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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 3
Norbert Oellers, Schiller. Elend der Geschichte, Glanz der Kunst. Mit 38 Abbildungen. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2005. 520 S., ISBN 3-15-010565-X, 19,90 €
Es schillert allenthalben - sogar die Nachbarkneipe hat zwischen Talmi-Dekoration eine Schiller-Büste im Schaufenster. Da bleibt es nicht aus, dass der Literatur-Markt geradezu mit Büchern über Schiller überschwemmt wird und es dem Informationshungrigen schwer gemacht wird, das Richtige zu finden. Denn nicht immer ist das Werk eines besonders medien-präsenten Autors auch das informativste.

Der Name "Norbert Oellers" dürfte nur Eingeweihten vertraut sein: Der Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte ist seit 1991 alleiniger Herausgeber der Schiller-Nationalausgabe und somit wohl als einer der ersten berufen, aus seiner profunden Kenntnis des Werks heraus und seiner Begeisterung für den Dichter eine "Werk-Monographie" über Schiller vorzulegen.
Der Autor hat sich vorgenommen anzuregen "sich mit seinen Werken, von denen viele so belehrend wie unterhaltend und einige auch eminent >modern< sind, sine ira et cum studio zu beschäftigen. ... Das Werk hingegen ist so zu beschreiben, zu analysieren und - wenigstens andeutend - zu interpretieren, dass erkennbar wird, welcher Platz ihm im Kontext gegenwärtiger Kunst- und Lebensanschauung zukommt." (S. 20) Und das ist Oellers hervorragend gelungen.
Besonders überzeugt die Gliederung: Nach einem kurzen Überblick über die Rezeptionsgeschichte in der Einleitung unterteilt Oellers seine Darstellung in Schillers Leben (75 S.) und Werk (knapp 400 S.). Die Werke werden dabei von ihm nach Gattungen und dann wiederum nach Entstehungszeit geordnet behandelt. Das hat den Vorzug, dass der Leser sich intensiv mit einem Werk auseinander setzen kann, ohne durch Hinweise auf die sonstigen Pläne und Projekte des Dichters abgelenkt zu werden. Die Ausführungen werden durch umfangreiche Zitate unterstützt; zur Deutung zieht Oellers vor allem Schillers Selbstzeugnisse, Briefe seiner Freunde und zeitgenössische Kritiker heran, die ausführlich wiedergegeben werden. Die sorgfältigen Quellenangaben erlauben es dem interessierten Leser, diesen Zitaten weiter nachzugehen und die Deutung des Autors kritisch zu hinterfragen.
Aufgelockert wird die Monographie durch die Abbildungen, bei deren Druckqualität ich allerdings den Tiefdruck-Abbildungen vergangener Zeiten nachtrauere ... Diese Bilder, vor allem von Aufführungen, zeigen die unterschiedliche Umsetzung der Dramen auf der Bühne und vermitteln ein plastisches Bild der wechselnden Bühnenpraxis.
1. Die Biografie
Die gestraffte Biografie Schillers verdeutlicht, wie sehr dieser Dichter unter seinen chronischen Krankheiten gelitten hat, wie sehr eine fortwährende finanzielle Misere ihn so bedrückt hat, dass auch sein literarisches Schaffen davon bestimmt wurde (dazu weiter unten), wie spät er angesichts seines kurzen Lebens allgemeine Anerkennung wie sein Reichsadelsdiplom 1802 oder ein lukratives Angebot aus Berlin gefunden hat. - Ein voyeuristisches Anliegen der Leser, die über Schillers Liebesglück und -leid informiert werden wollen, wird allerdings eher sparsam bedient.
(Es bleibt verwunderlich, dass Schiller dennoch ein derart umfangreiches Werk geschaffen hat. Knapp 25 Jahre liegen zwischen dem Erscheinen von "Die Räuber" und dem Tod des Dichters, bei Goethe sind es mehr als doppelt so viele zwischen "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand" und dem Jahr 1832.)
2. Das literarische Werk
In den anschießenden Werkanalysen - gegliedert nach Dramen, Lyrik, Erzählliteratur, historische und philosophische Schriften - werden diese zunächst in die Geistesgeschichte eingeordnet, der philosophische und literaturgeschichtliche Zusammenhang verdeutlicht.
Einen Schwerpunkt (mehr als 200 der knapp 500 S.) bilden die Dramen. Diese werden jeweils systematisch erschlossen: Im Mittelpunkt steht der inhaltliche Zusammenhang und die mit Zitaten gestützte, umfassende Deutung, daneben werden die Quellen Schillers angeführt, kurz das Selbsturteil des Dichters und die Reaktion seiner Freunde und Kollegen referiert und sehr knapp auf die Wirkungsgeschichte verwiesen. Oellers selbst hält sich mit Bemerkungen und Wertungen sehr zurück, ohne diese gänzlich zu unterdrücken - "Die Verschwörung des Fiesko zu Genua" hält er für unter- , "Kabale und Liebe" für überschätzt. Dieses Werturteil wird begründet; ob es dazu beiträgt, dass mehr Besucher sich die Marburger Aufführung ansehen?
Weiter gehende Wertungen überlässt der Autor dem Leser, sie gehen aus den aufgezeigten inhaltlichen und formalen Vorzügen und Mängeln hervor. Immer wieder wird allerdings der grundlegende Ansatz verdeutlicht: Schiller bringe in seinen "späten" Dramen (die ja eigentlich in die Mitte eines Lebens bzw. einer Schaffensperiode gehörten) seine Geschichtsauffassung auf die Bühne, "dass der Fortschritt, wenn es ihn denn geben könne, in der Rückwendung zur Vergangenheit bestehe" (S. 312). Wie dies mit der Hochschätzung Schillers als "Freiheitsdichter" zu verbinden ist, bleibt allerdings unklar.
Ein Drama wird von Oellers ganz besonders hervorgehoben: Die Trilogie Wallenstein, das "Opus maximum et optimum" (S. 490). Hier werde Geschichte - anders als in den historischen Schriften - als zermalmend und tragisch dargestellt, dieses Drama sei auch "die Tragödie des Idealismus, (wie er von Max vertreten wird)" (S. 225). An Octavio und Max Piccolomini wird ein Bezug zu der philosophischen Schrift "Über naive und sentimentalische Dichtung" hergestellt: "Sie, die sich von Natur ganz nahe sind, werden von der Geschichte weit auseinandergerissen, sie bilden den fast >idealen< Gegensatz zwischen einem Realisten und einem Idealisten mit ihren >Falschheiten<" (S. 223). Um diese beiden sind neben Wallenstein selbst die übrigen Figuren anzuordnen. - An diesem Drama erkennt Oellers: "In eben dieser alles Geschichtliche und damit auch alles Moralische transzendierenden souveränen Kunst werden Exempel der Möglichkeit von Freiheit statuiert, die ins Bewusstsein derer, die ihr vertrauen, als tröstende Versprechen Eingang finden, gleichgültig, ob Gerechte oder Ungerechte den Tod finden." (S. 226) - Das Kapitel über "Wallenstein" macht besonders Lust, dieses Drama in allen seinen Facetten, mit Rückgriff auf die zitierten Kommentare von Humboldt und Hegel, sich selbst wieder neu zu erschließen. Was kann ein Autor mehr erwarten? An diesem Kapitel wird auch der Unterschied zu der so weit verbreiteten Schiller-Biografie Safranskis deutlich, die an dieser Stelle kaum über eine kommentierte Inhaltsangabe hinausgeht - auf eine Einbindung in die zeitgenössische Rezeption oder Schillers theoretischen Ansatz wird verzichtet.
In einem letzten Kapitel geht Oellers auch auf den dramatischen Nachlass ein: Den "Demetrius" plante Goethe zu vollenden, aber, so wird Goethe zitiert "eigensinnig und übereilt gab ich den Vorsatz auf " (S. 323). An derartigen Zwischenbemerkungen wird verdeutlicht, was alles durch den frühen Tod Schillers unvollendet geblieben ist.
Neben der dramatischen Dichtung haben vor allem Schillers Balladen zu seinem Ruhm beigetragen, und folgerichtig nimmt deren Darstellung in dem Kapitel über Schillers Lyrik einen größeren Raum ein. Analog zum Dramen-Kapitel stellt Oellers zunächst einen Bezug zur zeitgenössischen Lyrik her und untersucht deren Wirkung auf den jungen Schiller. In wenigen Zeilen wird auch der grundlegende Unterschied zu Goethes Lyrik erfasst: "Die Unterschiede, die zugleich Abstände bedeuten, sind prinzipieller Art: Schiller hat die Erfahrungen, die er poetisch umsetzte, anders als Goethe, nie als persönliche Erlebnisse, als individuell Besonderes, >verdichtet<, er hat vielmehr rational gewonnene Erkenntnisse an die Leser weitergegeben." (S. 330) Als "Programm" für Schillers Gedichte in seiner "klassischen" Zeit zieht Oellers Schillers Kritik an Bürgers Gedichten heran und formuliert als Schillers Programm: "Die Dignität der Poesie verlange, dass sie sich über die immer nur zufällige Wirklichkeit der Gegenstände ins Allgemeine, das allein Wahrheit verbürge, erheben müsse" (S. 352).
Deutlich wird vermittelt, dass die Entstehung von Schillers Lyrik häufig der äußeren Not geschuldet war: Die Herausgabe der Zeitschrift "Die Horen" und des "Muselalmanachs" (von Schiller aus finanziellen Gründen betrieben) verlangte Gedichte, um die Seiten zu füllen, und - so hat man den Eindruck - eher der Not gehorchend schreibt Schiller selbst einige. Da sich der Dichter bis zuletzt mit der "Erfindung" schwer getan hat, gelten vor allem seine erzählenden Gedichte und die eher philosophischen Epigramme als bedeutend. An "Die Kraniche des Ibycus" verdeutlicht Oellers das Besondere: Die Verbindung von Lyrischem, Dramatischem und Epischem, der optimistische Glaube an eine überirdische Gerichtsinstanz. Erst in einem seiner letzten Gedichte, "Kassandra", wird dann der bereits oben am "Wallenstein" begründete Geschichtspessimismus Schillers wieder wirksam.
Noch deutlicher als beim lyrischen Schaffen - so stellt es Oellers heraus - ist Schillers Prosa-Dichtung äußeren Zwängen entsprungen: Die Zeitschrift Thalia musste gefüllt werden, und so schrieb Schiller "Der Verbrecher aus Infamie". Ebenso wie "Der Geisterseher" gehört es zu den Werken, die Schiller selbst wenig geschätzt hat, und allein um der Vollständigkeit willen finden sie wohl deshalb Erwähnung in einer "Werkmonographie".
3. Die theoretischen Schriften
Wiederum zwingen finanzielle Erwägungen den Dichter, sich der eher profanen Geschichtsschreibung "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande" zuzuwenden. Spannend zu lesen ist, wie Schiller selbst als Historiker Dichter bleibt; Oellers begründet dies mit einem Zitat aus einem Brief Schillers: ..."Auch der Geschichtsschreiber muss wie der Dichter und Historienmahler genetisch und dramatisch zu werk gehen: er muß die produktive Einbildungskraft des Lesers ins Spiel zu setzen wißen, und bey der strengsten Wahrheit ihr den Genuß einer ganz freyen Dichtung verschaffen." (S. 413) Zum Verständnis des ganzen Dichters wichtig ist die Schlussfolgerung: "Die anscheinende Sicherheit seines [sc. Schiller] Urteilens hängt damit zusammen, dass er am Vorabend der Französischen Revolution den Geschichtsverlauf durchaus optimistisch (teleologisch, zielgerichtet) als Fortschritt auf dem Wege zur durch Freiheit zu gewinnenden Menschenwürde angesehen hat." (S. 419) - Diesen Optimismus hat dann der Dramatiker gänzlich aufgegeben - siehe "Wallenstein".
Den Abschluss bildet die Darstellung der philosophischen Schriften, die mit Schillers Dissertation Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen von 1780 beginnt und mit der Abhandlung "Ueber naive und sentimentalische Dichtung" 1795 endet. Dazwischen steht die Auseinandersetzung mit Kant. Für Oellers stellt sich das Problem, einerseits gedrängt, andererseits aber auch mit der notwendigen Klarheit komplexe philosophische Fragestellungen zu verdeutlichen. Wenn auch dieses Kapitel viel Aufmerksamkeit und Konzentration von Seiten des Lesers erfordert, so ist es Oellers doch gelungen, wieder mit Hilfe von Zitaten zu verdeutlichen, was es nun mit dem Spieltrieb des Menschen und der Idee des Schönen auf sich hat. Eine gewisse Anstrengung, sich Schillers Gedanken anzueignen, kann aber auch er trotz aller hilfreichen Erklärungen und deutenden Zusammenfassungen dem Leser nicht ersparen.
Diese letztlich kleine Mühe sollte niemanden abhalten, zu dem Buch zu greifen: Wer sich umfassend über Leben und Werk dieses Dichters insgesamt informieren will oder nur seine Kenntnisse über ein einzelnes Drama oder einen theoretischen Text auffrischen möchte, dem ist es ohne Einschränkung zu empfehlen.
Regina Neumann