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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6 (2005), Heft 5
Vorbemerkung. Die "Briefe aus der Nacht" genannten
Aufzeichnungen, die hier erstmals
veröffentlicht werden, begann Nelly Sachs 1950 nach dem
Tod der Mutter (7. Februar). Die letzte Eintragung stammt
aus dem Juni 1953. Es handelt sich um ein 30 Seiten
umfassendes Typoskript, heute im Bestand der
Handschriftenabteilung (Arch. 238), der Dortmunder Stadt-
und Landesbibliothek; ein weiteres Exemplar befindet sich
im Nelly Sachs-Archiv der Königlichen Bibliothek Stockholm. Der
hochkomplexe Text enthält, in einem frühen Stadium ihres Entstehens, poetische
Reflexionen und Metaphern, die nicht selten Eingang in die Lyrik und szenischen
Dichtungen finden und war von der Dichterin durchaus für die Veröffentlichung
vorgesehen: "Dann liegt eine Sammlung neuer Gedichte
"Und niemand weiß weiter" da, die zusammen mit den
Tagebuchaufzeichnungen "Briefe aus der Mitternacht"
eventl. herauskommen sollen. Aber vorläufig will ich alles
noch liegen lassen, bis es mir reif scheint" (an Ilse und
Moses Pergament, 22. 7. 1952, Briefe der
Nelly Sachs, hrsg. von Ruth Dinesen, Frankfurt a. M. 1964,
S. 142).
Zu einer abschließenden Redaktion kam es jedoch nicht. So
bleiben Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise. Zumeist
findet sich ein doppeltes "s", wo man "ß" erwarten würde,
es gibt jedoch Ausnahmen. In zwei Fällen bleiben bei der
Transkiption Zweifel am Gemeinten. Auf S. 11 beginnt ein
Satz: "Heraufbeschworen aus dem Verfall Israels". Im Text
stand zunächst "Asrael", das "A" ist jedoch
durchgestrichen und wurde offenbar handschriftlich durch
ein nicht mehr deutlich zu sehendes "i" ersetzt. Auf derselben Seite, im vorletzten
Absatz, steht: "Das Gehör für das Kreisen der Sphären, die
Aussicht zu Ende sehend, sprachen zu Vögeln und Grillen
ausweitend -" Man erwartet ein großes "s" ("Sprachen"), es scheint
jedoch umgekehrt, als sei dieses mit der Schreibmaschine
durch ein kleines überschrieben worden.
Wir bemühen uns, die "Briefe aus der Nacht" in
möglichst enger Anlehnung an die Vorlage zu reproduzieren, also Einrückungen zum
Absatzbeginn (die jedoch manchmal fehlen), aber auch
mitten in einer Zeile wiederzugeben. Die Seitenzahlen des Typoskripts
werden in eckigen Klammern wiedergegeben.
Die Erlaubnis des Erstdruckes der „Briefe aus der Nacht“
im Nelly Sachs-Schwerpunkt des Marburger Forums gab Dr.
Hans Magnus Enzensberger, wofür wir besonders herzlich
danken möchten. Außerdem gilt unser Dank dem
Diplomarchivar Jens André Pfeiffer von der
Handschriftenabteilung der Dortmunder Stadt- und
Landesbibliothek, der ebenfalls einer Veröffentlichung
zustimmte und darüber hinaus zur Verfügung stand, wenn
zweifelhafte Textstellen im Abgleich mit dem Original zu
klären waren.
Max Lorenzen
[1] AUS DEN ERSTEN MONATEN
Welch redendes Schweigen zwischen uns, geliebte selige
Seele meiner Mutter. Welch redendes Schweigen.
Fortgefallen ist alles bis auf unsere Bestimmung. Der Tod
ist der Aufzehrer des Überflüssigen. Atem, Blut, Fleisch,
Gebein, Gehirn, Zähne, Augen, Eingeweide - verzehrt -
übrig ist das "redende Schweigen", die "Sehnsucht". Tod,
du Freikäufer der Sehnsucht. Tod, du Seelengebärer. Seele,
du Hülle der gestillten Sehnsucht. Gestillt in der
Ewigkeit.
Sehnsucht, wie viele Gestirne haben sich aus deinen ersten
Erstlingsschleiern gesehnt; wieviele Rehaugen, wieviele
Veilchen für die Hände der Liebenden. Geliebte selige
Seele meiner Mutter, gestillte, nach soviel Liebeszeichen!
Dein lächelnder Segen über meinem Haupt. Das sank und
sank, und deines stieg und stieg. In der gestillten
Sehnsucht stieg es.
Nun gehöre ich zu den Folgeleuten. Nichts weiter. Die
durch Salz folgen müssen, untergetaucht im
Vorschöpfungswasser der Trauer. Niemand weiss, ob
Seesterne, Quallen und Fische und alles, was im Blinden
leidet, noch auf dem Hinweg oder schon auf dem Rückweg
ist.
Du nahmst mich tief mit in deinen Tod und hast mich wieder
entlassen, wo der Säer dein Vollbrachtes in das Randlose
eintrug.
In den Nächten, weiter hinausgebettet, reicht sich alles
Leid, das unterwegs ist, die Hände. Der Wurm am
Angelhaken, der Fisch am Wurm, die Hand, die den Fisch
zieht, die steif gewordene Zeit in der Kehle - aus dem
Fenster der Unsichtbarkeit, langt schon das letzte
Tötende. Wie ein Samenkorn geht das dritte Auge im Traum
zuweilen auf und sieht uns an –
[2] da wissen wir, dass Tod sich in Leben wendet.
Unser redendes Schweigen. Ach, es geht nur von mir zu dir,
denn die Demut verbietet das Hören des Hohen. Und doch
Augenblicke, gestreift von der Gnade, weiß ich, wie
Lächeln geboren wird.
Und lerne rückwärts. Und die verschlossenen Türen gehen
auf; o Zugluft, die blättert in den Büchern, wo die
Schulden stehn, die Stunde da, die war nur halb geliebt,
und jene krümmt sich wie ein Wurm in Reuequal. Wo sind die
Seligkeiten hin, soll da Vergessenheit den Richter
spielen? Wo bleibt das Raubgut der Vergessenheit? Und wird
in soviel Tränen hervorgeweint.
-.-.-
Mutterseele, Eiland und ständiges "Zurück". Ewige Chiffer,
unter der meine Geheimnisse bewahrt sind. Das redende
Schweigen. Alle meine Worte sind nur Schilder und
Grabtafeln. Du nur weisst, was darunter verblutet ist. Und
der Stern dreht sich mit seinen Blindenhöhlen, die weinen
und reifen. Und Vogel und Fisch sind vielleicht schon
näher, schon über den Tod hinaus verständig und schreiben
mit dem Körper schon die neue Sprache.
Unser redender Schweigeweg. Wunderbare Musik der fragenden
und antwortenden Übereinstimmung, Gesetze der
Sternenbahnen im Puls und Hand in Hand in einem Zimmer,
oder auch frei über ein Buch gebeugt oder mit einem
Suppenkraut in der Küche.
[3] Und wenn auch der Tod Fenster und Türen ausgehoben hat und
nur noch Weltenraum gelassen wie im Schlaf, so bin ich
doch umhegt, klein wie eine Mücke, die vom rosa Morgen -
ihren rosa Morgenanteil trägt und beginne meine
Morgenwanderung zu dir.
-.-.--.-.-
Ist der Stern der strenge Wirt, der sagt: Nun geht! Der
Sand ist genug fortgeliebt worden. Der Hass kümmert uns
nicht. Der macht anderes fruchtbar.
Du hast soviel fortgeliebt, Selige, dass ich nur noch im
"Wesen" gehe, wo die Blätter gefallen sind, aber die vom
"Lese"-Engel gezeichneten Conturen noch mühsam zu erkennen
sind.
Da und dort eine Nachtwache, wo die Dämmerungskämpfer den
Hahnenschrei noch überleben, die verrenkten Sehnen in die
Richtung des Erwachens gestellt. Wer weiss, vielleicht
schliesst sich der Kreis bald. Der Apfelkern liegt wieder
bei der Wurzel, zwischen Blüte und Sturm. Vorbei. Am Abend
kommen die Engel. Umzug. Verwandlung. Gute Nacht.
-.-.-.-.
Es gibt nur eine Lehre, sagt der Traum. Die Lehre vom
Samenkorn. Anfang und Ende ist eine Lehre ohne Samenkorn.
Sich schlafen legen können, tief hinein, in die Erde der
Trauer, die Erde der Liebe, der Sehnsucht, der Reue, in
die Qualen des "anders" gerenkt Werdens. Die so tief sich
in den Schlaf gelegt haben. So tief. Wie Abraham in der
chaldäischen Nacht unter allen Mondsüchtigen ertrunken,
aufgesogen wurde durch die magischen Schalen der
Pentagramme, die sich öffneten, um ihn zu entlassen. Wie
schläft der Stein tief unter der Mooshülle, so tief, dass
er mit Feuer wie mit Blut umgeht zuletzt.
Meine Sehnsucht springt wie Freiwild
in den Nacht- [4] himmel. Geliebte Selige, die Zeit des redenden Schweigens
ist da. Du weisst!
-.-.-.-.-
Das schwere Werk: Erde in Liebe verwandeln. Dafür trägt
der Mensch Scheuklappen. Gebückt und im Schweisse und das
Ohr ein Krug für Lerchensang - am Horizont Saatkrähen,
eine Eule, der Geier unterm Regenbogen, die untergehende
Sonne, der aufgehende Mond - Wunden am Wege - im Geruche
des Thymians, im Ysop, der da wächst an der Wand des
Paradieses, "Tränenkrüge der Erinnerung" - dein letztes
Wort - verklärte Seele, du weisst - und ich bin
überwältigt -
-.-.-.-.-
Gestern an deinem Grabe, wo deine heilige Arbeit ruht. Das
Licht hast du mitgenommen, und ich kann nichts mehr sagen.
Mein Augenblick ist noch auf die Marienkäfer eingestellt,
die auf den rosa Herbstastern wandern. Auch ein Stückchen
Zeit auf dem Wege.
.-.-.--.-.-
Nicht die Müdigkeit im Schlaf. Nicht das Verlassen aus
Müdigkeit. Dieses Loslassen des schwachen Fleisches,
dieser Treueverrat. Dieses Müdewerden an der eigenen
Liebe, dieses Erkranken der Hilfsbereitschaft, dieses
Schliessen des Seelenauges vor dem Leidens-, Eingangs-Wort
der Ewigkeit.
Nicht dies, nicht dies. O Erde, die mit vergessenen Blumen
gedüngt wird. Die Reue geht ein in dein Leben zum Tod.
Ferment der Verwandlung? Wer weiss!
-.-.-.-.-
[5] Das Geheimnis legt wieder an zwischen denen, die
hineinspringen, wo das Zeichen für "Untiefe" steht, und
den Tanzenden. Die Motte tut beides. Und Niemand weiss,
wessen Blutgeld an Wert zunahm. Tauchen oder
Blumenpflücken. Für Beide geht der Abend zu Ende.
Du sahst die Urformen in den Wolken. Auch die Urformen zu
unserer Liebe, soweit sie im Körper dastand, im Händedruck
dem Abend zusagend, der mit den Vorhängen so gross tat,
als wäre er mehr als ein Gleichnis mit seinen rosa Küssen
Mutter und Kind in der Wiege spielte. Mutter und Kind
A m e n !
-.-.-.-
Versöhnungstag. Tag der Lebensgefahr, der Lebenserrettung.
Keine Schonung. Kein Aufheben des Leibes. Schwarzer
Kristalltag für die honigsaugende Biene. Schuld und
Versöhnung. Die Sternenwaage wiegt im Gebet. Israel ist
das Volk mit der Waage. Es wird als erstes gewogen und
wiegt weiter bis in den Wurm hinab. Israel hat Sterben
gelernt. Darum wurden seine Sehnen anders gestreckt. All
seinen Honig muss es lassen an diesem schwarzen
Kristalltag. Aber wenn es sein furchtbares Gebet
gesprochen hat bis in den Weltenschoss hinein, dann steht
der Engel mit dem Ginsterzweig vor seinem Ausgang und
sagt: Geniesse, denn du lebst!
-.-.-.-
ist ein Traumgeschenk. Was wird damit
geschehen. Viele Jahre vorher geschah im Traum, was später
der Welt geschah. Geschah im Runden Zelt aus Spielkarten.
Geschah in grüner Farbe, und Lanzen in den roten Herzen.
Geschah im mittelalterlichen Tournier, wo die Luft mit
Masken bemalt war - hinter dem Gesicht ist noch ein
Gesicht -
-.-.-.-
[6] Die Propheten standen bis zu den Hüften im Glutkern der
Schöpfung - aber dann wußten sie nichts mehr und empfingen
nur wie Verdurstende.
-.-.-.-
O du wahrsagendes Blinzeln durch des Todes Hand. Deine
Gespräche mit den Toten. Der Himmel am Mittag rosa. So
nahe nach vorn sucht nur sterbendes sternloses Land. Aber
wir sehen Krankheit.
Welche Wanderung von der Bitte zum Dank. Dank, wenn das
Liebste verwandelt wird aus den Augen heraus.
Abraham dankt zuerst sichtbar. Dann Hiob - Rembrandt dankt
mit dem Pinsel. Nach 5000 Jahren hat sein Licht immer noch
ein Dunkel zu besiegen, das Blutdunkel der Dämonengötter
Babyloniens, die arbeitende Beschwörung in den Nachtmasken
der Elfenbeinküste. Rembrandt wusste von dem "rechten"
Segen Jakobs. Er, der alle Morgendämmerungskämpfe mit Blut
aus seinem Augenhimmel schrieb.
-.-.-.-
Das Übersinnliche ist im "Haar" immer seiner Haut
verhaftet, darin Alchemie das unsichtbare Gold aus Staub
wandelt. Ein Kind wird gemartert - die Lehrersfrau reibt
sich einen Fleck aus dem guten Kleid heraus. - Heinz jagt
im Krankenzimmer Fliegen, während sein Liebstes das
Seligwerden erleidet. Die gutmütige Scheuerfrau, die den
Tod riecht - bewundert doch den Kriegslieferanten um
seiner Schwäne willen u.s.w.
So bleibt die "Sehnsucht", die auszog von ihrem Schöpfer
durch die Nebulosen, durch die Rosen, um im "Dank" ein
wenig verhaftet zu sein bis zum neuen Aufstieg. -
-.-.-
[7] Gegängelt werde ich in deinen Fußspuren, geliebte Seele!
Irdische Augen gehen zu, andere auf. Auf Tisch und Stuhl
nimmt Wolke und Gesichtsloses Platz. Gnade. Gedächtnisse
tauschen. Das Schlafen-gelegt-werden beginnt. Natürlich
segelt Krankheit. Ist Fahrzeug. Feuriger Wagen. Sie lässt
die Bilder in der Enge sich stossen und der Stimmen
geballte Ameisenhügel am Zwielicht arbeiten. Zuweilen ist
es, als hätte ich im Schlaf eine Begegnung gehabt.
Das ist auch der Zeitpunkt, wo die Menschen, die im
Vorraum sprachen, ihre Mäntel nehmen. Blumen bleiben und
Kranke. Und man kann Fieden-Samen streuen. Der geht in
Augen und Blättern auf. Deine braunen Augen. Die ersten 5
Jahre sagten ihr Gute-Morgen-Gedicht zu ihnen. Auch das
Letzte wird dir Gute Nacht sagen. In der Zwischenzeit
lebte der geliebte Vater und wurde so begrüsst, fast
heilig er, in der Musik - und der eine, der mich im
Sterben untertauchte. Durch ihn bekam ich Übung.
Nun ist nur noch Weg. Abraham ist der Held, der erste, des
Opfer-könnens. Die den Weg nicht freiliessen vor Elohim.
Aber der kleine Sohn wurde vor dem letzten
Augenwimperschreck in die Höhe gehoben. So sah Abraham
Elohim.
Den Schwachen hilft der Tod heben. Aber ich sehe noch
nichts in den Staubwolken. Ich weine.
-.-.-.-.
Helfe ich denn der Liebe. Ich sage nur Abschied. Und wenn
ich das Zimmer festlich putze, sage ich Abschied. Im Munde
das Brot weiss schon Staub.
Aber Israel, sagt schon Dank. Das ist seine neue Quelle.
Und wir Abschiednehmenden ziehen wie kleine Flüsse fort.
Und Israel streut Samen. Es weiss noch nicht, dass wir aus
Träumen gemacht wurden, aber wenn man Samen streut, lernt
man schnell.
-.-.-.-
[8] 7. Oktober. 8 Monate. Jeder hat so seine eigene
Zeitrechnung von Untergang und Auferstehung. Die kleine
private Engelrechnung. Schon bete ich Dank. Denn von der
Marter bin ich ins Leiden gerettet. Und in der Gnade ist
das Martyrium meines Volkes. Wieviel Wagen über ein Herz
fahren können. Wieviel Stricke ein Herz aus der Brust
reissen können. Der Wahnsinn sitzt wie ein Auge mit
verbogenen Strahlen in der untersten Nacht. Will das
weinende Universum der Liebe in falsches Kreisen zwingen.
Die Wohnung der Seele zum Fixstern der falschen Aussichten
machen. Vieles springt leuchtend ab von rasenden Kometen.
Sind aber nur Steine. Bekannte Stoffe. Ich danke Dir, weil
Sehnsucht wieder Sehnsucht ist.
-.-.-.-
Gutes Narrenwort. Die Dinge so zu betrachten, ist sie zu
nah zu betrachten.
Sündenregister. Schuld hinter dem Kuss. Verrat hinter dem
Geäder des Rosenblattes.
Scheinwerferlicht macht blinde Augen.
In der Erlösung werden die Rosenadern anders schön gelegt,
vielleicht in die Fußspitze des Cherubin oder unter der
grünen Wachstumfeder des Flügels. Auch in die Segenskraft,
die das Leuchten auswirkt in einer Sternenwiege. Erlösung
ist Quelle und Meer. Und ich war falsch geordnet und bis
in die Quelle getrübt.
-.-.-.-
Ich habe etwas zum freuen. Lerne lächeln. Redendes
Schweigen. Du weisst!
Vielleicht muss man sich, um zu leben, festhalten lassen.
Von den Religionen, den kleinen auch schöpferischen,
nach-schöpferischen Kräften in der Kunst - oder
Lebenslust.
[9] Aber erst, wenn man Land verlassen hat, beginnen die Begegnungen.
Zu Tode sehnen, zum Leben! Aus solcher Sehnsucht muss
etwas "werden"! Die geht von Schöpfung zu Schöpfung. Erst
schafft sie Tod - Leben!
-.-.-.-
Wäre ich Maler, würde ich das
Steinerne des Steines malen. Das Rosenhafte der Rose. Die Demut bis in die
Weidenzweige hinein, die Angst in einem rauchenden Rehhaar. Hingabe ist der
neue Pinsel. Das Wesen des Leidens in einem Fischauge zwischen Leben und Tod.
Die geschundene Kehle bezahlen. Namenlose neue Kunst! Jeder gibt mit geschlossenen
Augen ein Stück Einsamkeit her. Bald reicht es zum Mantel, der mit ins Grab
gelegt wird. Alle Flüsse sind fort, in denen man sich ergiessen konnte, nun
zeigt euch würdig dem Meer, ihr Tränen!
-.-.-.-
Wer stirbt, hat soviel Neues
zu bewältigen. Wir aber haben noch Altes zu tun.
Letzte, geliebte Seele, es vergeht
keine Zeit, in der du mir nicht hinter das Datum ein Licht stellst. Gewiss
sehe ich trübe, aber ich
w e i s s, dass es klar brennt
Ob nicht Elia durch den verzweifelten
Tumult des Blutes erst "Lautes" vernahm und dann mit vergehendem
Herzen das "Leise"? Ewiges steigt vielleicht nicht ab auf hoher
See - aber im gestillten, letzten Sehnsuchtslauf?
Eine Versagende bin ich. Ich lasse
los. Und ich bitte um die Loslassung. Ich schlafe nicht. Meine Augen sind
weit offen, wie die des Hasen, die immer aufs Ende gerichtet sind.
Die chassidische Legende vom fastenden
Jünger [10] des Balschem. Er kommt an einer Quelle vorbei. Verdurstet. Das
Werk des Fastens ist fast vollendet. So ist es gut, es nicht mit einem kleinen
Schluck Wasser aus der Fassung zu bringen. Das grosse Schmuckstück eines Lebens.
Er wendet plötzlich und trinkt. Die Demut darf nicht auf Vollendetes schauen.
Dies sei kein Trost für die, die
losliessen. Der Seitenwunden werden immer zwei sein.
-.-.-.-
Im "Haar" spielt das Mimische, der Körperausdruck im
Vorspiel und im Marionettenakt die verbindende Rolle durch
5 Jahrtausende. Zuerst das blinde Suchen des Blutes, das
in Nimrod seinen Blutausgang, in Abraham seinen
Wesensausgang findet, im Marionettenakt zur grausamen
Spieltechnik geronnen ist und sich ganz in die Materie zu
wandeln droht. Jene feinen Töne einer fast zerstörten
Klaviatur der Menschlichkeit werden nur noch in wenigen
Stimmen gehört. Das uralte Mimentum wurde hereingeholt.
Der Tanz war bei den Babyloniern kosmisch. Sie gingen
durch die Nachtwachen Sins, des Mondgottes, im Reigen
hindurch. Heinz steht, wo die Menschen heutzutage zu
stehen scheinen: Ahnend aber Angst vor der letzten
Hingabe, vor dem Verlassen des Ufers, vor dem Schritt aus
dem Gesicherten heraus. Er grüsst in Ehrfurcht dorthin, wo
Anila sein kann, sie, die eine der dunkel Gebogenen ist.
Doch hat er sich eine Art irdischen Frieden erkauft.
Schalom!
-.-.-.-
Der Schiffbruch eines Sterns. Der Maler hält fest:
Gedächtnisstellen verschwindender Formen. Der Dichter
taucht in die Blindentiefe.
Der Wahnsinnige ordnet sein "zu Hause". Der Kaufmann
besteigt das Raumschiff.
[11]
Der heilige Balschem in der Glorie. Zu unterst rot, dann
gelb, dann blau um das Haupt, aber darüber weiss wie
nichts. Dies sind die suchenden Farben der babylonischen
Türme. Am nächsten der Erde rot. Am höchsten blau. Aber wo
Göttliches wohnt - die Farbe "Nichts".
Es muss wohl eine tiefere Teilhaftigkeit geben als die
moralisierende Formel: Ein Jeder ist für Alle
verantwortlich! Wie ist es wohl mit jenen unterirdischen
oder irgendwo wesenden Übereinstimmungen des
"Gegenwärtigen"?
Die alte Frau im "Haar" fühlt, dass ihre Jugendliebe zum
"Rohen" den bösen Geist der Zeit mit herauf beschworen
hat. Heraufbeschworen aus dem Verfall Israels
Hassausdünstungen, vergrabene Wünsche des Blutes schaffen
sich das Medium ihres Auslaufes. Sind auf ihre Art
schöpferisch.
Und wer benachrichtigt die Künstler an allen Ecken der
Windrose, wenn die Uhr neu aufgezogen wird?
Und wie zaubert die Seele ihre Heiligen? Die Bedrängungen,
die der Glaube ausführt, mögen manchen erloschenen Stern
ins Brennen gebetet haben. Und die Rosen auf den Waffen
der Unrecht-Besieger? Und der Schritt hinter dem Schritt
des Mörders?
Und die Wissenschaft hinter der Blindenbinde mit Händen
greifend und greifend. Die Sternendistel auszupfend und
dem Kinderauge den Kelch hinter dem Kelch lassend?
Und immer Eines in der Verklärung. Mit den grossen
Erinnerungen des Anfangs. Das Gehör für das Kreisen der
Sphären, die Aussicht zu Ende sehend, sprachen zu Vögeln
und Grillen ausweitend -?
Und wie weit werden die Saaten in den Träumen geworfen?
Und Tod vielleicht das grosse Lächeln über endlichem
Finden?
-.-.-.-
[12] Abraham, das liegende Auge in lauter Schlaf.
Orpheus - Christus - die Berge-Versetzenden. Moses, Licht
aus dem Stein schälend. Sinai.
Ein so spätes Auge, wie das des Balschems sah noch den
Stein als drehende Töpferscheibe bis er fort war - Kraft
und Nichts! Und den Stern als gedrehten Stein. Und wir
Staub, mit dem Kopf in die Schmerzen gedrückt tief, tiefer
bis in die Grenzen der Welt aus kaltem Metall. Blei, Blei
das drückt bis zum Sterben. Die Liebe ist der Sprengstoff
der Seele, der gleich Brücken baut. Löcher in der Luft und
die Stelle, "Selig" beginnt. "Du" sahst mich schon soviel
weiter.
In einem verfrühten Wiedersehn. Ich bin in Sehnsucht
gebettet. Jede Wand ist meine Klagemauer!
-.-.-.-
Auch im Traum versagend. Im leichten Kleid, du meine
geliebte Mutter, warst schon bereit, und mein Vater gab
mir eine Lesearbeit. Aber ich konnte nicht, ich weinte und
konnte nicht. Was hab ich nur getan?
-.-.-.-
Ich sah daraus, dass wir unsere zukünftige Gestalt mit
jeder Seelenregung aufbauen. Ihr wart so schön!
Am Grab heute. Vereinigung. Das fromm gewordene Abbild der
Liebe bis in den Staub geliebt. Die geliebten Umwege sanft
gebettet. Soviel Segen in der Luft eingeatmet. Nun ist das
"Haar" ganz nach innen eingegangen. Alle grossen Worte
nach aussen fort genommen. Die reifgewordene Zeit im Leib
des Volkes lässt auch Abraham unsichtbar herausstürzen.
Kein Geschichtsdrama. Der Schlaf ist der Mutterleib.
-.-.-.-
[13] Der Weg geht immer von aussen nach innen. Auch in der
Kunst. Am Ende ohne Leib, nur Kraft, nur Wesen. Nie leicht
machen, nie spielen, nie schöne Worte, lieber alle Worte
zerreissen.
Sonnenuntergang. Herzzerreissend. Das war unsere letzte
Vereinigung. Hand in Hand. Vorahnung schon als Kind.
Marterlicht. Dahinter Segen.
Geliebte Seele - nur wieder redendes Schweigen von dir zu
mir - von mir zu dir - was hier steht und überhaupt mit
Fingern niedergeschrieben wurde - ist doch immer das
Gleiche: die kleinen fliegenden feurigen Steinabwürfe des
großen Rede-Schweigen-Kometen. Aber Einer hat gewußt das
Rätsel meiner kleinen Leide-Seele - das warst du!
Welches wirre Gespinnst ist der Traum am Morgen und der
Tag am Abend, und nur die Nacht ist undurchdringlich klar.
Nach dem Tourniertraum der zweite Traum: Säugling
blumenhaft, den Kopf an meine Brust gelegt. Seine Füsse
sind eisig - ich habe die Strümpfe vergessen - ich halte
den Tod. Welches Labyrinth der Fäden - welche Urwälder der
Verwirrung im Taumelkelch des Erdenweines. Welche Schuld,
grade da, wo die Liebe die Grenzen des Atems überstiegen
hat. Der dritte Traum: alte, gebrechliche Brücke über dem
Fluss. Das Holz unter dem Schritt tickt wie eine Uhr.
Drüben ist es grün, so grün, wie nur in Kinderträumen
sonst. Da wartet der Mann mit der weissen Maske, in weisse
Laken gehüllt. Er will, dass ich über die neue Brücke
gehe, aber ich muss über die alte - (es ist wie mit der
Leseaufgabe - ich vermag das Neue nicht). Dann sinke ich
den weissen Laken entgegen - hindurch - glücklich.
-.-.-.-
Diese Lücken in der Liebeshandlung. Ausgehobene Fenster,
durch die Schuld eingeladen wird. Während die Liebeshand
das eigensinnige Haar streift. Nach Süden eilend, wenn der
Norden mit dem Lichtreiter prunkt - die blaue Ferne
mit [14] der Apfelbaumallee in Sehnsucht verzehrend - wenn
die Träne der Weihe die Hand netzt. Du weisst, wieviel
Schritte ich gebrauche zu dir, durch die Tage der
Krankheit, durch das schwarze Glas der Nächte, das wie
Zwiebelschalen das Geheimnis verbirgt - du hast schon das
Fähnlein Mut herausgehängt.
-.-.-.-
Keine Signale, nicht das Echo eines Rufes. Kein Wegweiser,
der Offenbarung durch ein Nadelöhr zeigen könnte - nichts
- nichts! Ich kann nicht den Kaffeesatz aus Worten lesen -
und die Spielkarten sind seit der sumerischen
Zeichenschrift völlig unleserlich geworden. Alles ist alt,
schwach - vergessen - nur zuweilen duftet es von früher.
Ysop und Thymian, auch Lebensbaum, sind nur
Vergessensdüfte über den Erinnerungen. Keiner deutet.
Gesang? Das Wort "Elohim"!
-.-.-.-
Alle Ausmessungen in Chaldäa zwischen den
Geburt-Leerräumen der Gestirne bis in die Weckeruhr, die
"Abraham" sang - haben Beziehungen. Dieses Ausloten - in
den Meeren der Sehnsucht! Hinter den Kabala-Rechenexempeln
sind noch schwache Wurzeln im Grünen zu ahnen - aber dann
schwächer, schwächer - krank - wohin?
-.-.-.-
Die Heiligenwurzeln sichtbar. Moses - Orpheus - Christus -
saugen aus Steinen Blut - Stern und Qualle in
Geburtswehen zu ihren Füssen - und die Hände am Türgriff
der Luft - und die Menschen in Gut und Böse wie Ameisen -
-.-.-.-
Deine Seele ist wie die ganze Welt". Upanishaden des
Samaveda.
Erinnerung duftet. Präexistenz der Seele vor
[15] dem Sein. Alle Seelen werden selig! Kabala. Warum
in den Religionen Christus als Schatten vor Gott? Warum
nicht ein Licht an Grösse, die Lichter der früheren
Propheten übersteigend, den einsamen Weg zu erleichtern.
Auch die Schnecke geht! Im Tod wird alles schön! Der Ocean
ist offen für die Schwimmer. Die "Ideen" schalenlos stehen
vor Ihm aufs Neue!
Wo fasse ich die rechten Seile, dass die Geliebten ziehen
können. Und stolpere täglich eine Marmortreppe hinab, wo
drei Millionen Jahrurwälder silbern blinzelnd grüssen,
nichts verratend - was wollte der Schicksaltragende als er
mich verstellte, dass ich stehen blieb, gerade da, wo
meine Füsse in die Liebe gerenkt worden waren - müde
Dienstverweigerer - werde ich dies zuerst wissen im Tod?
Von Dir? O!
-.-.-.-
Noch etwas mehr als zwei Wochen zum Jahrestag. Die letzten
Monate waren so krank von Sehnsucht, dass mit jedem Wort
die Hülle durchgebrochen wäre. Sie hat auch überall Löcher
bekommen. Wo ist das hin, das durch die Löcher floss. Es
ist v o r a u s g e g a n g e n. ...
Daniel, der die Scherben zusammenfügt, die Dinge an den
rechten Platz setzt. Die begonnenen und verendeten Träume
wurzeln in ihm. Die Zwischenfragmente haben sich aus
unserer Sehnsucht heraus sichtbar gemacht. Anila ist am
Sterben mit Gedächtnis begabt worden. Auf Erden hatte sie
alles vergessen. Daniel gebraucht solche Sammelbecken. Mit
der Befestigung des scheinbar verlorenen werden die
Sternenbahnen gehalten. Nur Intensität hält die Welt
Heinz versucht seine Schuld fruchtbar zu machen (Oasen).
Indem wir sie durchleben, erlösen wir dies Stück
Welt. Natürlich ist es richtig, wenn R. sagt: Wunder ist
Zeichen.
[16] Voraussage, nicht Abweichen am Gesetz. Nein, Erfüllung.
Magie will Gewolltes abtrotzen, Prophet enthüllt
voraussehend das himmlisch vorsehend Gewollte. Wie wäre es
sonst möglich vorauszusehen, wenn nichts vorgesehen wäre?
R. beiseite gelegt. Möchte nur noch an Quellen trinken.
Sohar erlöst das Wesen hinter den Worten.
Nachdem die Elegien und das Haar geschrieben sind, darf
ich an dieser Quelle ruhen und trinken. Finde so tiefe
Bestätigung für alle Träume. So tiefe. Ich war so
ängstlich, nun ist das gut.
Umkehr ist mehr als der Heilige von Beginn. So muss der
Sohar auch an die dynamischen Kräfte glauben, die dadurch
frei werden. Denn wozu sonst alle Umwege.
Lilitu ist das unschuldige Ferment, das den Elementen
beigesetzt wurde, das Scharfe. Appetitanreizend zur
Erlösung. Erst, wenn die linke Seite zur anderen Seite
wird, sagt der Sohar, wenn das Böse sich selbständig
gemacht hat, ist es das Böse.
Warum liess ich eigentlich Abrams Mutter ihren Sohn
linkshändig nennen, vielleicht? Damals wusste ich noch
nichts von der linken Seite. Ich wollte ihn auf kleine
menschliche Art ein bischen herausfallen lassen,
wahrscheinlich. Aber er bleibt mit allen Möglichkeiten
ausgestattet, heil in Ihm. Bis auf den Blutzipfel, der
böse durch die Menschheit rinnt. Da ist die Umwendung.
Damit sie nicht ausgelassen wird. Alle Liebe geht in den
Sternenraum, den innerlichen. Im Traum ging der dunkle
Briefträger durch die Tür hindurch. Die Buchstaben des
Briefes konnte ich nicht lesen. Spiegelschrift? Bin zu
sehr mit Staub bedeckt, um aufnehmen zu können. Trage
alles nach innen. Versuchte zuerst ein menschliches Ohr zu
gewinnen, aber zog alles zurück nach dem Milchblick der
Verständnislosigkeit.
[17] Es soll so sein, dass ich nicht mehr tun darf, als
schlimme Finger zu verbinden oder einem schreienden Kind
einen Bonbon zu geben.
Und das Andere, das Unendliche zieht in sein Randloses
hin. So bricht sich Leben aus dem Erz der Sterne aus.
-.-.-.-
Welches Geblätter in den Geheimnissen. Am siebenten
Februar nach dem Mondjahr war es ein Jahr. Aber das Herz
hat keine Zeit für die Zeit. Jeder Verstand wurde
übersprungen. Nie besass ich ihn. Immer gleich
Sonnenuntergang gelebt. Immer, und darum so unendlich
müde. Von Kindheit auf in die Pupille der Liebe gesehn und
soviel geweint. Du weisst. Du weisst. Nur Du weisst! Nach
innen geweint. So wie du! Ich bin ein rückgängig Wesen.
Aber vielleicht sind wir das Alle. Alle nach der Mitte.
Immer das Gefühl: die Deutungen umfliegen uns - aber der
Staub hindert. Das Abram-Spiel hat immer eine Mitte im
Runden. Steigt immer aus dem Grab. Aus dem Inneren,
Auferstehung der Mitte. Das ewige Zeichen!
Die kleine Kinderhölle der Einsamkeit. Die goldenen
Eingeweide der Nacht. Diese runden Sonnen mit den
schwarzen Kreuzen. Diese schrecklichen Vorbereitungen auf
den Todesbiss des Lebens. Nur du hast gelöscht mit einem
Wiegenlied.
Siehe Daniel
der hinter schwarzem Efeugeranke
nachtdurchwachsen sucht,
was von Träumen verloren -
Wie Fischmäuler atmet Verlorenes,
aber der Seligen Sprache
ist vielleicht
denen verwandt –
-.-.-.-
Hier ist kein Bleiben mehr. Liebes Leben. Alles verbrannte
hat das Feuer geliebt. Mit jedem Schritt wird die
Seligkeit angerührt. Bald ist die Menschheit vor der
reinen Liebe aufgestanden, und alle Felle, mit denen die
Opfer bekleidet sind und die zum Morden aufreizen, sind
verschwunden. Die Henker wissen endlich den Anlass ihres
Durstes und küssen Tau von einem dunklen Efeublatt. Alle
Fische strahlen, und die Schuppen sind eine heilige
Schrift. Aus Staub Gemünztes immer abgegriffener. Bald ist
jede Deutung verloren. Dafür erscheinen Nationen, Rassen,
Religionen. Aber nicht mehr das Äusserste und Innerste.
Der goldene Kelch der Rose hat soviel Blätter bekommen, so
ist er verhüllt. Das haben die Gärtner getan. Der kleine
Feldthymian weiss mehr von der Verwandlung des Sandes.
Israel hat einmal viel gesehen, gehört und geahnt. Auch
sein Geheimnis ist vergriffene Münze. Zuweilen prägt Einer
neu aus Altem. In der tiefsten Tiefe des Meeres sollen
blinde Fische leben. Im Meeresspiegel erkennt nicht die
Koralle ihr fliederfarbenes Sterben, ihre rote Geburt,
nicht die Qualle weiss, dass sie ein Urbild ist, aber die
Seelen nach dem Tode? Sprachlos, bewusstlos, und doch die
alte Sternenverwandtschaft wieder anknüpfend - wir
schrecklich Verfahrenen mit den Haaren im Winde - Angst
vor dem Abstossen ins Ungesicherte - in die stubenwarmen
Gebete zurückkehrend, Franciskus und Mohammed haben der
Tiere gedacht. An irgend einem Punkt standen sie selbst
mit ihnen tiefer im Flammentopf der Erde. Diese Gischt des
Schmerzes aus den Mäulern - Engel machen Abstriche -
-.-.-.-
Alles ist im Runden hier beschlossen, Ausbrechen ist
Sterben oder die Gezogenen an der Inbrunst. Auch die
Einsamkeit ist eine Welt, in der man sich dreht. Immer
wieder sprachlos, dass man Notwendiges und Unnötiges tut
auf einem [19] Stern, der sich dreht und weiter wandert. Weiter,
weiter wie alle Wesen. Auch der Tod ist Knospe.
Welches Wunder auf Erden. Jeder Schritt ein Wunder. Die
Arbeiter drüben auf der Werft ein Wunder. Ihre Geräte, das
auf Meeren behaust Gewesene zu bergen. Wunder der Gehirne
und Hände. Das Korallenschiff-Berührte, das
Delphinenberührte, das vom magnetischen Meerboden
bedroht-gewesene, das von Schaumzungen beleckte, alles
wieder heimisch zu machen auf dem Lande.
Geliebte Seele meiner Mutter, du siehst durch das
geschlossene Auge dieser Welt hindurch. Du siehst meine
Müdigkeit. Sie kommt von dem Leben am Ende der Inbrunst;
jeden Augenblick am Ende der Inbrunst vor dem Abstossen
ins Ungesicherte. Da warst du, und ich fiel in deine Arme
zurück. Werden deine Arme mich auffangen, wenn ich die
Augen geschlossen habe? Oder werden die immer dünneren
Kreise der Verwandlungen mich fortreissen in das
durchsichtig, immer durchsichtiger werdende, mein
Gedächtnis löschen vor dem Übergang?
War ich der hiesigen Liebe nicht gewachsen. Damals, als
sie mich in Stücke riss und nur du mich heiltest. Und ich
zuletzt an deinem Bett fast den Schritt in die letzte
Minute mittat, die atemaufhörende und wo neu beginnende?
Das kann nicht vergehen. Wir sind Eines geworden durch die
Inbrunst, wie die Sterne am Himmel nur aus Inbrunst
wandern. Ohne Geleise fest an der Inbrunst.
Eben kommt die blinde Greisin aus dem Hause, der ich
gestern den Brief nach Egypten an den Sohn schrieb und
bringt mir einen alten Talmud und ich lese: Achte Niemand
gering und halte nichts für unmöglich: jeder Mensch hat
seine Stunde, jedes Ding hat seinen Ort. Wer bei Nacht
weint,[20] mit dem weinen die Sterne am Himmel.
Welche Verbindungen. Die alte Frau kommt mit dem alten
Buch grade in mein Herz hinein.
Welche merkwürdigen Verbindungen. Ich glaube an einen
inneren Kreislauf. Und wenn die Menschen diese Welt
zerstören: der innere Kreislauf geht weiter. Es sind auch
nicht d i e Menschen. Wir sind es alle. Ich selbst tat
dies und das. Ich liess aus und versagte. Das kommt in den
inneren Kreislauf. Eine kranke Stelle da und dort. Wer weiss?
Das "Haar" ist fertig. Fertig kann nichts sein - alles
geht weiter. Aus Asche blüht die Knospe Inbrunst. Die
Dynastien der Sehnsüchtigen ziehen aus Ur bis an Anilas
Sterbezimmer.
Die Juden sind ein eigensinniges Volk. Sie lehnen alle
Erleichterungen ab, die ihnen Christus anbot. Buber sagt
vom heiligen Juden: Ich muss mir die Wahrheit erkämpfen.
Also selbst erkämpfen. Christus ist die glühende
Intensität. Er ist so überreich göttlich ausgestattet,
dass er überfließt und miterlösen kann. Aber das
jüdische Volk muss seinen Weg der Erlösung noch einmal
gehen in allen Variationen. Christus ist aus der
Verborgenheit des Köchers ausgetreten (Jesaja. 49.2), der
heilige Jude ist darinnen verborgen. Aber die Nacht sank,
als Christus starb, und auch Er war verborgen. In unserer
Zeit wird alles ins Helle geredet. Ins künstliche Licht.
Wohl, daß wir Buber haben. Die Ungläubigen haben heute die
erleseneren Begabungen. Die Gläubigen kommen mit
wurzellosen Blumen, die sie in alte schöne Vasen stellen.
Aber Buber weiss um die Geheimnisse. Vielleicht auch
Bernanos. Die Geheimnisse, die nur in äusserster Hingabe
mit dem Leib aus der Haut der Verzweiflung geschlüpft, in
der Sekunde "Nichts" zu träufeln beginnen.
[21] Um den runden Tisch des Experiments sitzen die Heutigen.
Bomben haben Jericho gestürzt. Aber im Tonscherben wächst
etwas. Welche Inbrunst wächst da? Und Venus ist jetzt im
April der Abendstern und steht im Widder. Im Schall des
Widderhornes wohnt der Kosmos. Auch im Atemzug. In allen
Sprachen ist Atem ein weites Wort. Das weiteste. Und
reicht in das Geheimnis. "Er macht Finsternisse zu Seinem
Versteck!" Schechina wandert im Staub. Schechina kniet am
Strassenrande mit der verlorensten Seele. Sie erlöst uns
nicht. Wir müssen sie erlösen. Sie ist unser ewig Teil.
Auch die Götzen haben die ewigen Eigenschaften der sie
Anbetenden angenommen. In Ur, aus den weissen Fäden des
Mondgottes Sin, löst Abram leise die Ewigkeit aus. Alles
dies ist "unheimliche" Arbeit. Geliebte Seele, welche
"furchtbare" Sehnsucht, eine Ritze im Staub zu haben. Nur
eine Blinzelritze. Der Seher von Lublin sagt in Martin
Buber’s Gog und Magog zum heiligen Juden: Man darf sich
nicht erlauben, s o zu leiden. Das ist ein Wort! Ein Wort
raucht wie Sinai!
Konnte lange nicht schlafen mehr
seitdem. Manches muss schwer bleiben. Und die Seelenbehandler wollen alles leicht
machen. Seinem Leiden Einhalt gebieten, wie der Seher verlangt, ist das Schwerste!
Und Gut und Böse. Diese Zwillinge, dieses schreckliche Todesgemisch mit dem
Sänger Sehnsucht. Von Ihm gewollt. Aber wir sind zu Ende da. Warum so, warum?
Nichts weiss ich. Nur Liebe. Der religionsgeschichtliche
Vortrag war Abgrenzung. Und da weiss ich eben nichts.
Christus in christlicher und jüdischer Beleuchtung.
[22] Geliebte Seele, Du w e i s s t! Aber ich weiss nichts und
verstehe immer weniger. Leide und liebe und sehne mich. Zu
welcher Religion gehört das? Religion, dieses menschliche
Gebäude um einen Glutkern. Um einen Seelenkern. Die
einzelne Seele beginnt ihren leidenden Glaubensweg grade
an der Grenze, wenn der Religionsforscher die Tür zumacht,
den Riegel vorschiebt. E r im Feuer des Sinai und der
Erwählte durch die Gluten fast auf dem Gipfel. Und das
Volk am Fusse, immer am Fusse. Und dann die einsame Seele
den leidenden Weg bergauf bis in die Flamme. Und ist den
Anderen der Weg erspart, weil sie miterlöst wurden?
Miterlöst, wie kann diese Erleichterung, dieses kühlende
Wasser gemeint sein? Diese Nacherlösten, Heiligen,
Märtyrer. Ist Sinai und Golgata eine andere
Himmelsrichtung? Du weisst! Und der Tod lächelt. Wegweiser
aus der Mitternacht zeigt - und die Kinderschuhe dieser
Erde sind ausgetreten -
Ist es Anmassung, seinen Seelenweg zu gehen? Nur die
Leiden, diese furchtbaren Leiden, diese Tigerzähne aus
Sternenlicht, die an der Kehle sitzen, immer bereit
durchzubeissen, die wagen zu bitten: um Dieses willen -
Nicht das Ende bedrängen. Aber wenn die Sehnsucht das
Licht an beiden Enden entzündete - was dann?
Immer an der Inbrunst Spitzen gelebt. Als Kind in den
Nächten mit den schrecklichen goldenen Sonnen.
Schwarzgekreuzigten. Die Eltern, die Geliebten in Angst
gesucht die ganze Nacht. Tiergartenspaziergänge in der
Abendsonne. Marterlicht. Plötzlich eine Wiese
wiedererkannt. Von woher? Ein Lied, ein Duft. Immer
äusserstes erlebt. In der Schule Angst, das Anderssein
erkennen zu geben. Immer versteckt. Der Liebling sang. ...
da ziehen Schwäne ... so sanft das dunkle Wasser der Ruhe
des Kinderschlafes sang sie herbei - Du meine Mutter!
[23] Mein Vater brachte Birnen in das Fieber hinein - mein Vater und Musik - Menuett von Rameau. Tanz - Tanz die Augen geschlossen, viel Weinen war darin und Israels Wüstenaugen - diese furchtbare Liebe, ein Haar vom Tod entfernt - viel Krankheit - Krieg - mein Vater, dein Leiden und die vielen Geheimnisse deiner letzten Tage - Kräfte, die zu mir gehen sollten - Dein Segen - dann die Zeit des Entsetzens - still - hier in Schweden mit dem Liebsten gerettet und wie oft mitgestorben. Immer auf der äussersten Grenze gelebt - Sterben geübt. Lieben ist Sterben üben.
-.-.-.-
Sehnsucht, Totengräber des Leibes. Einziger Schlüssel der
in der Nacht schliesst. Schmerzen überall, bis ins Wort.
Darum Schweigen. Gräber liegen ganz aussen am Rand. Träume
wie Abziehbilder. Zähne ausgefallen, Hyänen Möven gelacht.
Wie Scherben gelacht. Alles zerbrochen. Sind Träume Anfang
der Prophetie?
Faden der Gnade zieht durch alle Verlorenheit!
(Sohar).
Ätherische Leibesgestalt vor Geburt, nach dem Tode?
Beginnt es rot in der Nebulose - endet blau?
Liebling - tut meine Liebe etwas? Stärkt sie, und meine
Schuld mindert sie? Aber die Sehnsucht scheidet die Wasser
- ist vor Gut - Böse - bauen wir mit? Wie sehnt sich der
Stein? Oder ist er vorläufig ausgesehnt? Auch Ezechiel sah
nur Spiegelbilder? Das Oben spiegelt sich in einem
hiesigen Ereignis, das "entspricht"! Erreiche ich Dich?
Habe ich Einfluss? Etwas Verwandtes in den Wolken gesehn.
Du? Schechina geht auch in die Schuld mit, übersteigt also
alle anderen Glaubensbegriffe! Blindes Ende -
Vergessenheit. Ein Anderer kann die Erinnerung
heraufholen. Lächeln des Kindes,
[24] das ins Feuer geworfen wurde. Dieses Lächeln holt
Anila - Du - hinauf!
Bin so unruhig - wer reift in Ruhe? Ausbrechen aus dem
Runden. Du weisst. Wenn ich ein bischen Leiden
überspringen könnte. Meine Augen sind krank vom Salz.
Flattere in meiner Stube, putze und erwarte. Am Nachmittag
mit sinkender Sonne beginnt die Erwartung. Ich spare die
feine Wäsche auf. Ich nehme nichts, was so schön ist, dass
du es haben könntest. Das Warten überdauert die Müdigkeit.
Immer stosse ich an Wände. Die Gedanken sind Opfer einer
Hetzjagd. Warum vergesse ich alles? Großer Düngerhaufen,
wo das Vergessene sich fruchtbar macht. Muttererde wieder
in den Garten gestreut. Duft, Duft vom Lebensbaum.
Die Zeit stirbt sichtbar in den Schatten.
Ob die Sonne anders musiziert als der Mond?
Sterbende haben Musikkrüge in den Ohren.
Es ist Abend, die Sonne wirft Zeit ins Meer,
die zerschellt blutend.
Es ist Abend, und keine Form
hält den Schmerz länger aus.
Die Inbrunst steigt aus den Gräbern
und zerreisst alle Häute.
Es ist Abend,
das grosse Heimweh bricht aus den Falten
der ältesten Gestirne,
Feuer schreibend,
und die Tränen, der Seele
sichtbare Sehnsuchtsmeteoren,
suchen in der Luft ihr irdisches Nest.
Es ist Abend,
und alle Überschüsse der Liebe
bauen musizierend
neue Welten -
die hängen an der Inbrunst –
Dein Geburtstag am Grabe. Zwei blaue Säulenwachholder
bewachen den Errinerungsstein für Winde und Vögel. Zwei Erdenengel mit dem Saft der Schöpfung.
Die Sehnsucht ist das Einzige, was über meinen Staub
hinausgeht. Die Liebe liebt sie, was soll sie anderes tun.
Das "Andere" ist in der Knospe, da liebt blinde Liebe hin!
Ihr Geliebten, fühlt Ihr die Vorbereitung? Grosses Warten
über den Gräbern. Singen die Vögel anders? Näher, näher zu
Dir!
Ich warte in meinem Zimmer. In meinem Kleid, mit meiner
Alltagshand, die immer wieder den Staub von den Geräten
wischt. In jeder Minute werden die Leitern höher
bestiegen, die Jakobsleitern, aber immer wieder in der
Sisyphuskrankheit taumle ich hinab in böse Gründe. Wer
weiss, was ich mit meinen Atemzügen quäle, du und du im
Rausch bist besser als ich, ihr alle. Warum sollte die
Demut nicht auch im Tanz sein, eher als im schlechten
Gebet. Mein Vater, meine Mutter, ihr hattet mich in vieles
weiter hineingeliebt. Meinen Abend soweit fortgesteckt in
der Trauer. Euer beider Tränenbrunnen laufen mit meinem
Blut in die Sehnsucht. Kein Tod wartet - aber Ihr -
-.-.-.-
Ich kann nicht das Drama der Sehnsucht schreiben. Immer
wieder versucht, ich kann nicht. Die Sehnsucht reisst mir
das Fleisch fort. Immer so leben, immer so atmen. Niemals
stehn, immer eilen, niemals anderes als die Unruhe
"Dahin". Das soll Abram dartun, aufgehalten vom bösen
Durstgeist, der doch nötig ist und zu den Engeln
schliesslich alles wirft. Immer fühlen, dass diese
Erdkruste dazu da ist, durchbrochen zu werden, immer die
Sterne ansehn als den nächsten Wegweiser, der "weiter"
zeigt. Ein und aus tritt das Geheimnis in den
[26] Leib, in die Gebärde, in den Augenaufschlag, in den
Atemzug ein und aus und brennt heftiger. Darum kann sich
nichts ründen, nichts im Gedicht ruhen, nichts im Drama
sich vollenden, nichts sein, nur weiter, weiter. Einmal
haben die Propheten ihre Worte geschleudert. Meteore, die
vielleicht siedeln im scheinbar leeren Raum zwischen den
Sternen. Und Niemand unter ihnen stand auf und malte ein
Bild oder schuf etwas den griechischen Statuen gleich. Das
Festhalten ist wie sterben. Mein Kopf ist krank. Die
gleiche Krankheit wie du meine Mutter. Es beginnt mit
Vergessen. Es wird Platz gemacht für das "Neue", und darum
welkt hier alles dahin. Die Engel sind stark in den
Schwachen. Wie Bienen sammelten sie bei dir. Hier ist kein
"Fertigwerden". Die Steine der Unruhe pflastern den
unendlichen Weg. "Schaue auf das Urbild, das dir auf dem
Berg gezeigt worden ist und führe es aus". So sagt Er zu
Moses. Und da Moses nicht weiss, denn er ist ein Mensch,
wenn auch die Ritzen seines Leibes sich weiten, um Licht
zu saugen - so zeigt Er ihm den Leuchter aus Feuer. Das
Gesicht hinter dem Wort. Auch du "sahst", weil du nicht
mehr verstandest. Und ich wusste es nicht. Der Beginn wird
auf Erden Krankheit genannt.
Und warum? Warum verwirft der Erdgeist alles und pflanzt
die Atombombe anstelle des Brotbaumes?
Und warum vergisst er das Lächeln des Kindes, das in die
Flamme geworfen wurde und dachte, es sei ein Spiel?
Und warum bedarf es des Würgers, um den Heiligen "Ah"
sagen zu lassen?
Zuweilen gehe ich in meinen Küchenschrank wie in ein
Ruhegebiet ein. Ordne das blaue Glas und die Teller, die
ich für wenig Geld in einem Warenhaus kaufte. Auch nähe
[27] ich eine Schleife auf ein altes Kleid. Pflanze eine
Blume. Und oft sprechen wir alle Freundliches über unsere
Wunden hinweg.
So will Israel auch verweilen nun in seinem neu -
gewonnenen Land. Gräbt und sät und schläft und wacht. Und
bald werden die Quellen rieseln in den Wüsten. Und viele
Kinder wachsen auf. Braune und Weisse und geben sich die
Hände und singen.
Aufenthalt. Und da reibt es sich zwischen den Steinen: der
Funken Weiter! "Aus der Erlösung des Alltags wächst der
Alltag der Erlösung". Das war der Balschem. Und kein
bestimmtes Handeln bewirkt die Erlösung, nur die
allgemeine Weltverbundenheit. Die Gottesknechte sind
geheim. Ihr Leidenswerk in der Verborgenheit.
Er, der Daseiende in seinen Kreaturen Gegenwärtige. Die
Waage wiegt. Geheimes Gesetz des Ausgleiches. Unschuldiges
leidet um des Ausgleiches willen. Wie die Gesetze der
Sternenbahnen, sind die Gesetze des inneren Universums
alles Lebens. So kann Geschehenes nicht unwirksam bleiben.
Furchtbar.
Als Er mit Abram sprach, fühlte der einen knospenden
Frühling in sich aufbrechen und brannte mit den Armen
ausgebreitet, wie ein Feuerkreuz auf der Sintflut. So
sieht ihn das Kind. Vielleicht kann ich morgen weiter
schreiben.
Ob ich zu den "furchtbaren Tagen" in den Tempel gehe.
Beruhigung zwischen Wänden. Das "Quellschloss" der
Verwandlungen nur leise murmelnd, von sanften
Wiegenliedern bezwungen. Ruhe auf der Flucht.
Inzwischen alles verloren, was erkämpft war, scheinbar
erkämpft. Dies ist nichts. Alle Finger geöffnet, und der
Reichtum stürzte dahin. Zurückgeboren in die
Verzweiflungen.
[28] Aber Ruhe ist nicht bestimmt für mich. Wer weiss,
wozu diese Turnübungen im Unsichtbaren. Ein Kind in der
Strassenbahn hat mich gestreichelt. Einmal, zweimal,
dreimal. Ein kleines Kind mit grossen ernsten Augen. Sonst
nichts, stieg aus mit der Mutter. In seinen Augen hast Du
geleuchtet. Winken einer Fahne. Zuversicht. Das Schreiben
ging schlecht. Den Traum verloren und im Wachen versucht
zu erinnern. Falsch. Abraham leuchtet noch nicht. Muss
wieder versuchen. Einsamkeit ist der unruhigste Ort. Ort
der Geburten und des Todes. Ich kannte diesen Ort nur von
einer Seite. Aber es gibt viele Eingänge, alle Seiten der
Windrose. Wohl steckt darinnen die Materie, von der die
Heiligen sich nährten. Aber - aber -! Immer wie die
Brieftauben das Heimatziel finden, immer jede Minute der
Heimat zuschweben - immer - blitzgebrochen, in der
Abendmarterröte - in den Albumschlingungen der Nacht -
Die Wolke vor meinem Fenster spielt Sterben. Soeben noch
ein Haupt im Profil, darin eine Frauengestalt, alles fort,
und bildender Anfang wieder im Gold des Abends. Das Sein
beginnen und wieder nichts. Und doch und doch - nicht die
Religionen - aber ein Seufzer, ein Untergehn in Liebe,
aber die Sehnsucht - Scham des Schlechtwerdens - Geburten
aus Tod - Alles offen - keine Gebäude - Näher zu Dir -
Nach Dalarna zur Erholung in acht Tagen.
Wozu lebe ich noch? Aber die Reife für den neuen Eingang
hängt nicht mit dem Altwerden des Körpers und nicht mit
den zerreissendsten Seelenqualen zusammen. Übungen im
Sterben haben noch nicht die Reife gebracht, die der Apfel
gebraucht, um zu fallen. Schwer von Ihm. Alle Kräfte gehen
ins Leiden, nichts mehr in die Kunst.
Drüben auf dem Wasser angelt ein Knabe. Jetzt zappelt
etwas Silbriges. Was hält das Silbrige aus, während
[29] ungeschickte Finger Kiemen blutig reissen? Dies würde
schon genügen, um mir den Tod lieblich zu machen. Welche
Gnade die gesunden Beine. Armer Krüppel. Wie soll ich mir
die gesunden Glieder verdienen. Aber etwas reisst mich
durch wie mürbes Leinen. Die Puppe meines Leidens
eingehüllt. Wann fliegt der Schmetterling, der Überwinder
der Schwerkraft?
Es reden wahr die Scheidenden, verjüngen sich noch einmal.
Abrahams Gott ist verborgen, zeichenlos, aber gefühlt im
Atemzug als wirkliches Leben -
Ohne Beweise zu lieben schwer. Christus strahlt Beweis
aus. Alle Traurigkeit und die schneidenste Qual sind
Versuche, die unwirkliche Haut zu zerreissen, auszufahren.
Zuckungen der Auferstehung.
In der Krankheit beginnt schon das Hiesige sich zu
lockern. Die Sehnsucht des Sterbens -
Aber wenn das Leiden sich so steigert, so wird doch nichts
anderes gefühlt als angenagelt sein im Sand; was nützt es,
dass Sand rieselt - aber eine Schmerzensminute kann ein
Leben übersteigen -
Ihr Geliebten, bin so vermummt in Krankheit, wann werde
ich das schöne Sterben spüren?
Fallsucht Tod, Epilepsie des Sterbens.
Endlich weich fallen, ahnungslos wohin.
Heute Abend beginnt der Versöhnungstag. Jede Minute auf
Erden währt dieser Tag. Er beginnt nur und endet für alle
die, welche Angst vor der Wirklichkeit haben. Ich habe
auch Angst. Vielleicht mehr als Alle. Aber ich muss doch
immer in das Leiden blicken. Am meisten dann, wenn
gesungen [30] und getanzt wird.
Und das "Mitleiden" aus Graham Greens "Herzpunkt". Das von
Gott fortführt und beim Menschen haftet. Und erst beim
geliebtesten Menschen. Und das für die Gegenwart, für den
Augenblick des Leidens lebt und nicht auf lange Sicht. Das
habe ich getan. Nur der Haut Erleichterung gebracht. Wenn
ich nur schnell sterben dürfte. Alles, was ich mir
wünschte auf Erden, ging in Erfüllung. Aber auf eine
geheime Weise so, wie ich es nicht meinte, grade so, wie
ich es am meisten fürchtete, grade auf dem Höhepunkt der
Qual. Vielleicht endet dort die Spitze des Gebetes. Sind
unsere Geheimnisse die Bausteine der Welt. Gut - Böse, die
ausgestrahlten Kräfte, die das Universum immer neu
schaffen. Und Er lässt gewähren, bis Er im Tod eingreift,
bei der Geburt eingreift oder sich die Verwandlung in
Seine Hände spielt. Aber da ist Er immer.
Operation. Endlich. Etwas Qual herauslassen.
Zurückgekehrt. Wir haben soviel geredet im Schweigen. Trafen uns. Jetzt singt mein Gebein. Eine Muschel, die verrauschte Meere hielt.
-.-.-.-.-