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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 5
Mein Buch des Monats September
Der Dichter und sein Astronom. Der Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Erwein von Aretin. Hg. v. Karl Otmar von Aretin und Martina King. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005. 215 S. ISBN 3-458-17271-8. Geb. € 19,80.
Schauplatz: München, Anfang 1915. Seit Sommer 1914 befindet sich Deutschland im Kriegszustand. Großbritannien, Frankreich und Belgien stehen an der Westfront, Rußland an der Ostfront. Grausames, unvorstellbares Spektakel in den Schützengräben. Das allseitige Schlachten aber scheint dennoch fern der Heimat. Wer zuhause verblieben ist, umklammert das bißchen Glauben an die Propaganda eines schnellen, verlustarmen Sieges. Die Upper-Class in den Städten versucht das Alltägliche zu wahren, lenkt sich ab, sucht das Vergnügen und die Abwechslung. Wer für untauglich befunden oder noch nicht gemustert wurde, trifft sich dem Zeitgeist entsprechend bei Vorträgen, spiritistischen Sitzungen und kulturellen Veranstaltungen (Die Protagonisten des hier vorzustellenden Briefbandes mit eingeschlossen).

Rainer Maria Rilke kommt Mitte Februar kurzzeitig von Irschenhausen aus, wo er auf Anraten seines Arztes Wilhelm von Stauffenberg kurt, in die bayerische Hauptstadt zurück. Der Dichter beabsichtigt eine Lesung seines Kollegen Thomas Mann, »Gedanken im Kriege«, zu besuchen. Rilkes Freundeskreis in der Isarmetropole ist groß. Maler und Literaten gehören ihm ebenso an, wie Philosophen, Mediziner, Psychoanalytiker, Philosophen, Historiker und Politiker. In diesen Februartagen trifft Rilke auch Erwein von Aretin (1887-1952) zum ersten Mal. Von Aretin ist seines Zeichens Astronom und Mathematiker, 1912 promoviert über »Die Biographie eines ihm gleichgültigen Sternes achter Größe« (RMR an Marie Taxis, 24.2.1915), ›Lambda tauri‹, im Sternbild ›Stier‹.
Rilkes Arbeitsvermögen war seit dem Duineser Winter 1911/12, als ihm seine ersten Elegien gelangen, immer stärker abgeebbt. Nur zu Beginn des Krieges, fasziniert vom Dämon der aufbegehrenden Massen und durch seine Liebesbegegnung mit der Malerin Loulou Albert-Lazard, flammt es erneut kurz auf. Schnell jedoch tritt wieder Ernüchterung, gar Schreiblähmung ein. Rilkes Dichtung kommt nach und nach weitestgehend zum Erliegen. »[…] Neues ist seit lange nicht zu verzeichnen […]«, muß Rilke an seinen Lektor schreiben (RMR an Fritz A. Hünich, 6.7.1915).
Von der Zusammenkunft mit von Aretin erwartet Rilke »Arbeit und Fortschritt«. An der Sternenkunde, vermittelt durch den Kenner von Aretin, findet der Dichter schnell Gefallen. Mit ihr scheint endlich das Antiserum für das Gift, das ihm »die Säfte trübt« (RMR an E. von Aretin, 7.8.1915), gefunden. Rilkes fluides Innere ist zwischenzeitlich über die Ufer gegangen und durch allerlei Umstände undurchsichtig geworden. Der »Fluß-Gott des Bluts« (DE 3) hat Besitz von ihm ergriffen. Längst sucht der Dichter im All nach der »Engel Ordnungen« (DE 1) oder im noch abstrakteren Zahlen-Kosmos der Mathematik. Dennoch muß er sich und dem Freund bald eingestehen: »Wir haben zu hoch angefangen, das trieb uns dann auch ins Vague und Grenzenlose, – ich sehe schon, ich müsste mir erst so etwas wie eine Gymnasialstufe zurückführen, um dann in bescheidenstem Lernen aufzusteigen. Ich habe mir bei Stauffenberg nun noch einige Bücher von Poincaré geholt, daneben eine Elementar-Mathematik und sogar nach einem Studenten die Umschau eröffnet, der mir auf die Finger sähe.« (RMR an E. von Aretin, 7.8.1915)
Daß der Dichter eine Nachhilfe durchaus nötig hatte, zeigen die ersten Zeilen eines seiner Gedichte, das um die Jahreswende 1914/15, also noch vor den ersten Treffen mit von Aretin, entstand:
Einmalige Straße wie ein Sternenfall,
im gleichen Augenblick durch Blick und All
stürzender Stern. O Liebesaugenblick.
[…]
Es ist anzunehmen, daß von Aretin Rilke im Verlauf ihrer Begegnungen irgendwann erklärt haben mag, daß eine Gleichzeitigkeit von Ereignis und Wahrnehmung des Ereignisses durch den Betrachter rein wissenschaftlich gesehen nicht gegeben ist. Immer ist schließlich Verzögerung mit im Spiel.
Jedenfalls zeugen die ersten der insgesamt 43 in dem neuen Briefband abgedruckten Dokumente von diversen Treffen zwischen Dichter und Astronom innerhalb Münchens, während derer wohl hauptsächlich von stellaren und naturwissenschaftlichen Phänomenen die Rede gewesen ist. Im Sommer 1915 entschließt sich Rilke sogar zu einer Ausfahrt auf das südlich der Stadt gelegene Anwesen der von Aretins: »Heute nachmittag fahre ich nach Solln zu Erwein von Aretin (der eine Belcredi zur Frau hat), dem Astronomen; ich sehe ihn gern, Beides liebe Menschen, und er ein merkwürdiger, vielleicht bedeutender; Geister- und Sternseher, dabei sehr hiesigen Blicks, kritisch, maßvoll und ausgeglichen; kein Phantast, aber überzeugt von der grenzenlosen Phantasie der Welt.« (RMR an Sidonie Nádherný von Borutin, 22.7.1915).
Die für uns heutzutage etwas befremdlich anmutende Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität, die von Aretin durchaus verkörperte, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts nichts Ungewöhnliches. Das Neben- und Miteinander von Wissenschaft und Vision wurde stärker gepflegt, als es mitunter heute der Fall ist. In ihrem ausführlichen Nachwort erläutert die Herausgeberin des Briefwechsels, Martina King, demnach sehr einleuchtend, daß Rilkes Neigung für alles Okkulte letztlich nicht im Widerspruch zu seinen Treffen mit dem »Geister- und Sternseher« von Aretin stand.
In all die kosmische Romantik, mit soviel Ernsthaftigkeit Rilke und von Aretin sie auch er- bzw. gelebt haben mögen, mischt sich bald die Realität des Krieges mit ein. Rilke steht unweigerlich der Dienst beim Militär bevor: »Am sechsten [Mai 1915] ist nun übrigens meine Musterung, so wird, wenn wir uns wiedersehen, der Würfel über mir gefallen sein –, endlich.« (RMR an E. von Aretin, 30.4.1915). Zudem mehren sich zumindest bei Rilke, der sich auch durch Lektüre der ausländischen Presse über das politische Geschehen informiert, die Zweifel über die endgültige Dauer des Krieges: »Die letzten Tage las ich manchmal ›Politiken‹ (Kopenhagen) und den ›Figaro‹, die Haltung dieser Blätter giebt gar keine Auskunft auf Frieden oder Waffenruhe, wieso auch, die Franzosen sind jetzt von einer wunderbaren Fassung, die Ereignisse des letzten Jahres haben sie, scheint mir, besonnen gemacht, wie sie’s seit der Revolution noch nicht waren. Soll es wirklich noch einmal ein Kriegs-Winter werden? Auch die Reden in der Duma scheinen das nicht auszuschließen.« (RMR an E. von Aretin, 7.8.1915).
Zunehmend verlagert sich das Inhaltliche des Austausches zwischen Rilke und von Aretin von den himmlischen auf die weltlichen Ereignisse. Beispielsweise bittet der Dichter von Aretin um Hilfe bei der Suche nach dem Sohn seiner Pariser Concierge, der sich irgendwo in deutscher Kriegsgefangenschaft befinden soll. Außerdem setzt sich von Aretin, wie viele andere von Rilkes Freunden auch, gegen des Dichters Einberufung ein – leider ebenfalls erfolglos.
Allem Wohlwollen der beiden Freunde füreinander zum Trotz, kommt es schließlich am 7. Januar 1918 zwischen Rilke und von Aretin zum Streit über die politische Lage. Von Aretin schreibt dem Dichter anschließend: »Wir sangen vorgestern zusammen ein politisches, also ein garstiges Lied. Es wäre ein heiles Wunder, wenn Sie und ich bei der Verschiedenheit der Eindrücke, die wir von Jugend auf empfingen, hier eine Ansicht teilten. Sie glauben an die ganze Menschheit und ich nur an einen, nicht national abgegrenzten Teil von ihr. Ich schließe von meinem Glauben ausdrücklich das überwältigend große geistige Proletariat aus, das immer nur dem Mammon dient und nie dem Nächsten, so sehr es gerade diese Absicht hervorkehrt.« (E. von Aretin an RMR, 9.1.1918).
Rilke antwortet stillhaltend aber deutlich: »Ehrlichkeit in Ehren, aber nun ists genug; ich habe mehrere Briefe an Sie versucht, erst in Gedanken, dann in der mühsamsten Schrift, eben zerreiße ich den letzten –, denn es hat keinen Sinn zwischen uns, solche Standpunkte nach politischer Länge und Breite festzustellen. [/] Sie konnten immerhin, aufgrund von Überlieferung und Anschauung, eine Urtheilsebene durch die Zeit durchlegen und einen persönlichen Durchschnitt aufdecken, – mir, der ich nur mit den Kapillaren des Gefühls in allem verästelt und verhaftet bin, ist es überhaupt verwehrt, mich überzeugend zu machen. [/] Es ist mir eine Lehre, dass ich nicht reden soll; es kann am Ende nicht meine Sache sein, zu den Vorgängen gefühlsmäßig Stellung zu nehmen; […]« (RMR an E. von Aretin, 19.1.1918).
Diese zwei langen und sehr eindrucksvollen Briefe bilden zweifellos einen Höhepunkt der Korrespondenz – vielleicht einen der wenigen des gesamten Briefwechsels überhaupt. Mag die treue Gemeinde des Dichters auch frohlockt haben, als endlich wieder ein Teil des unvorstellbaren Briefwerks Rilkes auf dem Weg dieser Veröffentlichung in ihre Hände gelangte, man muß letztlich gestehen, der von den bisher erschienenen Briefausgaben verwöhnte Leser ist insgesamt mehr Tiefe und Gehalt gewohnt. Der Titel des hier besprochenen Buches und sein – wie ich voll Hochachtung vor den Gestaltern Hermann Michels und Regina Göllner anmerken möchte – besonders gelungener Schutzumschlag verführen und leiten schon fast ein wenig in die Irre. Ist man erst einmal etwas enttäuscht von mancher Dürftigkeit des Inhalts der eigentlichen und noch dazu nicht allzu zahlreichen Dokumente, nutzen zur Überzeugung kaum noch die ansonsten gelungenen und wichtigen Beiwörter der Herausgeber, die dem Buch seinen eigentlichen Wert geben. Zudem fallen einem plötzlich sogar Flüchtigkeiten und Druckfehler im Band auf (S. 10, 86, 91), und man überlegt zwangsläufig, warum die Herausgeber in Anmerkungen und Nachwort ein oder zweimal auf eine äußerst fragwürdige und noch dazu veraltete Ausgabe des Briefwechsels Rilke/von Hattingberg (Bechtle, 1954) verweisen, obwohl im Insel Verlag selbst, seit dem Jahr 2000, längst eine neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe vorliegt. Weiter müßte man fragen, wieso dem Briefwechsel (1915-1922) nicht der volle Wortlaut des im Vorwort auf Seite 19 kurz erwähnten letzten Briefes von von Aretins Frau an Rilke vom 4. Juni 1924 beigegeben ist? Nur weil der Dichter diesen nicht mehr beantwortete?
Aber das alles mag Haarspalterei sein, angesichts der Mühe der Herausgabe und Kommentierung einer selbst im Umfang kleinen Korrespondenz. Wieder erfährt der Leser aus diesem Buch ein Stück mehr über Rilkes illustren ›Münchner Kreis‹ und am Ende bleibt eines schließlich unzweifelhaft, die Einzigartigkeit von Rilkes Versen:
[…]
sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,
Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.
O einst tot sein und sie wissen unendlich,
alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!
[…]
Wer auch immer dem Dichter bei diesen Zeilen aus seiner »Siebten Duineser Elegie« beigestanden haben mag, Muse oder Astronom, freuen wir uns über einen weiteren Stern am Himmel der Rilke-Literatur, den es zu erkunden gibt. Freuen wir uns über eine Liebhaberausgabe, die nicht bloß schmuck daher kommt, sondern darüber hinaus den biographischen Hintergrund zu manch kosmisch anmutender Wendung aus dem Spätwerk liefern könnte.
Arne Grafe