Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 5


 

1905 - Rilkes Sommer in Friedelhausen

von Renate Scharffenberg

Wie kam es dazu, dass Rilke, der damals schon Weitgereiste, Schloss Friedelhausen, an der Bahnstrecke zwischen Marburg und Giessen gelegen, besuchte? Das hat eine Vorgeschichte, die uns nach Dresden führt, ins Sanatorium des Dr. Lahmann auf dem Weißen Hirsch.

Dresden, Weißer Hirsch. Postkarte von 1902

Rilke und seine Frau Clara waren hier vom 6. März bis zum 19. April zur Kur – im Vorjahr in Kopenhagen hatte man bei Rilke Blutarmut und Erschöpfung festgestellt, und nach einem Winter bei Claras Eltern in Oberneuland bei Bremen, von dem er schreibt: „es waren unfertige und provisorische äußere Zustände, in die ich hier kam...“ nahm er die Hilfe der schwedischen Schriftstellerin Ellen Key an, die ihm die Kur im Lahmannschen Sanatorium ermöglichte. Clara und er waren schon im Mai 1901 einmal hier gewesen.

Seitdem Rilkes 1902 das kleine Haus in Westerwede bei Bremen, wo ihre Tochter Ruth ihre erste Lebenszeit verbrachte, hatten aufgeben müssen, waren sie ohne festen Wohnsitz, auf Einladungen und Stipendien angewiesen, mit unsicheren Einkünften. Rilke war jetzt 29 Jahre alt, der Versuch, sich mit Zeitschriftenbeiträgen, Auftragsarbeiten, Rezensionen finanziell abzusichern, scheiterte, weil ihn das an seiner „eigentlichen Arbeit“ hinderte.

Im Lahmannschen Sanatorium entstand die Zeichnung der Rigaer Malerin Anna Schewitz-Hellmann, die Rilke im Profil zeigt. Er trug damals noch den kurzen Bart wie später auf dem berühmten Porträt von Paula Modersohn-Becker.

Rilke in Dresden 1905

Hier kam es auch zur Begegnung mit Gräfin Luise von Schwerin: „wir sehen niemanden – nur seit drei Tagen eine liebe Frau, die von uns gewußt hat und uns mit Güte umgibt: eine Gräfin Schwerin. Die leider nur acht Tage bleibt.“ (an Ellen Key, 30.3.05) Daraus ergab sich die Einladung nach Friedelhausen: „Und nun findest Du mich unterwegs nach dem Gute der Gräfin Schwerin, bei der ich ein paar Augustwochen bleiben will. Ein stilles Schloß mitten im Walde und es werden dort sein: die Gräfin, ihre verwitwete Schwester, ihre Tochter Gudrun und deren Mann, ein Baron Uexküll, der Naturforscher ist, mit dem ich viel zu sprechen und von dem ich manches zu lernen hoffe.“ (an Ellen Key, 26.7.05)

Das Hofgut Friedelhausen

Der Weg zum Schloss Friedelhausen führt am Gut Friedelhausen vorbei (ein Dorf des Namens gibt es nicht), das wirklich tief im Wald liegt. Es gehörte ursprünglich der Familie von Rolshausen, das alte Herrenhaus wurde 1564 erbaut. Heute ist hier eine therapeutische Einrichtung für junge Menschen. Dann das Schloss:

Blick auf das Schloss Friedelhausen

Vom 28. Juli bis 9. September 1905 ist Rilke zu Gast in Friedelhausen – in der ersten Augusthälfte kommt auch seine Frau, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff dort hin. Den Auftrag, ein Relief-Porträt der Gräfin zu schaffen, kann sie nicht wahrnehmen, da diese zu leidend ist. Außerdem muss Clara früher abreisen, weil am 13. August ihr Vater stirbt.

Alte Ansicht vom Schloss

Auf der alten Photographie erkennt man, dass Friedelhausen früher nicht so tief im Wald verborgen war wie heute, wo man kaum die Türme erkennen kann – und man sieht auch, dass man im Boot auf der Lahn rudern konnte. Rilke erzählt später davon: „...dann fanden wir den kleinen Kahn unten auf der Lahn und fuhren [...] den Fluß auf und ab in der schönen Sonne und im sommerlichen Geruch der Ufer.“ (10.9.06) Besonders genossen hat Rilke die Ausfahrten mit Pferd und Wagen in die ländliche Nachbarschaft, zur Nehebrücke, nach Londorf und Appenborn, nach Odenhausen und ins Salzbödetal. Marburg hatte Rilke schon auf der Hinreise besucht.

Schloss Friedelhausen heute

Ein paar Daten: Der Vater der Gräfin Schwerin, Dr.jur. Adalbert Freiherr von Nordeck zur Rabenau, Diplomat und Abgeordneter (1817-1892), erbaute Schloss Friedelhausen 1851 für seine Frau Clara, geb. Phillips, die er in London kennenlernte, im spätgotischen Stil, nachdem er aus ihrem Vermögen das Gut Friedelhausen erworben hatte: - ein Stück England in einem Landschaftspark. Zwei Töchter wuchsen in Friedelhausen auf: Luise (1849-1906) und Alice (1857-1908). Nach dem frühen Tod seiner Frau (1867) und des einzigen Sohnes (1869), machte der Vater Friedelhausen für seine Töchter zu einem „Musenhof“ mit einem Liebhabertheater.

Nach der Heirat Luises mit dem Grafen Karl von Schwerin heiratete Adalbert von Nordeck zur Rabenau Julie, verwitwete Gräfin Bethusy-Huc, geb. Ducius von Wallenberg, die „Frau Nonna“ der Rilkebriefe. Ihr fiel nach seinem Tod das Familiengut Londorf als Witwensitz zu.

Wie sich Luise und ihr späterer Mann kennenlernten, ist eine hübsche Geschichte. Als der junge Jurist und Reserveoffizier mit seinem Regiment 1870 im Deutsch-französischen Krieg an die Front fuhr, wurden sie auf dem Bahnhof – ob in Friedelhausen selbst oder in Lollar oder in Giessen, weiß ich nicht, - freundlich bewirtet. Dabei gefiel ihm die junge Frein Luise von Nordeck zur Rabenau so sehr, dass er nach dem Krieg zurückkehrte und um sie warb. Von 1877 bis 1888 war er Landrat in Weilburg, dann lebte das Ehepaar bis zu seinem Tod in Schwerinsburg in Vorpommern, wo die Kinder Gudrun und Eberhard aufwuchsen. Nach dem Tode ihres Gatten kehrte Gräfin Luise 1901 nach Friedelhausen zurück.

Bei seinem Aufenthalt in Friedelhausen traf Rilke auf einen Kreis von Menschen, denen seine Gedichte und Erzählungen durchaus vertraut waren.

Gräfin Luise und ihre Tochter Gudrun

Die Gräfin und ihre Tochter hatten sie durch Jacob von Uexküll kennengelernt – bei abendlichem Vorlesen. Mit ihm war Gudrun verheiratet, 1904 war ihre Tochter Damajanti zur Welt gekommen, der Rilke eine eigene „Geschichte“ schrieb.

Jacob von Uexküll

Jacob von Uexküll, (1864-1944), Naturforscher und Biologe, prägte früh den Begriff „Umwelt“ im Zusammenhang mit der Verhaltensforschung in der Zoologie. Er gilt als Begründer der modernen Biologie, war aber auch philosophisch und literarisch interessiert. Von Rilke lagen damals, wenn man von den frühesten Publikationen absieht, die Gedichtbände „Traumgekrönt“, „Advent“, „Mir zur Feier“ und die erste Ausgabe vom „Buch der Bilder“ vor. Dazu Erzählungen und die Geschichten „Vom lieben Gott und anderes“.

Schon vor seinem Besuch schrieb Rilke der Gräfin: „... fast scheint es mir [...] als müsste Baron Uexküll mir, wenn wir uns im Sommer begegnen, der Rater und Helfer werden, auf den ich mit allem dem Meinen warte...“ Tatsächlich kommt es zur gemeinsamen Kant-Lektüre. Rilkes Leseexemplar ist erhalten.

Alice Faehndrich, geb, Freiin von Nordeck zur Rabenau

Auch die verwitwete Schwester der Gräfin, Alice Faehndrich, „Tante Alla“, war anwesend, die den Winter jeweils auf Capri in ihrer Villa Discopoli verbrachte, wo Rilke in den nächsten Jahren zweimal zu Gast war.

Rilke beschäftigte in diesen Wochen die Drucklegung seines Gedichtbandes „Das Stunden-Buch“.

Der erste Teil „Vom mönchischen Leben“ war bereits 1899 in einer ersten Fassung entstanden, die „Gebete“, wie er sie damals nannte – Eindrücke von seiner ersten Reise nach Russland mit Lou Andreas-Salomé, seiner lebenslangen Freundin. Den zweiten Teil schrieb er im September 1901 in Westerwede bei Bremen nieder, den dritten im April 1902 in Viareggio – aber erst 1905 entschloss sich Rilke zur Veröffentlichung im Insel-Verlag, zu dem er bereits lose Beziehungen hatte.

In der Bibliothek von Friedelhausen suchte er nach graphischen Vorlagen für die Ausstattung des Bandes und fand das Bild eines lesenden Mönches, das er nach Leipzig schickte: „die mitfolgende Zeichnung, die mir eine gewisse Eignung für unseren Zweck zu haben scheint.“ (7.8.05)

Der Lesende und die Übernahme als Illustration

Auch „das Bild eines dreifach fließenden Brunnens...“ fand er: „das auch verwendbar und auf das Stunden-Buch und seine drei Theile deutbar wäre.“ Dies Motiv hat dann Walter Tiemann für das Titelblatt übernommen, und in der damals gefundenen Gestalt erscheint „Das Stunden-Buch“ bis heute.

Rilke hat in Friedelhausen aus dem „Stunden-Buch“ vorgelesen. Was er vorgelesen hat, ist nicht belegt, anzunehmen ist jedoch, dass er den Schluss des dritten Buches „von der Armut und vom Tode“ gewählt hat, der in einem Preislied auf Franz von Assisi endet. Rilke hatte die Franziskus-Biographie von Paul Sabatier gelesen – und eben dieses Buch besass auch Frau Nonna seit 1897. Ihr Exemplar steht heute in der Bibliothek des Rilkeforschers August Stahl und trägt die zusätzliche Einschrift:

„Dieses Buch hat mir meine liebe Stiefschwiegergroßmutter
Rabenau geschenkt als sie 80 Jahre alt war.
Adine Schwerin Eulenburg
Friedelhausen 1923“

und darunter:

„Zu Weihnachten 1949 schenke ich diese Buch meinem
geliebten Harald zur Erinnerung an sein altes Mütterchen.
Friedelhausen“

Gräfin Alexandrine Schwerin, Adine genannt, war die Frau von Graf Eberhard von Schwerin (Ebo), Schwiegertochter der Gräfin Luise – und wenn nicht August Stahl gerade seinen Franziskus-Vortrag für die Tagung in Freiburg vorbereitet hätte, wäre uns diese Verbindung nach Friedelhausen verborgen geblieben.

Wenn auch nicht bekannt ist, was Rilke aus dem „Stunden-Buch“ vorgelesen haben mag, so wissen wir doch, dass er in einer warmen Augustnacht ein Fragment aus den eben entstehenden „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ vorgetragen hat – entstanden im Herbst 1904 in Schweden.

Erste Seite der Handschrift: „Zwölf Jahre oder höchstens dreizehn...“

Rilke hat diese, die später 15. Aufzeichnung des „Malte“ häufiger vorgelesen und großen Eindruck damit gemacht – auch hat er sie als „Fragment“ 1909 in der „Neuen Rundschau“ vorveröffentlicht. Deshalb ist die hier gezeigte Handschrift (die er später Katharina Kippenberg geschenkt hat) erhalten – ein vollständiges Manuskript der „Aufzeichnungen“ gibt es nicht, Rilke hat das Buch 1910 aus Taschenbüchern in die Maschine diktiert, in Leipzig, bei Kippenbergs.

Ein Motiv aus unserem Fragment findet sich in den „Duineser Elegien“: Maltes Großvater nämlich unterscheidet so wenig wie darin die Engel zwischen Lebenden und Toten, zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem – und so wundert es ihn nicht, wenn die längst verstorbene Christine Brahe („eine Unglückliche“) durch den Saal schreitet.

Rilke und seine Frau auf dem Altan in Friedelhausen

Während ihres gemeinsamen Aufenthalts in Friedelhausen entstand eine kleine Büste Rilkes mit geneigtem Haupt, die später in Bronze gegossen wurde.

Rilke 1905. Büste von Clara Rilke-Westhoff

Rilke war schon 1902/03 in Paris bei dem Bildhauer Auguste Rodin gewesen, über den er eine Monographie verfasste – eine Auftragsarbeit, die aber von großer Bedeutung für ihn war. Clara hatte schon früher während ihrer Ausbildung im Atelier des Meisters gearbeitet. Jetzt bereitete Rilke einen Vortrag über Rodin vor, der später sein Rodin-Buch ergänzte. In Friedelhausen erreichte ihn Anfang September ein Telegramm Rodins, dazu dessen Einladung, bei ihm in Meudon zu wohnen. Gleich im Anschluss an Friedelhausen also ging Rilke wieder nach Paris.

Karl von der Heydt

Der Bankier Karl von der Heydt, ein Freund Uexkülls, den Rilke in Friedelhausen kennenlernte, nahm die Gelegenheit wahr, durch Rilke eine Plastik Rodins zu erwerben, die Marmor-Statue „Frère et Sœre“, die später in Bad Godesberg im Haus seiner Tochter zu bewundern war. Für beide war das von Vorteil, für Rilke, weil er Rodin einen Käufer vermittelte und für von der Heydt, der den Kunsthandel umging. Karl von der Heydt wurde zum ersten wichtigen Mäzen Rilkes, nicht nur finanziell sicherte er ihn zeitweilig ab, seine umfangreiche, gründliche Besprechung des „Stunden-Buchs“ in den „Preußischen Jahrbüchern“ trug zum vergleichsweise großen Erfolg des Buches bei.

Marburg am Ende des 19. Jahrhunderts. Federzeichnung von Ferdinand Justi

An Karl von der Heydt ist auch einer der drei Briefe gerichtet, in denen Rilke seine Eindrücke von Marburg beschreibt – der erste ging an seine Frau. Hier heißt es: „Nun bin ich in Marburg seit ½ 12, bin die kleine, krumme Stadt auf und ab gegangen bis hinauf ins Schloß und bis zur Elisabethkirche, die um und über die Wunder der heiligen Landgräfin erbaut ist.-

Die heilige Elisabeth (um 1470)

Liebliche deutsche Gotik, sich abspielend in der Haltung einer Hand, in der Neigung eines Kopfes, in einer Falte, die sich schlank und steil hinaufzieht an einer schmalen Gestalt“. Und in dem einen Seitenflügel steinerne Grabmäler „aus dem 14. und 15. Jahrhundert, - Männer in Eisen liegend, das rechte Bein ein wenig angezogen, die eisernen Handschuh ineinandergelegt. Und das Gesicht tief drin zwischen Halsberge und Visier, beschattet und beschienen von beiden...“ (27.7.05)

Grabmal in der Eilsabethkirche

Soweit Rilkes erster Besuch in Marburg. Während seines zweiten Aufenthaltes in Friedelhausen vom 8. September bis 3. Oktober 1906 (von dem hier weiter nicht die Rede sein soll) besuchte Rilke noch einmal die Stadt, diesmal zusammen mit seiner Frau und der kleinen Tochter Ruth, und schriebt zuerst an Karl von der Heydt.

Grabmal des Konrad von Thüringen

„Wir waren gestern im alten Marburg, wo wir angesichts des Grabmals, das für das des Konrad von Marburg sich ausgibt, Ihrer gedachten; für mich war es interessant, den schönen Wandteppich aus dem 14. Jahrhundert wieder zu sehen (im Dom), der die Geschichte des verlorenen Sohns in so überzeugenden Ausdrücken erzählt...“ (11.9.06)

Wenn Rilke das älteste der Landgrafengrabmäler mit leichtem Zweifel betrachtet: es ist tatsächlich nicht der Ketzerrichter Konrad von Marburg – wohl wegen der Geissel, die er in der Hand hält, wurde es ihm zugeschrieben – sondern der Schwager der heiligen Elisabeth, Konrad von Thüringen (gest. 1240), Hochmeister des Deutschen Ordens und Bauherr der Elisabethkirche. (Die Geissel ist wohl ein Zeichen der Buße, die ihm nach einer schweren Untat auferlegt wurde – als er nämlich nach der Belagerung Fritzlars unverrichteter Dinge abziehen musste, zeigten ihm die Frauen der Stadt von der Mauer aus ihre entblößten Hintern, was ihn zur Rache und endlich zu einem schrecklichen Blutbad in der Stadt veranlasste.)

 

Umschlagtitel und Widmung von Karl von der Heydts Schauspiel „Konrad von Thüringen“

Konrad von Thüringen war für von der Heydt von besonderem Interesse: auf Anregung der Gräfin Luise Schwerin schrieb er ein Schauspiel, das er ihrem Andenken widmete.

Der dritte Marburg-Brief ging an Gudrun Uexküll, die 1906 nicht in Friedelhausen war. Rilke schreibt am 11.9.06: „daß wir gestern im alten Marburg waren; wie genau wußte ich alles wieder; als ich den Glockengriff gegenüber dem Dom fasste, um den Küster zu rufen, da wars, als wäre noch eine Spur in meiner Hand, in die er genau hineinpasste. Dann standen wir wieder vor den alten Wappen, vor dem Teppich vom verlorenen Sohn -

Der Teppich vom verlorenen Sohn (heute im Universitäts-Museum auf dem Marburger Schloss)

 

vor den Grabmälern der Landgrafen, deren Gesichter wie Kerne in den aufgesprungenen Helmschalen liegen, und schließlich vor der lieben heiligen Elisabeth, deren Linke die Kirche hält, während die Rechte sich so schlank aus dem Mantel herauswendet...“

Rilke erzählt weiter davon, wie sie für Ruth eine „kleine Puppe mit Stülpchen, Schnatz und Motzen“ (also in der Marburger Tracht) kaufen, dazu eine „ganze Menge kleinen Hessengeschirrs aus dem Töpferladen.“

Der Auszug des verlorenen Sohnes

Aber schon im Vorjahr war es der große Bildteppich, der ihn beeindruckte. Statt einer ganzen Folge von Gedichten entstand aber nur das eine, das er in die „Neuen Gedichte“ aufnahm. (Paris, Juni 1906)

Dem Umstand, dass Clara Rilke verfrüht abreisen musste, verdanken wir Rilkes Schilderung einer Ausfahrt mit Pferd und Wagen in die Rabenau, die Landschaft unter der Burg Nordeck im Lumdatal.

Appenborn

„Gestern, an einem herrlichen vollen Sonnentag, mit vielen strahlenden und bunten Stunden, fuhren wir wieder, den Frühstückskorb auf dem Bock, aus wie damals - ; erst nach der Rabenau und von da, fast ohne Aufenthalt, weiter nach Appenborn, dem alten Stammsitz der einen rabenauschen Hauptlinie. Ein kleiner bäurisch-senioraler Herrenhof mit Freitreppe und alten eichenen Säulen; der Wirtschaftshof rund herum, so daß man ihn vom Saal aus übersieht, und mit einem alten, nach dem Haus abfallenden Garten, in dem die Pächtersfrau alle Blumen zieht. Und der Phlox steht hoch neben den alten zusammengezimmerten Apfelbäumen und Georginen und Astern und Gladiolen und des Tabaks tags verschlossenener Blütenstern...“

Inschrift am Haus

Auf dem Haus in Appenborn steht der Vers:

„Auf hoher See sind große Wellen,
verborgene Klippen,
strenger Wind;
wer klug ist, ver-
läßt nicht die Quellen
die in den grünen
Wiesen sind.“

Wie gut sich Rilke noch viele Jahre später an Appenborn erinnert hat, beweist seine Überlegung, ob er sich dort einmieten könnte, wenn seine Schweizer Aufenthaltsgenehmigung 1920, wie befürchtet, nicht verlängert würde. Zum „Elegienort“ schien ihm der abgelegene Hof schon wegen der Landwirtschaft und der mit ihr verbundenen Unruhe dann doch eher nicht geeignet.

Der Pavillon im Londorfer Park

In Rilkes Brief vom 23. August 1905 heißt es dann weiter: „Auf der Rückfahrt streikte Hassan wieder, was zur Folge hatte, daß wir einen Abend und einen Nachtanbruch in 'Großvaters Garten' hatten, im alten Londorfer Pavillon, wo der Kronleuchter brannte, mit einer strahlenden Festlichkeit hinausschimmernd in die Gartengänge, aus denen, wie von vielen Seiten her, das Geräusch des Springbrunnens kam. Diese Stunden waren sehr schön und voll Erinnerungen, die kamen und gingen, ohne die unseren zu sein.“

Zeichnung vom Pavillon

Julie Freifrau von Nordeck zur Rabenau: „Frau Nonna“

Zu diesen Erinnerungen gehört die der Frau Nonna an den Abschied von ihrem ersten Mann, der 1866 in der Schlacht von Königgrätz fiel. Rilke verdankte dem sein Gedicht „Letzter Abend“.

Als Rilke 1909 anlässlich einer Lesung in Breslau den Bruder Frau Nonnas besuchte, legte er am Grab ihres gefallenen Mannes, des Grafen von Bethusy-Huc, Rosen nieder: das im Juni 1906 in Paris entstandene Sonett erschien in den „Neuen Gedichten“.

Das Herrenhaus in Londorf

An Frau Nonna, die er in Capri wiedergesehen hatte, schrieb Rilke am 8. August 1909 aus Paris: „werden Sie glauben [...] daß ich fast die Augen nicht schließen kann, ohne daß auf der Liderinnenseite ein Stück Londorf entsteht, eine Ecke des alten Gartens: der Steintisch, der Springbrunnen oder gar die eingefaßte Quelle draußen unterhalb des Feldweges...“

Der Steintisch – heute

Der Springbrunnen

Kurz zuvor hieß es an Elisabeth Schenk zu Schweinsberg nach Fronhausen über „das liebe hessische Land“: „es ist eine Art Sehnsucht in mir nach seiner einfachen soliden Sommerlichkeit, nach gewissen Wegen am Waldrand, nach manchen Plätzen im Friedelhausener Park, nach der schönen brückenhaft eingehängten Chaussee an des Schinderhannes Eiche vorbei; nach einem Sonntag an der Nehebrücke, ach, und nach Londorf, von Appenborn gar nicht zu reden, wo die angestammten Blumen sich wärmen an ihren alten Stellen ... In Hessen, sage ich mir jeden Morgen, steht sicher alles in Pracht und Buntheit; bilderbuchhaft fröhlich, als ob ein Vers wäre unter jeder Blume und als ob jeder Vogel einen kleinen sympathischen Reim sagte...“

Elisabeth Obladen, geb. Schenk zu Schweinsberg, habe ich noch selbst gekannt – wir besuchten sie im Januar 1951, aber ich erinnere nicht, ob sie Rilke von seinen beiden Besuchen in Friedelhausen her kannte oder erst seit dem gemeinsamen Aufenthalt als Gäste von Alice Faehndrich in Capri (Februar bis April 1908). Aus dieser Zeit erzählte sie mit viel Humor und auch mit Selbstironie – hatte sie doch den Dichter angeschwärmt.

Begegnet bin ich später auch Gudrun Uexküll, vor allem in der Zeit, als ihr Sohn Thure Professor in Giessen war. Sie hatte 1905 von Rilke eine Photographie aufgenommen, die ihn im Gespräch mit ihrer Mutter zeigt. Rilke hat dann dazu sein Gedicht „Selbstbildnis aus dem Jahre 1906“ geschrieben und es ihr zusammen mit dem Bild in das Exemplar der 1906 zuerst erschienenen „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ eingetragen. Diese Erstausgabe ist dem Gedächtnis der am 24. Januar 1906 verstorbenen Gräfin Luise von Schwerin gewidmet.

 

Schloss Friedelhausen

Die Gräfin hatte Friedelhausen schon vor Rilkes Abreise verlassen müssen – und so berichtete er ihr: „aus den letzten schnellen Tagen im lieben grauen Schloß kamen viele Gedanken von mir zu Ihnen – das Leben sollte weitergehen mit seiner Art: das war das sicherste Mittel, Ihnen nahe zu sein. Man mußte beim Frühstück sitzen, als ob Sie jeden Augenblick eintreten könnten, und mittags zusammenkommen in Ihrem hohen Arbeitszimmer und abends still zusammensein in Ihrem lieben Namen. Und zwischendurch war manches; da kamen die ersten Korrekturbogen meines Stunden-Buches und wollten gelesen sein, und der Nachmittag brachte unsere Kant-Stunde, die am letzten Tage auch das Buch zu Ende führte, das wir uns vorgenommen hatten. Zwei wunderschöne Fahrten wurden gemacht; jede in eine andre Welt und Gegend, mit fernen Ausblicken über helle Wiesen und den glänzenden Fluß und bis an die ruhigvollen Konturen dichter Waldhügel hin - : nach Salzböden zuerst durch das Dorf bis zu seiner großen Mühle und dann über eine Brücke im Bogen durch Odenhausen zurück, und die zweite Fahrt, an die Nehbrücke, von der aus man mittelalterlich und wie mit dem Lichte eines anderen Sternes Marburg sieht, an einem grauen Nachmittag, da alles Ferne wunderbar leise abgetönt war innerhalb des Graus.“

Rilke fährt fort: „Mein Leben, alles was ich bin, ist durch Friedelhausen durchgegangen, wie ein ganzer Fluß durch die Wärme einer besonnten Gegend geht, ausgebreiteter und breiter gleichsam und glänzend mit allen seinen Wellen...“

Ein Jahr nach dem Tode der Gräfin, am 24. Januar 1907, schrieb Rilke in ihrem Angedenken sein Gedicht „Todeserfahrung“:

Rilke ist 1906 noch einmal in Friedelhausen gewesen, danach nicht wieder – aber er hat sich immer dankbar daran erinnert. Was ihm hier zuteil wurde: Neue Freunde, aber auch der Beginn einer neuen Schaffensperiode, erste Meisterschaft, die in den „Neuen Gedichten“ und den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ ihre Ausprägung fand.

 

Lit: Ingeborg Schnack „Rainer Maria Rilkes Erinnerungen an Marburg und das hessische Land“ Marburg 1989
Reinhold Huttarsch/Michael Müller „Lollar beiderseits der Lahn“ Lollar 1984

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