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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 4
Mein Buch des Monats Juli
Das Buch Vom Schnee oder Descartes in Deutschland von Durs Grünbein ermuntert Leserinnen und Leser, auf spielerische Weise eigene Zugänge zu dem Text zu suchen und zu entdecken.

Es fasziniert zunächst durch seine vielfältigen sprachlichen und formalen Facetten. Schon die Frage, was für einen Text man da eigentlich in der Hand hält und liest, kann zu einer spannenden Erkundung einer heute nicht ganz alltäglichen Textform werden. Das Buch ist keine Erzählung, aber es „erzählt“ in 42 Kapiteln von Descartes und seinem Diener und Vertrauten Gillot, von ihrem Aufenthalt in Deutschland und – im viel kürzeren zweiten Teil – von Descartes´ Aufenthalt und seinem Tod in Stockholm. Der Text wird, stellenweise wenigstens, zu einer Geschichte, ist aber gleichzeitig auch ein langes Erzählgedicht, dessen einzelne Kapitel aus jeweils sieben zehnzeiligen Strophen mit alexandrinerähnlichen Verszeilen bestehen. Deutlich knüpft Grünbein mit solchen versgebundenen Erzählformen an die großen epischen Werke vergangener Jahrhunderte, etwa eines Dante oder Milton oder Goethe, an. Der Lesereiz besteht vielleicht in der Erfahrung mitzuerleben, wie mühelos und unangestrengt sich die Sprachmächtigkeit des Lyrikers in den vorgegebenen epischen Rahmen einfügt, wie die mehr lyrischen Passagen immer wieder den Erzählgang unterbrechen und eine produktive Spannung zum epischen Erzählgestus erzeugen, wie flüssig und rhythmisch mitreißend die einzelnen Strophen und Verse daherkommen und wie sehr sie, eine besondere Qualität des Buches, zum lauten Lesen ermuntern. Es verwundert nicht, dass der erste Teil des Textes Vom Schnee oder Descartes in Deutschland gerade erst vor kurzem als Hörspiel gesendet wurde (hr2, in der Regie von Hans Drawe). Die Sprachmelodie und der Erzählfluss des Textes verlangen förmlich nach einer besonderen sprachlichen Präsentation.
Durs Grünbein ist ein ungewöhnlicher Sprachkünstler. Wie er zum Beispiel das Titelwort „Schnee“ zu einem Leitwort des Textes macht, ist beeindruckend. Von der ersten Zeile der ersten Strophe an ist „Schnee“ im Text gegenwärtig:
Monsieur, wacht auf. Es hat geschneit die ganze Nacht.
Soweit das Auge reicht auf einer weißen Fläche,
Schmückt sich das Land mit weißen Kegeln. Es sind Bäume,
Die mit der Winterhand der große Arrangeur
Veredelt hat. Man sagt, Ihr schätzt ihn, seinen
Spieltrieb,
Der Türmen Hauben aufsetzt und die Dächer deckt
Mit kalten Daunen. Sein kristallenes Flanell,
Gewebt aus Flocken, polstert faltenlos die Fluren aus,
Bis alle Welt verzaubert ist und tief verschneit –
Ein Foliant mit weißen Seiten, die nur er
beschreibt.
Auf solchen Sprachreisen in den Text hinein kann der Leser vieles andere entdecken: wie eng die Strophen und Kapitel durch wichtige Wörter miteinander verzahnt werden, wie Wiederholungen bestimmter Wörter und inhaltlicher Ereignisse eine formale Geschlossenheit des Textes bewirken, wie metaphorische und bildhafte Wendungen Assoziationen und Phantasien im Leser freisetzen.
Ein paar weitere Zeilen aus Kapitel 35 mit der Überschrift „Der düstere Tag“, in denen Durs Grünbein eine dichte Atmosphäre aus Herbst-Verlorenheit und Herbst-Fremdheit erzeugt:
Verloren drängt, ein Ulmenblatt, mit dürrem Stecken,
Der Hirt die Herde in den Stall. Der Wind treibt Scherz
Mit fröstelndem Entsetzen. Johlend, Reiterei
Holt ihn vorm Dorf ein – Tod und Teufel, zähnebleckend.
Und Krähn verziehen sich, gehässig krächzend, himmelwärts.
Dann ist, einmalig, auch dies Landschaftsbild vorbei.
Und Schatten sinken, herbstgewohnt, in Wald und Flur.
Ein Späher teilt den Raum in Hinterland und Front.
Im Wirtshaus zeigt die kalte Schulter eine Hure.
Unheimlich ist, so plötzlich fremd, die Welt, bewohnt.
Die Lektüre dieser Erzählung in Versform ist für den, der sich mehr auf den Inhalt konzentrieren will, spannend, unterhaltsam, mitunter komisch. „Erzählt“ wird im ersten langen Teil vom Aufenthalt zweier jüngerer Männer in einem kleinen Dorf bei Ulm, eingeschneit in den vier Wänden ihrer engen Behausung. Interessant wird ihre Geschichte dadurch, dass der eine Descartes ist, der andere sein Diener und Vertrauter Gillot. Mit dem Namen Descartes, der ja bereits im Titel des Buches erscheint, wird Grünbeins Text auch zu einer Darstellung philosophischer Themen. Aber – ein weiterer Beweis für seine literarische Sensibilität und Souveränität – der Text drängt sich in keiner Weise als eine philosophische Abhandlung in Versform etwa über Descartessche Denkansätze auf. Die unangestrengte Poesiehaftigkeit, die so charakteristisch für die sprachlich-formale Seite ist, bestimmt auch den Inhalt. Es geht zwar immer wieder um Descartes und seine Wirklichkeitserfassung. Es geht aber auch um ganz andere „unphilosophische“ Dinge: um Descartes´ Verhältnis zu Gillot, seinem Diener, beispielsweise, der viel mehr als ein Diener, schon gar keine zweite Wagner-Figur etwa ist, sondern im echten Sinn Frager, Stichwortgeber und Zweifler an Descartes´ Darlegungen und Antworten und damit ein wirklicher Gesprächspartner. Es geht um die Liebe Gillots zu Marie, die manchmal tragikomische Züge annimmt und von Descartes mit liebenswürdig-ironischen Worten begleitet wird, aus denen nicht selten ein Anflug von Neid herauszuhören ist. Und es geht, das vor allem, um die beklemmenden wie hoffnungsfrohen Zeichen für den Anbruch einer neuen Zeit. Giordano Bruno – „Ein Mann in Ketten / Bereitet sich aufs Sterben vor. Er ist noch jung, / Naturverliebt. Ein Schlosshund heult. Früh kräht ein Hahn. / Kein Mea culpa, kein Gebet im Stillen kann ihn retten. / Ein Delinquent, weil ihm das Herz lag auf der Zunge … / Kein Arm reicht weiter als der Arm des Vatikan.“ –, Tycho Brahe, Kepler, Galilei werden als Zeugen des Zeitenumbruchs genannt. Mehr als ihre revolutionären Ideen aber sind die Schrecknisse des aufkommenden Dreißigjährigen Krieges im Text allgegenwärtig: „Man sah ihn überall, metallen seine Drachenschuppen – / Den Schlachtengott. Lafetten, Äxte, Lederpanzer. / Das wälzte sich durch Fluren, lärmend, brach durch Wälder. / […] Krieg reißt dich fort. Kein Stein bleibt auf dem andern. / Verbrannt die Ernte, Stadt und Land wird überflutet. / […] Europa schwelt. Es dunkelt. Rauch steigt vom zerrissenen / Altartuch auf. Introitus … Das Mittelalter ist vorbei.“
Descartes´ Leben und Denken sind für Durs Grünbein durch diese gewaltsamen Umbrüche in den Staaten, Völkern, Gesellschaften des damaligen Europa bestimmt, denen Descartes nicht entfliehen oder ausweichen kann. Er wird selbst zu einer Gestalt, die durch ihr radikal-zweifelndes Denken den Beginn einer neuen Epoche markiert und damit das Mittelalter endgültig überwindet:
Sie ist vorbei. Sieur du Perron, die schöne Zeit, sie wird
Nie wiederkehren. Einen Winter lang vorausgeeilt
Dem eignen Schatten seid Ihr, jung und vogelfrei.
Das ist ein Anderer, der morgen durch Europa irrt.
Venedig, Rom, Florenz, Paris: der neue Mensch verweilt
Kaum länger irgendwo als einen Monat oder zwei.
Ich sehe Achsenbruch – und Flucht bei Nacht – und Raub –
Und Degenkampf. Ich sehe Abenteuer und Amouren.
Und eine Dame klagt: „Der kennt nur eins, woran er
glaubt.“
Monsieur, bald stellt man überall – nach Euch – die Uhren.
Aber natürlich ist Durs Grünbeins „Erzählgedicht“ auch eine Einladung an die Leser, sich auf Descartes´ Spuren zu begeben und im Text Anspielungen auf biographische Ereignisse wie auf philosophische Gedanken zu entdecken.
Der erste Teil des Buches dreht sich um ein viel zitiertes Ereignis aus dem Leben des jungen Philosophen. In einem kleinen Ort bei Ulm, so heißt es, habe Descartes im Winter 1618 / 19 in einem Traum oder in einer Vision seine Berufung zum philosophischen Wahrheitssucher erfahren. Das Erlebnis habe sein Leben verändert. – In vielen Kapiteln und Strophen kreist Grünbeins Buch um dieses Traumereignis:
Es war November. Kälteeinbruch. Schneesturm schnitt
Nach jeder Himmelsrichtung mir den Rückzug ab.
Die Außenwelt, sie widersprach dem Traum des Heraklit.
Kein pantha rei, nur Stillstand, Stau landauf,
landab.
Und ich, kein Seher, trieb im Bett umher und fror –
Ein Eremit im Nirgendwo. Vom Schnee und Eis
blockiert,
Die Landschaft kam mir wie ein zweites Grönland vor.
Ich saß für Wochen fest, im Winterschlaf, ein Murmeltier.
Und da geschahs. Da endlich stieß ich auf den Grund
Der neuen Wissenschaft und sah die Richtung und –
[…]
Der Erzähler kommentiert das philosophische Erweckungs-Erlebnis mit leicht ironischen Worten am Ende dieses 21. Kapitels:
[…]
Der Winter hält
Den Tag mit Riesenpranken. Und ein Menschlein überdenkt
Die große Unbekannte draußen – jene Glitzerwelt.
„Tabula rasa“ murmelt er, der dort noch immer sitzt.
Er atmet ruhig. Er scheint weit weg. Er lacht verschmitzt.
Es sind solche ironischen, manchmal auch komischen Sätze und die Darstellung banaler Wirklichkeit, die das Ernst-Philosophische des langen Erzählgedichts – es geht immer wieder um das Sehen, Wahrnehmen, Zweifeln, In-Frage-Stellen dessen, was Wirklichkeit heißt, – zu einem Stück auch unterhaltsamer Literatur machen und eine augenzwinkernd-unterhaltsame Spannung zwischen Tiefschürfendem und vermeintlich Vordergründigem aufbauen.
Wer sich darauf konzentriert, Descartes´ Spuren im Text zu entdecken, wird leichtes Spiel haben. Wie genau Grünbein biographische Details des Philosophen in seinen Text eingearbeitet hat, soll noch einmal an den Schlusskapiteln gezeigt werden. Hier kann man, bei entsprechender Spurensuche, vieles wiederfinden, was aus Descartes letzten Lebensmonaten und Lebenswochen bekannt ist: seine Überfahrt zum Beispiel zusammen mit seinem Assistenten Schlüter von Amsterdam nach Stockholm auf einem eigens ihm von der schwedischen Königin gesandten Schiff, eine Überfahrt, der Descartes erst nach langen Überredungskünsten des Diplomaten Chanut zustimmt; den Satz des Kapitäns oder Steuermanns voller Respekt und Hochachtung für seine Navigationskünste, „kein Mensch, ein Halbgott“ sei mit ihm nach Schweden gesegelt; den frostigen Empfang in Stockholm durch die Höflinge; die frühmorgendlichen Audienzen bei Königin Christina; die winterliche Kälte und Dunkelheit in dem fremden Land, die Descartes verabscheut; sein Lungenleiden und sein Sterben in Stockholm, der „aufgeräumten Stadt dort an Europas Rand.“
Descartes´ Sterben behandelt Grünbein in vielen Strophen. Aus dem eher gewöhnlichen Tod des Philosophen macht er das heldische Sterben eines Menschen, der bis zum Ende der große Zweifler und Frager ist und dadurch der Wahrheit ein Stückchen näher rückt als die meisten anderen Menschen:
So wahr ich sitz hier, träumend, wie ich krank
darniederlieg …
Nein, umgekehrt: so wahr ich lieg und träum, ich sitze
dort
Im Winterrock beim Feuer, und die Hand da auf dem
Tisch
Fühlt das Papier … so weiß ich: dies hier ist mein
Leib,
Hoc corpus meum. Wo ich bin, wird nie ein
andrer sein.
Auf engstem Raum, gottlob, bin ich nicht
kleinzukriegen,
Solang ich denke. „Vorsicht Freund, wer sagt dir denn,
Daß dies kein Traum, kein Nachbild ist aus andern
Zeiten?
Vom Schnee verwirrt, wer weiß, bildst du dir ein im
Schlaf,
Du sitzt am Tisch.“ „Und lieg im Bett, mein eigner
Biograph?“
Der Schnee steht im Text als Metapher für jene Zeit der Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ein Mensch wie Descartes – und das mag für kreative Menschen überhaupt gelten – buchstäblich auf sich selbst „zurückgeworfen“ und gezwungen wird, sich dem eigenen Selbst zuzuwenden. Im „Chaos“ der Schneestille und Schneeeinsamkeit bleibt als einzige Gewissheit die eigene Existenz. Der menschliche Geist macht es möglich, Skepsis und Zweifel zu überwinden und zu neuen Gewissheiten vorzustoßen. – Wie sehr eine solche philosophische Haltung in Gefahr ist, Wirklichkeit zu verkürzen, ja auszuklammern, wird in Durs Grünbeins Erzählgedicht in vielen Passagen ironisch-lächelnd vorgeführt. Insgesamt aber lässt der Autor vor dem Leser einen Philosophen lebendig werden, der der geschichtlichen Wirklichkeit keineswegs ausweicht, sondern ihr im Gegenteil bis zum Schluss rebellisch-jung und kritisch begegnet. Descartes rettet sein winterliches Traumerlebnis als Impetus seines philosophischen Nachfragens und Nachdenkens bis an sein Lebensende.
Der Text beginnt mit einem Bild, in dem Schnee die Landschaft verzaubert; er endet er mit einem Bild der Winterkälte, der Erstarrung und des Todes:
Hellwach lag er [Descartes]. Und hob die schweren
Lider, voluptuös,
Die große Nase. Ein Barockgesicht wie aus dem Buch.
Dann brach er ein, sank in den Schnee zurück, gefror.
Kein Pochen unterm Brustbein mehr. Descartes,
encore…
Herbert Fuchs