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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 3
Mit: Waltraud Gossmann,
Hans-Georg Grunder,
Rolf Michenfelder,
Ruth Bärbel Raabe,
Claudia Weiss
Viele leere Gläser stehen nach geselligem Abend in irgendeiner dieser Institutionen, (lass es den Altennachmittag im Bürgerhaus, das Altenhilfe-Zentrum, das Betreute Wohnen in St. Elisabeth oder etwas schicker in Ars Vivendi oder... sonst wo sein) auf dem Tisch. Drei Alte sind bis zum Schluss geblieben, sie bilden den harten Kern. Die Animateure wollen heim, rücken Stühle, spielen Rausschmeißermusik. Die drei Alten gehen aber nicht. Sie schenken wieder Wein nach. Trinken die Gläser nicht aus. Tanzen langsamen Walzer, knebeln den Animateur, der am Ende wie ein karierter, blöder Hund in der Tasche hockt und bringen die Entertainerin DJane zur Verzweiflung: „Die Party ist vorbei!“ schreit diese und bekommt einen Bewegungsanfall.

Nein, sie fängt erst an, die Party, denn die Alten machen keinen Hehl daraus, sie hätten wenigstens hinter sich, was DJane (Claudia Weiß) an Leben noch blühe: „Es wird ungemütlich im Lande der Vergreisung. Gestrauchelte Inliner-Greise liegen am Wegesrand...“ Ja, Mitleid empfindet das aufgeräumte Trio mit den Jungen.
Es folgen mitunter sehr eindrückliche Bilder einer verkehrten Welt. Der mit Packband gefesselte jugendliche Animateur zieht vorn am Bühnenrand in Tippelschrittchen am älteren Tanzpaar (Hans–Georg Grundner und Ruth Bärbel Raabe), welches tänzerisch virtuos auftritt, vorbei. Das dauert ewig und ist einer der stärksten Momente des Stücks. Dann muss der Gefesselte gefüttert werden, mit Wurststückchen, die ihm Waltraud Gossman nahezu stoisch in den Mund steckt. Die durchgängig sensible Beleuchtung (schön dieser kontinuierlich-gleichförmige Tag-Nacht-Wechsel über dem Tisch) von Matti Fischer akzentuiert diese groteske Polarität aufs schärfste. Den Höhepunkt bildet die Szenerie, als Ruth Bärbel Raabe zu „My generation“ von “The Who“ auf dem Tisch tanzt und ihre kurzen grauen Haare mit einer schwarzen Langhaarperücke bedeckt. Mit der weißen Maske rückt der Tod heran und passt ins Bild, ist nicht mehr fremd. Man denkt auch an Wolfgang Ambros’ „Auf’m Zentralfriedhof ist Stimmung!“ Es gibt Szenenapplaus.

Waltraud Gossmann, der ruhende Pool der Inszenierung beeindruckt mit leiser Stimme und sparsamer Attitüde. Überhaupt liegt die Stärke dieser Aufführung in der Größe des persönlichen Spielraumes der Akteure. Nie hat man das Gefühl, Michenfelder und Weiß hätten den drei Laienschauspielern etwas antrainiert oder sie in vorgegebene Bahnen gelenkt.
Das macht dieses Stück wirklich zu etwas Besonderem. Denn, ein Qualitätsmerkmal der seriösen Auseinandersetzung mit dem an diesem Abend buchstäblich „heißen“ Thema (Brutkastentemperaturen herrschten gegen 21.30...) besteht nicht zuletzt darin, wie Künstler mit Laien, die dieses Kunstwerk ja erst ermöglichten, umgehen: Nämlich gleichermaßen ernsthaft wie zurückgenommen. Das karge Bühnenbild um die 14 verschiedenen Holzstühle, die wie Stellvertreter der Nichtanwesenden wirken, korrespondiert damit.

Ruth Bärbel Raabe (77, Buchhändlerin), die im November 2004 eigentlich nur zu einem Gespräch zum Thema kommen wollte, und dann schließlich zu einer der fünf Säulen des Stückes wurde, verbindet Zerbrechlichkeit mit Zähigkeit. Waltraud Gossmann (78, Lehrerin, Indienreisende) überzeugt mit ihrem lyrischen Vortrag:
„Alt werden ist kein Thema.
Alt wird man.
Fertig.
So ist das.“
Hans Georg Grundner, (69, Arzt, Hochschullehrer) gibt seine Rolle mit einer
Spitzbübigkeit, die einen erahnen lässt, dass es ein „inneres
Alter“ gibt, welches man nur an den Augen eines Menschen erkennen mag
und das jeder nur von sich selber kennt.
Das Publikum honorierte diese gewagte Kombination von Gesellschaftsspiegelung,
Melancholie und Slapstick-Einlagen (z.B. die Schießer-Feinripp-Unterhosen-Nr.)
mit begeistertem Applaus, mit Jubel sogar. Das Trio der Alten bekam Rosen
von den jüngeren beiden Kollegen (die aber auch schon um die 50 sind,
und im „hippen“ g-werk selbst allmählich zu den Oldies gehören).
Ein schönes allegorisches Schlussbild.

Dass ältere Menschen mit auf der Bühne stehen „dürfen“, um noch ältere zu spielen, sieht man sonst nur im Dorftheater des Marburger Umlandes, wo die Alten aber auch weniger isoliert sind, eben nicht an extra Tischen, bei extra Veranstaltungen, sondern einfach noch dabei sitzen können, solange sie wollen. Das Ungewöhnliche am neuen german stage Projekt ist der Tabubruch, die sich auftuenden Abgründe jeden Alterns in die eher jugendlich-orientierte Kulturszene am g-werk zu implantieren. Damit sogar noch eine neue Spielstätte einzuweihen, das hat schon Klasse, weckt aber auch Erwartungen.
Dr. Erika Schellenberger-Diederich
Im Anschluss der Aufführung führte ich ein Theater-Gespräch mit einer Zuschauerin Dr. Renate Scharffenberg (81, Lehrerin, Rilke-Briefe-Editorin, Gründungs-mitglied des Marburger Forums)
Marburger Forum: Hatte dieses Stück etwas mit dir zu tun?
Renate Scharffenberg: Nein! Ich bin anders alt geworden. Das klingt eingebildet. Aber dadurch, dass ich immer geistig gearbeitet habe, - auch wenn es keine bedeutende geistige Arbeit war – war ich wohl zu abgelenkt. Geistige Arbeit hält jung. Mich haben Aktivitäten wie Ausgehen und Tanzen nie sehr interessiert. Deshalb vermisse ich das jetzt auch nicht. Diese Probleme, die diese Unglücksleute hier hatten, waren nicht meine.
MF: Welche Probleme meinst du?
RS. Dieses Paar am Tisch. Mit dem Mikrophon. Sie saßen genau vor mir. Sie flirteten und wollten mehr. Aber im Grunde fehlte ihnen der Mut. Sie waren sich selbst nicht sicher, inwieweit sie das mit dem Sex noch leisten könnten. Das fand ich sehr überzeugend.
MF: Welche Szenen oder Bilder aus dem Stück sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
RS: Die ganze Sache an das Ende eines geselligen Abendszu stellen, war eine sehr gute Idee. Die Alten taten mir Leid.
MF: Warum?
RS: It’s my generation! Dass man sich umbringen muss, um zu verhindern, in eine völlig unangemessene Situation (Altenheim etc.) zu geraten, finde ich schlimm. Ich kenne solche Fälle.
MF: Hat dich auch schon mal jemand (wie in dem Stück) in der Art „Oma, mach mal Platz...“ angesprochen?
RS: Nein, noch nie. Es mag aber auch an meiner Größe (1,80m) liegen, das gibt es in meiner Altersgruppe bei Frauen wohl eher selten (lacht). Über abschätzige Bemerkungen kann ich mich nicht beklagen. Überhaupt habe ich viel Glück gehabt im Leben.
MF: Was hättest du heute beim Thema Altern erwartet?
RS: Das Alleinsein im Alter, z.B. am Ende von Partnerschaften, erfordert dringend eine Umorientierung.Freundschaften spielen eine enorm große Rolle, Momente wirklicher Zuwendung. Der Versuch, mit sich selber ins Reine zukommen, ist wichtig. Ich reise und sammele ganz neue Eindrücke, aber auch die Erinnerung ist da. Ich habe ganz spät das Internet für mich entdeckt, das Marburger Forum aufgemacht, mit 73.
MF: Wie erlebst du denn dein Altsein körperlich?
RS: Gerade physisch entsteht viel Unsicherheit. Ich bin sehr vorsichtig. Und je vorsichtiger man ist, umso wackeliger wird man und stürzt dann wirklich.
MF: Ich habe mich gefreut, gerade mit dir das Stück „Funny Abgrund“ zu besuchen und darüber zu sprechen.
RS: Ich wäre da sonst nie hingegangen, wenn du nicht davon angefangen hättest. Diese Szene mit dem Unglücklichen mit dieser Unterhose... das war mir aber zu lang. (Lacht.) Ansonsten war das alles eine sehr geschlossene Sache. Man kommt ins Nachdenken, wenn man drüber spricht.
Das Alter
Das Alter ist ein höflich Mann:
Einmal übers andre klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Tür will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißts, er sei ein grober Gesell.
Johann Wolfgang von Goethe ist 63 Jahre, als er das schreibt.
Von Vorruhestandsregelung hat er bekanntlich nichts gehalten.