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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 4
Ende Mai 1968 erhält Gisela Dischner einen Brief aus Stockholm. Darin – handschriftlich – zwei Gedichte von Nelly Sachs (s. Abb.). »Aus einem neuen Zyklus«, schreibt die Dichterin darunter. Mit den Anfangszeilen »Abend in die Knie« und »Und reden quer« sind die beiden Gedichte in leicht veränderter Form in den zweiten Teil der Sammlung Teile Dich Nacht aufgenommen [1]. Während des Gesprächs mit Arne Grafe, am 8. März 2005, las Gisela Dischner die beiden Gedichte aus dem o.a. Brief vor (klicken Sie bitte auf die jeweilige Anfangszeile der Transkription des Gedichts, um sich die Lesung anzuhören).

(Nelly Sachs an Gisela Dischner, [Stockholm, 28. Mai 1968]; Original in Privatbesitz)
[Transkription:] Nelly Sachs an Gisela Dischner, [Stockholm, 28.5.1968]
Abend
in die Knie gesunken
im Sterben kommt niemand mit
Alle im schwarzen Kreuz des Schlafes
Immer nur Einer muß wachen
seit Adam die einsamste Minute schuf
Im Gehörraum
die Marter der Welt gesetzt
Klingender Tod –
April 1968
[/]
Und reden quer
wie nach dem Tod –
eine Lachtaube
unterm Brückenbogen-Dunkel
spricht mit Faladas Pferdekopf
der weiss:
O du O du
3 Blutstropfen aus zerspringenden Herzen
Und oben die Anderen
von Ufer zu Ufer
die Gewitter die Kriege
die Erde im Mund –
Mit herzlichen Grüßen für Giesela
Aus einem neuen Zyklus
Nelly
Mai 1968
Der Erstdruck von Auszügen aus den Briefen von Nelly Sachs an Gisela Dischner erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Dr. Hans Magnus Enzensberger. Aufzeichnung und Bereitstellung der Gedichtlesung von Arne Grafe.
Anmerkungen
[1] Vgl.: Nelly Sachs, Teile Dich Nacht II, in: Suche nach Lebenden - Die Gedichte der Nelly Sachs, hg. v. Margaretha Holmqvist und Bengt Holmqvist, Suhrkamp (1971), S. 135/143.