Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 4


 

Dieter Voigt, Sabine Meck: Gelassenheit. Geschichte und Bedeutung. Darmstadt: Primus 2005, kartoniert, 224 Seiten, ISBN 3-89678-529-X, 16,90 €

Die Autoren, der emeritierte Soziologieprofessor Dieter Voigt, zuletzt in Bochum tätig und die in Berlin arbeitende Wissenschaftsjournalistin Sabine Meck, nähern sich in ihrem Buch dem Begriff „Gelassenheit“ historisch und systematisch, wobei sie theoretische Analysen der Primärliteratur um praktische Hinweise zum Vollzug des häufig zitierten „Stufenwegs“ hin zur Gelassenheit ergänzen. Damit steht der Text methodisch zwischen einer wissenschaftlichen Abhandlung und einem praxisorientierten Ratgeber.

Im ersten Teil, der historischen Annäherung an den Gelassenheitsbegriff (Kapitel I-VI), nehmen die Autoren die Lesenden mit auf eine Reise durch die Geschichte des mystischen Denkens, von den Vorsokratikern über die „Deutsche Mystik“ des Mittelalters bis zu den mystischen Einlassungen einiger herausragender Physiker des 20. Jahrhunderts (Einstein, Heisenberg, Hawking u.a.). In der Antike näherten sich verschiedene Philosophen dem an, was unter „Gelassenheit“ zu verstehen ist. Zitatenreich und mit dem Blick für die Zusammenhänge werden die Konzepte besprochen: Demokrits euthymia (gutes Gemüt), die tranquilitas animi (Seelenruhe) Senecas, die sich an das euthymia-Konzept anlehnt, Platons theoria als Ideenschau der Seele, vom Neuplatoniker Plotin zur henosis (göttliche Einigung) erweitert, die aristotelische eudaimonía (geglücktes Leben) auf Basis der arete (Tugend) des „Maßhaltens“, Epikurs galenismós (Meeresstille), der eine zentrale Metapher des Gelassenheits-Topos einführt (das Meer) und Plutarchs „Gemütsruhe“. Sie alle kreisen den Begriff der Gelassenheit ein, ohne seinen Kern zu treffen und ohne seine semantische Dichte und Fülle vollständig zu erschließen. Dies gelingt erst im Mittelalter dem bedeutendsten Vertreter der „Deutschen Mystik“, Meister Eckart. Erst mit seiner Wortschöpfung gelâzenheit steht der deutschen Sprache ein Konzept zur Verfügung, das die Vielschichtigkeit eines Sachverhalts anzeigt, in dem Ruhe, Meditation, Kontemplation, Einheit mit Gott und andere Assoziationen theologischer, mystischer und psychologischer Art mitschwingen. Die Unübersetzbarkeit des Begriffs Gelassenheit – die Autoren geben zu Beginn einige Beispiele aus anderen Sprachen, die jeweils nur Teilaspekte der Semantik von „Gelassenheit“ abdecken - hängt eben gerade mit der Etymologie zusammen: Aus dem Prozess des gelâzen hân folgt bei Meister Eckart der Zustand des gelâzen sîn, den er ganz in den Dienst der mystischen Einheit mit Gott (unio mystica) gestellt wissen möchte, was ihn und seine Schüler (v.a. Heinrich Seuse) dem Häresieverdacht aussetzte, war die unio mystica der mittelalterlichen Kirche doch nicht nur suspekt, sondern auch gefährlich, da es ihr bei der Erhaltung politischer Macht gerade um das Trennende zwischen Gott und den Menschen, um das Schüren von Angst und die theologischspirituelle Monopolstellung ging. Der Einzelne sollte nicht selbst den Weg zu Gott suchen; genau dies forderten jedoch die Mystikerinnen und Mystiker.

Das „Lassen“ steht am Anfang der „Gelassenheit“ und bildet ihren semantischen Kern. Zugleich ist es in der Selbsttranszendenz, dem Lassen des „Ich“, letztes Ziel der Gelassenheit. Die Genialität dieser Wortschöpfung Meister Eckarts zeigt sich darin, dass Gelassenheit schon den Hinweis auf seine Verwirklichung enthält: Gelassenheit setzt das Lassen all jener Eigenschaften, Gewohnheiten, Umstände, Scheinbedürfnisse u.a. voraus, die dem Gelassenwerden im Wege stehen und die den Menschen hindern an der Einheit, am Einswerden mit Gott. Das Lassen ist conditio sine qua non des Stufenwegs zur Gelassenheit, den jeder Mensch gehen sollte, denn der häufig zitierte zentrale Gedanke des Buches ist: Gelassenheit verkörpert die höchste Entwicklungsstufe des Menschen, d.h. der Sinn unseres Lebens liegt im Gelassenwerden, einem schwierigen Prozess von langer Dauer. Der innere Zusammenhang von Lassen und Gelassenheit wird anhand einschlägiger Schriften nachgezeichnet: Von der Forderung Jesu nach dem „Verlassen“, dem Auflösen aller Bindungen, einschließlich der zu sich selbst (Selbstverleugnung), über die Deutsche Mystik und die Reformation, in der die zunehmende Säkularisierung des Gelassenheitsbegriffs eine Transformation in die Ethik und eine Dienstbarmachung im Rahmen individueller Lebenskunst vorbereitete, bis schließlich ins 20. Jahrhundert, in dem sich u.a. mit Papst Johannes XXIII. und Albert Einstein zwei höchst unterschiedliche Persönlichkeiten zum Thema Lassen und Gelassenheit äußerten. Während bei Johannes XXIII. das Lassen zur konkreten Anweisung wird („Nimm Dir nicht zuviel vor.“, zit. auf S. 127), sieht Einstein im Lassen den Schlüssel zum gelungenen Leben: „Der wahre Wert eines Menschen ist in erster Linie dadurch bestimmt, in welchem Grad und in welchem Sinn er zur Befreiung vom Ich gelangt ist.“ (zit. auf S. 179).

Im zweiten Teil, der systematischen Betrachtung des Begriffs „Gelassenheit“ (Kapitel VII-X) nennen die Autoren einige der Entwicklungsförderer und -hemmnisse und versuchen so, eine gewisse operationale Handhabe über den Begriff zu bekommen. Wenn man schon nicht „auf einen Schlag“, sondern nur stufenweise, durch beharrliches Arbeiten an der eigenen Persönlichkeit, gelassen werden kann, ist es wichtig, etwas mehr über die Beschaffenheit der Stufen zu wissen, so die Idee. Die Autoren schöpfen dabei aus dem zuvor v.a. bei Meister Eckart identifizierten Begriffsrepertoire (Liebe, Demut, Herzlichkeit, Leben im Augenblick) und sind schließlich gar um die Erarbeitung einer „Theorie der Gelassenheit“ bemüht, in der neben den erwähnten Aspekten der Gelassenheit noch weitere hinzutreten: äußere und innere Ruhe, Freiheit von Angst, Weisheit u.a.

Zwar nennen die Autoren damit zahlreiche Komponenten, die mit dem Gelassenheitsbegriff konnotiert werden, lösen aber ein Problem nicht: Die Zirkularität des Verhältnisses dieser Teilaspekte zum Ganzen, denn innere Ruhe etwa ist Bedingung für Meditation und Kontemplation, welche ihrerseits Methoden darstellen, zur Gelassenheit zu gelangen, als deren Folge wiederum innere Ruhe in Erscheinung tritt (S. 177 f.). Hier zeigt sich, dass jeder systematische Zugang zur Gelassenheit auf eine Grenze stößt, die mit noch so wohlmeinenden Tipps (z.B. zur Konzentration auf den Augenblick: „Geben Sie kreisenden Gedanken aus Vergangenheit und Zukunft keinen Raum.“, S. 172 – Wie aber sollte man das anders schaffen als durch „innere Ruhe“, die man aber erst durch das „keinen-Raum-Geben“ erreichen soll?) und auch mit der Darstellung einer hierarchischen Struktur verschiedener Begriffskomponenten, bei der Gelassenheit ganz oben steht (Abb. 4, S. 177), nicht überwunden wird, weil die Möglichkeit, die Tipps zur Erreichung der angedeuteten Stufen auf dem Weg zur Gelassenheit zu beherzigen, schon viel von dem voraussetzt, was eigentlich erst erlangt werden soll: Gelassenheit. Zumindest partiell liegt dem Suchenden somit das Ziel bereits am Start im Rücken; wünschenswerte Folgeerscheinungen sind zugleich Bedingungen ihrer Herbeiführung. Was einerseits i.S.d. Autoren positiv als eine sich selbst verstärkende Aufwärtsspirale zu immer mehr Gelassenheit gedeutet werden kann – im Gegensatz zur Abwärtsspirale immer neuer Scheinbedürfnisse mit immer kürzerer und schwächerer Befriedigungswirkung -, stellt anderseits die Schwierigkeit des Begriffs Gelassenheit vor Augen: Er lässt sich in seiner komplexen Natur nicht restlos analysieren und bleibt in seiner Selbstbezüglichkeit unfassbar und unerklärlich. Die Autoren selbst zeigen zu Beginn, dass das Ganze der Gelassenheit mehr ist als die Summe seiner Teile, seiner Voraussetzungen und Folgen, denn sonst hätte es in der Mystik keines neuen Konzepts jenseits der bekannten christlichen Größen wie Demut, Liebe, Weisheit etc. bedurft. Insoweit muss die angestrengte „Theorie der Gelassenheit“ notwendig inkohärent bleiben und es scheint mir, dass jenes von den Autoren gerügte Desinteresse der akademischen Gesellschaftswissenschaften und des Bildungssystems an dem Begriff Gelassenheit im Zusammenhang mit der Persönlichkeitsentwicklung (S. 136 ff.) genau darin seine methodologische Begründung hat.

Dennoch: Die große Bedeutung der Gelassenheit legt es nahe, sich mit dem Konzept und den konstituierenden Begriffen zu beschäftigen. Auch wenn einen die Radikalität Meister Eckarts zunächst verschrecken mag („Gelassenheit ist der Weg, der Mensch zu werden, der man ist.“, S. 102) und man das Credo der Autoren („Der Mensch der Zukunft wird Mystiker sein.“, S. 160) nicht ohne weiteres teilt, wenn es einem übereilt erscheint, von einigen ausgesuchten Zitaten auf die Befindlichkeit der gegenwärtigen Wissenschaft zu schließen (S. 55 ff.), wenn es einem zu einfach ist, Phänomene wie den Faschismus und anderes „Böse“ allein auf den Mangel an Selbsttranszendenz, d.h. letztlich an Gelassenheit zurückzuführen und dabei andere Faktoren außer Acht zu lassen (S. 158), wenn es einen weltfremd anmutet, Gelassenheit als universelles Konzept zu verstehen, das von allen Menschen gleichermaßen erreichbar ist, ohne Ansehung der persönlichen Voraussetzungen hinsichtlich Intelligenz, Bildung, Herkunft, Wohlstand (mögliche Prädestinierungen werden nur angedeutet, S. 169 f.), oder wenn es einem schlicht und ergreifend zu mühsam vorkommt, den Weg hinauf zur Gelassenheit zu gehen - die Vielzahl der Beispiele, die eindrucksvoll zeigen, wie Gelassenheit den Menschen zum Guten verändert, macht neugierig.

Das Buch bietet in diesem Kontext einen gelungenen Einstieg, unterscheidet es sich doch einerseits durch flüssigen Schreibstil und – zumindest intentional - durch Praxisbezug sehr angenehm von vorliegenden philosophischen Betrachtungen zum Thema, andererseits hebt es sich durch den lehrreichen historischen Teil deutlich von so manchem oberflächlichen Ratgeber ab. Das Buch kommt zur rechten Zeit, denn eine gewisse Sehnsucht der vollständig technisierten und ökonomisierten Wissens- und Wohlfahrtsgesellschaft nach Mystik und Spiritualität ist unverkennbar. Die heutige materiell ausgerichtete Medien-Welt lässt Selbst-Distanz kaum zu, die jedoch dringend nötig ist, eingedenk der zu erwartenden sozialen Entwicklung. Deswegen scheint es sinnvoll, sich darum zu bemühen, gelassen zu werden, um dann „aus Gelassenheit das zu vollbringen, was die Allgemeinheit unter Druck tut.“ (S. 153).

Josef Bordat

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