Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 5


 

Stoff für Süchtige. Zum Erscheinen des zweiten Bandes von Brian Boyds Nabokov-Biographie

Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die amerikanischen Jahre 1940-1977. Deutsch von Hans Wolf und Ursula Locke-Groß. Reinbek: Rowohlt 2005. 1131 S., 32 S. mit Abb., Pappband mit Schutzumschlag und Lesebändchen. ISBN 3-498-00565-0, EUR 49,90

Schriftstellerbiographien, zumal derart umfangreiche, sind eine zwiespältige Angelegenheit. Natürlich, man schätzt einen Autor wegen seiner Bücher und will dann irgendwann mehr wissen: Wann schrieb er sie? Unter welchen Umständen, was hatte er für eine Herkunft, welche Bildung? All diese Fragen (und im Zweifel viele weitere) könnte, sollte, müßte eine Biographie beantworten. Und um es gleich vorwegzunehmen: in diesem Fall tut sie es. Sie tut es im großen und ganzen sogar mit einer Ausführlichkeit, Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit, die ihrerseits wieder interessante Fragen nahelegt, nach den Beweggründen des Biographen nämlich, gar nach seiner Biographie. Doch lassen wir die Mutmaßungen lieber beiseite, halten wir uns an die Fakten.

Nabokov war ein bedeutender Autor, so viel dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Manche halten ihn gar für einen der, wenn nicht den bedeutendsten zumindest der westlichen Hemisphäre in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Und wenn Brian Boyd seiner Lebensbeschreibung 1989 und 1991 zwei umfangreiche Bände widmet, die Nabokovs deutscher Verleger, Rowohlt, schließlich 1999 und jetzt, 2005, in deutscher Übersetzung auf rund 2000 Seiten herausbringt, gibt es dafür gute Gründe. Was weiß man schließlich schon von jenem rätselhaften Autor, der 1899 in St. Petersburg in großbürgerlichen Verhältnissen geboren, behütet aufwuchs, 1919 mit Eltern und Geschwistern emigrierte, in Cambridge studierte, bis 1937 in Berlin lebte, anschließend in Paris, von wo aus er 1940 in die USA ging, dort als Professor russische und europäische Literatur lehrte, bis ihn Mitte der fünfziger Jahre sein literarischer Ruhm so unabhängig machte, daß er sich mit seiner Frau in einem Schweizer Hotel niederlassen konnte, wo er 1977 starb? Was will, was muß man wissen?

Nabokov, das waren eigentlich zwei bedeutende Autoren, ein russischer und ein amerikanischer, die mit ihrem jeweiligen Werk die beiden Nationalliteraturen nachhaltig geprägt und verändert haben. Denn bis 1940 veröffentlichte Nabokov unter dem Pseudonym Sirin zehn Romane, zahlreiche Gedichte und eine Reihe von Erzählungen in kleinen Zeitschriften und russischen Emigrantenverlagen in Berlin und Paris, die – trotz gelegentlicher Übersetzungen ins Deutsche, Englische oder Französische – vom Rest der Welt kaum wahrgenommen wurden. Er leistete, wie sich zeigen sollte, damit einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des modernen russischen Romans und schuf, wie sich künftig noch weiterhin zeigen wird, eine zeitgemäße, vom Sowjetjargon freie russische Literatursprache in Anknüpfung an die großen Vorbilder von Puschkin bis Belyj, von Gogol bis Tolstoi.

Als er 1940 in die USA kam, und damit setzt der jetzt vorliegende zweite Band von Boyds Biographie, Die amerikanischen Jahre 1940-1977, ein, hielt Nabokov zunächst an den Themen seiner europäischen oder – wie Boyd sagt – „russischen“ Jahre fest. Dank der Englandliebe seines Vaters, des liberalen russischen Politikers Wladimir Nabokow, von Kind an zwei-, nimmt man die französischsprachigen Gouvernanten hinzu, sogar dreisprachig aufgewachsen, überwand Nabokov die Schwierigkeiten des Studiums in England und hatte bereits auf französischem Boden begonnen, seinen elften Roman, The real Life of Sebastian Knight, in englischer Sprache zu schreiben. Er konnte ihn schließlich 1941 veröffentlichen, hatte aber während der ersten Jahre in den USA weiterhin große Mühe, Zeitschriften oder Buchverlage für seine Manuskripte zu interessieren. Das änderte sich erst, als eine Mitbegründerin des New Yorker Ende der vierziger Jahre den Wunsch äußerte, seine Texte künftig generell zum Vorabdruck zu bekommen und von dem mit Nabokov befreundeten Literaturkritiker Edmund Wilson darin unterstützt wurde. Die privilegierte Verbindung zum New Yorker hielt drei Jahrzehnte und brachte Nabokov ein gewisses Zubrot durch Honorarzahlungen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er nämlich 1948 bis 1959 zunächst durch Lehraufträge, schließlich durch eine Festanstellung als Professor für Literatur an der Cornell University im Norden des Staates New York. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund für den Roman Pnin (1957) über das Leben eines liebevoll gezeichneten russischen Emigranten, der an einem amerikanischen Provinzcollege Literatur unterrichtet.

Doch hatte Nabokov neben diesem „Beruf,“ der ihm zusätzlich zum Schreiben ein ehrfurchtgebietendes Pensum an Arbeit eintrug, zeitlebens eine große Leidenschaft, deren beiläufige Erwähnung seinen Lesern aus den Romanen und Erzählungen auch bestens vertraut ist, die Schmetterlingsjagd. Er hatte bereits vor seiner Laufbahn als Hochschullehrer Monate damit zugebracht, die Schmetterlingssammlung des Museums für vergleichende Zoologie in Harvard zu ordnen und für seine wissenschaftliche Tätigkeit als Lepidopterologe zu nutzen, und erholte sich auch weiterhin von seiner Lehr- und Schreibtischtätigkeit, indem er die verschiedensten Gegenden der Welt bereiste, um dort auf Schmetterlingsjagd zu gehen. Während der vierziger und fünfziger Jahre hieß das, die Nabokovs ließen sich in den Westen der Vereinigten Staaten fahren (später machte Nabokovs Frau den Führerschein und fuhr ihren Mann) und lernten auf diesen häufig wochenlangen Reisen die Motels des Landes kennen. Nicht zuletzt diese genaue Kenntnis der amerikanischen Gegenwart und ihrer typischen Unterkünfte bilden die Folie für das Buch, das Nabokovs Leben stärker verändern sollte, als irgendeines zuvor oder danach, den Roman Lolita (1955). Zugegeben, das Thema der sexuellen Neigung eines älteren Mannes zu einem zwölfjährigen Schulmädchen ist heikel, verläßt man sich allein aufs Hörensagen oder das, was sich obenhin als Handlung skizzieren läßt. (Groucho Marx verkündete: „Ich lese Lolita in sechs Jahren, dann ist sie achtzehn.“) Das gilt in noch weitaus höherem Maße für die prüden fünfziger Jahre, und Nabokov hatte erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt einen Verleger zu finden. Er fand sich schließlich in Gestalt eines Griechen, der in Paris englischsprachige Pornographie verlegte und mit dem Nabokov sich nach Erscheinen der Lolita jahrelange rechtliche Auseinandersetzungen liefern sollte. Das Buch durfte offiziell weder in Großbritannien, noch in den USA verkauft werden, und die Verleger beider Länder trugen große Bedenken, den Text zu veröffentlichen. Doch zeichnete sich, nachdem Graham Greene den Roman nachdrücklich öffentlich empfohlen hatte, ein zunehmendes literarisches Interesse ab, das sich schließlich zum „Hurrikan Lolita“ auswuchs, wie Nabokov sein Tagebuch aus den Tagen der Veröffentlichung in den USA 1958 überschrieb. Es wurde das erste Buch seit Vom Winde verweht, von dem sich innerhalb der ersten drei Wochen nach Erscheinen 100 000 Exemplare verkauften. Als dann noch die Verfilmung durch Stanley Kubrick hinzukam, waren dem Erfolg keine Grenzen mehr gesetzt. 1968 kommentierte Nabokov Reporterfragen nach seinem Verlagswechsel von Putnam’s zu McGraw-Hill – immerhin für einen Vorschuß von 250 000 Dollar – mit den Worten: „Putnam’s Ansicht war, daß Mr. Nabokov ein viel zu guter Schriftsteller sei, um sich mit solchen Nebensächlichkeiten wie mehr Geld für mehr Bücher abzugeben, und Mr. Nabokovs Ansicht war, daß er, unabhängig davon, wie gut er sei, genug verdienen sollte, um sich Bleistiftspitzer kaufen und seine Familie ernähren zu können.“

Nabokov führte – trotz seiner Emigration aus Rußland – ein glückliches und erfülltes Leben. Ausgesprochenes Pech hatte er nur mit seinem ersten Biographen, Andrew Field. Als er nämlich von seinem zuvor vereinbarten Recht Gebrauch machte, dessen Text vor der Veröffentlichung auf sachliche Fehler zu prüfen und die Fakten zu korrigieren, zeigte sich Field so uneinsichtig und rechthaberisch, daß sein Buch nur eingeschränkt von Nutzen ist. „Die Information etwa, daß ein Ereignis nicht, wie er angenommen hatte, ‚an einem feuchten herbstlichen Tag‘ stattgefunden hatte, sondern [wie Nabokov korrigierte] ‚im Juli,‘ führte dazu, daß er den Satz schlichtweg in ‚an einem feuchten herbstlichen Tag im Juli‘ verwandelte.“

Boyd dagegen gelingt trotz detaillierter Quellennachweise eine vor allem lesbare Lebensbeschreibung, die er immer wieder mit der ausführlichen Erörterung von Nabokovs Werken unterbricht. Diese Passagen lassen den Texten – wenn man sie noch nicht kennt – ihren Reiz, unterstützen andererseits den beschlagenen Nabokovleser unaufdringlich mit Einsichten in ihre Tiefenschichten und Strukturen, ihre autobiographischen Bezüge und Quellen. Boyd erweist sich dabei als gründlicher Kenner der umfangreichen literaturwissenschaftlichen Literatur, ohne jemals den Ton professoraler Abgehobenheit anzuschlagen. Und da Nabokov nicht zuletzt ein eminent humorvoller Autor war, dessen Bücher seinen Lesern immer zu kurz erscheinen, entschädigt sein Biograph sie mit dieser umfangreichen, anekdotengesättigten, einfach glänzenden Lebensbeschreibung.

Rolf Bulang, Marburg

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