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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 3
Vorbemerkung
Eine Vorform des folgenden Textes schickte ich aus
gegebenem Anlaß an die Badische Zeitung in Freiburg. Diese
reagierte nicht und war auf Nachfrage nicht einmal bereit,
mir den Eingang der Sendung zu bestätigen. Inzwischen
erweiterte ich den Text und sandte ihn in der vorliegenden
Form an die Süddeutsche Zeitung in München, die es aber
ebenfalls verschmähte, in irgendeiner Form zu reagieren.
Weitere Versuche zu unternehmen, hatte ich keine Geduld.
Jedoch stelle ich fest, daß es in unserer “freiheitlichen”
Presse offenbar nicht möglich ist, die wichtigsten
moralischen Fragen der Gegenwart abzuhandeln. Politische
Korrektheit – ein Wort, das ins Deutsche doch
wohl als Feigheit übersetzt werden muß
– ist immer noch oberstes Gebot. So glaubt man die
demokratische Ordnung zu schützen, tut aber das Gegenteil
und beweist in Wahrheit nur eines: nämlich daß unsere
Gesellschaft immer noch unfähig ist, die Vergangenheit
aufzuarbeiten, zu “bewältigen”.
Der Kniefall Willy Brandts in Warschau 1970 war ein symbolischer Akt von weltweiter Wirkung. Der Eindruck war darum so stark, weil Brandt durch seine Ehrlichkeit und seinen Mut überzeugte. Niemand hatte den Verdacht, hier sei ein gutinszeniertes Theater aufgeführt worden. Hinzu kam, daß der Mann, der das Schuldbekenntnis ablegte und die deutsche Verantwortung für alles, was in den zwölf Jahren des Unheils und der organisierten Unmenschlichkeit geschehen war, eingestand, eine Persönlichkeit war, der man keinerlei Mitschuld an den Verbrechen der Hitler-Zeit nachsagen konnte.
Das symbolisch aufgeladene Schuldbekenntnis war in dieser Weise nicht wiederholbar. Aber inzwischen ist ein bei jeder passenden (und manchmal eben auch unpassenden) Gelegenheit zu erbringendes Bekenntnis der Betroffenheit und der Scham zu einer Routine geworden, der sich bei entsprechenden Gelegenheiten so gut wie niemand entzieht. Die Folge liegt auf der Hand. Das Bekenntnis ist weithin zu einem leeren Ritual geworden, zu einem vorgeformten Lippenbekenntnis.
Das kam in sinnhafter Weise zum Ausdruck, als Bundeskanzler Schröder bei der regierungsoffiziellen Auschwitz-Gedenkfeier am 25. Januar die Ansprache hielt. Seine Rede war ernst und glaubwürdig; aber gerade darum kam die Tatsache, um die es geht, mit naiver Deutlichkeit zum Ausdruck. Schröder sagte: “Ich bekunde meine Scham angesichts der Ermordeten . . .” An dieser Formulierung hat sich, wie es scheint, niemand gestört. Aber sie verrät doch sehr viel. Man empfindet die Scham nicht wirklich, aber man sollte es korrekterweise tun, darum bekundet man sie; fast möchte ich sagen: man beurkundet sie vor der Öffentlichkeit. Aber dann überwiegt doch die Täuschung oder die Selbsttäuschung?! Auf jeden Fall ist es an der Zeit, sich zu fragen, ob wir in diesem Fall nicht vor lauter Bereitschaft, alles “richtig” zu machen, einen ganz unkorrekten Umgang mit dem Wort Scham – und mit der Scham selbst pflegen.
Um Mißverständnisse von vornherein auszuschließen: die Verantwortung der Deutschen, ihre Schuld steht außer jeder Frage. Aber wenn man den Anschein erweckt, es gehöre sich, Trauer und Scham zu empfinden, so hat man beides entwertet; und dann triumphieren natürlich die ewig Unbelehrbaren und entrüsten sich über unsere Heuchelei. Ich stelle nicht die Frage, ob es heute wirklich möglich ist, über die Vergangenheit immer noch Trauer und Scham zu empfinden, sondern ich sage: man kann sich nicht sechzig Jahre lang schämen für etwas, das man nicht selber getan hat, und man kann auch nicht sechzig Jahre lang trauern. Wohl aber kann man, und das nicht nur für die Dauer von sechzig Jahren, Verantwortung haben und Verantwortung tragen, und genau das sollte man tun. Die falschen Töne müssen verschwinden, sonst verlieren wir vor uns selbst und vor der Welt die Glaubwürdigkeit.
Aber so seltsam es ist: sobald wir die genannte Erforderung ernst nehmen, stellt sich doch wieder Scham ein, wiewohl in anderer Weise als zuvor. Einmal ist ja der Umstand, daß wir uns zu schämen behaupten, ohne wirklich Scham zu empfinden, schon in sich selber beschämend. Aber es gibt noch einen anderen, tieferen Grund. Die Gefahr, daß die Vergangenheit sich wiederholen könnte, ist so gering wie nur möglich. Aber das liegt allein an den äußeren Umständen, die allesamt nicht unser Verdienst sind. Die einzige Scham, die wir mit Recht haben könnten, haben sollten, wäre die Einsicht, daß wir in Wahrheit gar nichts gelernt haben, daß wir im Ernstfall nichts besser machen würden als die “Generation Hitler”. Natürlich schmeicheln wir uns, ganz schöne Verdienste zu haben: Wir “erinnern” uns, so oft es verlangt wird; wir belehren die Jugend; wir bauen Museen und stellen zahllose Mahnmale auf, damit unentwegt Gedenken stattfinde, und manche dieser Mahnmale bauen wir, schon um die Größe unseres guten Willens zu zeigen, absolut gigantesk. Uns selbst dagegen haben wir im Entscheidenden kein bißchen verändert, das Verändern nämlich als ein Sichbessern verstanden. Ich darf das, schon aus Raumgründen etwas schwarzweiß malend, folgendermaßen erklären.
Hitler hätte, trotz all den einmalig besonderen Umständen, die sein Aufkommen und seinen Durchbruch begünstigten, und trotz der Brutalität, die er einsetzte, nie so viel Macht erlangt, wie er für sein diktatorisches Regieren brauchte, wenn nicht die Feigheit bewirkt hätte, daß die Millionen von Mitbürgern, die abseits standen und innerlich immer abseits blieben, bedingungslos kuschten. Alle haben ihre Kinder in die Hitlerjugend geschickt, alle haben Fahnen aus den Fenstern gehängt, und bald hat auch keiner es mehr gewagt, in der Öffentlichkeit anders als mit “Heil Hitler” zu grüßen. Selbst solche, die im Hintergrund Widerstand leisteten, konnten den Gruß nicht verweigern, wiewohl doch klar ist, daß sie damit, wenn auch zähneknirschend, ein Treuegelöbnis ablegten und es Tag für Tag, wer weiß wie oft, wiederholt haben. Jedenfalls brach der öffentliche Widerstand gegen Hitler ziemlich sofort und völlig zusammen. Die “Ergebenheit ins Unvermeidliche” war beängstigend groß. Zwar verkleidete man seine Feigheit gerne als Überzeugung; ich habe das als Junge an den Freunden meines Vaters reichlich zu sehen bekommen. Aber wie auch immer, das Regime hat diesen Umstand ausgenutzt, um jeden Anflug von Widerstand immer mehr in die Enge zu treiben, bis es für die Gefügigkeit keine Grenze mehr gab.
So ziemlich dieselbe Bereitschaft, sich zu fügen, finden wir heute; sie ist unsere eigene Gegenwart. Kaum einer wird ungestraft die vorgezeichneten Linien der politischen Korrektheit verletzen; und den Mut dazu leisten sich auch Zeitungen nur zögernd und vorsichtig, meistens in Nebensächlichkeiten, in wichtigen Punkten eher selten. Die Folgen davon sind unvermeidlicherweise groß. Diese ungeschriebenen Verbote schränken ja nicht nur die Äußerung der Gedanken, sondern auch die Denkfreiheit ein.
In diesem Zusammenhang ist an den jungen Karl Marx zu erinnern. Dieser hatte 1842 das Holzdiebstahlsgesetz des 6. Rheinischen Landtags, das Holzfrevel (Aufklauben von Zweigen) im Wald als Diebstahl behandeln wollte, mit den Worten verhöhnt: Wenn man Frevel zum Diebstahl erkläre, werde die Folge sein, daß Diebstahl in den Augen der Leute nur noch als Frevel gelte. So ähnlich ist es auch, wenn man zum Beispiel eine grundsätzliche Kritik an der Politik des Staates Israel in den besetzten Gebieten als Antisemitismus abstempelt: Dann erhält in den Augen der Leute der Antisemitismus eine moralische Aura. Die Rechtsextremisten mögen uns ein Stachel im Fleisch sein, aber drücken wir ihn nicht selbst noch tiefer hinein?
Die feige Anpassung an alles, was als korrekt gilt, ist eine geistige und moralische Uniformierung, die nicht viel anders ist, als ob man seinem Körper eine, etwa gar braune, Uniform anpaßte. Dieses Zustandes sollten wir uns schämen; denn er zeigt, daß wir die Vergangenheit bei weitem noch nicht bewältigt haben. Ich fürchte sogar, es gibt noch etliche andere Gründe dafür, daß wir uns auch weiterhin schämen. Aber dafür brauchen wir keine Denkmäler, sondern die Einsicht, daß etwas gegen die virulente Feigheit der Deutschen getan werden muß. Dafür vor allem taugt das Gedenken, es muß nur ins Richtige gewendet und – angewandt werden.