Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


  

Der Lohn der Arbeit ist die Arbeit selbst

Zur Gestalt des Bergmanns in Novalis’ Roman “Heinrich von Ofterdingen”

von Renate Vonessen

Kaum jemandem ist Novalis ein Unbekannter. Jeder kennt ihn irgendwie. Dennoch könnte man, mit guten Gründen, den Titel “Der unbekannte Novalis”, den H. Ritter, ein Mitherausgeber der sämtlichen Werke Friedrich von Hardenbergs, seiner im Jahre 1967 erschienenen Arbeit gab, noch heute zur Kennzeichnung der tatsächlichen Bekanntschaft mit dem Dichter zitieren.

Die 1965 unter der Leitung von Richard Samuel begonnene historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Novalis’ ist noch nicht zum Abschluß gekommen. Die einst fünfbändig geplante Ausgabe (im folgenden zitiert nach Band- und Seitenangaben) muß durch einen sechsten Ergänzungsband erweitert werden, der die 1983 in Krakau wiederentdeckten Novalis-Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek in Berlin aufarbeiten wird. Zwar ist abzusehen, daß diese Ergänzungen keine grundlegenden Korrekturen mehr bringen, was aber die historisch-kritische Ausgabe an Neuem bietet, ist längst noch nicht ins allgemeine Bewußtsein vorgedrungen. Trotz jetzt bald fünfundzwanzigjähriger sorgfältiger Editionsarbeit, ist das Novalis-Bild noch immer geprägt von den älteren Ausgaben, deren Herausgeber sich an den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts orientieren. Was das heißt, läßt sich rasch veranschaulichen, wenn man eine der älteren Novalisausgaben mit der neuen, historisch-kritischen vergleicht. Die älteren Drucke vereinen in der Regel unter verschiedenen Sachbegriffen, wie zum Beispiel Seelenkunde, Mathematik, Musik usf. Texte aus ganz verschiedenen Fragmentsammlungen oder wir finden überhaupt nur eine Blütenlese von eindrucksvollen Aussprüchen. Dagegen liest die neue Ausgabe, soweit möglich, alle Handschriften neu und ordnet die Texte streng chronologisch. Das Ergebnis ist höchst überraschend. Ins Auge springt bei den Fragmentsammlungen der neuen Edition, um  nur einen  Gesichtspunkt zu nennen, eine Strenge der Gedankenführung, die man, beeinflußt durch die tradierte Novalisrezeption, kaum vermutet hätte.

Was bei den zu Novalis’ Lebzeiten veröffentlichten Schriften, “Blütenstaub” sowie “Glauben und Liebe”, selbstverständlich war, daß sie nämlich als präzis durchdachte und, Fragment für Fragment, genau geordnete Texte zu verstehen sind, die ihren vollen Sinn durch die Gliederung des Ganzen gewinnen, gilt durchgängig für alle weiteren Sammlungen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei dem sogenannten “Allgemeinen Brouillon", d. h. wörtlich: Entwurf, Skizze. Es handelt sich dabei um den groß angelegten Plan eines Werkes, das als eine Art romantische Gegenenzyklopädie gegen die der französischen Aufklärer, Diderot und d'Alembert, gedacht war. Dieses “Brouillon”, vor allem, war ein beliebter Steinbruch für die älteren Novalis-Ausgaben, die phantasievoll immer neue Anordnungen der Fragmente versuchten, worüber der ursprüngliche Sinn des Ganzen völlig undurchschaubar wurde.

Etwas vom Geist der älteren Editionen läßt sich an ihren Lesefehlern begreifen. Z. B. findet man den Satz: “Die Moralität muß Stern unseres Daseins sein”  –  statt, wie es richtig heißt, Kern (II 266). Oder den vielzitierten Satz: “Die Liebe ist das Amen des Universums”,  –  richtig heißt es, “das Unum” (III 248). Das meint also ganz klar: das einigende Band des Universums ist die Liebe. Wir könnten den tradierten Begriff der Sphärenharmonie assoziieren. Das “Amen”, in diesem Zusammenhang, ist schlechthin nicht übersetzbar. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, zumal ja auch die unsachlich zusammengestellten Fragmente zu den Lesefehlern zu rechnen sind. Wer Stern statt Kern, Amen statt Unum liest, schließt nicht zu unrecht auf romantischen Schwarmgeist. Aber die Romantik, die Novalis im Jenaer Kreis vertritt, hat nichts von romantischer Schwärmerei. Sie ist vor allem eine scharf durchdachte und höchst kenntnisreiche Auseinandersetzung mit einem natur- und glaubensfeindlichen Denken, das über der Maxime “Wissen ist Macht” das Wissen als lebendige Erkenntnis und besonders das Erlösungswissen völlig vernachlässigt, späterhin mißversteht und schließlich ganz vergißt.

Gegen dieses Denken stellt Novalis einen philosophisch begründeten und dichterisch gestalteten Weltentwurf, der die Zerstückelung unseres Wissens und die Selbstentfremdung unseres Wesens antizipierend aufhebt.

Novalis’ Romanfragmente, die “Lehrlinge zu Sais” und der “Heinrich von Ofterdingen”, sind, wie die philosophischen Fragmentsammlungen, Teil dieser einen großen Idee. “Das Paradies”, sagt er einmal, “ist gleichsam über die ganze Erde verstreut und daher so unkenntlich geworden... seine zerstreuten Züge sollen vereinigt  –  sein Skelett soll ausgefüllt werden. Regeneration des Paradieses” (III 929). Diese “Regeneration” ist Aufgabe des Dichters. Er ist der “transzendentale Arzt” (II 535), aber auch “Seher der Zukunft”, Gesetzgeber, Priester und wahrer König, wie wir im “Heinrich von Ofterdingen” lesen. Dieser Roman entfaltet das Urbild des Dichters und seine Aufgabe. So gesehen, sind alle Werke von Novalis’ Vorstufen, besser: Hinführungen, auf diesen Ende 1799 begonnenen Roman, dessen Schluß der schwer erkrankte Autor später nur noch im Entwurf skizzieren konnte. Damit komme ich zu meinem eigentlichen Thema.

Ort und Zeit, ja die Handlung selbst, sind in diesem Roman nur von sekundärer Bedeutung; denn seine Absicht ist, die große Idee der “Wiederherstellung des Paradieses” durch die urbildlich zu verstehende Gestalt des Dichters, “Heinrich von Ofterdingen”, zur Anschauung zu bringen.

Alles Äußere an Wahrnehmung oder Begegnung löst ein inneres Geschehen aus. Wenn Heinrich z. B. die aufgehende Sonne über der Landschaft sieht, folgt keine Landschaftsschilderung, sondern sie weckt in ihm “alte Melodien seines Inneren”. Der Blick in die Ferne geht in Wahrheit nach Innen: “Er sah sich an der Schwelle der Ferne, in die er oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich mit sonderbaren Farben ausgemalt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue Flut zu tauchen. Die Wunderblume stand vor ihm . . .”. Daß diese innere Welt nichts subjektiv Beschränktes ist, sondern vielmehr Spiegel einer Welt, die gerade von narzißtischer Isolierung und ichbezogener Zufälligkeit frei ist, kann folgende Stelle, gleich zu Beginn des zweiten Kapitels, deutlich machen: “Eine erste Ankündigung des Todes, bleibt die erste Trennung unvergeßlich, und wird, nachdem sie lange wie ein nächtliches Gesicht den Menschen beängstigt hat, endlich bei abnehmender Freude an den Erscheinungen des Tages, und zunehmender Sehnsucht nach einer bleibenden sichern Welt, zu einem freundlichen Wegweiser und einer tröstenden Bekanntschaft” (I 205).

Alle Erscheinungen dieser vergänglichen, äußeren Welt sind Hinweis, werden Zugang zu einer bleibenden Welt. Die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, mit der hier Äußeres zu Innerem wird, wirkt wie der Zauber eines wunderbaren Märchens. Wir sind  –  und zwar nicht nur bei den im Roman erzählten Märchen  –  von Anfang an in einer Märchenwelt, in der alles möglich wird, unser rechnerischer Verstand vergessen ist, und wir alles auf wundersame Weise gefügt und wahrhaft vernünftig finden. Wir folgen dem Weg des Dichters, und so, wie sich ihm alles fügt, fügen wir uns willig seiner Führung. Heinrich nimmt nur wahr, was ihm taugt, was schon verborgen als Erinnerung, Traumbild und Ahndung in ihm ist, und zur wachen Erkenntnis drängt, an der wir dann teilhaben dürfen.       

So wie für Heinrich alles Äußere ein Inneres weckt, das mitteilbare Gestalt annimmt, so soll der Leser durch die Teilhabe an dieser verwandelten Welt den Weg aus der Zerstreuung nach innen, zu sich selbst, finden. Er erfährt, daß nicht die äußere, sondern die innere Welt die wahrhaft gemeinsame ist. Selbstfindung ist also der Weg zur Wiedergewinnung einer ursprünglichen Welterfahrung. Dazu bedarf es einer behutsamen Führung. Deshalb sind auch die Lehrergestalten in diesem Roman, der Bergmann, der Graf von Hohenzollern, Klingsohr und am Schluß Sylvester, so wichtig. Mehr noch als zu Heinrich, der ja mit einem Wink, einem Wort, schon versteht, sprechen sie zu uns, den Lesern.

Der erste Lehrer, dem Heinrich begegnet, ist der Bergmann. Was er von ihm erfährt, wirkt zunächst befremdlich, denn es scheint nichts mit Dichtung, die bislang einzig Heinrich interessierte, zu tun zu haben. Der Bergmann spricht von seinem harten Beruf, und zwar sehr konkret. Wie wir wissen, hat Novalis im Anschluß an sein juristisches Studium in Freiberg Bergbau studiert und war im Beruf des Bergmanns als Salinenassessor tätig. Trotz dieser Konkretionen wird das Stilprinzip des Romans, daß Äußeres immer ein Fingerzeig auf Inneres ist, keinen Augenblick aufgehoben. Im Gegenteil, wir lernen es erst hier richtig verstehen. Ja der berühmte Satz: “Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten  –  die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt. . .” (II 419), der zu einer Art Erkennungsformel der Romantik abgesunken ist, ohne begriffen zu werden, dieser Satz, so könnte man sagen, erfährt durch die Bergmannsgestalt seine gültige Bestimmung und kann nur von ihr aus richtig gedeutet werden.

So ist das Bergmannskapitel nicht nur der Schlüssel dieses Romans, sondern überhaupt dessen, was man unter Romantik im Sinne des Novalis zu verstehen hat. Wenn das Ziel der Dichtung, wie er einmal formuliert, die “Erhebung des Menschen über sich selbst” ist (II 535), dann erfahren wir durch den Bergmann, was den Menschen davon abhält, sich seiner einen, wahren Aufgabe, dem “Zweck der Zwecke”: seiner “Menschwerdung” mit aller Kraft zu widmen. Der Bergmann zeigt die Bedingungen der Möglichkeit, wie dieses eine Ziel wahrgenommen werden kann. Mit der Schilderung seiner Arbeit, einer “edlen Kunst”, wie er sie bezeichnet, weist er zugleich den Weg ins Leben, wie nach Innen. Er steht an der Schwelle, er öffnet das Tor zur äußeren wie zur inneren Welt.

Über das spezifische Wissen und die eigentümliche Arbeitsweise des Bergmanns äußert sich Novalis sehr ausführlich. Ich zitiere, mit wenigen Auslassungen, die wichtigste Passage:

“Wahrhaftig, das muß ein göttlicher Mann gewesen seyn, der den Menschen zuerst die edle Kunst des Bergbaus gelehrt, und in dem Schooße der Felsen dieses ernste Sinnbild des menschlichen Lebens verborgen hat. Hier ist der Gang mächtig und gebräch, aber arm, dort drückt ihn der Felsen in eine armselige unbedeutende Kluft zusammen, und gerade hier brechen die edelsten Geschicke ein. . . Oft zerschlägt er sich vor dem Bergmann in tausend Trümmern: aber der Geduldige läßt sich nicht schrecken, er verfolgt ruhig seinen Weg. . . Oft lockt ihn ein betrügliches Trum aus der wahren Richtung; aber bald erkennt er den falschen Weg, und bricht mit Gewalt querfeldein, bis er den wahren erzführenden Gang wiedergefunden hat. Wie bekannt wird hier nicht der Bergmann mit allen Launen des Zufalls, wie sicher aber auch, daß Eifer und Beständigkeit die einzigen untrüglichen Mittel sind, sie zu bemeistern, und die von ihnen hartnäckig vertheidigten Schätze zu heben” (I 246).

Wir lesen eine ganze Reihe von Fachbegriffen, die wir uns eigens erläutern lassen müssen. Dabei ist die kommentierte Ausgabe des Textes sehr hilfreich. Ich gehe aber auf diese Einzelheiten hier nicht ein, sondern halte nur die Gedanken fest, die für unser Thema entscheidend sind. Die Arbeit des Bergmanns erfordert vielfältige Kenntnisse. Er muß ebenso gut die Praxis des Bergbaus, z. B. den Grubenbau, wie die “Wasserkünste”, d. h. die Pumpwerktechnik zur Trockenhaltung der Gruben, beherrschen, wie auch über theoretisches Wissen, z. B. chemischer und mineralogischer Art, verfügen. Und nicht zuletzt muß er ein sehr ausgeglichener Mensch sein, um den ungeheueren Anforderungen, die an ihn gestellt werden, gewachsen zu sein. Seine Arbeit ist äußerst mühselig, abgeschlossen vom Tageslicht und in der Regel einsam, in voller Verantwortung aller Tätigkeit. Das umfassende, niemals einseitig ausgerichtete Wissen und Arbeiten des Bergmanns, besonders aber die im Übermaß erforderliche Geduld, ständig Irrwege zu erkennen und zu korrigieren, um den richtigen Weg beharrlich zu suchen, das alles macht den Bergbau zum “ernsten Sinnbild des menschlichen Lebens”. Daß sich Novalis sehr wohl der Tragweite einer solchen Deutung bewußt ist, und nicht etwa schwärmerisch von den Alltagsmühen dieses Berufs abstrahiert, kann folgende Bemerkung verdeutlichen, die er den Bergmann in dessen Bericht über seine Berufung einflechten läßt:

“Mir war seltsam feyerlich zu Muthe, und das vordere Licht funkelte wie ein glücklicher Stern, der mir den Weg zu den verborgenen Schatzkammern der Natur zeigte. Wir kamen unten in einen Irrgarten von Gängen, und mein freundlicher Meister ward nicht müde meine neugierigen Fragen zu beantworten, und mich über seine Kunst zu unterrichten. Das Rauschen des Wassers, die Entfernung von der bewohnten Oberfläche, die Dunkelheit und Verschlungenheit der Gänge, und das entfernte Geräusch der arbeitenden Bergleute ergötzte mich ungemein, und ich fühlte nun mit Freuden mich im vollen Besitz dessen, was von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen war. Es läßt sich auch diese volle Befriedigung eines angeborenen Wunsches, diese wundersame Freude an Dingen, die ein näheres Verhältniß zu unserm geheimen Daseyn haben mögen, zu Beschäftigungen, für die man von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist, nicht erklären und beschreiben. Vielleicht daß sie jedem Andern gemein, unbedeutend und abschreckend vorgekommen wären; aber mir scheinen sie so unentbehrlich zu seyn, wie die Luft der Brust und die Speise dem Magen” (I 242).

Mit diesen Worten wird aber nicht nur die Position des Außenstehenden, des kritischen Zweiflers, berücksichtigt, sondern zugleich die Prämisse formuliert, die das selbstverständliche Einvernehmen mit Heinrich erklärt: beide begegnen sich, weil sie je in ihrem Wesen, dem “angebornen Wunsch”, gegründet sind und jeder Schritt auf ihrem Weg auf ihr “geheimes Daseyn” hingerichtet ist.

Die erste und grundlegende Bedeutung, die der Bergmann für Ofterdingen hat, wird uns vom Autor selbst, in einer Art Kurzessay im Anschluß an das Bergmannskapitel, verdeutlicht. Dort unterscheidet Novalis zwischen Menschen, deren Seele eine “emsige, schnell entscheidende Dienerin des Verstandes”, die zum Handeln, “zur Geschäftigkeit” geboren sind, und solchen, deren “Welt ihr Gemüt, deren Tätigkeit die Betrachtung und deren Leben ein leises Bilden der inneren Kräfte” ist. Zu den letzteren gehören die Dichter. “Große und vielfache Begebenheiten würden sie stören”. Mit dem “reichen Inhalt und den zahllosen Erscheinungen der Welt werden sie durch Erzählungen und Schriften bekannt”. Einige wenige Erfahrungen genügen, um sie von Lage und Charakter der handelnden Menschen zu unterrichten.

Der Bergmann ist also Mittlergestalt, und zwar, wie sich noch zeigen wird, auf ganz verschiedenen Ebenen. Zunächst vermittelt er zwischen der Weltbegegnung auf dem Weg der vielfältigen äußeren Erfahrung und jener anderen Weltbegegnung, die aus der inneren Betrachtung, d. h. der unmittelbaren Anschauung der inneren Wesenszusammenhänge hervorgeht. Durch sein Vorbild erfährt Ofterdingen, was ein durch Arbeit gelenktes Leben ist. Durch ihn begreift er, daß die Arbeit zum Sinnbild des zweckgerichteten Lebens werden kann. Das eine große Beispiel des Bergmanns steht ihm für alle und es belehrt ihn über diese Form des Lebens vollkommen.

Aber damit schafft der Bergmann nur die erste Voraussetzung für das, was er Heinrich darüber hinaus zu vermitteln hat. Durch die Art und Weise, wie er seine Arbeit begreift und ausübt, vertritt er viel mehr als nur seinen Beruf.

Mehrfach wurde in der Literatur darauf verwiesen, daß Novalis in der Bergmannsgestalt nicht nur Züge seines Lehrers an der Bergbauakademie in Freiberg, Abraham Gottlieb Werner, porträtiert, sondern daß er durch sie vor allem seine Begegnung mit den Schriften Jakob Böhmes reflektiert. Diese Bezüge sind im folgenden zwar wichtig, doch gilt auch hier, wie für andere nachgewiesene Einflüsse, daß Novalis die Gedanken Böhmes in ganz eigener Weise gestaltet, so daß es sich für uns erübrigt, auf Einzelheiten genauer einzugehen. Allerdings ist für unser Thema ein Ereignis aus Böhmes Leben von Bedeutung, das sein erster Biograph, Abrahm von Franckenberg, berichtet. Wie wichtig es Novalis wurde, zeigt sein Gedicht “An Tieck", mit dem er sich bei ihm für die Vermittlung der Böhmeschriften bedankt. Eine Strophe des Gedichtes ist dieser Geschichte gewidmet. Böhmes Biograph Franckenberg sieht in ihr sogar einen Schlüssel zum Verständnis Böhmes. Ich fasse seinen Bericht kurz zusammen: Als Hütejunge hilft Böhme auf dem väterlichen Hof. Eines Tages, er ist ganz allein mit seiner Herde auf einem abgelegenen Berg, steht er unvermutet vor dem Eingang zu einer Höhle. Er dringt ein und sieht eine Bütte mit Gold. Ihn packt ein Schauder bei diesem Anblick. Die Begier, das Gold zu besitzen, streift ihn nicht einmal. Kommentierend bemerkt Franckenberg dazu, daß dieser Gang ins Berginnere eine “Vorbedeutung auf seinen geistlichen Eingang in die verborgene Schatzkammer der Göttlichen und Natürlichen Weisheit und Geheimnissen wol seyn können” (J. Böhme, Sämtl. Schriften, Bd. 10.7.).

Das Eindringen in den Berg, der Anblick unermeßlicher, wundersamer Schätze, die nicht als Besitz verlocken, sondern nur Andacht und Ehrfurcht vor dem Wunder des in der Tiefe verborgenen Reichtums erwecken, das entspricht ganz der Haltung des Bergmanns gegenüber den Reichtümern, die er im Berg entdeckt und zu Tage fördert. Diese vom Besitzdenken unberührte Haltung gegenüber den Früchten seiner Arbeit führt uns zum Kern seiner Lehre. “Mit welcher Andacht", so erzählt er, “sah ich zum erstenmal in meinem Leben. . . den König der Metalle in zarten Blättchen zwischen den Spalten des Gesteins. Es kam mir vor, als sey er hier wie in festen Gefängnissen eingesperrt und glänze freundlich dem Bergmann entgegen, der mit soviel Gefahren und Mühseligkeiten sich den Weg zu ihm durch die starken Mauern gebrochen, um ihn an das Licht des Tages zu fördern, damit er an königlichen Kronen und Gefäßen und an heiligen Reliquien zu Ehren gelangen, und in geachteten und wohlverwahrten Münzen, mit Bildnissen geziert, die Welt beherrschen und leiten möge” (I 242).

Das heißt, der Bergmann “begnügt sich zu wissen”, ich zitiere weiter, “wo die metallischen Mächte gefunden werden. . . aber ihr blendender Glanz vermag nichts über sein lautres Herz. . . Er freut sich mehr über ihre wunderlichen Bildungen, die Seltsamkeiten ihrer Herkunft und ihrer Wohnungen als über ihren alles verheißenden Besitz. Sie haben für ihn keinen Reiz mehr, wenn sie Waren geworden sind” (I 244).

In den tiefen Einöden des Bergs, allein vor Ort, fordert die Arbeit von ihm höchste Konzentration und Wachsamkeit. Kein “unnützer Gedanke” lenkt ihn ab. Er ist ganz Sammlung. Wie ein Wunder erschließen sich in dieser Finsternis die glänzenden Metalle, die wie die Blüten köstlicher Gewächse erscheinen. “An manchen Orten”, schildert er, “sah ich mich wie in einem Zaubergarten. Was ich ansah, war von köstlichen Metallen und auf das kunstreichste gebildet. In den zierlichen Locken und Ästen des Silbers hingen glänzende, durchsichtige Früchte. . .” später ist von “seltsamen Knospen” die Rede, die “auf eine unerwartete Blüte und Frucht deuten” (I 262).

Der Gang ins Berginnere erschließt dem Bergmann einen Zaubergarten mit den seltsamsten Gewächsen und Blumen. Bei J. Böhme heißt es: Das Untere entspricht dem Oberen. Diese Formel verweist auf eine Analogienkette, die den innersten Zusammenhang aller sichtbaren Erscheinungen als Offenbarung Eines Geistes zeigt. Die Metalle verweisen auf Blumen, diese auf Sterne, so daß der Zaubergarten im Erdinneren zum Unterpfand des Himmels wird. Diesen Zusammenhang spricht der Graf von Hohenzollern, der sozusagen eine Variation der Gestalt der Bergmanns ist, aus. “Ihr Bergleute”, sagt er, “seyd beynah verkehrte Astrologen,. . . Wenn diese den Himmel unverwandt betrachten und seine unermeßlichen Räume durchirren: so wendet ihr euren Blick auf den Erdboden, und erforscht seinen Bau. Jene studieren die Kräfte und Einflüsse der Gestirne, und ihr untersucht die Kräfte der Felsen und Berge, und die manichfaltigen Wirkungen der Erd- und Steinschichten. Jenen ist der Himmel das Buch der Zukunft, während euch die Erde Denkmale der Urwelt zeigt” (I 26).

Der Graf von Hohenzollern lebt nach einem bewegten Leben als Einsiedler in einer Höhle. Er wird durch den Bergmann in Begleitung Heinrichs entdeckt, und im Gespräch dieser beiden wird eine wichtige Stufe auf dessen Erziehungswege erreicht. Das ist der Sinn dieser merkwürdigen Höhlenwanderung.

Die beiden Lehrergestalten im Bergmannskapitel, der Einsiedler wie der Bergmann selbst, zeigen, daß die bunte Fülle der bei Tage sichtbaren Welt und das wilde Treiben der lebenden Wesen in die Zerstreuung führt, die vergessen läßt, was wahrhaft zu wissen taugt. Der Reichtum, der sich dem Erkennenden bietet, wird von dem nach Besitz Strebenden überhaupt nicht wahrgenommen. Mit stumpfer Gleichgültigkeit steht der im Besitzdenken befangene Mensch vor den Wundern der mannigfaltigen Welt, die er nur als Warenwert verrechnet und zu beherrschen sucht. Dagegen nimmt der Bergmann mit tiefer Ehrfurcht, Andacht und Dankbarkeit die in der Erde verborgenen Schätze in Empfang. Die Früchte seiner Arbeit haben für ihn keinen Kaufpreis, vielmehr sind sie ihm ein unverkennbares Zeichen göttlicher Vorsorge und Weisheit.

Durch den Bergmann lernt Ofterdingen verstehen, wer sein erster und wahrer Lehrmeister ist. Es ist die Natur. Was er schon auf der Reise in bildlich verhüllter Darstellung bei der Erzählung des Atlantismärchens aufnahm, wird ihm hier zur klaren Erkenntnis.

Die Natur ist das Werk göttlicher Baukunst, das erste und wahrhaft vollkommene Kunstwerk, das der Dichter erkennt und in seinem Werk spiegelt. Aber der Dichter ist nicht nur der berufene Übersetzer der göttlichen Schöpfung ins kunstvoll gestaltete menschliche Wort. Er ist auch ihr Geschichtsschreiber. Denn das göttliche Kunstwerk der Welt steht in der Zeit, es hat seine Geschichte, die es bis zur Unkenntlichkeit verändert, z. B. dann, wenn “Männer Geschichte machen”, also so wirken, als seien sie die Herren der Welt. Nur der echte Dichter vermag das hohe Geheimnis der Geschichte zu erkennen, das sich ihm im Blick auf die Natur offenbart.

Das ist die Lehre des Grafen, die sich mit der des Bergmanns auf das innigste verbindet. Erde und Himmel, so hörten wir von dem Einsiedler, stehen für Uranfang und wahre Zukunft, ursprüngliche Herkunft und künftige Heimat des Menschen, für Paradies als Anfang und Wiedergewinnung dieses vollkommenen Anfangs. Erst wenn Ursprung und Ziel aller Geschichte erkannt sind, wird Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne möglich. Denn in der wahren Geschichtsschreibung kommt es nicht darauf an, immer neue Einzelheiten und Fakten festzuhalten und sie unter unzähligen Gesichtspunkten immer wieder so oder anders zu deuten, sondern zu erkennen, was einzig wissenswert ist. Deshalb ist auch der Dichter der wahre Geschichtsschreiber. Er begreift Anfang und Ziel, die nicht in der Zeit gründen und deshalb Maß der Geschichte sind. Aus diesem höheren Standpunkt sieht er das Ganze und kann jedem Ereignis den ihm gebührenden Stellenwert zuschreiben, bzw. seine Nichtigkeit erkennen. Von den Dichtern sagt der Einsiedler: “Es ist mehr Wahrheit in ihren Märchen, als in gelehrten Chroniken”.

Wir kennen aus Aristoteles’ Poetik den Satz, daß die Dichtung philosophischer und bedeutender als die Geschichtsschreibung sei, weil nämlich die Geschichtsschreibung nur vom Besonderen, die Dichtung aber vom Allgemeinen rede. D. h. wenn die Geschichtsschreibung unendliche Details chronologisch summiert und interpretiert, gibt die Dichtung Gleichnisse, aber diese enthalten mehr als sämtliche Fakten: sie führen zum Sinn. Ob Novalis hier an die Lehre des Aristoteles denkt, ist von sekundärer Bedeutung, entscheidend ist, daß sie uns durch diesen Roman als lebendige Erkenntnis neu vermittelt wird.

Mit der Belehrung durch den Grafen und vor allem in der Begegnung mit dem geheimnisvollen Buch aus dessen Bibliothek, das Heinrich gleichnishaft Rückblick und Vorausschau auf sein eigenes Leben bietet, sind seine Lehrjahre abgeschlossen. Jahre sind es tatsächlich für ihn, wenn auch, nach dem Kalender gerechnet, seit seinem Aufbruch von zu Hause nur wenige Wochen vergangen sind. So heißt es zusammenfassend: “Heinrich . . . fühlte neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Inneren. Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub in seinen Schooß, und rückten ihn schnell aus dem engen Kreis seiner Jugend auf die Höhe der Welt. Wie lange Jahre lagen die eben vergangenen Stunden hinter ihm, und er glaubte nie anders gedacht und empfunden zu haben” (I 263).

In Natur und Geschichte, göttlicher Schöpfung und Wirken der Menschen, hat Ofterdingen, belehrt durch den Bergmann und den Grafen von Hohenzollern, den Grundtext für seine dichterische Übersetzungsarbeit gefunden. Jetzt ist er reif für die Begegnung mit Klingsohr, den Meister des Worts, der ihm das Wesen der Dichtung, die Kunst der Übersetzung aus dem genannten Grundtext, also aus Natur und Geschichte, aufschließen wird. Aber diesen Weg werden wir hier nicht weiter verfolgen. Nachdem der Gang der Belehrung, der Heinrich zuteil wird, skizziert ist, komme ich auf den Bergmann und den entscheidenden, für uns allerdings befremdlichsten Teil seiner Lehre zurück.

Es geht um das Besitzdenken, mit dem wir uns zuvor schon befaßten, aber ohne Novalis’ Lehre schon ergründet zu haben. Was auch immer der Bergmann sagt, versteht Heinrich auffallend leicht, die Gedanken, die er ihm mitteilt, scheinen seiner innersten Natur zugehörig, so daß es nur weniger Worte bedarf. Aber diese wenigen Andeutungen sind nicht genug für den Leser. Ich wies schon darauf hin, daß nicht nur Heinrich belehrt, sondern daß auch dem Leser etwas mitgeteilt wird, was ihn zuinnerst angeht, falls er nur bereit ist, das, was der Bergmann sagt, wenigstens einmal probeweise, zur Selbstprüfung, ernst zu nehmen. Aus unserer eigenen Perspektive gesehen ist die Lehre des Bergmanns nochmals, und zwar ganz anders zu lesen als es für das Verständnis des Dichters Heinrich von Ofterdingen auf seinem Lehrweg angebracht war.

Am besten nähern wir uns der strengen Lehre des Bergmanns durch die erste Andeutung, die sie im Roman findet, nämlich in der Arionsage, die Heinrich auf der Reise von den Kaufleuten hört. Das Motiv ist bekannt. Ich schildere die Sage mit Novalis’ Worten, nur leicht gekürzt:

“In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, daß einer jener sonderbaren Dichter . . . übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an schönen Kleinodien und köstlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darin schienen bereitwillig, ihn für den verheißenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, daß sie untereinander verabredeten, sich seiner zu bemächtigen, ihn ins Meer zu werfen, und nachher seine Habe untereinander zu verteilen. Wie sie also mitten im Meere waren, fielen sie über ihn her, und sagten ihm, daß er sterben müsse. . . Er bat sie auf die rührendste Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an, und prophezeite ihnen großes Unglück, wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden. Aber weder das eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie fürchteten sich, daß er ihre bösliche

Tat einmal verraten möchte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, daß er noch vor seinem Ende seinen Schwanengesang spielen dürfe, dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen Instrumente, vor ihren Augen freiwillig ins Meer springen. Sie wußten recht wohl, daß wenn sie seinen Zaubergesang hörten, ihre Herzen erweicht, und sie von Reue ergriffen werden würden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte Bitte zu gewähren, während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen, daß sie nichts davon vernähmen, und so bei ihrem Vorhaben bleiben könnten. Dies geschah” (I 211 f.).

Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht. Delphine retten den Dichter, und die Räuber töten sich gegenseitig beim Streit um die Beute. Hier fällt es nicht schwer, die Folgerungen, die der Text andeutet, zu akzeptieren. Die Habsucht verschließt den Räubern das Herz, den Dichter zu verschonen. Sie verstopfen sich die Ohren für seinen Gesang und werden so taub für eine Harmonie, die selbst die Natur bewegt und sie in ihren ursprünglich-paradiesischen Zustand versetzt, in dem alles spricht und jeder und jedes die Sprache des anderen versteht. Nur die Räuber bleiben ausgeschlossen, und Novalis betont, daß sie sich dieses Ausschlusses durchaus bewußt sind. Sie wollen den Besitz und trachten nach dem Leben des Dichters, der nicht nur durch seinen Gesang beschwörende Kraft hat, sondern der selbst Repräsentant einer anderen Welt ist. Der versuchte Mord an dem Dichter ist gewissermaßen eine bewußte Selbstvertreibung aus dem Paradies. Doch begreifen die Räuber bei ihrer Entscheidung nicht, daß sie durch ihre Habgier nicht etwa Besitz gewinnen, sondern sich selbst zerstören.

Und nun zurück zum Bergmann. Die Mineralien und Metalle, so hörten wir, haben für ihn keinen Reiz mehr, sobald sie Waren geworden sind. Er freut sich an ihrer Gestaltung und begnügt sich, sie zu Tage zu fördern. Das Gold, der König der Metalle, soll, wie er sagt, an heiligen Reliquien und königlichen Kronen “zu Ehren gelangen” und durch Münzen, die mit Bildnissen geachteter Könige geziert sind, “die Welt beherrschen und leiten”. Der Aufbau dieser Argumentation ist durchsichtig: die heiligen Reliquien stehen für die Gegenwart des Göttlichen in der Welt. Die Kronen repräsentieren die wahre Königsherrschaft, die ein Abbild der göttlichen Weltordnung ist. Die Münzen verweisen auf die rechte Verwaltung dieser Ordnung.

Die Gedanken des Bergmanns spiegeln Grundvorstellungen aus Novalis’ Staatsauffassung, die er vor allem in seinen beiden Staatsschriften “Glauben und Liebe” sowie “Die Christenheit oder Europa” in dialektischer Auseinandersetzung mit den revolutionären Ideen seiner Zeit entwickelt hat. Im Kontext des Besitzdenkens interessiert uns hier besonders seine Deutung des Geldes. Die Münzen erinnern durch die eingeprägten Bildnisse an die wahre Königsherrschaft. In ihr gilt der Satz, der sich in “Glauben und Liebe” findet: “Gold und Silber sind das Blut des Staats. Häufungen des Bluts am Herzen und im Kopf verrathen Schwäche in beiden. Je stärker das Herz ist, desto lebhafter und freigebiger treibt es das Blut nach den äußern Theilen. Warm und belebt ist jedes Glied, und rasch und mächtig strömt das Blut nach dem Herzen zurück.” (II 486). Nur das Gold, also die Münzen, oder kurz, das Geld, das ständig im Umlauf ist, sich niemals bei einzelnen häuft, wirkt ohne Schaden. Eine solche Geldwirtschaft gelingt allerdings nur einer guten und klugen Staatsführung, die den Menschen so fördert, daß er sich in seinen Tätigkeiten nicht verirrt und seine eigentliche Aufgabe nicht vergißt. Der Bergmann wirkt wie der Repräsentant eines solchen idealen Staatswesens: “Arm wird er geboren, und arm gehet er wieder dahin”, er genießt seinen “kärglichen Lohn mit innigem Danke” (I 244 f).

Das Herzstück seiner Lehre findet sich an einer Stelle, die unvermittelt über die spezifische Schilderung des Bergbaus hinausgeht und in der Art ihrer Formulierung den Anspruch einer allgemeingültigen Wahrheit hat:

“Die Natur will nicht der ausschließliche Besitz eines Einzigen seyn. Als Eigenthum verwandelt sie sich in ein böses Gift, was die Ruhe verscheucht, und die verderbliche Lust, alles in diesen Kreis des Besitzers zu ziehn, mit einem Gefolge von unendlichen Sorgen und wilden Leidenschaften herbeylockt. So untergräbt sie heimlich den Grund des Eigenthümers, und begräbt ihn bald in den einbrechenden Abgrund, um aus Hand in Hand zu gehen, und so ihre Neigung, Allen anzugehören, allmählich zu befriedigen” (I 245).

Fast wörtlich finden wir diesen Gedanken bei Novalis schon in seiner ersten bedeutenden Fragmentsammlung, die er “Blüthenstaub” nannte. Wie die Vorarbeiten dazu zeigen, ist das Fragment auf das Jahr 1797 zu datieren. Es beginnt mit dem Satz: “Die Natur ist Feindin ewiger Besitzungen. Sie zerstört nach festen Gesetzen alle Zeichen des Eigenthums, vertilgt alle Merkmale der Formazion. Allen Geschlechtern gehört die Erde; jeder hat Anspruch auf alles. . .”

Ein weiterer Satz, aus demselben Fragment, sagt dann in komprimierter Form, was im Bergmannskapitel erläutert wird: “Wenn aber der Körper ein Eigenthum ist, wodurch ich nur die Rechte eines aktiven Erdenbürgers erwerbe, so kann ich durch den Verlust dieses Eigenthums nicht mich selbst einbüßen. . .” (II 417).

Es bedarf keiner weiteren Belege, um zu zeigen, wie wichtig für Novalis dieser Gedanke war. Daß damit aber kein banalkommunistisches Diesseitsparadies gemeint ist, sagt schon das frühe Fragment deutlich genug. Im “Heinrich von Ofterdingen” wird er dann klar in sein eigentliches Bedeutungsfeld gerückt. Durchgängig erscheint das Besitzthema hier als kontrapunktischer Gegenpart zum Hauptthema, dem des Dichters. Durch den Bergmann lernen wir diese Gegenposition besser zu begreifen.

Er zeigt, daß der Dichter dazu berufen ist, den Sinn des Menschen für seine    wahre Bestimmung wieder zu wecken, indem er ihm in einem ersten Schritt ein Geheimnis der Natur und Geschichte erschließt, das dem Wissenschaftler, der nur mit der Elle von Maß, Zahl, Gewicht oder eben bloßen Fakten arbeitet, nicht zugänglich ist. Der Dichter zeigt dem wahrhaft Hörenden und Sehenden Natur und Geschichte als Zeugnis des ersten Anfangs und Zieles der Welt. Dem im Besitzdenken befangenen Menschen bleiben sowohl die Grundtexte       wie die deutende Übersetzung des Dichters verschlossen. Die Einsicht in die “überirdischen tiefsinnigen Dinge” und Zusammenhänge bleibt ihm versagt. Er betrachtet die Welt als seinen Besitz, über den er willkürlich herrscht. Er versteht sich als Macher der Geschichte, die sich im Hier und Jetzt erfüllt, nach seiner Maßgabe. Das Verkennen von Natur und Geschichte aber ist nur die Folge der –  wie die Arionssage zeigt  –  gewollten Selbstverblendung des Menschen und seiner Gleichgültigkeit für seine eigentliche Bestimmung.

So ist der Gleichnischarakter der Arbeit, den der Bergmann Heinrich erschließt, nämlich Arbeit als Sinnbild für das durch Handeln und Tätigkeit bestimmte Leben, für den Leser unter einem ganz anderen Gesichtspunkt zu sehen. Für ihn geht es darum, daß er lernt, sich für das zu öffnen, was der Dichter ihm mitzuteilen hat. D. h. er muß zuerst einsehen, was ihn daran hindert, das dichterische Wort ernst zu nehmen. Der Bergmann lehrt durch die Art, wie          er seine Arbeit versteht und ausübt, zu begreifen, was falsches Besitzstreben ist, und weist den Weg zum wahren, unverlierbaren Eigentum, das “von Natur aus” dem Menschen bestimmt ist. So heißt es unmittelbar im Anschluß an die gerade zitierte Stelle:

  “Wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame Bergmann in seinen tiefen Einöden, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wißbegier und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie, und fühlt immer erneuert die gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen. Sein Beruf lehrt ihn unermüdliche Geduld, und läßt nicht zu, daß sich seine Aufmerksamkeit in unnütze Gedanken zerstreue. Er hat mit einer wunderlichen harten und unbiegsamen Macht zu thun, die nur durch hartnäckigen Fleiß und beständige Wachsamkeit zu überwinden ist. Aber welches köstliche Gewächs blüht ihm auch in diesen schauerlichen Tiefen, das wahrhafte Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, dessen Hand und Vorsorge ihm alle Tage in unverkennbaren Zeichen sichtbar wird. Wie unzähliche mal habe ich nicht vor Ort gesessen, und bey dem Schein meiner Lampe das schlichte Krucifix mit der innigsten Andacht betrachtet! da habe ich erst den heiligen Sinn dieses räthselhaften Bildnisses recht gefaßt, und den edelsten Gang meines Herze erschürft, der mir eine ewige Ausbeute gewährt hat” (I 245 f).

Die Ausbeute, die der Bergmann mit seiner täglichen Arbeit zu Tage fördert, ist den meisten nur Ware. Für den Bergmann aber wird sie zum Wegweiser, der ihn zum “edelsten Gang”, nämlich dem “seines Herzens” führt, und der ihm eine “ewige Ausbeute” gewährt. Ware hat einen marktorientierten Preis, verbraucht sich und muß ständig neu beschafft werden. Sie steht im Kreislauf des Vergänglichen und Immergleichen. Aber was der Bergmann durch seine Arbeit findet, den “Gang seines Herzens”, das ist ein Bleibendes, sein innerstes Selbst, ein unerschöpflicher Schatz, weil dieses Selbst ein Unterpfand des Göttlichen im Menschen ist. Die Arbeit ist für ihn ein immer erneuerter Prozeß der Selbstfindung, und das heißt hier: der Wahrnehmung des göttlichen Wirkens.

Alles Äußere ist ein Inneres. Dieses Stilprinzip des Romans erfüllt sich in jedem Wort des Bergmanns. Alles was er sagt ist Gleichnisrede. Sie spricht von den Mühen der Arbeit und den Plagen des Alltags und ist zugleich Fingerzeig auf ihren inneren Sinn. Es zeigt sich jetzt, daß dieses beeindruckend konsequent durchgehaltene Stilprinzip des Romans weit mehr als eine ästhetische Kategorie ist. Das ist noch näher zu erläutern.

Fragen wir nochmals, was bei der Arbeit des Bergmanns herauskommt, dann lautet die sachliche Antwort, die “Ausbeute”, hier in Gestalt von Mineralien und Metallen. Wobei als pars pro toto dieser Ausbeute der König der Metalle, das Gold, gesetzt werden darf. Der bergmännische Fachbegriff “Ausbeute” ist durchgängig mit einem doppelten Sinn belegt. Es ist einerseits jene, die sich verkauft und verbraucht, und andererseits jene, die “ewig” bleibt. So kann das große Symbol der bergmännischen Arbeit “als Sinnbild des menschlichen Lebens” genauer verstanden werden. Die “Ausbeute”  –  exemplifiziert am Gold  –  ist ein Gleichnis, bei dem wir drei Bedeutungsstufen unterscheiden können. Die Analogie mit der gerade aufgezeigten Reihung  –  Reliquie  –  Krone  –  Münzen  –  liegt auf der Hand.

Auf der ersten Stufe ist die Ausbeute nur Ware, die, je kostbarer, um so begehrter ist. Durch die Lust auf ihren Besitz kann sie wohl einen machtvollen Handel in Gang setzen und beachtlichen Reichtum schaffen, aber zugleich mit dem Besitz wird die Habgier geweckt; und dann wandelt sich das Eigentum “in ein gefährliches Gift”, das Streit und gar Kriege auslöst. Dem Bergmann ist jede persönliche Besitznahme fremd. Der behagliche Reichtum macht blind für den tieferen Sinn des Lebens. Von hier aus wird deutlich, daß nicht nur der Bergmann arm an Schätzen ist. In diesem Roman ist es jeder, der auf dem Weg zu sich selbst ist. So kristallisiert sich das Motiv der Armut schon in den ersten Sätzen des ersten Kapitels heraus. Von Heinrich heißt es: “Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. ,Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben‘, sagte er zu sich selbst; ,fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn ich mich zu erblicken. . .‘‘‘ (I 195). Und dann weiter im Zwei­ten Kapitel: Von Heinrichs Vaterstadt ist die Rede und die Hofhaltung des

Landgrafen wird geschildert: “Nach der Sitte der damaligen Zeiten ging es ein­fach und still zu; und die Pracht und Bequemlichkeit des fürstlichen Lebens dürfte sich schwerlich mit den Annehmlichkeiten messen, die in späteren Zeitenein bemittelter Privatmann sich. . . verschaffen konnte. Dafür war aber der Sinn für die Gerätschaften und Habseligkeiten, die der Mensch zum mannigfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt, desto zarter und tiefer. . .” . Zusammenfassend heißt es dann wenige Zeilen später: “Eine liebliche Armut schmückte diese Zeiten mit einer eigenthümlichen ernsten und unschuldigen Einfalt. . .” (I 203).

Wer das Gold als Besitz begehrt, gehört in diesem Sinne weder zum Geschlecht des Bergmanns noch des Dichters. Die geheime innere Verwandtschaft der beiden Berufe verweist auf Zusammenhänge, die mit einer ständischen Berufsauffassung nichts zu tun hat. Der Bergmann wie der Dichter sprechen aus der “Unschuld und Kindlichkeit des Herzens”, der Wahrnehmung der uranfänglichen Ordnung der Dinge. In ihr lebt der Mensch im Stande des Glaubens “an eine himmlische Weisheit und Fügung”. Diesen Glauben, dem “alles mit seinem eigenthümlichen Geiste und seiner ursprünglichen bunten Wunderbarkeit erscheint”, versucht der Bergmann durch Vermittlung seiner Naturerfahrung wieder zu erwecken, während der Dichter diese ursprüngliche Ordnung in seinem Werk immer wieder neu zur Anschauung bringt.

Nun zur zweiten Bedeutungsstufe der Mineralien und Metalle. Gold und Edelsteine kommen an “königlichen Kronen zu Ehren”. Sie verweisen sinnbildlich auf die Einfügung des Königtums in die kosmische Ordnung. Dazu erläuternd ein Satz aus “Glauben und Liebe”: “Der König ist das gediegene Lebensprinzip des Staats; ganz dasselbe, was die Sonne im Planetensystem ist” (II 488). Das Gold ist das der Sonne zugeordnete Metall, so daß sich das Analogiegesetz, das Obere entspricht dem Unteren, im Gold der Kronen zeigt. Wer diese Fügung wahrzunehmen vermag, erkennt, daß der Eigentumsbegriff der herrschenden Staatssysteme Wurzel jedes Umsturzes ist. Denn, so erläutert Novalis, ausgehend vom Beispiel der Französischen Revolution: “die klugen Politiker hatten das Ideal eines Staats vor sich, wo das Interesse des Staats, eigennützig, wie das Interesse der Unterthanen, so künstlich jedoch mit demselben verknüpft wäre, daß beide einander wechselseitig beförderten. An diese politische Quadratur des Zirkels ist sehr viel Mühe gewandt worden, aber der rohe Eigennutz scheint durchaus unermeßlich, antisystematisch zu sein.

Er hat sich durchaus nicht beschränken lassen. . . indeß ist durch diese förmliche Aufnahme des gemeinen Egoismus, als Prinzip, ein ungeheuerer Schade geschehn . . .” (II 494).

Wer aber führt aus dieser “Quadratur des Zirkels” in der Staatsführung? Nur der König vermag es, sagt Novalis, er ist das “Erziehungsmittel”, denn “der König ist kein Staatsbürger. . . Das ist eben das Unterscheidende an der Monarchie, daß sie auf den Glauben an einen höher gebornen Menschen, auf der freiwilligen Annahme eines Idealmenschen, beruht. . . Die Monarchie ist deswegen ächtes System, weil sie an einen absoluten Mittelpunkt geknüpft ist; an ein Wesen, was zur Menschheit, aber nicht zum Staate gehört. Der König ist ein zum irdischen Fatum erhobener Mensch. Diese Dichtung drängt sich dem Menschen notwendig auf. Sie befriedigt allein eine höhere Sehnsucht der Natur” (II 489).

Die “höhere Sehnsucht der Natur” des Menschen verweist auf seine göttliche Herkunft. Diesen Ursprung symbolisieren schließlich die heiligen Reliquien, die die dritte Bedeutungsstufe der Mineralien und Metalle darstellen. “In den schauerlichen Tiefen vor Ort”, sagt der Bergmann, habe er erst den “heiligen Sinn des rätselhaften Bildnisses des Gekreuzigten recht erfaßt” und den “edelsten Gang seines Herzens” geschürft. Gold und Edelsteine an heiligen Geräten sind Unterpfand und ständige Erneuerung dieser Erfahrung. Sie stehen für den Glauben, aus dem der Bergmann lebt.

Wir verstehen jetzt, daß der Bergmann, wie der Dichter, Repräsentanten jener Welt sind, “die einst war und künftig wieder sein soll”. Sie wirken an der “Regeneration des Paradieses” und zwar Kraft des Glaubens, der Vertrauen in den himmlischen Vater", und das heißt, in die göttliche Abkunft des Menschen, ist. Aus diesem Glauben wächst das richtige Weltverständnis, die Erkenntnis der ursprünglichen Einheit und Erfahrung der Liebe als “Unum des Univer­sums”.

Die Gleichnisreden des Bergmanns wiederholen in nuce Novalis’ Natur- und Staatslehre der großen Fragmentsammlungen. Sie ist hier, durch die Gestalt des Bergmanns, eingebettet in eine wunderbare, märchenhafte Welt. Das darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Kern dieser Mitteilung, die Eigentumslehre, radikal, ohne jeden Kompromiß, ist. Sie ist das Maß, an dem Novalis jede Natur- und Staatslehre mißt. Und das Verständnis für seine Eigentumslehre ist die Bedingung der Möglichkeit für das Begreifen der echten dichterischen Rede. Dem zum Dichter geborenen Heinrich von Ofterdingen ist, wie schon gesagt, die Begegnung mit dem Bergmann selbstverständliche Stufe auf seinem Entwicklungsweg, der Schritt von der “Ahndung” zur klaren Erkenntnis. Aber der Bergmann spricht ja tatsächlich nicht nur für Heinrich. Er ist bei seinen Reden umringt von Zuhörern. Das ist kein Zufall. Durch diese Zuhörer tritt Novalis gewissermaßen in den Dialog mit dem Leser. So wie die Lehre des Bergmanns letztlich den Zuhörern vermittelt wird, so kann sie auch der Leser aufnehmen. Zum Abschluß seiner Reden trägt der Bergmann ein Lied vor, das er folgendermaßen einführt: “Ich weiß noch ein wunderliches Lied, was wir selbst nicht wissen, wo es her ist”. Und er fährt fort: “Es brachte ein reisender Bergmann mit, der weit herkam, und ein sonderlicher Ruthengänger war. Das Lied fand großen Beyfall, weil es so seltsamlich klang, beynah so dunkel und unverständlich, wie die Musik selbst, aber eben darum auch so unbegreiflich anzog, und im wachenden Zustande wie ein Traum unterhielt”.

Das Lied faßt in allegorisierenden Bildern den Kern der Eigentumslehre zusammen. Ich zitiere es ganz:

Ich kenne wo ein festes Schloß
Ein stiller König wohnt darinnen,
Mit einem wunderlichen Troß;
Doch steigt er nie auf seine Zinnen.
Verborgen ist sein Lustgemach
Und unsichtbare Wächter lauschen;
Nur wohlbekannte Quellen rauschen
Zu ihm herab vom bunten Dach.

Was ihre hellen Augen sahn
In der Gestirne weiten Sälen,
Das sagen sie ihm treulich an
Und können sich nicht satt erzählen.
Er badet sich in ihrer Flut,
Wäscht sauber seine zarten Glieder
Und seine Stralen blinken wieder
Aus seiner Mutter weißem Blut.

Sein Schloß ist alt und wunderbar,
Es sank herab aus tiefen Meeren
Stand fest, und steht noch immerdar,
Die Flucht zum Himmel zu verwehren.
Von innen schlingt ein heimlich Band
Sich um des Reiches Unterthanen,
Und Wolken wehn wie Siegesfahnen
Herunter von der Felsenwand.

Ein unermeßliches Geschlecht
Umgiebt die festverschlossenen Pforten,
Ein jeder spielt den treuen Knecht
Und ruft den Herrn mit süßen Worten.
Sie fühlen sich durch ihn beglückt,
Und ahnden nicht, daß sie gefangen;
Berauscht von trüglichem Verlangen
Weiß keiner, wo der Schuh ihn drückt.

Nur Wenige sind schlau und wach,
Und dürsten nicht nach seinen Gaben;
Sie trachten unablässig nach,
Das alte Schloß zu untergraben.
Der Heimlichkeit urmächtgen Bann,
Kann nur die Hand der Einsicht lösen;
Gelingt’s das Innere zu entblößen
So bricht der Tag der Freyheit an.

Dem Fleiß ist keine Wand zu fest,
Dem Muth kein Abgrund unzugänglich;
Wer sich auf Herz und Hand verläßt
Spürt nach dem König unbedenklich.
Aus seinen Kammern holt er ihn,
Vertreibt die Geister durch die Geister,
Macht sich der wilden Fluten Meister,
Und heißt sie selbst heraus sich ziehn.

Je mehr er nun zum Vorschein kömmt
Und wild umher sich treibt auf Erden:
Je mehr wird seine Macht gedämmt,
Je mehr die Zahl der Freyen werden.
Am Ende wird von Banden los
Das Meer die leere Burg durchdringen
Und trägt auf weichen grünen Schwingen
Zurück uns in der Heymath Schooß.

Die Strophen eins bis drei schildern den König der Metalle, das im Berg verborgene Gold. Seine Besonderheit gegenüber allen anderen Metallen wird in einer Fülle bergmännischer Begriffe gezeigt. Die Erläuterungen der kommentierten Novalisausgabe sind zum Verständnis unentbehrlich. Ich konzentriere mich hier auf die Strophen, die für unser Thema aufschlußreich sind. Sie sind auch unmittelbar verständlich. Das “unermeßliche Geschlecht”, von dem in Strophe vier die Rede ist, das sind die Menschen, die nach dem Gold suchen. Sie sind ihm “treue Knechte” und begreifen nicht, daß sie Gefangene ihrer Besitzgier sind und sich, wie in einem Rausch, über das täuschen, was ihnen in Wahrheit not tut und worum sie kämpfen müßten.

Nur wenige sind “nüchtern” und begreifen, so heißt es in Strophe fünf, wie dieser Bann gelöst werden kann. Nur wenige also sind vom Besitzrausch nicht angesteckt. Sie wissen, daß allein die Einsicht Befreiung bringt. Die höchst anschauliche Wendung: “die Hand der Einsicht”, macht deutlich, daß keine fremde Hand helfen kann. Die Einsicht hat jeder selbst zu leisten. Und daß in ihr allein Freiheit ist, führt dann die sechste Strophe noch weiter aus. Die siebte und letzte Strophe schließlich entwirft eine Welt, in der das Gold zum “wilden”, tyrannischen Herrscher auf Erden geworden ist. Aber im Augenblick seiner gewaltigsten Machtentfaltung wachsen auch die Gegenkräfte. Die Einsicht gelingt: das Besitzdenken wird als Knechtschaft entlarvt, die “liebliche” Armut mit dem Sinn für die bunte Wunderbarkeit der Welt als Voraussetzung der Freiheit erkannt. Aber dieser Weltentwurf ist natürlich Utopie. Sie birgt das Geheimnis der Wahrheit des Menschen, “die höhere Sehnsucht der Natur”. Sie ist uns unentbehrlich und fremd zugleich. So läßt sich die Häufung der merkwürdigen Attributionen, die das Lied einleiten, erklären. Es ist “seltsam”, “dunkel” und “unverständlich”, “aber eben darum auch so unbegreiflich" anziehend und unterhält “im wachenden Zustande wie ein Traum”.

Wer sich nicht, wie etwa die Räuber in der Arionssage, mutwillig die Ohren stopft, lauscht begeistert den Märchen, den Gegenbildern unserer Welt, den Traumbildern unseres wahren Wesens. Doch denken wir natürlich nicht daran, sie wirklich ernst zu nehmen und Konsequenzen zu ziehen.

So ist es nicht verwunderlich, daß uns Novalis’ Eigentumslehre befremdlich bleibt. Aber nur deshalb, weil wir uns selbst fremd sind und unsere Selbstfremdheit für unser eigentliches Wesen halten. Wir müßten uns also in unserem Selbstverständnis selbst fremd werden, um das uns wahrhaft Vertraute, unsere eigentliche Abkunft und Heimat, zu erkennen.

Das ist das Ziel der romantischen Dichtung, wie es Novalis immer wieder, besonders anschaulich in der Gestaltung des Bergmanns, beschreibt. Dessen Arbeit ist Wegweisung zur Erfahrung seiner selbst und zum Wesen der Welt. Darin in liegt ihr Sinn und ihr Lohn.

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