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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 3
Norbert Huse: Venedig. Von der Kunst, eine Stadt im Wasser zu bauen, Verlag C. H. Beck, München 2005, 251 Seiten, 96 Abb, ISBN 3-406-52746-9, 24,90 €
Norbert Huse ist Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität München und hat, gemeinsam mit Wolfgang Wolters, dessen großartiger Band "Architektur und Ornament. Venizianischer Bauschmuck der Renaissance" gerade in zweiter Auflage erschienen ist, auch "Venedig. Die Kunst der Renaissance", beide gleichfalls im C. H. Beck Verlag, veröffentlicht. Das vorliegende Buch bietet einen Blick auf die Stadt, der ihre Gesamtstruktur, dann aber auch die einzelnen Plätze, Kanäle, Brücken, Paläste, die Geschichte der großen Zeit, des Niedergangs und der Gegenwart umfasst. Dem Leser, der bisher vielleicht das eine oder andere Mal durch Venedig schlenderte und, mehr oder weniger unbefangen, jeden Eindruck aufnahm und genoss, erschließen sich nun Bedeutungsschichten, die sein Bild der Stadt anreichern und vertiefen.

Die heutige Stadtstruktur ist das Resultat eines zähen machtpolitischen Ringens, von ökonomischen Interessen, dem Willen, die eigene Größe zur Schau zu stellen, baulichen Notwendigkeiten und einem künstlerischen Ausdrucksverlangen, das all diese empirischen Gegebenheiten aufnimmt und transzendiert. "Vollkommenheit haben auch die alten Venezianer nicht erreichen können. Ihre planerische und bauliche Praxis aber erweist sich jedem Idealkonzept gegenüber bis heute als überlegen. Wie alle komplexen urbanistisch-ökologischen Konfigurationen ist auch das alte Venedig ebensosehr Zustand wie Prozess. Hoch empfindlich, ist es auf Dauer einer Fürsorge und nachhaltigen Pflege bedürftig, die auf Probleme nicht nur reagiert, sondern ihnen präventiv zu begegnen sucht. Dabei bedarf es gelegentlich auch der Großchirurgie, andererseits aber auch der in jahrhundertelanger Erfahrung gründenden Kunst des Gewährenlassens" (S. 24). Die Sätze verdeutlichen zweierlei: zum einen, dass zur Existenz dieser Stadt ihre Gefährdung gehört, zum anderen, dass ihre Schönheit sich gerade keinem Gesamtentwurf verdankt, keinem "Idealkonzept". Beides, die Bedrohung, wie die komplexe Gestalt, bedingen sich gegenseitig.
Im zweiten Kapitel: "Venizianische Plätze", erläutert Huse diesen Gedanken: "Schon im Kartenbild oder aus der Luft ist zu erkennen, dass regelmäßig geformte Räume in Venedig entweder Sonderbereiche sind wie die Kreuzgänge der großen Klöster, oder aber Unikate wie die Piazza S. Marco und das Arsenal. Lange, regelmäßige Straßen, wie die Via Garibaldi hinter dem Arsenal oder der Weg vom Bahnhof zum Rialto sind strukturfremde Einschnitte des 19. Jahrhunderts. Die wichtigste Regelmäßigkeit altvenizianischer Stadträume besteht in ihrer Unvorhersehbarkeit. Es gibt nicht den Platz oder den Kanal. Der Plural regiert, nicht der Singular, nicht eine Idee, zu der die Wirklichkeit nur unvollkommene Annäherungen böte, charakterisiert die Stadt, sondern eine reich facettierte Wirklichkeit, der gegenüber jede allgemeine Idee unzulänglich bleiben muss" (S. 36).
Vergleicht man eine solche Wirklichkeit mit den Entwürfen, die berühmte Architekten des 20. Jahrhunderts – Le Corbusier und Louis Kahn - für Venedig geliefert haben, so neigt man, die Abbildungen im Kapitel "Venedig und die Moderne" betrachtend (S. 206 u. 207), eher dazu, sich zu freuen, dass diese Projekte nicht verwirklicht wurden. Man lernt hieraus jedoch noch mehr. Zweifellos hat das 19. Jahrhundert rabiate Einschnitte in das Weichbild der Stadt gebracht. Die Via Garibaldi, sowie die heute gänzlich den Touristen gehörende Straße vom Bahnhof zum Rialto wurden bereits genannt. Huse führt weitere Beispiele an: "Aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sind ja nicht nur die Strada Nova und die Via XXIII Marzo, sondern auch so typische Plätze wie der Campo S. Bartolomeo, der Campo Manin oder der Campo S. Luca, und neu sind auch so große Bereiche wie der Weg vom Campo S. Luca bis zum Markusplatz. Der unerfahrene Besucher nimmt dies kaum wahr, denn nichts dort ist sonderlich spektakulär, das meiste eher mittelmäßig gediegen, aber dadurch im ganzen doch stadtverträglicher als plakative Moderne es gewesen wäre" (S. 183 f). Das 20. Jahrhundert hingegen hat Venedig Wunden geschlagen, von der "Neugestaltung" des Weges von der Riva degli Schiavoni zu den Giardini bis zur schlimmsten, der Industrieansiedlung in Marghera - "toxische Abwässer, Hafenanlagen mit langen Molen, Schifffahrtskanäle für die Tanker der Petrochemie, die tiefer liegen als der Boden der Lagune und bei Hochwasser den Fluten der Adria schnellen und ungehinderten Zugang verschaffen, prägen die Situation" (S. 224) - , die sich als bedrohlicher erwiesen haben. Man könnte den Schluss ziehen, dass die Moderne Venedig größere Schäden zufügt, als das von ihr geschmähte 19. Jahrhundert, ja, dass sich die Lage der Stadt in der gesamten Neuzeit fortlaufend verschlechtere. Aber eine solche Einschätzung würde wiederum der "Wirklichkeit" Venedigs nicht gerecht: auch hier behauptet sich die geistige-reale Komplexität, die Huse als Hauptcharakter der Stadt anführt.
Man lernt viel und eigentlich mühelos, wenn man dieses Buch liest. Es bietet natürlich kein kunsthistorisches Kompendium, also auch eher weniger Detailbetrachtungen, sondern eben ein breites Spektrum von An- und Einsichten, in dem man sich beinahe wie in der Stadt selber bewegen kann. Wer nun Lust hat, sich, einzelne Aspekte betreffend, genauer zu informieren, findet im Anhang auf fünfzehn Seiten Hinweise zur Literatur, die von Angaben über die Architekturgeschichte bis zu solchen zu Studien über die Wasserverhältnisse der Lagune reichen. Wer den Band schließlich beiseite legt, möchte am liebsten gleich zu einer Reise nach Venedig aufbrechen, um mit dem, was er erfahren hat, also gleichsam mit wissenderem Blick, die Straßen, Plätze und Brücken erneut aufzusuchen.
Peter Rhonfeld