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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6 (2005), Heft 5
Vom Verfasser des Diskussionsbeitrages "Die trialistische Lösung des 'Leib-Seele-Problems'" Lothar Kleine-Horst um eine Stellungnahme aufgrund des gemeinsamen Bezuges zur Schichtenlehre von N. Hartmann ("Willensfreiheit"-Artikel in Jg.4, H5) gebeten, möchte ich das von meinem Verständnis her in folgender Weise tun.
Zunächst ist die Problemlösung (Leib-Seele) mittels einer weiteren Substanz immer die einfachste Lösung, da eine Substanz in diesem ihrem Sein nicht weiter erklärt werden muss oder kann. Ein wenig erinnert mich die nun postulierte Substanz einer "Funktion" von Herrn Kleine-Horst an den Vitalismus, der eine Lebenskraft annahm. Damit ließen sich die Lebensvorgänge ebenfalls bestens erklären und eine weitere Suche nach einer anderen Lösung hätte sich mit dieser substantiellen Erklärung erübrigt. Jacques Monod schrieb in seinem Buch "Zufall und Notwendigkeit" über das zugrundeliegende Problem der Evolutionstheorie, das der Vitalismus mittels einer Substanz als Lebenskraft schnell und einfach zu lösen suchte:
" Wie sicher man sich auch seit Ende des 19. Jahrhunderts ihrer Geltung für die Erscheinungswelt war und obwohl sie die gesamte Biologie beherrschte – die Evolutionstheorie hing sozusagen in der Luft, wie es keine physikalische Theorie der Vererbung gab. Die Hoffnung, bald dahin zu gelangen, erschien noch vor dreißig Jahren trotz der Erfolge der klassischen Genetik wie ein Traum. Das jedoch, was man suchte, bietet heute die Molekulartheorie des genetischen Code. "Theorie des genetischen Code" verstehe ich hier im weiten Sinne: Sie umfaßt für mich nicht nur die Einsicht in die chemische Struktur der Erbsubstanz und die in ihr enthaltene Information, sondern auch in die molekularen Mechanismen des morphogenetischen und physiologischen Ausdrucks dieser Information." (Monod, S. 19)
Seit Descartes wird daher allgemein nicht versucht, das Leib-Seele-Problem mittels einer dritten Substanz zu lösen, sondern vielmehr alle Phänomene auf eine einzige Substanz zurückzuführen. Der Neurophilosoph Henrik Walter schreibt dazu, dass "sich fast alle Theoretiker auf einen ontologischen Monismus oder Physikalismus geeinigt haben. Kaum ein Philosoph postuliert noch eine geistige Substanz, um zu erklären, wie unser Geist funktioniert" ("Neurophilosophie der Willensfreiheit", Henrik Walter, Paderborn 1998, S. 130). Geist wird daher in der modernen Naturwissenschaft und allgemein in der Philosophie heute als eine Funktion oder Eigenschaft der Materie verstanden. Auch ich gehöre dieser allgemeinen Richtung oder diesem allgemeinem Verständnis des Monismus an (wobei ich allerdings der Auffassung bin, dass wie bei Kant nicht die uns bekannte Materie die Substanz ist, diese Substanz ist von den Strukturen der Welt geschieden, uns völlig unbekannt, wodurch die weltlichen Strukturen nur zu reinen Erscheinungen und alle Theorien darüber zu einem Idealismus werden).
Trotzdem wir daher von einem gemeinsamen Bezug ausgehen, nämlich der Schichtenlehre von Hartmann und speziellen evolutionären oder neurobiologischen Fragestellungen wie die visuelle Wahrnehmung, sehen wir diese Probleme doch aus vollkommen verschiedenen Perspektiven und haben widersprüchliche Lösungsansätze. Es ist darin ein ähnliches Problem wie zwischen gläubigen Christen und Naturwissenschaftlern: Die Christen postulieren einen Gott und ziehen ihn bei bestimmten Problemen zur Erklärung heran, genauso wie Sie nun eine neue Substanz postulieren und zur Erklärung heranziehen.
Ich kann nun eine und auch Ihre postulierte Substanz nicht widerlegen, soweit sie als eine Substanz betrachtet wird. Ich kann nur sagen, dass ich die weltlichen Probleme ohne eine (für uns reale) oder gar mehrere postulierte Substanzen zu lösen suche (Schichtenlehre nur als Schichten von Erscheinungen). An diesem Punkt ist damit die Diskussion um eine trialistische Lösung im Grunde schon an ihr Ende gelangt. (Mich würde eventuell noch interessieren, wie mit der trialistischen Lösung das religiöse Problem der menschlichen Seele gesehen wird. Ist die menschliche Seele bzw. die Personalität des Menschen substantiell und kann den Tod überdauern?)