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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 5
Das diesjährige Thema der Radenhausener Ausstellung heißt "Heldenarchiv". - Aber was um alles in der Welt ist ein "Held"? Zweifellos hat der Begriff eine lange Geschichte. Man kann bei Wikipedia, der Internet-Enzyklopädie, nachsehen und stößt gleich auf die griechische Antike. Man erfährt, dass Helden häufig Halbgötter waren, also etwa einen Gott als Vater und eine menschliche Mutter hatten; die Zeugung eines "Helden", besonders wenn Zeus im Spiel war, war gar nicht selten mit einem Ehebruch verbunden, wie im Fall von Herakles (die Mutter war die Königin Alkmene, Frau von Amphitryon - man erinnert sich an die Molière-Komödie und die Kleist-Adaption). Allerdings würde ich nicht so weit gehen, den Ehebruch mit als Vorbedingung in die Definition des Helden aufzunehmen. Aber diese Geschichte zeigt doch, dass Ursprung und Wesen des Helden etwas eigentümlich Prekäres, jedenfalls keineswegs nur Positives haben.
Halten wir fest, ein Held ist ein göttlich-menschliches Mischwesen, deswegen mit außergewöhnlicher Kraft und ebensolchem Mut begabt - beides setzt er ein, ja gefährdet sogar sein Leben, um etwa Drachen oder ähnliches Ungetier zu beseitigen, sei es, um eine Stadt, oder mindestens doch eine Jungfrau zu retten - solche Helden, oder jedenfalls die Mythen von ihnen, haben in der Geschichte eine große Rolle gespielt, nicht nur in der Antike, sondern auch im Christentum, man denke etwa an den heiligen Georg (den Drachentöter).
Wir ahnen schon, der Begriff eignet sich gut, um ideologisch eingesetzt und entsprechend missbraucht zu werden, und dafür gibt es in der neueren Geschichte die eklatantesten Beispiele - wenn der "gemeine Mann", nicht mehr der Fürst oder König, was ja auch wahrhaftig schon heikel genug ist, wenn also der gemeine Mann zum "Helden" erklärt wird, dann in der Regel, weil man ihn motivieren möchte, sein Leben für einen Zweck zu opfern, der anderen nutzt - so wird er zum Kriegshelden stilisiert, oder, in der DDR zum "Helden der Arbeit".
Aus solchen Gründen redet man besonders in Deutschland heute nicht mehr gerne von Helden, der Begriff kann scheinbar nur noch skeptisch-ironisch verwendet werden - aber dennoch werden wir nach wie vor mit einer Flut von Heldendarstellungen konfrontiert - in Romanen, besonders in Comics und im Kino. Jeder kennt mindestens die Namen: Superman (sozusagen das Urbild), Batman, Spiderman, die "fantastischen Vier" und wie sie alle heißen. Solche Produktionen zeigen, dass es offenbar gerade bei Jugendlichen ein ungebrochenes Bedürfnis nach "Heldentum" gibt - eine gefährliche Sache.
Wie gehen nun Künstler mit diesem Begriff, diesem Mythos, um? Hier in Radenhausen kann man sehen, dass eine Auseinandersetzung damit reflektiert und jedenfalls kritisch gebrochen ist. Machen wir einen kleinen Rundgang in Gedanken:

Burgi Scheiblechner: "Schlafes Bruder oder wer die Augen verschließt kann kein Held sein"
Links vom Aufgang sehen wir von Burgi Scheiblechner: "Schlafes Bruder ist der Tod oder wer die Augen verschließt, kann kein Held sein". Der Untertitel zeigt, worum es sich handelt: die geradezu geisterhaften Gesichter haben geschlossen Augen, sie weigern sich, zu sehen, was um sie herum und in der Welt vorgeht - diese "Helden" sind gewiss keine, sie wollen sich nicht opfern, sondern in Ruhe weiterschlafen. Das Merkwürdige ist nur, dass diese Ruhe keine ist: wer sich so verhält, lebt vielmehr in permanenter Angst - er zerstört sich selbst.

Liesel Haber: "Hildebrandslied"
Ebenfalls auf der linken Seite zeigt Liesel Haber ihr "Hildebrandslied" - ihre Vorlage ist das älteste erhaltene germanische Heldenepos, in dessen jüngerer Fassung Hildebrand, der Vater, den eigenen Sohn, Hadubrand, in einem Kampf mit der Lanze tötet. Man sieht auf einem der fünf Bilder, wie Hadubrand getroffen vom Pferd stürzt. - Auch dieses "Heldentum": das blinde Aufeinanderlosgehen, um nicht als "feige" zu erscheinen (denn "Feigheit" ist natürlich das Schlimmste für den Helden, das absolute Gegenteil von "Mut" - empfindet der Held Angst, so bricht sofort seine Aura zusammen, und die Menschen spüren das unmittelbar) - auch dieses "Heldentum" ist ein falsches.

Margarethe Trümner: "The Last Heroes". Fotografierte
Figuren
von Christine Braun, Text von Ildikó v. Kürthy
Rechts vom Eingang die Projektion von Margarethe Trümmer: "The Last Heroes". Der Titel bezieht sich, sagt die Künstlerin, "auf die Männer von heute"; es gibt keine Helden mehr, liest man im mitprojizierten Text von Ildikó v. Kürthy, seit sich die Frauen emanzipiert haben. Wie wir Männer also wirklich aussehen? Schauen Sie sich diese hilflosen verstörten Figuren mit ihren, wie soll ich sagen, "rührenden" Geschlechtsteilen an, die Margarethe Trümmer für uns in ein altes Fenster projiziert. Helden? Die Frage beantwortet sich von selbst.

Klaus Schlosser: "Grüße aus dem Irak"
Als nächstes Klaus Schlosser: "Spider-Man" (der einzige der Radenhausener Künstler, der sich mit dem Mythos der Comic-Helden auseinandersetzt) und "Grüße aus dem Irak": Links unverkennbar Bush, als Farmer, rechts zwei der Folterer in Abu Graibh - das Foto der ... English ging um die Welt. Dies ist die Negativ-Folie des Helden - und der Heldin - schlechthin. Klaus Schlosser führt uns drastisch vor Augen, was in der Heldenpose von ... English liegt: dieses ist das Resultat, wenn einem Menschen Macht über andere gegeben wird, dem man sie selber, nämlich sein Selbstbestimmungsrecht, genommen hat. Das Bild zeigt auf äußerst beunruhigende Weise, welche abgründigen Möglichkeiten in den Menschen liegen - und wie sie aktiviert werden können.

Antonia Mösko: "Seelenhäuser"
An der Front des Raums schließlich die "Seelenhäuser" von Antonia Mösko. "Alle Helden, die ich kenne, sind tot", sagt die Künstlerin, "und für sie habe ich diese Aufbewahrungshäuser geschaffen". Sonst steht die Form der Pyramide für Größe und Heroismus - hier aber wird ein fragiles Material benutzt, um die Behausungen für "Seelen" zu bauen, denn Seelen, sagt wiederum Antonia Mösko, sind "keine konkreten Personen, sondern ungreifbar". Die Pyramidenhäuser scheinen aus einer anderen Welt zu stammen. Die Vorstellung, die eigene Seele, auch wenn sie nichts heldenhaftes hat, sei in einem von ihnen untergebracht, hat etwas Anrührendes, ja Tröstliches.

Gerda Waha: "Kriegshelden"
Im zweiten Raum rechts zunächst vier Zeichnungen/Collagen von Gerda Waha: Hühner, noch lebend, Hähnchen, tot, darüber und darunter der Massenmensch in Krieg und Frieden - die Produktion von "Nahrung" - und die von für alles verfügbaren Menschen entspricht sich. Das zeigt auch die TV-Animation von Gerda Waha: "Kriegshelden ziehen in die Schlacht" und: "Am Förderband zieht geschlachtetes Vogelvieh vorüber" - bitte benutzen Sie die Kopfhörer beim Anschauen! Die wahren Helden jedoch sind für Gerda Waha Kinder, die erdulden müssen, was Erwachsene ihnen antun und doch die Menschlichkeit in der Welt bewahren.

Hans Schohl: "Heldenköpfe"
Danach Hans Schohl: "Heldenköpfe". Sieben Holzköpfe - und was für welche! - einer aus Eisen und die Zeichnungen dazu. - "Helden heute", fragt sich Schohl, "wer oder was ist das?" - z. B., sagt er, Selbstmordattentäter, plakatiert in ihren Ländern wie hierzulande Popstars? - Aber sind diese Menschen nicht auch "verletzbar", nicht auch "Opfer"? - bei Schohl sehen wir, was im Kopf der "Helden" sitzt: ein verwundeter Mensch, der, im Ohrbereich, erzählt, was im großen Kopf vor sich geht: auch da gibt es Träume vielleicht ganz anderer Art, die nichts mit Heldentum zu tun haben.

Manfred Drechsel: "Heldensegmente"
Links vom Eingang Manfred Drechsels "Helden in Reih und Glied" und "Heldensegmente" - die zweiten zeigen, was übrig bleibt: ein Totenschädel unter dem Helm. "Der kleine Held" beeindruckt mich besonders: er lebt noch in seiner kindlichen Welt, aber seine Sehnsucht zum Heldentum wird ihn vielleicht bald den Totenschädeln ähnlich machen. Dagegen ein anderes Bild: "Der Künstler als Held": "irgendwie", sagt Drechsel, "ist jeder Künstler ein Held, er vollbringt doch wirklich etwas" - ja, er schafft etwas, ohne andere totzuschlagen - ein Antiheld.
Lies Kruschwitz: "Alltagsheld"
Zuletzt das große Bild von Lies Kruschwitz: "Alltagsheld" - da geht jemand forciert in die Gegenrichtung der grauen Masse, hat also als einziger ein uns zugewendetes Gesicht und eine farbige Gestalt - welch ein kräftiger Schritt - aber das Bild gibt mir Rätsel auf: ist dieser kräftige junge Mann mit dem riesigen Fuß - schauen Sie sich den an, das ist als wollte er etwas niedertreten - ist er ein "Held"? Er kommt mir unheimlich vor - beinahe wie die frühen Helden der Geschichte, die zwischen Gut und Böse noch nicht unterscheiden konnten. -
Vielleicht werden Sie in der Ausstellung ganz andere Dinge sehen als ich. Umso besser. Kunst lässt sich nicht auf den Begriff bringen. In jedem Fall bieten die Radenhausener Künstlerinnen und Künstler vielfältige Anlässe, sich mit einer Grundgegebenheit unserer Existenz auseinanderzusetzen - sie zeigen keine "schönen" Installationen und Bilder, aber überzeugende.