Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

Buch des Monats Mai 2005

 

Friedrich Hölderlin: Innenansicht eines Lebens und Werkes.
Zur neuen von D. E. Sattler herausgegebenen Ausgabe der Werke, Briefe und Dokumente

D. E. Sattler, der große Außenseiter unter den Philologen, beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Hölderlin und gibt die Historisch-Kritische, sogenannte Frankfurter Ausgabe der Sämtlichen Werke heraus, das zunächst von der universitären Zunft mit Befremden zur Kenntnis genommene Pendant der von Friedrich Beissner edierten Stuttgarter Ausgabe. Nicht nur Sattlers Leistung jedoch, in Supplementbänden das Stuttgarter und Homburger Foliobuch – das zweite enthält die äußerst schwierig zu gliedernden späten Gedichte, besonders die „Gesänge“ – zugänglich gemacht zu haben, auf die nun kein Hölderlin-Exeget verzichten kann, brachte ihm eine weit über die Universitäten hinausreichende Anerkennung ein. Ein großartiges Nebenprodukt der Historisch-Kritischen Ausgabe sind nun die vorliegenden Bände, die sämtliche Gedichte, Aufsätze und Briefe Hölderlins, aber auch Briefe an und über ihn, sowie das Leben des Dichters betreffende Dokumente enthalten.

„Zeitliche Folge“ meint im Wortsinn, dass der Leser in den Fluss der Hölderlinschen Entwicklung gleichsam mit hineingenommen wird, er sich also, nimmt er diese Bücher zur Hand, auf ganz andere Erfahrungen mit dem Text einlassen muss. So folgen etwa auf Briefe kurze Erläuterungen des Herausgebers, die den ersten Entwurf eines Gedichts einleiten, dessen spätere Fassung vielleicht erst im folgenden Band zu finden ist. Gegenüber der Lektüre in einer Werkausgabe, die nur zu leicht den Eindruck vermittelt, es bei Hölderlin wie sonst auch mit Vor- und Endstufen, mit unfertigen und fertigen Fassungen zu tun zu haben, mag eine solche Anordnung zunächst verwirren (und die Suche nach Zusammengehörigem wäre sicherlich durch ein alphabetisches, und nicht nur chronologisches, Verzeichnis der Gedichtüberschriften und –anfänge erleichtert worden). Dennoch begreift man schnell, hier die ungeheure Chance zu haben, dem Werk Hölderlins im inneren Prozess seines Entstehens begegnen zu können – so dass man sich womöglich, zumindest was die spätere Phase dieser Dichtungen betrifft, von der Vorstellung, sie enthielten die regulative Idee der einen vollendeten Endstufe, verabschieden muss.

„Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen, wenn sie fertig sind; man muss sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen“, schreibt Goethe im August 1803 an Zelter. Sollte sich also auch nur die kleinste Möglichkeit bieten, durch diese Sattlersche Ausgabe in den Innenraum des Werdens, des schöpferischen Prozesses der Hölderlinschen Lyrik selber eher hineinblicken zu können, als bei der Lektüre scheinbar für sich existierender Textblöcke, wie man sie anderswo findet, so wäre das unschätzbar. Zudem müsste sich ineins mit dieser Möglichkeit der Begriff von Lyrik überhaupt ändern, jedenfalls erweitern:

„Demnach wurden Form und Inhalt dieser zweiten Reinschrift [einer Gedichtgruppe: Der gefesselte Strom, Das Ahnenbild, Der blinde Sänger, Bitte, Dichtermut, Natur und Kunst, oder Saturn und Jupiter, An Eduard und Ermunterung] parallel zur ersten geplant. Dieser Befund ist keineswegs nebensächlich, bezeugt er doch hier schon das geistig autochthone Nebeneinander von ihrer Bestimmung nach unterschiedenen und in dieser Form vom Dichter autorisierten Versionen. So hat die Ode Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter in der Stuttgarter Reinschrift nur sechs statt der entworfenen, in der Homburger gebotenen sieben Strophen. Von keiner der beiden kann nachträglich behauptet werden, sie sei der gültige Text“ (Bd. 9, S. 75).

Man ist versucht zu vermuten, dass die anscheinend fertigen Fassungen es genausoviel oder -wenig sind, wie die ihnen vorhergehenden Stufen. Eher bilden diese zusammen mit jenen einen einzigen großen, sich immer weiterentwickelnden Entwurf, etwas zu sagen, das sich jeder Eindeutigkeit entzieht, weil es in sich vielgestaltig (aber natürlich in keiner Weise beliebig) und werdend ist. Es ergäbe sich mithin, dass der Goethesche Satz für die Hölderlinsche Dichtung in besonderer Weise zuträfe. Ihre scheinbare Außengestalt wäre beinahe unmittelbar ein Inneres, das durch sich selber kundtut, seinen Prozess des Suchens niemals abschließen zu wollen: ihr „Entstehen“ hört nicht auf, und wer es „aufhaschen“ will, muss sich, auf geschlossene lyrische Gestalten verzichtend und damit die eigene Verständnis-Basis – also sich selbst – umwandelnd, in den Hölderlinschen inspirativen Raum hineinbegegeben.

Es gibt in ihm Verbindungen, die man nun eigentlich nicht mehr „unterirdisch“ nennen darf, zwischen scheinbar relativ weit auseinanderliegenden Gedichten und anderen Texten. Sattler weist (Bd. 10, S. 230) auf den Zusammenhang zwischen den „Nachtgesängen“ und den im Frühsommer 1805 entstandenen Pindar-Kommentaren hin. Zu „Die Asyle“ vermerkt Hölderlin: „Themis, die ordnungsliebende, hat die Asyle des Menschen, die stillen Ruhestätten geboren, denen nichts Fremdes ankann, weil an ihnen das Wirken und das Leben der Natur sich konzentrirte, und ein Ahnendes um sie, wie erinnernd,  dassselbige erfähret, das sie vormals erfuhren“ (Bd. 11, S. 231 f). Ein solches Asyl meint „Der Winkel von Hahrdt“: „Hinunter sinket der Wald, / Und Knospen ähnlich, hängen / Einwärts die Blätter, denen / Blüht unten auf ein Grund, / Nicht gar unmündig / Da nemlich ist Ulrich / Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt, / Ein groß Schiksaal / Bereit, an übrigem Orte.“

Von solch erinnernder Ahnung spricht auch schon etwa „Der Abschied“: „… doch itzt mahnt die Vergessenen / Hier die Stelle des Abschieds, / Es erwarmet ein Herz in uns, // Staunend seh’ ich dich an, Stimmen und süßen Sang, / Wie aus voriger Zeit hör’ ich und Saitenspiel, / Und die Lilie duftet / Golden über dem Bach uns auf.“ – Nebenbei bemerkt fehlt in Sattlers Ausgabe der Schluss, den Beissner einer „ersten Fassung“ (die es nicht ist) zuordnet: „Und befreiet, in Lüfte / Fliegt in Flammen der Geist uns auf.“ Man mag daran erkennen, dass auch die reflektiertesten editorischen Prinzipien nach Ausnahmen verlangen. – Die „Stelle“ ist, ebenso wie der „Winkel“ ein „Asyl“ des Geistes; man denke hierbei, um annähernd zu verstehen, worum es sich handelt, an antike numinose Orte, etwa heilige Haine oder auch Altäre, und natürlich an Goethes: „Nicht mehr auf Seidenblatt / Schreib’ ich symmetrische Reime“: „… Und der Wandrer wird kommen, / Der Liebende. Betritt er / Diese Stelle, ihm zuckt’s / Durch alle Glieder.“

Solche heiligen Stiftungsstätten des Geistes, von denen etwa auch im späten Gedichtfragment „Der Adler“ oder in „Das Nächste Beste“ die Rede ist (vgl. hierzu meine Rezension von: Anke Bennholdt-Thomsen / Alfredo Guzzoni, Analecta Hölderliniana II. Die Aufgabe des Vaterlands, Marburger Forum, 2005, Heft 1), kommunizieren miteinander: „Wohnsitze sind da freundlicher Geister, die / Zusammengehören …“. Sie sind im Eigentlichen Sammlungs- und Aufbewahrungsorte der dichterischen Sprache, also nur sehr mittelbar räumlich zu begreifende Zentren einer sich plötzlich herstellenden Korrespondenz zwischen dem Ursprung des Schöpferischen und seiner jeweiligen Wiederverkörperung.

Hölderlins Gedichte beschreiben solche „Orte“ nicht von außen, sondern konstituieren sie. Sie sind Knotenpunkte der Inspiration, also des Überdauerns des Geistes in einer geistfremden Zeit. „Hälfte des Lebens“ setzt die Inspirationsfülle und ihr Versiegen in kommunikationsloser Kälte krass gegeneinander. Das Offenhalten des „Gesprächs“ aber, also des inspirativen Aktes, ist die Aufgabe des Dichters. Die immer erneut ansetzenden Versuche Hölderlins, ihm zum Ausdruck zu verhelfen, zeichnen eine numinose Landkarte der Beziehungen unserer geistigen Geschichte. Weil sie niemals eindeutig sein kann, sondern im Wortsinn im Fluss ist: „Dem Staub, dem beweglichen, eingezeichnet“ (Goethe) - „Am Wasser halte dich auf“ („Der Adler“) - , kann es hier keine letzten Formulierungen geben. Vielmehr drängt dieses Fließende das vielleicht noch übrige Idealbild eines gelungenen Ganzen unausgesprochen an den Rand. Die späten dichterischen Fragmente Hölderlins zeigen unwiderlegbar, wie die numinos-inspirative Struktur nicht nur nach unterschiedlichen Erscheinungsbildern hindrängt, sondern bereits in sich doppelsinnig ist. Deswegen verändert sie, wie oben angedeutet, wird sie nur wahrgenommen und nicht interpretatorisch beiseitegedrängt, unseren Begriff von Lyrik und damit zugleich das Verständnis geistiger Prozesse. Hölderlins Poesie – und Poetik – strebt an, die innerste Geschichte (Heidegger spricht hier von derjenigen des Seins) des Geistes, seiner auratisch-korrespondenzhaften Bildungen, selber von innen her vernehmbar zu machen. Je mehr er sich ihrer Wahrheit aussetzt, um so janusköpfiger wird sie. Die verschiedenen Fassungen seiner Gedichte beinhalten keineswegs, dass hier ein und derselbe Gedanke nach Ausdruck ringt, sondern dass die Wahrheit sich in ihrem Zentrum selber in niemals auf die Idee einer eindeutigen Entwicklung zu bringende Weise in verschiedene Ursprünge auseinanderlegt.

Die Sattlersche Ausgabe bietet also mehr, als nur einen etwas anderen, sicherlich manchmal auch mühsameren Zugang zum Werk Hölderlins. Im Grunde basiert sie auf sowohl philologischen, wie auch philosophischen Prinzipien, die sich von denen gängiger Editionen unterscheiden. Sie zwingt denjenigen, der genauer in die Texte eindringen möchte, zum unablässigen Nachdenken und Vergleichen. Wer sich jedoch zunächst nur in die Biografie und den Arbeitsgang des Dichters hineinlesen will, wird wohl an jeder Stelle, die er aufschlägt, unversehens eintauchen in eine Welt, die unser gesamtes existenzielles Interesse beanspruchen kann.

Max Lorenzen  

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zeitlicher Folge. Hrsg. Von D. E. Sattler. Bremer Ausgabe. Luchterhand-Verlag, München 2004, 12 Bände, ISBN 3-630-87191-7, 3-630-87192-5, 3-630-87193-3, 3-630-87194-1, 3-630-87195-X, 3-630-87196-8, 3-630-87197-6, 3-630-87198-4, 3-630-87199-2, 3-630-87200-X, 3-630-87201-8, 3-630-87202-6, 99 €

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