt vom Wasser abheben und mitsamt ihren gotischen Fialen zu den Wolken aufsteigen...“ (39).

Castorps Ankunft verläuft dann anders als geplant, er läßt sich von seinem holländischen Reisegefährten zu einem opulenten Frühstück im Deutschen Haus verführen – ein wenig entschlusslos wie so oft in seinem Leben – genießt jedoch seinen Porter (von dem wir aus dem „Zauberberg“ wissen). Eigentlich hätte er sofort nach Langfuhr hinausfahren sollen in den Kastanienweg zu Frau Hildegard Wibbe, wo ihn ein Zimmer erwartet, seine Bleibe für die nächsten Jahre – dort öffnet ihm nur das Dienstmädchen, die Kaschubsche, wie er sie später nennt. Um seine Vermieterin, die Oberleutnantswitwe, und dies Mädchen, rankt sich eine Nebenhandlung, die erst ganz zum Schluß verständlich wird, zu der hier aber nichts verraten sein soll.

In seiner ersten Danziger Zeit macht Castorp die Bekanntschaft mit dem ruppigen Straßenbahnschaffner, einigen Militärs, einem kleinen Jungen, mit dem Kanzleibeamten und den Studenten der Technischen Hochschule – dabei entstehen jeweils in sich geschlossene, mit kräftigen Strichen gezeichnete Szenen, alle typisch für die Zeit vor hundert Jahren. Und dazwischen tauchen dem jungen Mann immer wieder deutliche Kindheitserinnerungen auf.

Castorp lebt sich ein, hält sich für sich, arbeitet konzentriert, spaziert Sonntags „durch die Straßen des alten Danzig. Ohne Eile, aber systematisch besichtigte er die historischen Bauten, die, wenn sie im Stil auch an seine Heimatstadt und die Tradition der Hanse erinnerten, doch etwas irgendwie Andersartiges, Ungreifbares hatten“ (99). Ein Problem hat er erst, als ihm seine Zigarren, Marke „Maria Mancini“ ausgehen (die er auch noch im „Zauberberg“ raucht). Das führt ihn zu seiner ersten und folgenreichen Fahrt nach Zoppot. Hier findet er sich schließlich im Kurhaus: „Als er in der hintersten Ecke der Terrasse Platz nahm und einen Porter bestellte, war der Nachbartisch noch leer. Nach dem ersten kleinen Schluck, die vom Kellner angezündete Maria Mancini in der Hand, deren graue Wölkchen rasch von der Nachmittagsbrise zerstreut wurden, die Augen halb geschlossen, fiel Castorp in einen Zustand angenehmer Entspannung...“ (107) Und da hört er die Stimmen eines Paares vom Nebentisch, das ihn über die Maßen beschäftigen wird, ja, dem er nachzuforschen beginnt. Und als er schließlich der Dame ins Hotel folgt, nimmt er sogar ein Päckchen an sich, das sie an der Rezeption liegenlässt: Aber als er zuhause ist, schaut er nicht hinein: „Er bezwang seine Neugier und sah nicht nach, was drinnen war, sondern legte das Päckchen in die Schublade. Eines Tages würde er es an die Adresse des Hotels Werminghoff schicken, dachte er, mit der Bemerkung 'in Zimmer 7 gefunden, an dem und dem Tag...'. Er konnte nicht ahnen, wie folgenschwer diese Idee sein würde.“ (128).

Gar so lange dauert es nicht mit dem Öffnen des besagten Päckchens: es enthält Theodor Fontanes „Effi Briest“. „Es gab keinen Zweifel, dass sich im Dickicht der Romanhandlung, der Dialoge und Beschreibungen auch eine Information über sie, die verhinderte Leserin, verbarg, die er – jetzt zögerte er nicht mehr, sich das einzugestehen – schon seit der ersten Begegnung auf der Terrasse des Kurhauses in Zoppot liebte. Er liebte sie heftig, ungestüm, mit der ganzen Naivität und Schlichtheit seines jugendlichen Herzens“ (139). Und Hans Castorp liest und liest. Das geschieht im November – und im März sucht er schließlich einen Arzt auf, weil er unter Schlafstörungen leidet und ganz und gar aus der Bahn geworfen ist. Dem verständnisvollen Arzt schildert er die letzten Monate: „Und überhaupt – Castorp zögerte einen Moment – versuche ich sowenig wie möglixh aus dem Haus zu gehen. Das heißt, am liebsten verlasse ich mein Zimmer gar nicht“ (148), zu nichts fühlt er sich mehr imstande. Er erzählt dem Arzt auch von dem traumatischen Erlebnis in der Neujahrsnacht, als er in die „Gesellschaft der Freunde der antiken Kultur 'Omphalos'“mitgenommen wird, in ein orgiastisches Fest, das an Schnitzlers „Traumnovelle“ erinnert, und wo er in einem leichten Opiumrausch die schöne Unbekannte zu sehen glaubt: „Es war sie, die Russin aus dem Hotel Werminghoff. Sie ging so dicht an mir vorbei, daß ich ihr Parfüm riechen konnte, ebendiesen Moschusduft, gemischt mit Veilchen...“ (166). Aber er findet sie nicht wieder im wilden Treiben. Seither ist er in die seltsamste Lethargie verfallen: „Er meldete sich zu keinem Examen an. Er antwortete nicht auf die Briefe von Joachim und Konsul Tienappel. [...] Eines Tages, als er sich zwang, aus dem Haus zu gehen, sah er von der Haltestelle der Straßenbahn aus die Tafel von Doktor Ankewitz an dem Haus im Ahornweg: 'Nervenerkrankungen, Schlaflosigkeit, Konsultationen'. Er hielt das für einen glücklichen Umstand. Da er schon so tief gesunken war, daß er seine täglichen Pflichten vernachlässigte, sollte er diese Gelegenheit nutzen“ (169).

Damit beginnt eine nächste Phase in Castorps Danziger Zeit. Er erhält Medikamente – vor allem aber Zuspruch und beginnt eine Kur mit Meerwasserbädern im Kurhaus in Zoppot. Hinreißend ist der Dialog, der sich zwischen seinen Wannennachbarn entspinnt, zwei älteren Herren, die über nichts einig sind, weder wenn es um Politik, noch um 'philosophische' Fragen geht, schließlich eskaliert ihr Streit an Richard Wagner. Castorp hört jeden Freitag amüsiert zu – wenn er nicht gerade den Gedanken an die schöne Unbekannte nachhängt. Dabei erinnert er sich an das Schild eines Zoppoter Detektivs und sucht diesen auf: „Mir geht es um die Feststellung zweier Russen, eines Mannes und einer Frau. Und darum, ob die beiden in dieser Saison eine Reservierung in Zoppot vornehmen. Wenn ja, muß ich wissen, wann sie kommen und wo sie sich aufhalten werden“ (184/85). Und in dem Augenblick, als er in die Osterferien nach Hamburg abreist, erhält er die gewünschte Auskunft: “Die Dame, nach der Sie zu fragen geruhten, ist keine Russin. Es ist die Polin Wanda Pilecka, neunundzwanzig Jahre alt, wohnhaft in Warschau. Der Herr ist Russe. Sergej Davidow, dreißig Jahre. Oberleutnant der Kavallerie, kürzlich zum Grad des Hauptmanns avanciert und von Warschau nach Lublin versetzt“ (187).

Nach Danzig zurückgekehrt genießt Castorp die Tage bei häufigen Ausflügen nach Zoppot, erhält auch weitere Auskünfte über die nun nicht mehr Unbekannte und ihren Begleiter. „Seine Intuition sagte ihm, er würde die beiden noch in diesem Jahr treffen, und im übrigen – was konnte ihn noch überraschen?“ (192) Derweilen kauft er sich ein Fahrrad, Ankewitz hat ihm Bewegung verordnet, und er erkundet nun die Stadt und das Umland bei jedem Wetter – wir begleiten ihn und erleben viele kleine, zum Teil sehr erheiternde Begebenheiten in diesem Frühsommer, der uns lebendig geschildert wird. „Unser schlauer Held beschränkte sich natürlich nicht auf die Vertiefung seines Wissens über Danzig. Die schönsten Momente seines Radfahrerdaseins erlebte er, wenn er, mit dem gut mit Proviant gefüllten finnischen Rucksack die ehemalige Stadtgrenze in Schiedlitz, Ohra oder Oliva hinter sich ließ. Dann tat sich die Landschaft vor dem Wanderer auf wie ein reifes Kornfeld und versprach herrliche Entdeckungen hinter jeder Wegbiegung. Castorp ließ sich von einer Schönheit blenden, von deren Existenz er früher nie etwas geahnt hatte ...“ (199).

Es ist ein entspanntes Intermezzo, in das die Nachricht fällt, dass Wanda Pilecka für die Saison ein Appartement in Zoppot gemietet hat. Und seit ihrer Ankunft beobachtet Castorp sie, geht ihr nach und zieht schließlich in die Pension Miramar in das Zimmer neben ihr ein. „Er hatte, wie auch vorher, keine konkreten Pläne im Sinn. Doch allein das vom ersten Augenblick seines Einzugs in die Nummer 11 an empfundene Bewußtsein, daß er ab jetzt die gleichen Sonnenauf- und untergänge betrachten könnte wie seine Zimmernachbarin, daß er den ganzen Tag die gleiche Seeluft und die gleiche müßige, verführerische Atmosphäre der Pension atmen würde, daß er Wanda Pilecka sicher oft sehen würde [...] gab ihm Energie, versetzte ihn in heitere Stimmung und bestärkte ihn in der Überzeugung, daß er der geliebten Frau früher oder später ganz bestimmt näherkommen würde“ (223/24).

Im 12. und letzten Kapitel des Romans geht dann alles ganz schnell zuende. Davidow ist angekommen – Castorp beobachtet das Paar – will sich endlich als „Dieb“ des Päckchens offenbaren, als sich Polizisten bei ihm melden: Davidow ist erschossen worden, der Täter unbekannt. Castorp kann nur sagen, die Pilecka sei die ganze Nacht auf ihrem Zimmer gewesen, in der Hoffnung, ihr mit diesem falschen Alibi zu helfen. Um ihr das zu sagen, klopft er bei ihr an und es kommt zu ihrem ersten und einzigen Gespräch: „'Ich weiß, daß du mich liebst.' Die Pilecka setzte sich auf und griff nach dem Buch. 'Nimm es als Andenken.' Sie hielt mit Mühe die Tränen zurück. 'Du bist ein netter Junge, weißt du, daß wir ständig über dich gesprochen haben?' 'Sie haben sich das gedacht?' Es war mehr eine Feststellung als eine Frage von Castorp. 'Ja, natürlich. Sogar damals in Danzig. Aber das ist unwichtig'.“ Castorp fragt dann nach den Hintergründen des Anschlags, die jedoch im Dunkel bleiben – seine Aussage aber ermöglicht es, daß Wanda Pilecka ungehindert abreisen kann. Eine Frage hat Castorp noch. „'Warum sagten Sie, damals in Danzig?' 'Da hattest du so einen komischen Kranz auf dem Kopf'. 'Dann habe ich mich doch nicht getäuscht. Was haben Sie dort gemacht?' 'Das gleiche wie du, Geh jetzt. Und vergiß das Buch nicht.' Sie gab ihm das Exemplar von Effi Briest [...] und küßte ihn sanft auf die Stirn. Hans Castorp verließ aufgewühlt das Zimmer und spürte, daß das Chaos der Gedanken, Bilder und widersprüchlichen Ggefühle ihm gleich den Kopf sprengen und das Herz in Stücke reißen würde“ (239-41).

Castorp verbringt den Rest der Ferien in Hamburg, kehrt aber für die nächsten Semester nach Danzig zurück und arbeitet fleißig und konzentrirt, er wird bei aller Unsicherheit seines Herzens doch allmählich erwachsen – auch mit Hilfe Schopenhauers, den er zu lesen beginnt und dessen Lebensspuren in Danzig er nachgeht (247)

Bevor der Autor seinen Helden in sein weiteres Leben entläßt, schildert er ein „fast mystisches Erlebnis“ - es hat drei Ttage lang geschneit, als Hans Castorp eines Abends vergeblich nach dem Clubhaus des „Omphalos“ sucht. Er „ging zwischen immer dichter wirbelnden Schneeflocken weiter. Zusammen mit seinen Schritten auf der zugefrorenen Fläche des Kanals erklangen erste Klavierklänge, wenn er sie auch noch nicht hörte. Das traurigste der vierundzwanzig schönsten Lieder der Welt begann sein Vorspiel. Schubert in Schobers Wohnung. Kerzen und seine kalten Finger, immer kälrer al die Tasten. Schubert, der in Wien für Freunde und gleichzeitig für Castorp spielte [...] Die Musik floß neben den Worten her, obwohl die Worte die Töne trugen. Dann trat Stille ein“ (249). Hans Castorp hat eine Vision – und wir erinnern uns daran, wie der „Zauberberg“ endet: mit Schuberts „Lindenbaum“. Als ein Veränderter wird er aus Danzig zurückkehren nach Hamburg.

Pawel Huelle ist 1957 in Gdansk geboren – mit seinem Roman erweckt er das alte Danzig zum Leben, auf dessen Schicksale in den beiden Weltkriegen er nur kurz hinweist. Ihm ist ein schwebend poetisches Bild jener Jahre vor den Katastrophen des 20.Jahrhunderts gelungen, obwohl alle die schwelenden Probleme im Hintergrund spürbar sind – und mit dem Kunstgriff, einer Figur Thomas Manns zu einem eigenen Stück Leben zu verhelfen, spielt er zugleich kunstvoll mit der literarischen Tradition. Zu dem Lesegenuss trägt die Übersetzung von Renate Schmidgall das ihre bei - es ist ein Buch entstanden, das man bereichert aus der Hand legt und dessen Lektüre man seinen Freunden empfehlen wird.

Renate Scharffenberg

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