Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 4


 

Philosophie des Kampfes

von Robert Hammer

 

4. (korrigierte) Fassung;

latinisierte E-Text-Version der 3. Fassung

© Robert Hammer, Wien 2005

 

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TEIL 3 von 3

 

»Philosophieren ist der Entschluß, den Ursprung wach werden zu lassen, zurückzufinden zu sich und im inneren Handeln nach Kräften sich selbst zu helfen.«
Karl Japsers, Einführung in die Philosophie, S. 93

 

Kritik der Philosophie

In der indischen Philosophie wurde die Richtigkeit eines Systems darin gesehen, daß der Weise sich an die Prinzipien seiner Lehre gebunden fühlte und sie in die Praxis umsetzte [1]. In der europäischen Antike implizierte Philosophie zwar immer eine bestimmte Lebensweise, Priorität wurde jedoch auf die erkenntnistheoretische Wahrheit einer Lehre gelegt. In den Platonischen Dialogen zeigt sich der Geist des Logos im dialektischen Diskurs. Es wäre undenkbar gewesen, eine philosophische Lehre nur deshalb zu akzeptieren, weil sie vom Philosophen gelebt wurde. Wenn auch der Bezug zur Praxis wichtig war [2], so war die Wahrheit [3] der Lehre unerläßlich.  In der chinesischen Philosophie war ein Konfuzius Bewahrer und Wiederhersteller der alten Ordnung; der antike, altgriechische Philosoph richtete seine Blick jedoch in die Weite, sodaß ein Thales in die Grube fiel, weil er nach den Sternen blickte und die Magd, welche dies sah, amüsierte sich darüber köstlich. Sie, die in den praktischen Dingen bewandert war, konnte offensichtlich nicht verstehen, daß ein Weiser so dumm sein und in den einfachsten Dingen des Lebens so versagen konnte [4]. Diese Eigenschaft des altgriechischen Geistes, für neue Dinge offen zu sein und nach logischen Kriterien zu analysieren, hat die europäische Form von Wissenschaftlichkeit hervorgebracht, welche heute in der Eroberung des Weltraums gipfelt. Entscheidend für diese Entwicklung war die Emphase des rationalen, logischen Denkens, welches sogar im dunklen Mittelalter, als die Philosophen nur durch die Erfindung der doppelten Wahrheit in einem religiösen Zeitalter des Wunder- und Aberglaubens überleben und philosophieren konnten, ihre Vertreter hatte [5]. Mit der mittelalterlichen Universität als Stätte der weltlichen Lehre von Wissenschaft und Forschung hatte auch die Philosophie, die Magd der Theologie, ihren Wirkungskreis gefunden. Die rudimentären Kenntnisse der antiken Philosophie erweiterten sich schlagartig mit dem Fall von Konstantinopel im Jahr 1453 und der damit verbundenen Flucht der griechischen Gelehrten in den Westen. Die Veränderung des Weltbildes durch die Entdeckung Amerikas, das Bekanntwerden Kopernikus’ De revolutionibus orbium coelestium, sowie der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Galileis und Keplers trug dazu bei, das Primat der kirchlichen Weltsicht zu brechen. Während im 17. Jahrhundert die letzten großen Vertreter der indischen Philosophie lebten [6], leitete Descartes in Europa die neuzeitliche Philosophie ein. Mit seinem »cogito, ergo sum« setzte er das menschliche Bewußtsein seiner selbst in das Zentrum der Welterkenntnis; dieses Ich war der Garant für Existenz, für Dasein. Noch immer mußte man die kirchliche Inquisition fürchten, wissenschaftliche Erkenntnisse wurden anonym publiziert, die Aufklärung war aber nicht mehr aufzuhalten, und Kant, ein gläubiger Christ, kam in seiner Untersuchung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zum Schluß, daß sich Gott nicht mit rationalen Mitteln beweisen ließ und destruierte nicht nur sämtliche bis auf das Mittelalter zurückgehenden Gottesbeweise, sondern auch die gesamte Metaphysik derart nachhaltig, daß sich nach ihm kein Philosoph als Metaphysiker im Sinne der klassischen Metaphysik bezeichnen würde. Die Einzelwissenschaften haben sich im Laufe der Geschichte von der Mutter aller Wissenschaften, der Philosophie, emanzipiert, nun tritt eine gegenläufige Bewegung ein: Die Ergebnisse der Einzelwissenschaften befruchten das philosophische Denken bis zum heutigen Tag. So produziert die Physik ein Weltbild, welches nicht mit dem physikalischen Wissen interpretierbar ist. Physiker werden Philosophen, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Philosophen deuten die Ergebnisse der physikalischen Forschung und hinterfragen sie.

So wird in der Physik die Raumkrümmung gelehrt, eine paradoxe, rational für den allgemeinen Verstand nicht einsehbare Lehre. Wie kann der Raum gekrümmt sein? Man mache ein Gedankenexperiment: Man lasse die gesamte Materie des Universums verschwinden - ist der Raum dann noch gekrümmt? Angenommen, die „Raumkrümmung“ wird durch die Gravitationsfelder der Materie [7] verursacht und das Licht, das schnellste Medium unserer Kenntnis nach, wird dadurch aufgrund seiner Partikel-Natur [8] abgelenkt: Erfolgt die Ablenkung aufgrund einer im Raum befindlichen, „unsichtbaren Struktur“ oder aufgrund der Anziehung der Partikel-Masse des Photons durch die Gravitation? Wenn Kant sagt, »der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor« [9], so kann dies als Beispiel dafür angeführt werden [10]. Einstein fand in der Riemannschen Geometrie die Berechnungsmöglichkeiten, welche in der Euklidischen nicht gegeben waren - und nahm eine „Raumkrümmung“ an, wodurch astronomische Phänomene in den Bereich der mathematischen Verfügbarkeit kamen.

Es sei weiters auf die Quantenphysik hingewiesen, welche mit ihren Experimenten enorme Probleme für die Logik aufwirft. Durch die quantenphysikalische Forschungsarbeit werden die elementarsten Sätze der Logik [11] in Frage gestellt [12], welche die Grundlage jeder rationalen Analyse und damit von Welterkenntnis sind. Sind die Quantenphysiker deshalb nicht in der Lage, die auftretenden quantenphysikalischen Phänomene zu deuten, weil sie in empirischen Kategorien der makroskopischen Welt denken? Sie denken in „makroskopischen Sprachkategorien“ [13], welche offensichtlich nicht geeignet sind, die mikroskopische Welt der Quanten zu erfassen. Durch die Quantenphysik wird die Frage nach der rationalen Erkennbarkeit des Seins aufgeworfen; beim derzeitigen Stand der Forschung wäre es jedoch ein großer Fehler, deshalb das Denken nach rationalen Kriterien aufzugeben. Rationalität hat ihre Grenzen, die Undeutbarkeit der quantenphysikalischen Forschungsergebnisse aber als Argument für irrationale Lebensweisen und Erklärungsmodelle anzuführen und das wissenschaftliche Denken als minderwertig zu betrachten [14], würde einen Rückschritt in der Entwicklung der Menschheit bedeuten.

Philosophisches Denken ist universalistisches Denken in dem Sinne, daß es nicht einer bestimmten Methodenrestriktion unterliegt oder sich ausschließlich partikulären Aspekten des Seienden zuwendet, es ist jedoch immer logischer Konsistenz und Stringenz verpflichtet. Logische Intelligenz hat sich als besonders geeignet für die Analyse naturwissenschaftlicher Phänomene erwiesen und die Philosophie europäischer Provenienz ist auch in unserer Zeit noch immer in der Lage mit den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung Schritt zu halten, wozu Philosophien eher mythischer Orientierung, wie die indische, offensichtlich nicht in der Lage waren. Die europäische Philosophie reduzierte sich aber schon in der Antike nicht auf eine (physikalische) Welterklärung. Es wurde nicht nur die Frage nach dem Wesen der Dinge, sondern auch die Frage nach dem Wesen des Menschen gestellt. Protagoras beantwortete die Frage mit dem Homo-mensura-Satz, wodurch die Relativität der menschlichen Existenz und ihrer Erkenntnisfähigkeit in ihren verschiedenen Aspekten ausgedrückt wurde [15]. Die Frage nach dem Mensch-Sein wurde jedoch nicht nur in der Philosophie tradiert, sondern auch in der christlichen Lehre. Der Apostel Paulus forderte die Bekehrten auf, ihren früheren Wandel in der Sünde, den alten Menschen, abzulegen und in Christus neue Menschen zu werden, d.h. ein Leben zu führen, welches dem Tugendkatalog der christlichen Lehre entspricht. Ihr Trachten soll auf das Himmlische gerichtet sein [16]. Dieser Gedanke des neuen Menschen taucht vom Mittelalter an (Augustinus, Anselm von Canterbury) [17] bis in die Neuzeit hinein (Jakob Böhme, Kant) [18] noch im religiösen Kontext auf. Mit Herder bekommt dieser Begriff jedoch die Bedeutung einer kulturellen Entwicklung [19]. Schleiermacher fordert eine individuelle Ausprägung von Religion für den Menschen [20], »… indem ein Teil des unendlichen Bewußtseins sich losreißt und als ein endliches an einen bestimmten Moment in der Reihe organischer Evolutionen sich anknüpft, ein neuer Mensch entsteht, ein eignes Wesen …«. [21] Die Aufklärung führte zur religiösen Toleranz und zum Ideal einer Erziehung zur Humanität [22]. Kant forderte: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«. [23]

Der neue Mensch wurde einer, welcher seinen Weg aus eigener Kraft ging und sich eigene Ziele setzte. In der Antike hatte das »Übermenschliche« die Bedeutung von »göttlich«, bei Nietzsche war der Übermensch einer, der den Menschen überwinden sollte [24]. In Nietzsches Abwendung vom Christentums ließ er seinen Übermenschen das Ziel im Irdischen sehen [25]. Gott könne man nicht schaffen, aber den Übermenschen [26], nur im Tod Gottes könne der Übermensch entstehen [27]. Nietzsche propagierte die absolute Selbst-Ständigkeit des Individuums, die Freiheit des Willens in seiner Eigen-Mächtigkeit. »Da es keinen Gott mehr gibt, ist die Einsamkeit nicht mehr zu ertragen«, deshalb müsse der hohe Mensch ans Werk [28]. Das Wesentlichste im höheren Menschen ist das Gefühl »wer bin ich? wer ist der andere im Verhältnis zu mir?«; Mitleid ist nicht die Motivierung seines Handelns [29]. Eudämonistische Wertmaße sind ein Zeichen von Rückgang. Der höhere Mensch unterscheidet sich vom niederen durch die Furchtlosigkeit und Herausforderung des Unglücks. Das Christentum mit seiner Perspektive auf Seligkeit sei eine typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine volle Kraft wolle schaffen, leiden, untergehen [30]. »Wer ganz tief und stark sein eigenes Ideal fördert, kann gar nicht an andere glauben, ohne sie abschätzig zu beurteilen - Ideale geringerer Wesen, als er ist. Die absolute Höhe unseres Maßstabes ist eben der Glaube an das Ideal.« [31] »Wir haben die Welt, welche Wert hat, geschaffen!« [32] »Moral ist die Lehre von der Rangordnung der Menschen … also die Lehre von den menschlichen Wertschätzungen in betreff alles Menschlichen.« [33] Nietzsche sieht in einer absoluten Moral mit ihrem unbedingten Wahrheits- und Gefolgsanspruch für sich - und die Menschen - den Untergang, weshalb die Vernichtung von Moral in seinem Interesse liege. »Um leben und höher werden zu können - um denWillen zur Macht zu befriedigen -, müßte jedes absolute Gebot beseitigt werden. Für den mächtigsten Menschen ist auch die Lüge ein erlaubtes Mittel, beim Schaffen: ganz so verfährt die Natur.« [34] » - es gibt weder moralische, noch unmoralische Handlungen.« [35] Das Moralische ist wesensgleich mit dem Unmoralischen. Jede Entwicklung der Moral ist mit unmoralischen Mitteln zu unmoralischen Zwecken ermöglicht worden. Das verrufene Unmoralische ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere und Prinzipiellere und eine größere Fülle des Lebens bedingt notwendig auch den Fortschritt der Unmoralität [36]. »Moral gehört ins Reich der Erscheinung.« [37] Die Moral der Selbsterhaltung ist bei weitem das feinste System der Moral [38]. »Alles Geschehen aus Absicht ist reduzierbar auf die Absicht der Mehrung der Macht.« [39] Dem Begriff «Kraft», mit dem die Physiker Gott und die Welt geschaffen haben, muß nach Nietzsche ein innerer Wille zugesprochen werden, welchen er »als „Willen zur Macht“, d.h. als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen Trieb, usw.« bezeichnet [40]. Der Mensch strebt nicht nach Glück, sondern nach Macht [41]. Unsere Werte werden in die Dinge hineininterpretiert [42], »Wert ist das höchste Quantum Macht, das der Mensch sich einzuverleiben vermag - der Mensch: nicht die Menschheit! Die Menschheit ist viel eher noch ein Mittel als ein Ziel.« [43] Der Mächtige, der gewohnt ist, Wert zu geben, urteilt, daß etwas an sich gut ist, was für ihn gut ist [44]. Gut und Böse sind nur Perspektiven, im ganzen ist alles Böse genauso notwendig wie das Gute [45]. Das Böse ist die Quelle des Guten [46]. Ein tugendhafter Mensch ist eine niedrigere Spezies, weil er keine «Person» ist und seinen Wert dadurch erhält, daß er in ein Schema Mensch paßt; er kann verglichen werden, er soll nicht einzeln sein [47]. Alle großen Menschen waren Verbrecher, im großen Stil und nicht im erbärmlichen, das Verbrechen gehört zur Größe [48]. Ein Verbrecher ist ein Mensch, der sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskiert, er ist ein Mann des Muts [49]. »Ein großer Mensch wird gestoßen, gedrückt, gedrängt, hinaufgemartert in seine Höhe.« [50] An die Stelle des Genies setzt Nietzsche »den Menschen, der über sich selber den Menschen hinausschafft« [51], an die Stelle des Philosophen den freien Geist, »den Erlöser von Moral« [52]. Wir wehren uns gegen die wilden Energien, solange wir sie nicht als Kraft zu nützen wissen, und so lange nennen wir sie böse. Die Frage ist, wie macht man Verbrechen nützlich, wie macht man seine eigene Wildheit nützlich? [53] »Werde fort und fort, der du bist - der Lehrer und Bildner deiner selber!« [54] Der ökonomische Verbrauch von Mensch und Menschheit bedingt die Entwicklung eines Luxusüberschusses der Menschheit, einen Menschen der stärkeren Art, des höheren Typus, den Übermenschen, welcher die Gegnerschaft der Menge und der «Nivellierten» braucht [55]. Ein großer Mensch verachtet alles kleine Zeug und wirft es weg [56]. Es fehlen ihm die Tugenden, welche mit «Achtung» und Geachtet-werden zusammenhängen, er hat keine Furcht vor der «Meinung». Er will kein «teilnehmendes» Herz, sondern Diener und Werkzeuge, er will etwas aus ihnen machen. In ihm ist Einsamkeit, unerreichbar für Lob und Tadel, »eine eigene Gerichtsbarkeit, welche keine Instanz über sich hat.« [57] Die Selbstüberwindung ist die Stufe der Überwindung des Menschen [58]. Ziel ist es nicht, Menschen «besser» zu machen, einen idealen, moralischen Menschen zu schaffen, »sondern Zustände schaffen, unter denen stärkere Menschen nötig sind, welche ihrerseits eine Moral (deutlicher: eine leiblich-geistige Disziplin), welche stark macht, brauchen und folglich haben werden.« [59]

Dieses Menschenbild zeugt von dem Wunsch einer maßlosen Entfaltung der eigenen Bedürfnisse. Nietzsche entwickelte es aus einem tödlichen Haß gegen das Christentum [60] und seine Ablehnung richtet sich gegen das christliche Verständnis von Moral, er verwirft damit aber jegliche Form von Moralität. Das hemmungslose Ausleben der eigenen Triebhaftigkeit entspricht einem infantilen Lebensgefühl, nicht der Weltsicht eines reifen Menschen, der sich der Unmöglichkeit einer hemmungslosen Befriedigung im gemeinschaftlichen Leben bewußt ist. Bei einem primitiven Verständnis dieser Lehre, d.h. ohne die humanistischen Aspekte zu berücksichtigen [61], entartet es in ein Herrenmensch-Denken, welches alle Mitmenschen instrumentalisiert und als Untermenschen, d.h. als „Gebrauchsgegenstand“ betrachtet. Das Ego steht im Zentrum des Machtdenkens [62]. Diese Destruktion von Moral ist nicht einer Kritik von Moral gleichzusetzen. Es läßt sich wohl heute nicht mehr feststellen, inwieweit das Denken Nietzsches die Entwicklung Europas im 19. und 20. Jahrhundert beeinflußt hat, aber die Destruktion der Werte hat im 20. Jahrhundert in Verbindung mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung zu einer Werte-losen Gesellschaft geführt, welche ihr Ziel und ihre Bestimmung in einer maßlosen Vergnügungs- und Konsumsucht sieht und in ihrem Streben sogar die eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Die Auflösung der Moral hat nicht nur zur Zerstörung der Scheinmoral, sondern zur Auflösung jeglicher moralischer Wertvorstellungen geführt.

 

 

In der Existenzphilosophie Karl Jaspers’ ist »Transzendenz« die philosophische Entsprechung für die mythische Bezeichnung »Gott« [71]. Das echte Bewußtsein von Transzendenz wehrt sich gegen eine Vorstellung von Gott als Persönlichkeit [72]. Die Wirklichkeit von Transzendenz ist zwar nicht eine empirische, sie jedoch als jenseitige, als metaphysische, anzusehen, wäre eine trügerische Weltverdoppelung [73]. »Transzendenz ist uns nur wirklich als Gegenwart in der Zeit.« [74] Die eigentliche Wahrheit von Transzendenz erfaßt sich als geschichtliche und nicht als allgemeingültige [75]. In den Chiffren als Sprache der Transzendenz ist die metaphysische Gegenständlichkeit präsent [76]. »Die Chiffre ist das Sein, das Transzendenz zur Gegenwart bringt…« [77], sie ist jedoch nicht deutbar [78]. Transzendenz hat zwar Subsistenz, ist jedoch nicht wie die Dinge der Welt zugänglich. Im Lesen ihrer Chiffrenschrift wird nicht ein unabhängig bestehendes Sein erfaßt. Das Lesen der Chiffren wird nur durch Selbstsein möglich. »Von der Transzendenz aber vernehme ich nur soviel, als ich selbst werde; erlahme ich, so trübt sie sich in ihrer an sich steten Gegenwärtigkeit; erlösche ich bis zum Dasein [79] eines bloßen Bewußtseins überhaupt, ist sie verschwunden; erfasse ich sie, so ist sie für mich das Sein, das allein ist und ohne mich bleibt, was es ist.« [80] Ohne Transzendenz verliert Existenz ihr eigentliches Selbstsein. [81]

»Existenz ist, was nie Objekt wird, Ursprung, aus dem ich denke und handle, worüber ich spreche in Gedankenfolgen, die nichts erkennen; Existenz ist, was sich zu sich selbst und darin zu seiner Transzendenz verhält.« [82] Der Kern der Weltanschauung ist Glaube; es ist unmöglich, allein durch Denken die Wahrheit zu finden [83]. »Der Zugriff zur Erhellung der Existenz bleibt für den bloßen Verstand ein hoffnungsloser Versuch.« [84] »Existenz selbst ist unverstehbar.« [85] In der Existenzerhellung erfolgt die denkende Vergewisserung des Durchbruchs des Weltdaseins. Mögliche Existenz verwirklicht sich, ohne die Grenze der Möglichkeit verlassen zu können [86]. Mögliche Existenz transzendiert alles Dasein und Objektsein [87]. »Das eigentliche Sein, in einem wißbaren Sinn nicht zu finden, ist in seiner Transzendenz zu suchen, zu der kein Bewußtsein überhaupt, sondern nur jeweils Existenz in Bezug tritt.« [88]

»Wenn ich frage, was ich meine, wenn ich „Ich“ sage, so ist die erste Antwort: Ich habe mich, wenn ich über mich nachdenke, zum Objekt gemacht; ich bin dieser Körper als dieses Individuum, mit einem unbestimmten Selbstbewußtsein im Spiegel meiner Geltung für meine Umgebung: Ich bin als empirisches Dasein. - Ich bin zweitens als ein „Ich“ wesentlich identisch mit jedem anderen Ich: ich bin vertretbar. Diese Vertretbarkeit ist nicht gemeint als die Identität der Durchschnittseigenschaften empirischer Individuen, sondern als das Ichsein überhaupt, das die Subjektivität als Bedingung allen Objektseins bedeutet: ich bin als Bewußtsein überhaupt. - Drittens erfahre ich mich in der Möglichkeit zur Unbedingtheit. Ich will nicht nur wissen, was da ist, in Grund und Gegengrund, sondern aus der Unbegründbarkeit eines Ursprungs wissen, und habe handelnd Augenblicke, in denen ich mir gewiß werde: was ich jetzt will und tue, das will ich eigentlich selbst. So will ich sein, daß dieses Wissenwollen und Handeln zu mir gehört. In der Weise wie ich wissen und handeln will, überkommt mich mein Wesen, das ich, seiner gewiß, dennoch nicht kenne. Als diese Möglichkeit, daß Freiheit des Wissens und Handelns ist, bin ich „mögliche Existenz“«. [89]

Für Jaspers ist das einzige, eigentlich Seiende, das ihm begegnet, der Mensch, der er selbst ist [90]. Der eigentliche Mensch ist sich zugleich Aufgabe und sich selbst verantwortlich [91]. Selbstwerdung geschieht durch Selbstüberwindung in der Selbstreflexion, bis sich das über dem Charakter stehende »ich selbst« als ein frei gewolltes entfaltet und sich als Schuld (für sein Sosein) übernimmt [92]. In der Kommunikation liegt der Ursprung für das Selbstsein in der Gemeinschaft [93]. Den Lebenssinn im »ich allein« zu fassen, ist ungenügend [94]. Der Mensch kann nur er selbst werden, wenn der andere er selbst sein will; kann nicht frei sein, wenn der andere nicht frei ist; kann sich seiner nicht gewiß sein, wenn er sich nicht auch des anderen gewiß ist [95]. Selbstliebe ist nur durch Liebe zum anderen möglich [96]. In der Kommunikation als Dasein, d.h. im Leben mit den anderen, fällt das einzelne Bewußtsein mit dem allgemeinen Bewußtsein der ihn umgebenden Menschen zusammen. Im naiven Dasein wird der Mensch vom Denken, Glauben und Tun der anderen assimiliert. Undifferenziert werden die Meinungen, Ziele, Ängste, Freuden von einem zum anderen übertragen [97]. In der existentiellen Kommunikation wird der andere in seiner Einzigartigkeit erfaßt und ist nur aus Freiheit als Möglichkeit zu ergreifen [98]. Kommunikation wird nur in möglicher Existenz verwirklicht [99]. Dasein ist ein ständig wechselndes Sein in Situationen. Der Mensch kann nie aus einer Situation heraus-, ohne in eine andere Situation einzutreten [100]. In der Grenzsituation [101], d.h. in »Situationen wie die, daß ich immer in Situationen bin, daß ich nicht ohne Kampf und ohne Leid leben kann, daß ich unvermeidlich Schuld auf mich nehme« [102], entsteht mögliche Existenz [103]. »Wir werden wir selbst, indem wir in die Grenzsituation offenen Auges eintreten.« [104]

Kampf ist bei Jaspers ein zentrales Thema [105]. Er differenziert zwischen dem Daseinskampf, in dem der andere als Feind gilt, die Nutzung aller Waffen, die Anwendung von Trug und List unvermeidbar sind, und dem existentiellen Kampf [106], in dem es »um die restlose Offenheit, um die Ausschaltung jeder Macht und Überlegenheit, um das Selbstsein des Anderen so gut wie um das eigene« geht [107]. Zwei Existenzen kämpfen nicht gegeneinander, sondern es ist »ein gemeinsamer Kampf gegen sich selbst und den anderen, aber allein Kampf um Wahrheit« [108]. Dieser Kampf ist nicht Trennung, sondern »der Weg der wahrhaften Verknüpfung der Existenzen«. [109] In dieser kämpfenden Kommunikation [110] »werde ich mir mit dem Anderen offenbar. Dieses Offenbarwerden ist jedoch zugleich erst Wirklichwerden des Ich als Selbst«. [111] Im Kampf mit Gewalt wird bezwungen, begrenzt, unterdrückt, Raum geschaffen. In diesem Kampf kann Dasein eingebüßt werden. Im Kampf der Liebe gibt es keine Gewalt. Hier handelt es sich um eine Infragestellung mit dem ausschließlichen Willen zur Offenbarkeit; »in diesem Kampf kann ich mich versteckend ausweichen und als Existenz versagen.« [112]

In der Existenzphilosophie, sowohl bei Heidegger als auch bei Jaspers, ist die gleiche Thematik zu finden. Bei beiden geht es um das Menschsein, wobei Heidegger mit seiner Sprache eine Analyse mit formalen Strukturen geliefert hat, welche eine Umsetzung für das praktische Leben sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich macht. Heidegger differenziert zwischen einer ontologischen und einer theologischen Transzendenz [113], wobei die theologische für ihn eine eher historische Bedeutung hat [114]. Die Transzendenzproblematik stellt sich für ihn als Frage nach dem Sinn von Realität, »nach der möglichen Transzendenz des Bewußtseins in die ›Sphäre‹ des Realen« [115]. Dieser Zugang des subjektiven Individuums zur objektiven Welt hat einen herausragenden Stellenwert [116]. Die Fähigkeit des Menschen, „aus sich herauszugehen“ und mit seinen intellektuellen Fähigkeiten die zeitlichen Dimensionen zu erfassen, ermöglicht ihm die Welt zu verstehen und in ihr zu leben [117]. In diesem Transzendenzverständnis liegt keine „Jenseitsorientierung“. Die Frage nach Transzendenz ist die Frage der Subjekt-Objekt-Beziehung und das Verstehen, was Welt ist [118]. Im Denken wird diese (physikalische) Welt jedoch nicht transzendiert.

Bei Jaspers wird jedoch »Existenz« von der Transzendenz her definiert, der Sinn von Sein ohne Transzendenz führt in die Sinnlosigkeit. Es ist eine denkerische Form des Glaubens, welche nicht ein Sein in einem Jenseits sucht, dieses mögliche Jenseits jedoch als das sinnvolle Apriori von Existenz postuliert. Die Zurückweisung von Transzendenz als Person und die Emphase auf »Transzendenz« als philosophischen Begriff darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der mythische Gottesbegriff hier in einer veränderten Sprachgestalt wieder eingeführt wird. Philosophisch interessant sind diese verschiedenen Transzendenzbegriffe deshalb, weil diese verschiedenen Denkhorizonte divergierende Weltorientierungen nach sich ziehen, d.h. verschiedene Welthorizonte statuieren. Das Denken verläuft anders, wenn auch jede Hoffnung auf Transzendenz aufgegeben wird. Theistisches Denken unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten als atheistisches. Es verändert sich, z.B., die Wertewelt des Daseins durch die Erwartung eines ewigen Lebens. [119]

In der Person Martin Heideggers wird ein philosophisches Problem virulent: Führt die Beschäftigung mit Philosophie zur Weisheit? In welcher Weise wird ein Mensch durch philosophische Studien geformt?

Heidegger wird als einer der größten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts – wenn nicht überhaupt als der größte - angesehen. Trotzdem folgte er zwischen 1933 und 1934 dem damaligen politischen Trend und stellte sich in die Reihen der nationalsozialistischen Bewegung. Am 21. April 1933 zum Rektor der Universität Freiburg gewählt, reichte er am 23. April 1934 sein Rücktrittsgesuch ein und enthielt sich in der Folge jeglicher politischer Tätigkeit. Jaspers übte an Heidegger die Kritik, daß er in seiner politischen Betätigung wie ein dummes Kind seine Arme in den Gang der Geschichte gestreckt und dabei das Glück gehabt habe, vom Rad der Geschichte nicht zermalmt zu werden, sondern nur einige Schrammen davongetragen zu haben [120]. Diese Kritik ist keine Empfehlung für den größten, philosophischen Geist des zwanzigsten Jahrhunderts. Es stellt sich die Frage, wie dies passieren konnte: Wie konnte es passieren, daß Heidegger die Zeichen der Zeit nicht verstand? Liegt dies daran, daß die universitäre Philosophie zu einem weltfremden Theoretisieren verleitet, sodaß die Reflexion des Lebens zu kurz kommt und dadurch eine defiziente Weltorientierung auftritt? Die Möglichkeit zu irren, ist der menschlichen Natur eigen und deshalb nichts Besonderes, Philosophen sind davon nicht ausgenommen. Bei Heidegger handelt es sich jedoch nicht um „irgendeinen“ Denker, sondern um einen der ganz großen, weshalb dieser Fehler besonders schwer wiegt. Er führt aber auch zur Frage, worin der Sinn einer Beschäftigung mit Philosophie liegt, wenn einer ihrer größten Vertreter in seinem Denken so irren kann.

 

»…nicht der Schein und die Täuschung, sondern nur das Wahrhafte vermag das Wahrhafte erzeugen.«
Hegel, Vorlesungen über Ästhetik, Bd. I, S. 17

 

Ein meditationsphilosophischer Entwurf

Es werden in dieser Arbeit keine Meditationstechniken vorgestellt, weil für das gefahrlose Erlernen solcher Techniken nach Auffassung des Verfassers ein Lehrer notwendig ist. [121]

Aufgezeigt werden soll, daß diese alten Techniken noch immer hoch aktuell sind, aber aus heutiger Sicht die traditionell damit verbundenen Weltbilder - die Sichtweisen von Welt – nicht als notwendiges Apriori einer erfolgreichen Meditationspraxis betrachtet werden müssen. Es besteht keine Notwendigkeit, Meditation mit einer metaphysisch transzendenten Ausrichtung zu verbinden, damit sie „wirkt“. Unbestritten sei, daß das spirituell-religiöse Element solcher Praktiken das wichtigste Ingrediens eines meditativen Weges ist, weil dadurch die Richtung vorgegeben wird. Im westlichen Kulturraum bietet sich Philosophie als „Ersatz“ für die religiöse Spiritualität des Ostens an. Das philosophische Denken des Abendlandes stellt ein reiches geistiges Erbe dar, welches durchaus in der Lage ist, die religiös-mythische Komponente des Ostens in meditativen Techniken vollwertig zu ersetzen. In der philosophischen Tradition gibt es allerdings nicht das blinde Vertrauen in eine bestimmte Lehre, die mit einem absoluten Wahrheitsanspruch als die beste aller Lehren auftritt [122]. Philosophieren heißt kritisch zu prüfen - Kritik zu üben - bevor ein Philosophem akzeptiert wird. Der philosophische Geist ist nicht ein eindeutiger, wie auch die großen Philosophen immer verschiedene Definitionen vom Philosophieren liefern.

Es mag vielleicht sonderbar erscheinen, Philosophie und Meditation mit dem Prädikat des Kampfes zu versehen und eine Verbindung zur östlichen Kampfkunst herzustellen. Dem allgemeinen Verständnis entsprechend ist der Philosoph einer, der im stillen Kämmerlein sitzt - und denkt. Er denkt nichts Nützliches, denn das, was er denkt, ist - abgesehen davon, daß es völlig unverständlich ist - zu nichts zu gebrauchen. Die Proponenten solcher Argumente haben nur unzureichendes Wissen von Philosophie. Sie übersehen, daß sich bei einer zweieinhalbtausendjährigen, europäischen Tradition der Philosophie unabwendbar hochdifferenzierende Denkstrukturen mit einer entsprechenden Terminologie herausgebildet haben müssen, was für einen philosophischen Laien natürlich eine gewisse Unverständlichkeit der philosophischen Argumentationen nach sich ziehen muß. Die Geschichte der Philosophie zeigt auch die Schwierigkeit in der geistigen Entwicklung einer Kultur auf, die Irrtümer und „Geburtsnöte“ eines Gedanken im Laufe der Jahrtausende bis er seine jeweilige Gestalt angenommen hat. Philosophen haben immer das Denken ihrer jeweiligen Kultur bestimmt und den Verlauf der Weltanschauungen beeinflußt. So wird das westliche Denken heute noch weitgehend von Platon und Aristoteles bestimmt, weil sie in ihrer Zeit Denkschemata initiiert haben, welche über die Jahrtausende hinweg noch immer in unserem Denken (weitgehend unbewußt) wirken – sowohl im positiven, als auch im negativen Sinn. Für die neuere Geschichte seien Nietzsche und Marx angeführt, welche das politische Geschehen unserer Zeit nachhaltigst beeinflußt haben. Konfuzius bestimmte über zwei Jahrtausende die chinesische Entwicklung, obwohl es ihm verwehrt war, seine Ideen zu seiner Zeit in die Praxis umzusetzen und er in dem Bewußtsein starb, in seinem Vorhaben als Bewahrer der Tradition völlig gescheitert zu sein. Erst Jahrhunderte nach seinem Tod wurde sein Denken aufgegriffen und im politischen Geschehen umgesetzt.

Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte des Kampfes um Wahrheit [123]. Das Streben nach Wahrheit aufzugeben würde zu Lebensunfähigkeit führen. Generell läßt sich sagen, daß die Kongruenz von Denken und Sein im Lebenskontext immer gegeben sein muß [124]. In primitiven Gesellschaftsformen ist es eine Überlebensfrage. So können in Jäger- und Sammlergesellschaften, z.B., falsche Entscheidungen des Führers zum Untergang einer Gruppe oder Großfamilie führen. In einer hochentwickelten Gesellschaftsform sind die unmittelbaren Folgen nicht mehr der Verlust des Lebens, aber es treten defiziente Adaptionsmodi ein, welche negative Auswirkungen sowohl für die individuelle, als auch kollektive Entwicklung haben können. Philosophie ist ein Schritt im Denken, der zu allerhöchstem Abstraktionsniveau führt, d.h. sie ist das Produkt eines hohen kulturellen Entwicklungsstandes. Die Welt zu sehen, wie sie ist und den Schein zu entlarven, die Erkenntnis des wahren Seins, ist der Kampf des Philosophen. Es ist ein stiller, intellektueller Kampf, der im Kämmerlein vor sich geht.

Der in bewegungsloser Meditation Verharrende scheint nichts zu tun, er scheint der Inbegriff des Nichtstuns zu sein, und doch liegt das Prinzip der Meditation nicht in der statischen Ruhe, sondern in der Bewegung, im ständigen Wandel. Meditieren heißt, sich einer geistigen Entwicklung hinzugeben, welche den Meditierenden zu wechselnden Bewußtseinsformen führt. Der Meditierende geht in seiner meditativen Vereinzelung zu sich selbst, wird durch sein sich ständig wandelndes Bewußtsein auf sich selbst geworfen und mit seinen positiven, aber auch negativen Eigenschaften konfrontiert. Meditation heißt Arbeit, in welcher der Meditierende sein „Ich-Selbst“ in seinen bewußten und unbewußten Komponenten formt und weiterentwickelt. Diese Entwicklung führt in einen Kampf mit sich selbst - um sich selbst. Es ist ein seelischer Kampf, der für Außenstehende nicht erkennbar ist.

Meditation soll in dieser Arbeit als „Weg zur Mitte“ verstanden werden. Diese Mitte ist aber nicht ein universaler Urgrund wie in den asiatischen Traditionen, sondern die Mitte der eigenen Seele aus einem personalen Selbstverständnis heraus, wie es der abendländischen Tradition entspricht. Diese meditative Fokussierung auf das eigene Selbst ist keine Form des Egoismus, sondern ein Modus der Selbstfindung, welcher zu seinen Mitmenschen führt [125]. Aufgrund der auftretenden Bewußtseinsformen [126] anzunehmen, daß hier ein Transzendieren in eine metaphysische Welt stattfindet, wird zurückgewiesen. Der Weg zur eigenen Mitte ist der Weg in die Tiefen der eigenen Seele. Die im meditativen Akt auftauchenden Formen von Einheitsbewußtsein können weder falsifiziert noch verifiziert werden, weshalb ihnen nicht der Wahrheitswert von Wissen, sondern der von Glauben zuzuordnen ist. ]127]

Zurückgewiesen wird der Anspruch, daß mystische Erlebnisse eine Form von Meditation sind. Der Mystiker verliert sich in der Ekstase [128], er tritt in der Unio mystica aus sich heraus, um sich in einer nicht durch Sprache artikulierbaren Verzückung mit dem göttlichen Du zu vereinigen. Dieses göttliche Du ist eine andere Person, eine andere Wesenheit, mit der sich der Mystiker vereinigt und dabei seinen Verstand [129] verliert. Gemeinsam mit Meditation ist nur das durch Sprache Nicht-Mitteilbare der Erlebnisse. Das Aufgeben des Identitätsbewußtseins im meditativen Akt, die Orientierung auf die „Leere“, kann gewissermaßen als „heuristisches Prinzip“ des meditativen Übens betrachtet werden, wodurch allerdings eine Stärkung des Selbst-Bewußtseins eintritt [130]. Das in den asiatischen Traditionen auftretende Selbstverständnis, das Ich als flüchtige Unwesentlichkeit zu interpretieren, läßt sich nur aus dem Verständnis dieser Kulturen heraus verstehen und ist wahrscheinlich auf die in diesen Breiten weit verbreiteten Meditationstechniken zurückzuführen. In einem psychischen Rationalisieren kann auch ein gläubiger, christlicher Mönch sein Ich als unwesentlich im Kontext mit dem göttlichen Sein betrachten. Er wird aber seine Schmerzen und Leiden, seine Freuden, noch immer als die seinen betrachten und nur in Hinblick auf das zukünftige himmlische Sein die Bürden des irdischen Daseins ertragen und seine persönlichen Interessen hintanstellen. Im Reinkarnationsdenken löst sich das Ich jedoch aufgrund der unendlichen Dauer für diese Existenz völlig auf. Jede Form von personaler Identität geht dabei verloren.

In den traditionellen Kampfkünsten wird Meditation einerseits zur Steigerung der Kampfeffizienz praktiziert, andererseits werden dadurch die Dimensionen der eigenen Seele als Arena des Kampfes um eine Weiterentwicklung des eigenen Selbst verwendet. Der wahre Mensch des alten China, der in diesem Kampf gesucht wurde, war nach taoistischer Tradition ein anderer, als derjenige der buddhistischen oder konfuzianischen. Für die alten Meister war der Kampf gegen äußere Feinde nur ein Mittel [131], die Erleuchtung zu erlangen und war mit Sicherheit nur von sekundärer Bedeutung. Wenn sie dem Tao (DAO) [132] folgten, suchten sie die Harmonie zwischen den Gegensätzen zu finden und wenn dies nicht möglich war, diese Harmonie zu schaffen. Durch ein hartes Training und die entsprechende Schulung formten sie sich in ihrem Sosein und paßten sich - den erforderlichen Prinzipien des Kampfes gemäß - den jeweiligen Bedingungen an, um zu ihrem Ziel zu gelangen. In alter Zeit gab es keine Kriterien für Meisterschaft, solche wurden erst später geschaffen. Solche Kriterien konnten nur gefunden werden, indem Wettkämpfe ausgetragen wurden, d.h. ein äußerer Maßstab angelegt wurde. Der Sieg in einem Wettkampf war jedoch ein sehr zweifelhaftes Kriterium für das Beschreiten des Tao [133]. Diese holistische Annäherung an die Kunst, sich im Lebenskampf [134] zu bewähren, fehlt in der europäischen Tradition. Das Kräftemessen im Kampf stand hier im Vordergrund, welches im alten Griechenland mit den Agonen begann und sich in den Turnieren des Rittertums, welches durch ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken gekennzeichnet war, fortsetzte. Das Duell war darauf ausgerichtet, seine Ehre zu bewahren. Wenn die Ehre verletzt wurde, war man verpflichtet, diese unter Einsatz seines Lebens wieder herzustellen. Wer dieser Verpflichtung nicht nachkam, bekundete damit, daß er den Anforderungen seines sozialen (gehobenen) Standes nicht gerecht wurde und fiel der Ächtung anheim. Im Unterschied zur chinesischen Kampfkunsttradition wurden in der europäischen Kampftradition immer nur partikuläre Aspekte herausgehoben.

Bei Jaspers werden verschiedene Aspekte des Kampfes philosophisch derart thematisiert, sodaß sie für die Bewältigung von Hindernissen im Lebenskampf brauchbar sind und den Blick für die Notwendigkeit kämpferischer Qualitäten schärfen. Der Horizont des Kampfes wird auf die Dimension des Lebens [135] ausgerichtet. Gerade der Existenzbegriff Jaspers’ bietet durch seine Orientierung des Daseins von der Transzendenz her eine geistige Hilfe für das Beschreiten eines chinesischen Kampfkunstweges. Die Taoisten, welche einen starken Einfluß auf die Entwicklung der konkreten Kampftechniken hatten, machten sich über die anthropomorphen Vorstellungen eines göttlichen Urgrundes lustig und konstatierten, daß der Urgrund vor Zeit und Raum liege und mit den Kategorien von Raum und Zeit nicht erfaßbar wäre. Jaspers hat mit Vorsicht philosophisch formuliert, was die Taoisten als metaphysisch gegebenes Sein erachtet haben. Während die taoistischen Lehren im Wissenschaftsbereich heute kaum noch haltbar sind, bieten sie im Bereich des Kampfes noch immer sehr brauchbare Hinweise auf die technische Umsetzung der kämpferischen Anforderungen im engsten Sinn [136]. Durch die Ausrichtung dieser Anforderungen auf den Lebenskampf kann unter Zugrundelegung des Jasperschen Denkens als Orientierung das ursprünglich taoistische Weltbild in unsere Zeit transferiert werden, wobei noch immer eine gewisse Ursprünglichkeit des taoistischen Denkens bewahrt und philosophisch akzeptiert werden kann. Die Reflexionen Jaspers’ zur Wahrhaftigkeit bieten eine ausgezeichnete Hilfe für das Beschreiten des inneren Kampfweges, als welcher Meditation angesehen werden kann. Ein Meditant, welcher in seinem Kampf um sein je eigenstes Selbst falsche Ziele verfolgt und sich dabei selbst betrügt, wird genauso scheitern wie ein Meister, welcher in einer Kampfsituation seinen Gegner falsch einschätzt. Die symmetrische Entsprechung von Wahrhaftigkeit zur Wahrheit, übertragen auf den inneren Kampf (um sich selbst) und den äußeren Kampf (um einen Angreifer abzuwehren), bildet die geforderte Harmonie zwischen dem Ich und der äußeren Welt, um aus einem Kampf siegreich hervorzugehen. Fehlt diese Harmonie, ist jeder Kampf verloren, wenn man auf einen Gegner trifft, der diese Harmonie besitzt.

Jeder Mensch, der mit seiner Geburt ungefragt in diese Welt geworfen wird, ist mit der Problematik des inneren und äußeren Kampfes konfrontiert. Er befindet sich in einer existentiellen Situation, der er nicht entfliehen kann, es sei denn, er flieht in den Suizid, was normalerweise den grundlegenden Gesetzen des Überlebens widerspricht. Der Mensch muß sich diesem Kampf stellen – ob mit oder gegen seinen eigenen Willen. Bei einer erfolgreichen Bewältigung dieses Kampfes winkt der Lohn eines erfüllten, erfolgreichen Lebens. Im Falle des Scheiterns geht man mit dem bitteren Geschmack aus diesem Leben, daß es ein vergeudetes Leben war. Die Ergebnisse der empirischen Thanatologie zeigen, daß Menschen, welche ein erfülltes Leben führen, keine Angst vor ihrem eigenen Tod haben. Schon aus diesem Grund ist es ratsam, den Kampf des Lebens erfolgreich zu bestehen. Die große Frage, welche alle Menschen bewegt, ist die Frage nach dem Wie [137]. Die verschiedensten Strategien werden entwickelt, mit mehr oder weniger Erfolg, und es stellt sich die Frage, ob es allgemeingültige Kriterien für ein erfülltes Leben gibt [138]. Es zeigt sich, daß keine objektiven Kriterien zu finden sind. Materieller Reichtum, das Ausleben von Leidenschaften, die Orientierung auf Lust, das fanatische Verfolgen einer Überzeugung mit z.B. einem religiösen Inhalt, sein Glück zu suchen, etc., sind immer nur Teilaspekte des menschlichen Daseins. Kultur, situative Rahmenbedingungen, geschichtliche Entwicklung, etc., aber auch individuelle Bedürfnisse und Ziele lassen eine umfassende Objektivierung [139] nicht zu. Existentielle Anforderungen [140] lassen aufgrund der hohen Variabilität der Bedingungen und der nicht vorhersehbaren Entwicklung der Geschehnisse keine definitiven, positiven Bestimmungen zu, welche alle Aspekte des Seins umfassen. Die Konkretisierung des eigenen Schicksals ist immer mit Wagnis verbunden. Die Aspekte des individuellen, inneren und äußeren Kampfes können nicht getrennt werden, die Bewältigung des Lebens entwirft sich immer auf das Ganze. Die Geschichte spricht das Urteil über den Wert des individuellen Tuns oder läßt es in Vergessenheit geraten.

Es wird in dieser Arbeit die These vertreten, daß in der Verbindung von Philosophie mit Meditation ein ausgezeichneter Modus zur Lebensbewältigung zur Verfügung steht. Das Element der Kampfkunst hat auch in diesem Kontext einen herausragenden Stellenwert, da bei einer traditionellen Ausrichtung des Trainings das lebensbewältigende Potential auch in unserer Zeit noch immer wirksam ist. Aufgrund der Gefährlichkeit einer traditionellen Ausrichtung ist dem physischen Kampf eine echte Erprobung verwehrt [141], bei den partnerschaftlichen Trainingskämpfen schält sich jedoch das körperliche Element heraus. Hier wird der „Geist“ des Kampfes auf der äußeren Ebene in einer sehr einfachen Art und Weise verständlich, während er in den komplexen Abläufen der meditativen Entsprechung nur um ein Vielfaches schwieriger zugänglich ist. Das Training für den äußeren Kampf bildet damit eine gute Ergänzung zum Meditieren.

Ein rein auf Meditation ausgerichtetes Leben [142] würde in einer Weltabwendung münden. Es mag davon ausgegangen werden, daß es zwar eine große Leistung darstellt, den Großteil seines Lebens in meditativer Versenkung zu verbringen, daß aber eine solche Praxis andererseits auch den Verlust des realen Lebens darstellt – und zwar auch dann, wenn dies bedeutet, daß man sich andauernd in Glückseligkeitszuständen befindet. Der Wert der meditativen Versenkung liegt darin, daß in diesem zeitlich beschränkten „Rückzug“ auf sein eigenstes, innerstes Selbst eine mentale Entwicklung einsetzt, welche im normalen Leben, d.h. im außermeditativen Zustand, positive Resultate zeitigt. Es taucht eine sonderbare Kongruenz zwischen der Weise des Meditierens und dem Lebensstil auf. Problembewältigungsstrategien des Lebens werden im meditativen Akt virulent, während andererseits die Art der Ausführung von Übungen im meditativen Akt sich im normalen Leben modusähnlich in der Problembewältigung und der Weise des Lebens niederschlägt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der Philosophie ist insofern gegeben, daß der Philosoph sich von Zeit zu Zeit aus dem existentiellen Geschehen zurückzieht [143], um sein Denken zu entwickeln. Jedoch wird hier - wenn auch bei gegebener Selbstreflexion - die Priorität  im Denken auf die Welt ausgerichtet [144].

 

Meditationsphilosophische Maximen des richtigen Meditierens [145]

Es ist ausgesprochen problematisch, von einer „richtigen“ oder „falschen“ Weise des Meditierens zu sprechen, da aufgrund der unendlichen Anzahl divergierender Techniken eine umfassende Analyse unmöglich ist. Es muß jedoch angenommen werden, daß falsch meditiert wird, wenn gesundheitliche Schäden an Körper, Geist oder Seele auftreten oder – und dies sei die meditationsphilosophische Position – wenn durch Meditation eine Verformung der Persönlichkeitsstruktur in eine negative Richtung eintritt [146]. Als negativ kann jede Entwicklung angesehen werden, welche den Meditanten von seinem eigenen Wesen wegführt, statt es zu entfalten.

  1. Metron ariston. [147]
  2. Das Sein, nicht der Schein ist wesentlich.
  3. Meditation ist immer nur Mittel, nie Zweck.
  4. Die philosophische Reflexion bildet den Geist.
  5. Die meditative Versenkung führt zu innerer Ruhe und seelischer Kraft.
  6. Für eine positive, personale Genese ist die adäquate Synchronizität von geistiger Entwicklung und Zeit notwendig. Die Unzeit ist schädlich.
  7. Philosophie und Meditation sind zwei verschiedene Weisen der Erkenntnis. Die eine Weise ist die des logischen, die andere die des intuitiven Verstehens.
  8. Meditation ist Arbeit, Philosophie ist Plage. Als Synthese versprechen sie viel Mühsal.
  9. Der philosophisch-meditative Lebensweg ist ein Bildungsweg. Das Ich macht sich auf den Weg, sich selbst zu formen.
10. Suche dein daimonion!
11. Ein kleiner, unscheinbarer Kieselstein ist manchesmal von viel größerem Wert als ein funkelnder Diamant.
12. Meditation ist der Weg zur Wahrhaftigkeit. Die Täuschung anderer Menschen kann eine notwendige Überlebenstechnik sein; sich selbst zu täuschen, ist für einen Meditanten der Weg in den Untergang. [148]
13. Meditieren heißt: sich seiner selbst bewußt und verfügbar zu werden. Das Streben nach Glück [149] ist keine hinreichende Bedingung für Meditation.
14. Ein Geheimnis des richtigen Meditierens liegt in der regelmäßigen Praxis. Besser, wenig und regelmäßig zu üben, als selten und viel.
15. Geduld und Ausdauer sind die Tugenden [150], Erfahrung der Schatz des Meditierens.
16. In der Regel wird von Meditationsunkundigen unter Meditation etwas Geheimnisvolles verstanden, eine esoterische Kunst, die nur wenigen zugänglich ist. Meditieren kann aber jeder „Durchschnittsmensch“ erlernen, wenn er nur ausreichend Geduld hat. In einem meditativen Versenkungszustand treten keine „außergewöhnlichen“ Kräfte auf, sondern es scheint so zu sein, daß in einem sich selbst vereinzelnden Ruhezustand [151] ganz einfach eine psychogen bedingte Dynamik eintritt, welche den Übenden zu Leistungen befähigt, welche der nichtmeditierende Mensch nicht erreicht. Durch diesen Zustand der „Ruhe“ werden u.U. auch potentielle Eigenschaften geweckt, welche ansonst nie zutage treten würden. ABER: Meditation ist mit Sicherheit nichts „Übernatürliches“!
17. Meditation führt zu innerer Kraft.
18. These: Eine teleologische Weltorientierung [152] ist für ein gelungenes Leben konstitutiv. Dies trifft auf alle Menschen zu – der Meditant hat jedoch aufgrund seines geduldigen, unaufhörlichen Übens die Fähigkeit, sein telos leichter zu finden und zu verfolgen.
19. Philosophieren ist kein rein theoretisches Abhandeln von Problemen. Der akademische Philosoph ist ein nach wissenschaftlichen Kriterien arbeitender Denker. Dies ist kein hinreichendes Kriterium für Philosophentum, welches immer Ausdruck einer Lebenshaltung ist. Sokrates bekundete, er wisse, daß er nichts wisse. Kant verachtete diejenigen, welche eine Lehre kritiklos nachplapperten und legte Priorität auf das Selbst-Denken. Jede Lehre muß geprüft [153] werden, bevor sie angenommen wird und er forderte dies von seinen Schülern auch in bezug auf seine eigene Lehre. Heidegger definierte Philosophieren als »Denken lernen«. Aus dem geistigen Horizont dieser Tradition heraus läßt sich die meditationsphilosophische Lebensorientierung als Selbst-Denken-Lernen [154] definieren, wobei das Selbst nicht nur als Ich-Problematik im klassischen, philosophischen Verständnis als rationale Auseinandersetzung mit einem philosophischen Thema zu verstehen ist, sondern auch als Werden der eigenen Seele in einem existentiellen Reifungsprozeß. Das Selbst-Denken-Lernen ist nicht nur ein rationaler, sondern auch ein psychischer (geistiger) Entwicklungsprozeß. In der meditationsphilosophischen Genese wird das Ich-Bewußtsein aus einer diesem Prozeß immanenten Dynamik zum eigensten Selbstsein gelenkt.
20. Meditation ist Seelenhygiene. Es wird das „psychische Immunsystem“ gestärkt.
21. Zum richtigen Meditieren gehört das Nicht-Meditieren.
22. Meditation hat keine „Nebenwirkungen“. Tauchen negative Auswirkungen als Folge einer meditativen Praxis auf, so ist dies immer ein Zeichen für falsches Meditieren.
23. These: Der richtige Meditationsmodus führt einen Meditanten unaufhaltbar zu seinem eigensten Wesen.
24. Der meditationsphilosophische Asket übt die Kunst des Verstehens.
25. Meditationsphilosophie ist ein exzellenter Modus der Selbstverwirklichung - ein Weg in die Freiheit.
26. Meditation und Philosophie setzen einen geistigen Horizont.
27. Aus meditationsphilosophischer Sicht kann nur das Mensch-Sein, Humanität, als genuines telos definiert werden. Alles andere wäre Reduktion des eigenen Potentials auf Partikularitäten oder eine überhebliche Transzendenz des eigenen Seins als Mensch.

 

Die Frage nach dem Sinn von Sein

Die wohl elementarste Frage der Menschheit ist die Frage nach dem Sinn von Sein. Der existentielle Horizont des personalen Individuums muß Sinn haben, um das Leben lebenswert zu machen. Die Conditio sine qua non für eine hinreichende Beantwortung ist die Wahrheit [155]. Eine Welt des Scheins hat in hoffnungslosen, situativen Kontexten Sinn - und zwar nur dann, wenn eine Flucht ins Reich der Phantasie eine lebenserhaltende und existenzsichernde Funktion hat. In allen anderen Fällen ist die Welt des Scheins eine privative Erscheinungsform des existentiellen Seins.

Im Mythos und in der Religion hat die Frage nach einem sinnvollen Leben eine positive Beantwortung erfahren. Sie wurde mit dem Ursprung von Sein als göttlichem Schöpfungsakt oder ewig perpetuierender, wechselnder Dauer des Seienden beantwortet, und es wurde die Perspektive einer ewigen Lebensdauer eröffnet.

Die Wissenschaften können auch nach einer zweieinhalbjahrtausend währenden Wissenschaftsgeschichte keine Antwort liefern und werden sie auch aufgrund ihrer Methodenstruktur nie liefern können.

Die Philosophie, welche zwar nicht den Methodenrestriktionen der Einzelwissenschaften unterliegt, wird sich hüten, Aussagen zu treffen, von denen schon a priori feststeht, daß sie weder positiv, noch negativ - nach Kriterien eines sicheren Wissens - beantwortet werden können. Der Erkenntniswille des Philosophen ist auf Wahrheit ausgerichtet. Bedeutsam ist eine Welt nur, wenn sie wahr ist, d.h. wenn die individuellen (erkenntnistheoretischen) Vorstellungen und Gedanken mit der objektiven Welt übereinstimmen.

Mit Kant ist die kopernikanische Wende in die Geschichte der Erkenntnistheorie getreten, wodurch die Richtung des Erkennens von der objektiven Welt auf die menschliche Erkenntnisfähigkeit und ihre Bedingungen gelenkt wurde.

Diesen Denkansatz auf die Frage nach dem Sinn von Sein anzuwenden und auf die Frage nach dem Sinn von Dasein abzuändern, wodurch sich eine Verengung der möglichen Beantwortung auf eine ausschließlich subjektiv-individuelle Sichtweise von Welt ergibt, liegt nahe. Damit ist jeder dazu angehalten, den Sinn für sein eigenes Leben selbst zu finden [156]. So wie niemand dem anderen seinen jeweiligen Tod abnehmen kann [157], kann keiner dem anderen sein jeweiliges Leben [158] abnehmen oder einem anderen Leben Sinn geben [159]. Ein befriedigender existenzialer Entwurf kann nur holistisch - aus dem jeweiligen Lebenskontext heraus - im Horizont eines endlichen [160] Daseins gefunden werden.

Die Frage nach dem Sinn von Dasein [161] mag damit beantwortet werden, daß sich dieser Sinn aus einem gelungenen Leben ergibt.

Was sind die strukturellen Komponenten eines gelungenen Lebens? Eine aus negativen Lebensbedingungen bestehende Existenz kann nicht als sinnvolles Ziel postuliert werden [162]. Ein Leben nach ausschließlich hedonistischen Kriterien muß ebenfalls zurückgewiesen werden, da sich zufolge des hedonistischen Paradoxons [163] jedes ausschließliche Luststreben von selbst ad absurdum führt [164]. Als Lösungsmöglichkeit bietet sich der altgriechische Eudämonie-Begriff [165] an. Er drückte ursprünglich eigentlich aus, »daß jemand von seinem daimon seiner Schutzgottheit, gut (eu) bedacht wurde, also >glücklich< bzw. >wohlhabend< ist« [166], d.h. er war mythischen Ursprungs. Bei Aristoteles ist die eudaimonia das Endziel allen Handelns [167], als ein in sich selbst genügend Vollendetes. Es handelt sich um eine Vollkommenheit, welche primär im Tätigsein liegt und nicht um einen ausschließlichen Zustand der Lust. In Anknüpfung an diese Tradition mögen die zu findenden strukturellen Komponenten eines gelungenen Lebens als die duale Verbindung von Sinn [168] und Freude [169] postuliert werden. Bei Fehlen einer dieser strukturellen Komponenten kann nicht von einem gelungenen Leben gesprochen werden. Sinn ohne Freude mag allgemeine Achtung für ein individuelles Schicksal einflößen, für das betroffene Individuum bedeutet es Tragik. Freude, ohne Sinn in seinem Sein oder Tun zu sehen, erschöpft sich auf Dauer von selbst und endet in Langeweile und Überdruß.

Der Mensch muß mit sich selbst ins reine kommen, um sich in seinem Dasein - seinem (selbst-bewußten) Sein in dieser objektiven Welt - behaupten zu können, und in diesem Sinne ist Meditation als Modus der Sinnfindung ein ausgezeichnetes Apriori der Lebensbewältigung.

 

Das Postulat des Homo moralis als Ideal

Die alte, philosophische Frage »Was bist du Mensch?« stellt sich als Frage nach dem Wesen des Mensch-seins. Nietzsche argumentiert, daß der Mensch nur ein Durchgangsstadium, ein Mittel, für die Entwicklung des höheren Menschen sei; dieser stehe über der Moral von Gut und Böse. Nietzsche prädiziert den Verbrecher in einer psychisch positiv besetzten Weise: Er bezeichnet ihn als „Mann des Mutes“, der seine „Ehre“, sein Leben und seine Freiheit riskiere, um Großes zu schaffen. Sein Wille zur Macht ist jedoch nicht eine menschliche Errungenschaft, sondern eines der elementarsten der atavistischen Bedürfnisse des Menschen, welches ursprünglich als Überlebensstrategie fungierte. Was grenzenlose Machtausübung Menschen antun kann, ist sehr gut bei Sueton nachzulesen. Die Cäsaren regierten mit unbeschränkter Macht über ein Weltreich. Sie schufen Kultur, aber sie verbreiteten auch in ihrem Willen zur Machtausweitung Tod und Verderben, schufen Leid für unzählige Menschen und fielen selbst dem Wahnsinn anheim [170]. Nietzsche hat mit seiner Lehre vom Willen zur Macht mit philosophischen Mitteln die intellektuelle Rechtfertigung [171] zur Entfaltung von Macht geliefert. Der Logik dieses Denkens ist die Zurückweisung von Moral mit zwingender Notwendigkeit immanent, da moralische Kriterien immer einer grenzenlosen Entfaltung der sich bietenden Möglichkeiten im Wege stehen.

Moral - als Unterscheidung zwischen Gut und Böse [172] - dürfte eines der fundamentalsten Anliegen der Menschheit sein [173]. Die alten Mythen erzählen seit Menschengedenken vom Kampf zwischen Gut und Böse und die Religionen belohnen oder bestrafen nicht die menschlichen Errungenschaften, sondern die guten und bösen Taten. Das hohe Alter dieser Legenden weist auf einen herausragenden Stellenwert hin, den moralische Werte schon in der ältesten Geschichte der Menschheit innehatten. Auch nach der Ablösung des Mythos durch das wissenschaftliche Denken behielt diese Thematik in der Philosophie Priorität [175]. Der Homo scientiae hat in kurzer Zeit die technologische Entwicklung vorangetrieben, sodaß nach zweieinhalb Jahrtausenden Wissenschaftsgeschichte die Menschheit ihre natürliche, biotische Lebenswelt verläßt und nach dem Weltraum greift. Mit dem raschen Voranschreiten der zivilisatorischen Entwicklung konnte allerdings die Entwicklung des Menschen als Mensch, nach humanitären Gesichtspunkten, nicht Schritt halten. Vor noch nicht langer Zeit tötete der Homo belli einen anderen Menschen mit einem Stein oder einer primitiven Keule, während in unserer Zeit, dem 21. Jahrhundert, das Potential vorhanden ist, Menschenmassen mit „klinischer Sterilität“ zu töten. Nach den Erfahrungen im 20. Jahrhundert ist zu erwarten, daß das gehäufte Auftreten von Massenmorden nur eine Frage der Zeit ist. Der Homo oeconomicus, der in der Vergangenheit mit Raub und Mord offen als Eroberer aufgetreten ist, um seinen Besitz zu vermehren, gibt sich in unserer Zeit unter dem Vorwand der allgemeinen, wirtschaftlichen Prosperität als Philanthrop, um ein ureigenstes menschliches Laster zu befriedigen: die maßlose Habgier. Daß dabei eine selbstzerstörerische Eigendynamik auftritt, welche nicht nur die ökonomischen, sondern auch die ökologischen Lebensgrundlagen [176] der zukünftigen Generationen vernichtet, wird beflissentlich übersehen.

Im Denken setzt sich immer mehr der Personenbegriff [177] statt des Menschenbegriffs durch. Auch Kant verankerte den kategorischen Imperativ in der Personenhaftigkeit [178]. Dies ist insofern richtig, als eine Priorität des Menschen in der Differenz zum Tier ethisch mit einer speziezistischen Argumentation nicht hinreichend begründbar ist. Diese Begründung ergibt sich erst aus der Personenhaftigkeit des Menschen. [179]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lautet die Definition des Wesen einer Person bei Scheler , wie folgt: »Person ist die konkrete, selbst wesenhafte Seinseinheit von Akten verschiedenartigen Wesens, die an sich (nicht also pros hemas) allen wesenhaften Aktdifferenzen (insbesondere auch der Differenz äußerer und innerer Wahrnehmung, äußeren und inneren Wollens, äußeren und inneren Fühlens und Liebens, Hassens usw.) vorhergeht. Das Sein der Person <fundiert> alle wesenhaft verschiedenen Akte.« [180] Nicht der «Mensch» qua Mensch bestimmt die Personenhaftigkeit, sondern eine bestimmte (Entwicklungs-) Stufe der menschlichen Existenz [181]. Als Bedingungen für das phänomenologische Wesen von «Person» nennt er Vollsinnigkeit [182], Mündigkeit [183] und Herrschaft über den eigenen Leib [184]. Streng zurückgewiesen werden »die Real- und Dingbegriffe der <Seelensubstanz> und des sogenannten <Charakters>.« [185]

Am Ende des 20. Jahrhunderts erfuhr der Personenbegriff in der Ethik Peter Singers aus utilitaristischer Sicht eine weitere Modifikation. Singer lehnt eine speziezistische Begründung in bezug auf einen höheren Wert des menschlichen Lebens im Vergleich zu anderen Speziesformen ab [186]. Die herausragende Stellung personalen Lebens - komparativ zu den anderen Lebensformen - wird mit den Eigenschaften des Bewußtseins seiner selbst als Individuum mit temporalem Orientierungsvermögen für Vergangenheit und Zukunft angegeben [187]. Nur Personen sind aufgrund dieser Eigenschaften in der Lage, Präferenzen zu entwickeln [188]. Ein Lebewesen, welches keine antizipatorische Disposition zu seiner zukünftigen Existenz hat, kann keine Präferenzen in Hinblick auf diese Zukunft entwickeln [189]. Allerdings fallen aufgrund seiner Argumentationsstruktur auch Affen, eventuell Katzen, Hunde oder Schweine unter das Personalitätskriterium [190], während geistig Behinderte oder Neugeborene nicht als Personen gelten.

Obwohl der Personenbegriff im ethischen Kontext diskutiert wird, werden Priorität auf Selbstbewußtsein und Grad der Intelligenz als relevante Kriterien für eine höhere, ethische Wertigkeit angesetzt. Moralische Werte per se haben keine Bedeutung [191]. Wird damit nicht eine defizient ethische Kriterienrelevanz propagiert? Die Frage nach dem wahren Menschen nach den Gesichtspunkten rein personaler Kriterien auf unsere Zeit übertragen, würde zu einem Menschen führen, für welchen eine Beantwortung nach positiven Moralwertigkeitskriterien a priori ausgeschlossen ist. Der philosophische Diskurs hat im Laufe der Jahrtausende von der Formulierung absoluter, moralischer Werte Abstand genommen, da es sich gezeigt hatte, daß eine derartige Kategorialisierung sich nicht allgemeingültig formulieren ließ. Die verschiedenen Erscheinungsformen von Moral korrelieren mit Kultur, geschichtlichem Entwicklungsstand, Anpassung an die verschiedenen situativen Bedingungen, etc. Kant versuchte noch eine formale Struktur einzuführen, um das moralisch gute Handeln in gesetzmäßige Formen zu fassen und bestimmte den Willen  als das ausschließliche Wesen des moralisch Guten, d.h. er verlegte das moralisch Gute in die Gesinnung, in die subjektive Intention. Nietzsche verwarf in seinem Haß auf christliche Moralvorstellungen jegliche Moral [192]. Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Frage nach moralischen Werten in der Existenzphilosophie Heideggers fast völlig, in der Entwicklung des Personenbegriffs – wie oben ausgeführt - weitgehend aufgelöst. Wegen der Schwierigkeit der ethischen Problematik zu resignieren, wäre eine verfehlte „Problemlösung“. Aus der traditionellen Kampfkunst kann man lernen, daß man einen Kampf niemals aufgibt. Erst der Tod beendet einen Kampf– entweder mit Sieg oder Niederlage. Es mag deshalb die Frage nach dem wahren Menschen in Fortsetzung der alten WUSHU-Tradition für unsere Zeit mit dem Homo moralis als Ziel der menschlichen Entwicklung eine positive Beantwortung finden. Personalität ohne moralisches Verantwortungsbewußtsein ist eine defiziente Charakteristik des Mensch-Seins. Das scheinbar unbewältigbare Problem einer ethisch hinreichenden Fundierung von Moral resultiert daraus, daß der menschliche Geist Moral konstituiert [193]. Nur personale Lebensformen haben diese Fähigkeit, Tiere folgen ihrem Instinkt. Die Hervorbringung von Moralität unterliegt einem Entwicklungsprozeß, welcher von den Ursprüngen der Menschheitsgeschichte her bis in unsere Zeit reicht und sich in die Zukunft erstreckt. Der Mensch muß lernen moralisch zu werden, da sich erst daraus seine Würde als Mensch ergibt [194]. Der Übermensch Nietzsches, für den seine Mitmenschen nur Mittel und „Auswurf“, Abfall sind [195], erweist sich als Unmensch [196]. Nietzsches Lobpreisung der Unmoral ist ein (sprachliches) Unding, weil es keine unmoralischen Menschen gibt: Jeder Mensch ist moralisch. Die Unmoral ist die Zurückweisung der jeweiligen (oder aller) moralischen Normen, aber diese Ablehnung muß nicht unbedingt erfolgen, weil sie der Befriedigung der eigenen Begierden oder Laster entgegensteht, sie kann auch aus höchst moralischen Motiven erfolgen [197]. Die moralphilosophische Differenzierung von »Gut« und »Böse« ist deshalb als »positive« oder »negative Moral« vorzunehmen. Die positive Moralität hat Kant mit dem Willen als das allein Gute definiert [198], woraus folgt, daß negative Moralität dann vorliegt, wenn sich der Wille auf das Böse richtet [199]. Negative Moralwerte werden hier als „gut“ evaluiert [200]. Positive Moralität im Sinne einer Wertethik wäre die Wertschätzung positiver Werte.

Hier ist nicht der Ort für eine ethische Begründung von Moral, da eine Philosophie des Kampfes ihr Denken auf die Welt des Kämpfens und ihre moralische Relevanz richtet. In diesem Kontext soll die Phänomenalität des (moralischen) Kampfes mit dem damit verbundenen Ethos für den Homo moralis aufgezeigt werden.

Der Homo moralis muß ein Kämpfer sein, da er moralische Werte zu erkennen und zu verwirklichen sucht. Die Aktualisierung von Moralität ist immer mit Widerstand verbunden, welcher überwunden werden muß, weshalb Kampf als essentieller Aspekt von Moral erachtet werden kann.

Im inneren Kampf kämpft der Homo moralis um seine eigene Moral und versucht sie zum Positiven zu wenden [201]. Diesen Kampf muß er mit sich selbst austragen.

Wie zeigt sich aber Moral und Moralität im äußeren Kampf? Ist schon Kämpfen per se der negativen Moral zuzuordnen?

Menschen nur dann als gute Menschen zu betrachten, wenn sie nach dem christlichen Gebot »Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin [202] « handeln, wäre eine absolute Verkennung des Wesens von Moral. Solche Verhaltensweisen fördern das Böse, welches in jedem Menschen potentiell vorhanden ist. Diese Moral läßt sich nur in Hinblick auf eine „jenseitige“ Vergeltung vertreten, wie sie auch im Christentum gelehrt wird [203]. Dadurch, daß Gott ein fürchterlicher Rächer ist, gerät allerdings das christliche Verzeihen in ein sehr schiefes Licht.

Konfuzius vertritt eine sehr „diesseitig“ orientierte Vergeltungsmoral: [204]

Als jemand fragte: »Was ist von dem Wort >Vergilt Böses [205] mit Gutem [206]< zu halten?«, antwortet der Meister: »Womit soll man dann Gutes vergelten? Vergilt Böses mit Gerechtigkeit [207] und Gutes mit Gutem.« [208]

Dieses Gespräch verrät, daß auch im alten China das Problem des moralisch Guten im Kontext mit Vergeltung thematisiert wurde und von Konfuzius mit »angemessener Vergeltung« beantwortet wurde. Dadurch wurde einer maßlosen Rachsucht Einhalt geboten. Hier ergibt sich eine interessante Parallele zur WUSHU-Tradition. Als gutes Kung Fu wurde und wird bis zum heutigen Tag nur ein solches erachtet, welches auf Verteidigung [209] ausgerichtet ist. Das Training wird dementsprechend aufgebaut, und zwar so, daß auf einen Angriff „instinktiv“ mit einer adäquaten Verteidigung reagiert wird, welche der Gefährlichkeit des Angriffs entspricht. Je gefährlicher der Angriff, desto härter und kompromißloser die Reaktion. Bei einem Angriff mit Tötungsvorsatz wird der Angreifer mit großer Wahrscheinlichkeit selbst getötet. Dies entspricht genau dem Konfuzianischen Prinzip der Vergeltung im moralischen Bereich. Dadurch, daß die Verteidigung als  (moralische) Orientierung des Kampfes dient, wird ein exzellentes Regulativ vorgegeben, welches unmoralische [210] Dimensionen ausschließt, was bei offensiven Akten im Gegensatz dazu sehr wohl gegeben ist.

In Anknüpfung an diese Tradition sei das Ethos des äußeren Kampfes für den Homo moralis analog dem Ethos der Kampfkunst auf Verteidigung ausgerichtet. Ihn als „heiligen Krieger gegen das Böse“ zu verstehen, wäre ein Fehler, da in der Menschheitsgeschichte viele „heilige Kriege“ im Namen des (moralisch) Guten gegen das Böse geführt wurden, welche sich in der Folge als Erscheinungsformen der negativen Moral erwiesen haben [211]. Jeder Mensch aber darf seine Rechte verteidigen und um sie kämpfen. Moralität darf nicht so verstanden werden, daß Verteidigung gegen feindselige Angriffe (Akte des Bösen) schon per se als böse zu evaluieren sind. Einen moralischen Kodex zu schaffen, welcher eine Verteidigung gegen offensive Akte einer negativen Moral nicht zuließe, wäre selbstdestruktiv und damit ein ethisches Paradoxon. Moralität darf nicht lebensunfähig machen.

Als positiv moralische Werte seien definiert:

• Mitgefühl für alle empfindenden Lebewesen;
• Achtung der Rechte anderer personaler Lebensformen;
• Toleranz gegenüber anderen Wertewelten (Kulturen, fremde Sitten und Bräuche, etc., generell für alles „anders Seiende“).

In diesem rudimentären Wertekatalog wird nicht die Liebe angeführt, auch nicht im Sinne der agape. Es wurden schon zu viele Betrügereien mit diesem Wort begangen, als daß es noch vertrauenswürdig wäre. Wer alle liebt, liebt keinen. Liebe ist kein hinreichendes Kriterium für eine ethische Fundierung von Moral.

Liebe ist eine schöne Blume, welche nur sehr selten und verborgen in sehr kleinen Kreisen an versteckten Orten blüht.

Es wird in dieser Arbeit die These vertreten, daß Philosophie in Verbindung mit Meditation eine Möglichkeit darstellt, das telos der personalen Evolution, den Homo moralis, zu erreichen.

Meditationsphilosophie erhebt nicht den Anspruch, „Wunder“ zu bewirken.

Der meditationsphilosophische Weg wird wahrscheinlich nur von wenigen beschritten werden, denn er ist mit Arbeit, Geduld und Ausdauer verbunden.

Für die wenigen, die bereit sind, diesen Weg zu beschreiten, wurde dieses Buch geschrieben.

 

Ein persönliches Nachwort

Dieses Büchlein richtet sich an alle, welche einen Sinn in ihrem Leben suchen, vorwiegend aber an die Philosophen,

um sie wachzurütteln und ihnen zuzurufen: »Nehmt euch der Meditation an! Man muß nicht Metaphysiker oder Mystiker werden, um sich damit zu beschäftigen! Aus der Synthese von Meditation (richtig praktiziert) und Philosophie (als rationaler Erkenntnisweg) läßt sich in der Zukunft etwas Neues erwarten. Was dies sein wird, muß man abwarten, weil mindestens einige Jahrzehnte meditationsphilosophischer Praxis und kritischer Untersuchung notwendig sein werden, um das Potential wenigstens ein bißchen auszuloten.

Denjenigen, welche sich auf dem Weg der Kampfkunst versuchen wollen, rate ich, einen Kampfstil zu wählen, welcher die Atmung als wesentlichen, technischen Bestandteil des Trainings erachtet und in den motorischen Bewegungsablauf harmonisch integriert. Mit dem Beiseitelassen der Atmung lassen sich Kampftechniken zwar viel schneller erlernen, die Essenz dieses Weges geht jedoch verloren. Ich habe beobachtet, daß in den asiatischen Kampfkunsttraditionen dieses Element generell zu finden ist. Ideal ist eine Technik, welche das Training, sonstige Übungen und Meditation harmonisch miteinander vereinigt. Ich persönlich bin aufgrund meiner positiven Erfahrungen mit Kung Fu natürlich von diesem angetan, es muß aber jeder für sich selbst herausfinden, was ihm zusagt. Man nimmt ein derartiges Training nicht auf, um es ein paar Jahre zu machen, sondern es ist ein Training auf Lebenszeit.

Ich rate ab, viele verschiedene Techniken zu kombinieren bzw. auszuprobieren. In Filmen und literarischen Veröffentlichungen wird immer wieder suggeriert, daß durch derartige Kombinationen überlegene Kampftechniken entstehen. - Nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen bleibt durch derartige Kombinationen die mentale Entwicklung auf der Strecke. Nur wirkliche Meister können nach jahrzehntelangem Training fremde Elemente in die eigene Technik harmonisch integrieren.

Denen, die sich der Meditation zuwenden, rate ich, sich ihren Lehrer als Person anzusehen. Persönliche Charaktereigenschaften sind in diesem Kontext viel wichtiger als das Beherrschen besonders effizienter Meditationstechniken. Als Anfänger hat niemand die Kenntnisse, um das Können eines Lehrers zu beurteilen. Wenn jedoch der Lehrer charakterlich integer ist, kann man sich wenigstens darauf verlassen, daß er seinen Schülern nicht bewußt Schaden zufügt. Der Markt prosperiert von selbsternannten Meistern und Gurus, welche angeblich über esoterisches „Geheimwissen“ verfügen und unter dem Deckmäntelchen aufopfernder Selbstlosigkeit ihre Adepten ausbeuten, in den existentiellen Ruin und in extremen Fällen sogar in den Tod treiben.

Bei der Wahl eines Lehrers ist höchste Vorsicht angebracht.

Ich rate ab, Meditieren aus einem Buch zu lernen. Gute Bücher auf diesem Gebiet sind nur selten zu finden und auch dann nur für erfahrene Meditanten von Nutzen.

Das Numinose ist – auch wenn es existiert – für den Verstand unbegreiflich und alle (auch die meditativen) Techniken, welche angeblich zum Göttlichen führen, sind nach meiner tiefsten Überzeugung Irrwege. Der Mensch muß sich damit abfinden, daß es keine Gewißheit für die Existenz Gottes gibt – er muß sich auf das Wagnis des religiösen Glaubens ohne jede Sicherheit einlassen. Meine rigorose Zurückweisung jeglicher metaphysischer Transzendenz soll aber nicht als Atheismus verstanden werden. Atheismus ist genausowenig begründbar wie Theismus.

Die Annahme, daß wir uns einem göttlichen Schöpfer oder Urgrund nähern könnten, halte ich für menschliche Hybris. Sich als Diener oder Kind Gottes zu verstehen, ist eine zwar für die eigene Eitelkeit sehr angenehme – nicht mehr weiter steigerungsfähige - Steigerung des Selbstwertgefühls, hält aber den Menschen davon ab, sich seiner eigentlichen Wesensnatur zu besinnen.

Über dem Eingang zum Orakel zu Delphi stand ein kluger Satz: »Erkenne dich selbst.«

Er hatte die Bedeutung: Erkenne, daß du dich auf göttlichem Boden befindest und erkenne – daß du nur ein Mensch bist.

Der Mensch muß akzeptieren, daß er sein eigener Gesetzgeber ist und damit auch die volle (moralische) Verantwortung für sein Denken und Tun zu tragen hat. Nicht der Teufel oder die Dämonen verursachen das Böse. Diese bequemen Ausreden zur Zurückweisung jeder moralischen Schuld für die eigenen bösen Taten sind in einem wissenschaftlichen Zeitalter obsolet. Nur personale Lebewesen haben die Fähigkeit, Gutes und Böses zu tun, weil nur sie das dazu erforderliche Wissen und Bewußtsein haben. Der Mensch ist ein solches Lebewesen.

Ich habe mich bemüht, eine Sprache und Darstellungsform zu finden, welche verständlich ist. Dieses Buch ist so aufgebaut, daß die verschiedenen Aspekte aus verschiedenen Perspektiven in den verschiedenen Teilen auf das Ganze hinweisen.

Die etwas kryptischen Formulierungen der meditationsphilosophischen Maximen des richtigen Meditierens sind nur bedingt für ein sprachliches Verstehen oder ein (rationales) Studium vorgesehen. Zweck ist, Meditanten – gleichgültig welcher Provenienz – Einsichten zu vermitteln, welche ihrem jeweiligen meditativen Entwicklungsstand entsprechen.

Ich wünsche jedem Sucher, der sich auf den Weg macht, seinem Leben Sinn zu geben, viel Glück und die Beharrlichkeit, welche zum Erfolg führt.

 

Chinesisches Glossar

NEIDAN:        „innere Alchemie“
WAIDAN:        „äußere Alchemie“
NEIGONG:     „innere Arbeit“
NEIJIA:            innere Schule, innere Richtung
QIGONG:        „Atemarbeit“
WAIJIA:           äußere Schule, äußere Richtung
QI:                    taoistisch: „Lebensenergie“; Luft, Atem, Dampf
TAIJI:               allergrößter, höchster Grad, Grenze, Prinzip;
TAIJIQUAN:    "Große Schwelle" (nach Dolin); "Boxen des großen Geistes" (nach Yao/Fassi)
JING:              Essenz" (nach Requena); das energetische Fundament des Lebens, vergleichbar mit angeborener Konstitution (nach Hempen)
SHEN:             Mut, geistige Energie (nach Yao/Fassi); die konstellierende Kraft, die lebendigen Aspekte der Persönlichkeit, mentale Aktivität oder geistige Kraft (nach Hempen)
DANTIAN:       Unterleibsgegend
CHAN:             tiefe Meditation;  buddhistische Sekte (des Bodhidharma)

 

Quellennachweis

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Zeilinger, Anton; Einsteins Schleier, München 2003

Nachschlagwerke:

Enzyklopädie Philosophie, CD-ROM-Edition; Hrsg. Hans Jörg Sandkühler; Felix
Meiner Verlag Hamburg 2003
Geschichte der Philosophie, CD-ROM-Edition Digitale Bibliothek Band 3 (DB03),
Berlin 1998
Philosophie von Platon bis Nietzsche, CD-ROM-Edition Digitale Bibliothek Band 2
(DB02), Berlin 2000

Quellenreferenz und Anmerkungen

[1] Glasenapp, S. 17
[2] V. Aristoteles: »Man wird daher annehmen dürfen, daß diejenigen Lehren, die der Wahrheit entsprechen, nicht nur im Sinne der Theorie, sondern auch für die Praxis des Lebens die wertvolleren sind. Man schenkt ihnen Glauben, weil ihnen die Taten entsprechen, und sie bilden deshalb für die Hörer den Antrieb, sich nach ihnen zu richten.« (Nikomachische Ethik, S. 217; DB02, S. 5140)
[3] I.S.v. adaequatio intellectus et rei.
[4] Es war doch nur notwendig, ein bißchen auf den Boden zu sehen…wie konnte man nicht sehen, wohin man ging!
[5] V. Albertus Magnus: »Philosophi enim est id, quod dicit, dicere cum ratione.« (S. 170)
[6] Glasenapp, S. 11
[7] Der Galaxien, Sonnen, Planeten, etc.
[8] Auf die Problematik der Wellennatur oder korpuskularen Natur des Lichts sei hier nicht eingegangen. Dieses Problem kann nur von der Physik gelöst werden.
[9] Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, DB02, S. 24799 (vgl. Kant-W Bd. 5, S. 189)
[10] M.a.W. der menschliche Verstand projiziert seine ihm immanenten Gesetzmäßigkeiten in die Natur hinaus.
[11] Satz der Identität, des Widerspruchs und des ausgeschlossenen Dritten.
[12] So lassen beim Doppelspaltexperiment die auftretenden Interferenzstreifen keine Deutung zu, ob das Licht eine Wellen- oder eine Partikelnatur hat. (V. Zeilinger, S. 30f, S145f)
[13] Wozu auch die Sprache der Mathematik zählt.
[14] In Meditationskreisen wird Wissenschaft und Rationalität sehr geringschätzig gegenüber dem „höheren“, durch Meditation erworbenen „Wissen“ betrachtet.
[15] V. Platon; Kratylos, DB02, S. 813 (vgl. Platon-SW Bd. 1, S. 546), etc.
[16] V. Brief an die Epheser, 4,17-24; Kolosser 3,1 - 4,6
[17] Augustinus, Bekenntnisse, DB02, S. 8230 (vgl. Augustinus-Bek., S. 231);
Anselm von Canterbury: Warum Gott Mensch geworden, DB02, S. 8637 (vgl. Anselm-Gott, S. 73)
[18] Jakob Böhme: Aurora oder Morgenröte im Aufgang, DB02, S. 11772ff (vgl. Böhme-Aurora, S. 337);
Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.
[19] Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache, DB02, S. 27865 (vgl. SuD-Müller Bd. 1, S. 163); Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, DB02, S. 29017 (vgl. Herder-Ideen Bd. 2, S. 244)
[20] Schleiermacher: Über die Religion, DB02, S. 31943 (vgl. Schleierm.-Rel., S. 147)
[21] Über die Religion, DB02, S. 31944 (vgl. Schleierm.-Rel., S. 148)
[22] »Das ist: dieser Teil des Menschengeschlechts war in der Ausübung seiner Vernunft so weit gekommen, daß er zu seinen moralischen Handlungen edlere, würdigere Bewegungsgründe bedurfte und brauchen konnte, als zeitliche Belohnung und Strafen waren, die ihn bisher geleitet hatten.«
[Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts, S. 26. Digitale Bibliothek Sonderband: Meisterwerke deutscher Dichter und Denker, S. 31731 (vgl. Lessing-W Bd. 8, S. 502)]
[23] Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, A 481
[24] »Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.«
[Also sprach Zarathustra, DB02, S. 67748 (vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 279)]
[25] Also sprach Zarathustra, DB02, S. 67749 (vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 280)
[26] Ebd., S. 67856 (vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 343-3
[27] Ebd., S. 68162 (vgl. Nietzsche-W Bd. 2, S. 522-523)
[28] Der Wille zur Macht, 2. Bd., 3. Buch, Z. 201
[29] Ebd., 2. Buch, Z. 62
[30] Ebd.,   2. Bd., 2. Buch, Z. 311
[31] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 31
[32] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 32
[33] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 164
[34] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 166
[35] Ebd., 2. Bd., 1. Buch, Z. 133
[36] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 220
[37] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 204
[38] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 206
[39] Ebd., 2. Bd., 2. Buch, Z. 244
[40] Ebd., 2. Bd., 2. Buch, Z. 229
[41] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 192
[42] Ebd., 2. Bd., 2. Buch, Z. 194
[43] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 200
[44] Ebd., 2. Bd., 4. Buch, Z. 304
[45] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 233
[46] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 249
[47] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 356
[48] Ebd., 2. Bd., 2. Buch, Z. 272
[49] Ebd., 2. Bd., 3. Buch, Z. 215
[50] Ebd., 2. Bd., Grundanschauung und Aufgabe,
Z. 10
[51] Ebd., 2. Bd., Grundanschauung und Aufgabe,
Z. 82
[52] Ebd.
[53] Ebd., 2. Bd., 4. Buch, Z. 97
[54] Ebd., 2. Bd., Grundanschauung und Aufgabe,
Z. 87
[55] Ebd., 2. Bd., 4. Buch, Z. 339
[56] Kant: »Nun sage ich: der Mensch, und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden.«
[Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 73. DB02, S. 25019 (vgl. Kant-W Bd. 7, S. 59-60)]
[57] Nietzsche, 2. Bd., 4. Buch, Z. 404
[58] Ebd., 2. Bd., 4. Buch, Z. 253
[59] Ebd., 2. Bd., 4. Buch, Z. 342
[60] V. ebd., 2. Bd., 1. Buch, Z. 234
[61] Ein humanistisch gebildeter Rezipient wird diese Aspekte des Denkens Nietzsches nicht übersehen.
[62] Die fürchterlichste Konsequenz dieser Denkweise ist im 20. Jahrhundert in der Umsetzung der Nazi-Ideologie zu beobachten.
[63] Heideggerkenner mögen diese Kurzcharakteristik des »Daseins« mit Nachsicht beurteilen. Heidegger hat in seiner Arbeit weitgehend das Weltbild des westlichen Menschen des 20. Jahrhunderts in einer allgemeingültigen Sprache dargestellt, deren Verständnis ein eingehendes Studium erforderlich macht. Hier soll nur in einer allgemeinverständlichen Weise die Perspektive des Heideggerschen Menschenbegriffs im Umriß aufgezeigt werden.
[64] Im »Dasein« wird implicite das Wissen um das Dasein ausgedrückt. Nur der Mensch weiß um sein Dasein; nur der Mensch ist sich dessen bewußt. Diese terminologische Kennzeichnung im Kontext mit der sprachlichen Struktur des Werkes läßt die Frage zu, ob diese Charakterisierung nur auf die Spezies Mensch zutrifft, oder ob damit nicht sämtliche personalen Lebensformen, wie sie sich auf anderen Planeten in unserem Universum entwickelt haben könnten, zuträfen.
[65] »Der Gewissensruf hat den Charakter des Anrufs des Daseins auf sein eigenstes Selbstseinkönnen und das in der Weise des Aufrufs zum eigensten Schuldigsein.« (S. 269)
[66] »Seiendes, dessen Sein Sorge ist, kann sich nicht nur mit faktischer Schuld beladen, sondern ist im Grund seines Seins schuldig. Welches Schuldigsein allererst die ontologische Bedingung dafür gibt, daß das Dasein faktisch existierend schuldig werden kann. Dieses wesenhafte Schuldigsein ist gleichursprünglich die existenziale Bedingung der Möglichkeit für das ›moralisch‹ Gute und Böse, d.h. für die Moralität überhaupt und deren faktisch mögliche Ausformungen.« (S. 286)
[67] »Erst im Sterben kann man gewissermaßen absolut sagen >Ich bin<.« (Prolegomena, S. 440)
[68] »Angst« nicht als psychologischer, sondern als ontologisch-existenzialer Terminus verstanden: als »Befindlichkeit«. Die »Stimmung«, die seelischer Komponente, bestimmt wesentlich die Verfassung des Menschen. Er muß diese Zustände auch rational verarbeiten: In welchem Zustand befindet er sich?
[69] D.h. ein erfolgreiches, erfülltes Leben führen zu können.
[70] »Die ekstatische Einheit der Zeitlichkeit, das heißt die Einheit des ›Außer-sich‹ in den Entrückungen von Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart, ist die Bedingung der Möglichkeit dafür, daß ein Seiendes sein kann, das als sein ›Da‹ existiert.« (Sein und Zeit, S. 350)
[71] Philosophie, Bd. II, S. 1
[72] Ebd., Bd. III, S. 166
[73] Ebd., Bd. III, S. 9
[74] Ebd.,   Bd. III, S. 19
[75] Ebd., Bd. III, S. 25
[76] Ebd., Bd. III, S. 129
[77] Ebd., Bd. III, S. 137
[78] Ebd., Bd. III, S. S. 141
[79] Jaspers definiert »Dasein« als das Umgreifende des Lebewesens; das Leben des Menschen, der Tiere, der Pflanzen. (Von der Wahrheit, S. 53ff)
Als Existenz transzendiert der Mensch sein Dasein. »Was ich eigentlich bin, ist das Umgreifende des Selbstseins. Selbstsein heißt Existenz.« (Ebd., S. 76ff)
[80] Philosophie, Bd. III, S. 150
[81] Ebd., Bd. I, S. 52
[82] Ebd., Bd. I, S. 15
[83] Ebd., Bd. I, S. 246
[84] Ebd., Bd. II, S. 11
[85] Ebd., Bd. II, S. 12
[86] Ebd., Bd. II, S. 8
[87] Ebd., Bd. I, S. 19
[88] Ebd., Bd. I, S. 23
[89] Ebd., Bd. I, S. 13
[90] Ebd., Bd. II, S. 44
[91] Ebd., Bd. II, S. 45
[92] Ebd., Bd. II, S. 47
[93] Ebd., Bd. II, S. 50
[94] Ebd., Bd. II, S. 56
[95] Ebd., Bd. II, S. 57
[96] Ebd., Bd. II, S. 56
[97] Ebd., Bd. II, S. 51
[98] Ebd., Bd. II, S. 58
[99] Ebd., Bd. II, S. 61
[100] Ebd., Bd. II, S. 203
[101] Wie Tod, Leiden, Kampf, Schuld (Philosophie, Bd. II, S. 209)
[102] Philosophie, Bd. II, S. 203
[103] »Es ist das Wesen der Existenz, daß in ihr, zu ihr gehörig, ein Über-sie-Hinaus ist.«
(Philosophie, Bd. II, S. 145)
[104] Ebd., Bd. II, S. 204
[105] »Kampf ist ein Grundphänomen des Lebens.« (Von der Wahrheit, S. 478)
[106] »Existenz ist im Prozeß des Selbstwerdens, der ein Kampf mit sich ist. Ich knicke in mir Möglichkeiten, vergewaltige meine Antriebe, ich forme meine gegebenen Anlagen, stelle in Frage, was ich geworden bin, und bin mir bewußt, nur zu sein, wenn ich mein Sein nicht als Besitz anerkenne.« (Philosophie, Bd. II, S. 234)
[107] Philosophie, Bd. II, S. 65
[108] Ebd., Bd. II, S. 66
[109] Ebd., Bd. II, S. 67
[110] Ebd., Bd. II, S. 69
[111] Ebd., Bd. II, S. 64
[112] Ebd., Bd. II, S. 235
[113] V. Nietzsche II, S.378f
[114] V. Sein und Zeit, S. 49
[115] V. Sein und Zeit, S. 202
[116] »Die Transzendenz des Seins des Daseins ist eine ausgezeichnete, sofern in ihr die Möglichkeit und Notwendigkeit der radikalsten Individuation liegt.« (Sein und Zeit, S. 38)
[117] »In der horizontalen Einheit der ekstatischen Zeitlichkeit gründend, ist die Welt transzendent. Sie muß schon ekstatisch erschlossen sein, damit aus ihr her innerweltliches Seiendes begegnen kann.« (Sein und Zeit, S. 366)
[118] »Das ›Transzendenzproblem‹ kann nicht auf die Frage gebracht werden: wie kommt ein Subjekt hinaus zu einem Objekt, wobei die Gesamtheit der Objekte mit der Idee der Welt identifiziert wird. Zu fragen ist: was ermöglicht es ontologisch, daß Seiendes innerweltlich begegnen und als begegnendes objektiviert werden kann? Der Rückgang auf die ekstatisch-horizontal fundierte Transzendenz der Welt gibt die Antwort.«
(Sein und Zeit, S. 366)
[119] So argumentiert Laktantius, einer der letzten beiden christlichen Apologeten zur Zeit Konstantins, daß Tugend das unnützeste und törichste Ding der Welt sei, wenn es keine Aussicht auf das höchste Gut, die Unsterblichkeit, als göttlichen Lohn gäbe.
[V. Vorländer: Geschichte der Philosophie; DB03, S. 7416 (vgl. Vorländer-Gesch. Bd. 1, S. 223)]
[120] Notizen zu Martin Heidegger, S. 187
[121] In der Antike war die Basis des Umgangs zwischen einem philosophischen Lehrer und seinen Schülern die philia, die freundschaftliche Zuwendung. Diese Form des Du-Sagens ist auch die beste Voraussetzung zum Erlernen von Meditationsphilosophie bzw. von Meditation generell.
[122] In den verschiedenen, traditionellen Meditationsrichtungen läßt sich ein hohes Ausmaß an Toleranz gegenüber anderen Lehren feststellen. Durch Meditation scheinen sich konkordante Verständnisformen zu bilden, was darauf hindeutet, daß beim Meditieren ähnliche, mentale Prozesse ablaufen, und zwar auch dann, wenn verschiedene Techniken verwendet werden.
[123] Dies sowohl im erkenntnistheoretischen, als auch ethischen Sinne.
[124] Die richtige Erkenntnis.
[125] Es ist ein sonderbares Phänomen, daß Meditieren eine höchst sozialisierende Komponente in sich trägt. In der Regel wird mit esoterischen Eigendünkel begonnen, wie dem Bewußtsein eines exklusiven „Geheimwissens“, was den Eigenwert natürlich wesentlich hebt und der eigenen Eitelkeit fürchterlich schmeichelt. Nach geraumer Zeit kommt man zu der Schlußfolgerung, daß das, was man macht, gut ist und fragt sich, warum man dieses Wissen für sich behalten soll. Dies ist - nach Berichten der Meditationsliteratur - die Geburt eines Guru.
[126] Wie Einheit mit dem Universum, Gott, etc.
[127] Es wäre ausgesprochen paradox, einerseits rationales Wissen als defizient zurückzuweisen, um andererseits genau diese Form von Beweisführung für meditative Erlebnisse in Anspruch zu nehmen.
[128] ek-stena: das Außersichgeraten.
[129] I.S.v.: »nicht einer rationalen Beurteilung zugänglich«.
[130] Das „Ich“ wird immer stärker. Meditieren bedeutet nicht, seine Identität zu verlieren, sondern diese zu stärken und immer mehr selbst zu werden, d.h. eine höhere Selbstverfügung zu entwickeln.
[131] Der innere Kampf hatte einen höheren Stellenwert.
[132] »Tao« bedeutet wörtlich »Weg« oder »Straße«. In den ältesten Formen des Ideogramms zeigen sich drei Elemente: ein Weg, ein menschliches Haupt und ein menschlicher Fuß. Bei einer etymologischen Deutung, daß es sich bei diesen Elementen um einen Führer mit seinen Jüngern handelt, welche gemeinsam ihren Weg suchen, beinhalte sie eine ethische Komponente und beziehe sich auf die äußeren, mitmenschlichen Beziehungen, während sie sich beim „Sitzen“ nach der Lehre des Inneren Elixiers als Konzentration der psychischen Energien ins Unterbewußte auswirke. (Miyuki, S. 22f)
Wenn es allerdings richtig ist, daß in diesem Ideogramm nicht ein einzelnes Individuum gemeint ist, kann eine Interpretation in der Weise erfolgen, daß damit die Menschheit als solche auf ihrem Weg zum universellen Urgrund dargestellt wird.
[133] Auf unsere Zeit übertragen würde dies bedeuten, daß das beständige Siegen in Wettkämpfen kein Kriterium für die Bewährung im Lebenskampf darstellt.
[134] Welcher diesem Denken entsprechend auf eine metaphysische Transzendenz ausgerichtet war.
[135] In der Sprache Jaspers’: »Existenz«.
[136] D.h. diese Denkkategorien sind in diesem Kontext auch heute noch immer praktisch verwertbar.
[137] Was ist die richtige Methode, die zum Erfolg führt? Gibt es eine ausschließlich richtige Methode?
[138] M.a.W.: Läßt sich das erfüllte Leben objektivieren?
[139] »Objektivierung« in dem Sinne, daß es sich um ein außerhalb des subjektiven Individuums befindliches, subsistierendes Objekt handelt.
[140] D.h. in der Wirklichkeit des Menschen.
[141] Solche „Tests“ würden von einer grenzenlosen Verantwortungslosigkeit und menschlicher Unreife zeugen, da am Ende immer der Tod ins Spiel käme. D.h. die Effizienz traditioneller Trainingspraktiken zeigt sich erst in echten Notwehrsituationen.
[142] Als ausschließlicher Lebensinhalt.
[143] Eine qualitative Gleichsetzung mit der meditativen Versenkung kann nicht vorgenommen werden.
[144] Die wissenschaftliche Untersuchung der psychischen Vorgänge ist Gegenstand der Psychologie.
[145] Das Setzen des Modushorizonts.
[146] Wie z.B. bei einem Menschen, welcher sich bei seinen Mitmenschen nicht durchsetzen kann und deshalb Yoga erlernt. Aufgrund des Unterrichts erlangt er allerdings nicht nur die Fähigkeit sich durchzusetzen, sondern er wird derart aggressiv und unausstehlich, daß seine Mitmenschen nicht mehr mit ihm zusammenleben können und er sich in ärztliche Behandlung begeben muß.
[147] »Maß (ist das) Beste.« (Fink, S.30)
Dieser Satz des Kleobulos, eines der sagenhaften Sieben Weisen, spiegelt den Ethos des altgriechischen Geistes wider und wurde in der Ethik Aristoteles’ als mesotes, als (Maß der) Mitte, überliefert. Aus einer existentiellen Erfahrung heraus entworfen, ist er jedoch in meditativer Hinsicht von höchster Relevanz: Ein Verstoß gegen diese Regel führt Meditanten in Gefahr.
[148] Suche den Schein und du verlierst das Sein. Suche das Sein und du benötigst keinen Schein. Begib dich auf den Weg der Wahrhaftigkeit und du brauchst weder dich noch andere täuschen…
[149] I.S.v. Glücksgefühl.
[150] arete!
[151] …und wenn es nur 5 Minuten pro Tag sind…
[152] Dies bedeutet nicht, daß ein mechanistisches Weltbild falsch ist.
[153] D.h. kritisch zu untersuchen.
[154] - selber denken lernen.
[155] Interessant ist in diesem Kontext der chinesische Seins-Begriff »SHI«, in welchem die Bedeutung des Wahr-seins mitschwingt, d.h. eine Verknüpfung des prädikativen »ist« mit »wahr« auftritt.
[156] Dies ist der existentielle Hintergrund der existenzialen Interpretation des Gewissens durch Heidegger.
»Dem angerufenen Selbst wird ›nichts‹ zu-gerufen, sondern es ist aufgerufen zu ihm selbst, d.h. zu seinem eigensten Seinkönnen.« (Sein und Zeit, S. 273)
[157] V. Heidegger, Sein und Zeit, S. 263
[158] Das Existieren.
[159] Der Frage einer Sinngebung des eigenen Lebens durch die Existenz eines geliebten Menschen, d.h. einer Sinngebung durch Liebe, sei hier nicht nachgegangen.
[160] Sowohl in seiner existentiellen Potentialität, als auch in seiner zeitlichen Begrenztheit.
[161] Eine speziezistische Argumentation, daß die Sinngebung als rein menschliches Problem angenommen werden kann, wird hier nicht verfolgt, da anzunehmen ist, daß jede personale Lebensform dieses Universums mit der gleichen Problematik konfrontiert ist.
[162] Wenn auch Leid und Not, Schmerzen und Qualen faktisch in jedem individuellen Schicksal auftreten, wäre es doch abstrus, diese existentiellen Komponenten als Lebensziel zu definieren.
[163] »That those who aim at happiness for happiness’s sake often fail to find it, while others find happiness in pursuing altogether different goals, has been called ‘the paradox of hedonism’. It is not, of course, a logical paradox but a claim about the way in which we come to be happy. Like other generalisations on this subject, it lacks empirical confirmation. Yet it matches our everyday observations and is consistent with our nature as evolved, purposive beings.« (Singer, S. 332)
[164] Es mag an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß der antike Hedonismus eine Beherrschung der Lust vertrat, während in unserer Zeit unter »Hedonismus« das maß- und zügellose Ausleben der Triebe und Begierden verstanden wird.
[165] he eudaimonia: Glück, Glückseligkeit, glücklicher Zustand; Wohlstand, Macht. (Menge-Güthling)
»…: the name eudaimonia is badly but inevitably translated by happiness, badly because it includes both the notion of behaving well and the notion of faring well. Aristotle’s use of this word reflects the strong Greek sense that virtue and happiness, in the sense of prosperity, cannot be entirely divorced.« (MacIntyre, S.59)
[166] Fink, S.71
[167] teleion de ti phainetai kai autarkes he eudaimonia, ton prakton ousa telos.
  (Nikomachische Ethik, 1097b 20)
[168] In der Bedeutung von »Deutbarkeit, Verstehen« und »bedeutend, wichtig«.
[169] Als sublimierte Form von Lust.
[170] Zu hinterfragen ist, ob die kulturellen Errungenschaften die Unterdrückung und Ausbeutung unzähliger Menschengenerationen rechtfertigen.
[171] Auf dem „Untergrund“ eines psychischen Rationalisierens.
[172] Nicht im religiösen, sondern im ethischen, „profanen“ Sinne.
[173] Moral ist von fundamentalerer Bedeutung als Recht, welches sich auf die äußere Ebene des sozialen Umgangs bezieht. Moralität ist das innere Sein des Menschen und manifestiert sich als Gesinnung. Die Einhaltung des Rechts kann als Pflicht (gegen die anderen) eingefordert werden, Moralität nicht.
[174] Ihrem jeweiligen Normenkatalog entsprechend.
[175] Ethik hat sich als das schwierigste Gebiet der Philosophie erwiesen. Die Einzelwissenschaften habe sich aus der Philosophie herausgelöst und sind selbständige Disziplinen mit durchaus respektablen Ergebnissen geworden. Die Ethik, als wissenschaftliche Begründung von Moral, hat noch immer nicht den Schoß der Philosophie verlassen und es liegen auch nach zweieinhalb Jahrtausenden noch immer keine endgültigen Resultate vor.
[176] D.h. die für Leben generell notwendigen, von der Natur gegebenen Voraussetzungen.
[177] Der moderne Personenbegriff fand seine Grundlegung bei John Locke. »Eine Person müsse als ein intelligentes und denkendes Wesen begriffen werden, das über Vernunft, Reflexionsvermögen und Selbstbewußtsein verfüge und aufgrund seiner Fähigkeit, sein Leben überlegt führen zu können, in besonderer Weise mit zukünftigen Handlungsweisen umgehen müsse.« (Enzyklopädie Philosophie, S. EP:994b)
[178] »Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.«
[Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 75. DB02 S. 25021]
[179] Die Allgemeingültigkeit des kategorischen Imperativs wird erst einsichtig, wenn er aus der argumentativen Begründungsebene von vernunftbegabten Lebewesen dieses Universums heraus verstanden wird. Niedrigere Argumentationswertigkeiten lassen Schlußfolgerungen zu, welche der ursprünglichen, Kantschen, Intention fern lagen.
[180] Formalismusbuch, S. 382f
[181] Ebd., S. 470
[182] Als phänomenale Vollsinnigkeit. Priorität liegt auf dem Verstehen der Lebensäußerungen eines Menschen aus dem geistigen Zentrum des anderen heraus, im Unterschied zu einer „kausalen“ Erklärung. Den Sinn erfassen. Psychisches Sein habe mit Personsein nichts zu tun.
(V. Formalismusbuch, S. 470f)
[183] Als echtes Verstehenkönnen. »Der Mensch ist unmündig, solange er die Erlebnisintentionen seiner Umwelt, ohne sie primär zu verstehen, einfach mitvollzieht, solange also die Form der Ansteckung, des Mittuns, im weiteren Sinne der Tradition, die für sein geistiges Grundverhältnis zu anderen fundierende Übertragungsform ist.« Kennzeichen ist, daß er einen fremden Willen für seinen eigenen hält. (V. Formalismusbuch, S. 471f)
[184] »Erst, wer den ihm in äußerer und innerer Wahrnehmung identifizierbaren Leib noch durch das Band <mein Leib> zu sich <gehörig> erlebt …, darf diesen Namen (Person; Einf.d.Verf.) führen.«
(Formalismusbuch, S. 472f)
[185] Formalismusbuch, S. 475
[186] »The biological facts upon which the boundary of our species is drawn do not have moral significance. To give preference to the life of a being simply because that being is a member of our species would put us in the same position as racists who give preference to those who are members of their race.« (S. 88)
[187] »A self-conscious being is aware of itself as a distinct entity, with a past and future.« (S. 90)
[188] »… there is special value in the life of a person.« (S. 89)
[189] Singer ist ein Vertreter des Präferenzutilitarismus. (V.S. 94f)
[190] S. 119
[191] D.h. unmoralische Werte haben Priorität!
[192] Inwieweit ihm das Schaffen neuer, moralischer Werte gelungen wäre, mag dahingestellt bleiben. Seine Erkrankung läßt eine Beantwortung dieser Frage nicht zu.
[193] Kant ließ sich noch vom Gedanken einer analogen Problemlösung leiten, welche sich an den (physikalischen) Naturgesetzen orientierte.
[194] D.h. eine speziezistische Begründung für Menschenwürde ist nicht haltbar.
[195] Es sei an dieser Stelle auf den Menschen des Kantschen kategorischen Imperativs verwiesen, welcher sich in seiner „Inferiorität“ als ameinon zum „Übermenschen“ Nietzsches erweist.
[196] Dem Juden, welcher mit seiner Zahnbürste die Pflastersteine reinigen muß, wurde seine Würde geraubt. Derjenige jedoch, welcher mit gezückter Pistole daneben steht und ihn erschießen würde, wenn er dies nicht täte, hat seine Würde als Mensch weggeworfen. Jener ist bedauernswert, dieser verachtenswürdig. Er hat sich als Unmensch erwiesen.
[197] Weil z.B. die herrschenden Moralvorstellungen ethisch nicht akzeptabel sind.
[198] »Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.«
[Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 13. DB02 S. 24959]
Diese Argumentation wird auch hier befürwortet, weil alle Versuche, eine ethisch hinreichende Begründung von Moral nach Kant, ohne auf die Aspekte der Gesinnungsethik einzugehen, fehlgeschlagen sind. Moralität – sowohl in der positiven, als auch negativen Ausprägung – ist ohne entsprechende Gesinnung nicht begründbar.
[199] Z.B. sind die Satansanhänger deshalb nicht als Vertreter einer nichtchristlichen, d.h. heidnischen Religion anzusehen. Die Verteufelung der heidnischen Kulte durch die Kirche hatte durchaus machtpolitische Motive. Indem man heidnische Kulte dem Teufel zuschrieb, insinuierte man, daß dies das Böses sei, weshalb man (natürlich) der christlichen Lehre folgen mußte, um der jenseitigen Strafe zu entgehen. Die Anhänger der Satanskulte bekennen sich nicht zu einem heidnischen Kult, sondern zum personifizierten Bösen, was in mythischer Form der Ausdruck für das höchste Prinzip des Bösen ist.
[200] D.h. es liegt eine axiologische Verkehrung vor.
[201] In der Kampfkunst äußerst sich dies so, daß die Versuchung auftritt, sein Können auszuprobieren. Derartige Kämpfe enden immer mit schweren Verletzungen oder Tod. Der Sieger eines solchen Kampfes hat damit zwar gezeigt, daß er seine Kunst beherrscht, hat aber andererseits die größte Niederlage erlitten, welche ein Kämpfer in diesem Bereich erleiden kann: Er hat dem hohen, moralischen Ethos der Kampfkunsttradition nicht Genüge getan, wodurch sich erwiesen hat, daß er bei der Förderung seiner menschlichen Qualitäten, welche das Ziel eines solchen Trainings ist, versagt hat.
[202] Matthäus 5,39.
[203] Diese Form von Vergeltung kann man direkt als grausam bezeichnen, wenn man bedenkt, daß die Strafen in alle Ewigkeit – d.h. ohne Ende – andauern. Paulus forderte seine Anhänger sogar auf, dem Bösen keinen Widerstand entgegenzusetzen und dadurch feurige Kohlen auf ihrem Haupt zu sammeln (Röm. 12,19f), d.h. die „bösen“ Menschen zu verleiten, einer negativen Moral zu folgen! Dies ist die Vorgangsweise eines Agent provocateurs. Weiters scheint es problematisch, jegliche Form von Vergeltung als böse zu erachten, wie es in dem Satz »Vergeltet niemand Böses (kakon) mit Bösem;…« ausgedrückt wird (Röm. 12,17).
[204] Legge, ein christlicher Missionar, welcher das Lun Yü des Konfuzius in einer nach Fachleuten auch heute noch unübertroffenen Weise editierte und übersetzte, bemerkte dazu: »How far the ethics of Confucius fall below our Christian standard is evident…«. (S. 288)
Das Problem dieser divergierenden Evaluierung ergibt sich aus der Differenz einer ethischen Argumentation, welche sich nach „diesseitigen“ oder „jenseitigen“ Kriterien richtet.
[205] YUAN; Haß, Feindseligkeit, Groll.
[206] DE; Tugend, Moral, Sittlichkeit.
[207] ZHI; gerade, gerecht, redlich.
[208] Stange, S. 50
[209] Im weitesten Sinne.
[210] I.S.d. negativen Moralität.
[211] M.a.W.: Im Kampf für das „Gute“ wurde das Böse verwirklicht.

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