Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

Das Hessische Landestheater

Henrik Ibsen: Nora (Ein Puppenheim)
Aus dem Norwegischen übertragen von Richard Linder

Premiere: Samstag, 14. Mai 2005, Theater Am Schwanhof

 

Advokat Helmer: Stefan Gille
Nora: Joanna-Maria Praml
Doktor Rank: Christian Holdt
Frau Linde: Barbara Schwarz
Rechtsanwalt Krogstad: Gabriel Spagna
Anne-Marie, Kindermädchen: Gabriele Schüssler a. G.

Inszenierung: Uta Kindermann a. G.
Bühne: Mechthild Seidemann a. G.
Kostüme: Nicola Möser a. G.
Dramaturgie: Jürgen Sachs

 

Henrik Ibsen (1828 – 1906) ist zweifellos einer der bedeutendsten Theaterschriftsteller des 19. Jahrhunderts. Er bearbeitet mit seinen Stücken - Gespenster, Die Wildente, Hedda Gabler, um nur drei der bekanntesten zu nennen - einen Konfliktstoff, der mit Begriffen wie "Lebenslüge" und "Doppelmoral" umschrieben werden kann und trifft damit genau die gesellschaftliche Problemlage seiner Zeit. 1878 verfasst er die "Gegenwartstragödie" "Nora (Ein Puppenheim)", die seinen Weltruhm begründet.

Nora (Joanna-Maria Praml) und Helmer (Stefan Gille)

Nora ist die Ehefrau eines gutbürgerlichen Angestellten, der gerade im Begriff steht, Karriere zu machen. Sie hat vor Jahren einen Wechsel unterschrieben und die Unterschrift ihres Vaters gefälscht, um das Geld für eine Reise zu beschaffen, die ihrem kranken Mann das Leben rettete. Er weiß nichts von dieser Sache, behandelt seine Frau wie ein unmündiges Kind und glaubt, in seinem Hause, wie in der Gesellschaft der Garant für Moral und Ordnung zu sein. Als an einem Weihnachtsfest Noras "Vergehen" ans Licht kommt, reagiert er fassungslos - schnell jedoch entwickelte er eine Strategie, wenigstens nach außen hin den Schein zu wahren; als die Gefahr vorüber ist, will er seiner Frau verzeihen und ist konsterniert, als sie ihm eröffnet, ihn nicht mehr zu lieben, ja, ihn verlassen zu wollen.

Natürlich erhebt sich gleich die Frage, ob ein solches "Emanzipationsstück" - so musste man es damals sehen - uns heute noch etwas angeht. (So vieles geht uns schließlich beinahe nichts mehr an: die Antike, die Weimarer Klassik, woran auch das "Schiller-Jahr" nichts ändern kann - woran liegt es nur, dass uns viele Gehalte so ferngerückt sind?) Kann uns "Nora" noch interessieren? Nicht, so scheint mir, wenn man auf den Schluss schaut. Es ist oft bemerkt worden, dass die so plötzlich eintretende Einsicht der Hauptfigur und ihr damals unerhörter Entschluss zu wenig legitimiert sind: "sehr rasch, zu rasch wird Noras Empfinden in Erkenntnis umgesetzt, und zu sehr im Ton und Stil eines Sachwalters wird diese Erkenntnis dann von ihr vorgetragen" (Roman Woerner: Ibsen, Bd. II, S. 88). Eben das zeigte sich auch in der gestrigen Aufführung. Der dritte Akt brachte keine Steigerung, sondern eher ein Abflachen der dramatischen Kurve, wozu sicherlich auch das verlangsamte Sprechen der Schauspieler beitrug. Vielleicht hätte die Inszenierung die moralische Demaskierung von Noras Ehemann Helmer präziser herausarbeiten und den Akzent mehr auf die "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt), die sich hier in abgründiger Weise zeigt, legen sollen; denn da uns heute, dass Nora ihren Mann und ihre Kinder verlässt, nicht mehr erschüttern kann, sehen wir das Papierene des Schlusses deutlicher.

Rechtsanwalt Krogstad (Gabriel Spagna) besucht Nora

Für Ibsen ist klar: das "Gute" in dieser Gesellschaft ist vielmehr das "Böse", das sich selber nicht einmal kennt, sondern für die moralische Instanz schlechthin hält. Nora legt einen anderen Maßstab an: "Dass die Gesetze anders sind, als ich gedacht hatte, hör’ ich jetzt ja auch; dass sie aber richtig sind, - das will mir durchaus nicht in den Kopf." Und: "Ich muss dahinter kommen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich." Helmers moralische Verfassung ist ausschließlich außengesteuert, sein Verhalten entsprechend monströs - am furchtbarsten offenbart sich das an dem geradezu ekelhaften Angebot, seiner Frau zu verzeihen. Es wird nur zu deutlich, dass er ohne Hemmungen bereit ist, Nora seiner Reputation zu opfern: hinter der Ordnung, die er vertritt, verbirgt sich mehr schlecht als recht der kleinlichste Eigennutz. Ibsen legt den Schluss nahe - Nora spricht es aus - , dass die Gesetze dieser Gesellschaft insgesamt eine verkehrte Realität vorspiegeln: ihr "Recht" ist im eigentlichen Sinne Unrecht (ein heutiges Beispiel: es ist völlig "rechtens", wenn sich Konzernmanager ihre Gehälter ins Unermessliche erhöhen und gleichzeitig Zehntausende von Menschen entlassen). Man kann Helmers "Moral" mit Hannah Arendts Wortprägung, die eigentlich auf die nationalsozialistischen Mörder zielte, beschreiben, weil sie tatsächlich potentiell verbrecherisch ist. Was ihr fehlt, um es faktisch zu werden, ist nur die Gelegenheit.

Die Tarantella (Christian Holdt, Stefan Gille und Joanna-Maria Praml)

Nora vertritt für Ibsen gegenüber der Gesellschaft so etwas wie ein "Naturrecht". Das bedeutet, sie ist nicht nur die von den patriarchalischen Verhältnissen produzierte Kindfrau, sondern auch ein von Ibsen weiterentwickelter Typus, der zum archetypischen Figuren-Repertoire des Theaters und der Literatur gehört.  "Hedda Gabler" offenbart seine dämonische Komponente, deren erotisches Potenzial dann Wedekinds "Lulu" oder Nabokovs "Lolita" entwickeln werden. Nora zeigt die Unschuldsseite dieser Gestalt, deren Kindliches noch Zugang zur verschütteten Quelle einer wirklich menschlichen Moral hat. Gestern Abend, in den ersten beiden Akten des Stücks, wurde deutlich, welches innere Leben dieser Typus besitzt - es, nicht die vordergründige Thematik, ist vielleicht der Grund für den anhaltenden Erfolg des Werks.

Joanna-Maria Praml spielt Ibsens Hauptfigur nicht nur überzeugend, sondern so, dass die Zuschauer unmittelbar etwas von dem inneren Gesetz des Nora-Typus erfahren. Seine gesellschaftlich erzeugte Naivität beinhaltet Menschlichkeit und Härte gleichermaßen. Praml bringt es zuwege, in Stimme, Gesichtsausdruck und Gestik die widersprüchlichen Facetten dieser Gestalt präsent werden zu lassen. Die Regisseurin Uta Kindermann, deren Abschlussarbeit an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt diese Inszenierung ist, erlaubt ihr und den anderen Darstellern im ersten Teil des Stücks, einen wirklichen Spannungsbogen aufzubauen - der immer dann zusammenzubrechen droht, wenn regietheatermäßige Hektik und Geschrei (zum Glück nur an wenigen Stellen) ausbrechen. Leider möchte sie am Ende des zweiten Aktes, vor der Pause, eben einen solchen Akzent setzen: die Tarantella-Übung Noras mit Ehemann Helmer und Doktor Rank eskaliert und sprengt den bisherigen Rahmen des Stücks, was gewissermaßen ein Zeichen für den weniger geglückten Fortgang setzt. Wir wissen es nur zu gut, die innere Logik eines Schauspiels wird heute von beinahe keiner Inszenierung mehr bruchlos zugelassen - eine der größten Gefahren für das Gegenwartstheater.

Noras Abschied

Stefan Gille gibt den Advokaten Helmer durchaus überzeugend, wenn auch vielleicht zu jovial. Die Härte, ja das Abgefeimte, die sich in solcher Jovialität verbergen, eben ihr "Böses", könnten noch anschaulicher werden. Barbara Schwarz spielt Frau Linde - Noras Gegenbild: die abgehärmte, in der Härte des Lebens realistisch gewordene, aber menschlich gebliebene Frau - so, dass man die "Julia", oder die zunehmend betrunkene Kellnerin im "Fest" gar nicht wiedererkennt: welch eine Wandlungsfähigkeit! Doktor Rank, Christian Holdt, bleibt ein wenig blass und sollte eventuell bei seinem Abgang nicht gar so lange dämonisch-verzweifelt lachen (aber er muss ja, wenn man es ihm sagt). Gabriel Spagna bringt den Winkeladvokaten Krogstad als verdüsterten Menschen auf die Bühne, dem man den Wandel zum Guten - er schickt Nora den Wechsel zurück - , weil zu überraschend, nicht ganz abkauft; aber das liegt, wie gesagt, auch an Ibsen.

Trotz aller Kritik im Einzelnen: "Nora" im Schwanhof bietet einen anregenden, ja teilweise spannenden Theaterabend. Jeder in Marburg, der sich für die Arbeit des Hessischen Landestheaters interessiert, sollte sich das Stück ansehen. Es lässt uns begreifen, warum die Figuren der bedeutenden Werke nicht veralten. Außerdem bietet es die Begegnung mit einer Schauspielerin die für das Marburger Ensemble fraglos eine Bereicherung ist. Man darf gespannt sein, in welchen Rollen wir sie in der nächsten Spielzeit erleben werden.

Max Lorenzen

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