Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 5


 

Friedrich Voit: „Karl Wolfskehl. Leben und Werk im Exil“. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, 816 S., ISBN 3-89244-857-4, 42 €

Dem Verfasser, der ebenfalls, wie einst Karl Wolfskehl im Exil, in Neuseeland lebt, geht es darum, für den Dichter eine Rückkehr in die deutsche Literatur zu bewirken. „Die hier vorliegende Biographie sucht die Genese von Wolfskehls Exilwerk in dem eng verflochtenen Zusammenspiel von Leben und Schaffen nachzuzeichnen“, heißt es im Vorwort. Und weiter: „In seiner Dichtung wie in seiner Korrespondenz gestaltete Wolfskehl das Bild eines von nationalsozialistischem Judenhaß bis zu den Antipoden vertriebenen deutschen Juden und europäischen Dichters, das ihn im Geschick illustrer mythischer und geschichtlicher Vorläufer wie Odysseus, Ovid, Dante und Hiob spiegelt“. (9/10)

Für den heutigen Leser, dem kaum mehr als der Name Karl Wofskehl geläufig sein dürfte, ergibt sich die Notwendigkeit, zunächst sein Leben vor dem Exil darzustellen – dies geschieht für die Jahre 1869 bis 1933 im ersten Teil des Bandes „Zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus“, auf den Seiten 15 bis 77, also im ersten Zehntel des Buchs, eingeleitet von dem Spruch Stefan Georges aus dem „Neuen Reich“: "Der horcher der wisser von überall / Ballwerfer mit Sternen in taumel und tanz / Der fänger unfangbar“. Denn entscheidend für Karl Wofskehl war die Begegnung mit dem Werk des nur um ein Jahr Älteren, (der wie er das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt besucht hatte), durch die Lektüre, im Herbst 1892, von dessen Gedichten „Hymnen“ und „Pilgerfahrten“. Schon bald nach dem ersten verehrend bewundernden Brief, den er an den „Meister“ richtete, wurde er zu dessen treuestem Anhänger und Helfer. Jahre später betonte er: „Von ihm als Erscheinung, Schicksal, Lebensgang erfuhr ich nichts, die magische Wirkung ging aus einzig und allein vom Werke selber, vom gestalteten Wort“ (1928, 26)

Im Kreis Georges wirkte er als einer der ältesten Freunde, publizierte in den Aussenseitern verschlossenen „Blättern für die Kunst“ und war beteiligt an den Veröffentlichungen Stefan Georges. Durch viele Jahre stand diesem in Wolfskehls Münchner Haus die Dachwohnung zur Verfügung, zu der das „Kugelzimmer“ gehörte, wo George seine Besucher empfing, die nur auf ein besonderes Klingelzeichen eingelassen wurden. (43)

Nach dem ersten Weltkrieg, als Wolfskehl nicht länger als unabhängiger Dichter und Sammler leben konnte, änderte sich sein großzügiger Lebensstil, den ihm das Familienvermögen ermöglicht hatte – er arbeitete nun als Beiträger zu Zeitschriften und Berater von Verlagen. Aber auch wenn George sich ein Stück weit von ihm entfernte – er blieb dem „Meister“ unverändert treu bis in die letzten Tage, da beide bereits Deutschland verlassen hatten. Am 6.Dezember 1933 nahm Wolfskehl an der Trauerfeier für George in Minusio im Tessin teil.

Wenige Jahre zuvor, am 17. September 1929, war Wolfskehls 60.Geburtstag in zahlreichen Glückwunschartikeln gefeiert worden (der schönste stammte von Walter Benjamin), jetzt hatte er sein Land verlassen müssen. Tief „verletzte ihn die generelle Ausgrenzung der Juden und alles Jüdischen, die militante Zerstörung der jüdisch-deutschen Symbiose, an die er geglaubt hatte“. (85) Der Autor wählt für sein weiteres Vorgehen ein eigenes Verfahren. Von nun an wechseln die biographischen Kapitel mit denen, die dem zeitgleich entstandenen Werk gewidmet sind. Dadurch gelingt es Voit, Entstehung, Analyse und Interpretation des jeweiligen Werks auf den lebensgeschichtlichen Hintergrund zu beziehen, was beide Bereiche glücklich ergänzt.

Der zweite Teil: „Exil in der Schweiz und Italien (1933-1938)“ setzt ein mit dem Kapitel „Unbehaust. Basel – Tessin – Rom – Meilen (Febuar 1933-Oktober 1934)“, danach folgt: ""Herr! Ich will zurück zu Deinem Wort". Die Gedichtfolge Die Stimme spricht.“ In diesem Werk vergewissert sich Wolfskehl seiner jüdischen Herkunft. „Der Gang durch die Gedichte und der Nachvollzug des ihnen eingeschriebenen Erkenntnis- und Entscheidungsprozesses lässt auch nachgeborene Leser spüren, welch machtvoller Anstoß zur Selbstbesinnung und Identifikation von ihnen ausging. Das ewige jüdische Schicksal wird in diesen Gedichten nicht fatalistisch hin-, sondern bewusst angenommen und daraus zugleich ein befreiender Handlungsimpuls gewonnen“. (122)

Dazu heißt es: „Wolfskehl hatte als Lyriker bis in die 30er Jahre nie ein breiteres Publikum gesucht und seine Gedichte [...] fast ausschließlich im Umfeld des George-Kreises publiziert“ (103). Nun veröffentlichte er auch in jüdischen Zeitungen und Zeitschriften. Seinen Lebensunterhalt freilich konnte er damit nicht sichern. Seine Frau und die beiden Töchter blieben in Deutschland, wo der Schwiegersohn einen Besitz am Kaiserstuhl bewirtschaftete – als Zahlungen von dort aus nicht länger möglich waren, verkaufte Wolfskehl seine wertvolle Bibliothek nach Holland, um weiterexistieren zu können.

Während des Aufenthaltes in Italien fand Wolfskehl, der – schwer sehbehindert – auf Hilfe mehr und mehr angewiesen war, in Margot Ruben die jüngere Gefährtin, die bis an sein Lebensende das Exil mit ihm teilte. In diesen Jahren entstand die erste Fassung des Gedichtes „An die Deutschen“, die Gedichtfolge „INRI“ und „Nachdichtungen mittelalterlicher hebräischer Lyrik“. Aber Italien geriet in den Sog der antisemitischen Grundstimmung, so dass des Bleibens nicht länger war und Wolfskehl sich entschloss, zu den fernsten Antipoden aufzubrechen. Der dritte und letzte Teil des Buches ist überschrieben: „Asyl und Exil in Neuseeland (1938-1948)“; der Bericht über diese zehn Jahre macht noch einmal fast 250 Seiten des Buches aus.

Wolfskehl war zur Zeit dieses Aufbruchs ins völlig Ungewisse – ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in dem fernen Land – bereits fast 70 Jahre alt. Er „hatte Europa nicht nur der eigenen Sicherheit wegen verlassen und um der in Italien immer drohenderen Verfolgung der Juden zu entgehen. Er hatte das Bedürfnis nach äußerer und innerer Distanz zu dem Kontinent, der in faschistischer Barbarei zu versinken und auf einen neuen Weltkrieg zuzutreiben schien. In der Ferne Neuseelands hoffte er ein 'Dichterasyl' zu finden, das ihm Ruhe und Anregung gewährte, um sich 'in ganz neuer Umgebung wieder künstlerisch zu erfrischen' (5.1.39)“. (240)

Während der langen Seereise gelangen Wolfskehl, für ihn selbst überraschend, viele Verse: „Gedichte strömen hervor“ ist das zugehörige Werkkapitel überschrieben. Ein Beispiel (250/51):

Nicht die Wunderblume des verklungnen
Letzten Lenzes, der nie Frucht gebar,
Neu zu finden, trug ich zum verschlungnen
Dickicht müdes Herz und greises Haar.

Trete darum nicht die letzte Zinne
Andrer Thule, dass die Seele leicht
Mich beschwing und glüh in neuer Minne.
Minne starb und Sehnen ist erbleicht.

Nicht einmal mich selber aufzuschrecken
Hab ich Nacht um Nacht mich wach geschrien,
Querte bahnlos, planlos Haus und Hecken,
Nicht weil ich mir, ein Gespenst erschien.

Nicht einmal mich selber aufzuspüren,
Nicht einmal mir selber zu entfliehn
Lief ich langen Weg und sprengte Türen
Mit dem Schwert, von Wunsch und Wahn entliehn.

„Welche uneingestandenen Gründe ihn aber zu seiner Reise nach Neuseeland bewogen, lässt das Gedicht unerwähnt“. Der Autor fährt fort: „Solche Niedergeschlagenheit stellte sich in der Folgezeit immer wieder ein, aber sie blieb nicht von Dauer und wurde immer wieder überwunden. Die Überzeugung, zu den wenigen zu gehören, die in geistentfremdeter Zeit und Umwelt als Träger einer kulturellen Tradition für deren Erhalt und Überleben wirken, ging Wolfskehl auch in dunkelsten Momenten nie ganz verloren“.(251)

Aus der ersten Zeit als „Refugee in Auckland“ ist der Bericht eines Besuchers überliefert: „Das Zimmer, in dem Karl Wolfskehl sich aufhielt und seine Gäste empfing, kommt mir in der Erinnerung wegen der Übergröße seines Bewohners vielleicht besonders winzig vor. Der massige, motorische Mann, mit seinen ausladenden Gebärden und ausgreifenden Schritten, muss sich hier sehr beengt gefühlt haben. Es haftet der Eindruck eines Riesenvogels in einem Käfig...“ (262) Enge und Fremdheit – es brauchte Jahre, sie zu überwinden, und es gelang nicht auf Dauer. Der Verfasser stellt diese langen letzten Jahre im Leben Wolfskehls eindringlich und faszettenreich dar, mit den Begegnungen, Freundschaften, Reisen und zugleich der Vereinsamung, der schwankenden Gesundheit und auch den Problemen im Zusammenleben mit Margot Ruben, die mit Stundengeben zum Lebensunterhalt beitragen musste.

Mit dem Ende des Krieges 1945 schöpfte Wolfskehl die Hoffnung, nach Europa – wenigstens besuchsweise – zurückkehren zu können, aber sie zerbrach an den sich auftürmenden Schwierigkeiten: als z.B. endlich eine befristete Einreisegenehmigung für die Schweiz sich abzeichnete, war eine Schiffspassage nicht rechtzeitig zu erlangen. Ein zweites Ziel war es, die im Exil entstandenen Dichtungen endlich zu veröffentlichen – auch dies ließ sich nur im Ansatz erreichen. Wolfskehl starb am 30. Juni 1948. Auf seiner Grabplatte steht sein Name deutsch und hebräisch, darunter „Exul Poeta“ - 'die drei Zeilen stehen für die drei Grundelemente seines Lebens und Werkes, „jüdisch, römisch, deutsch zugleich“ wie es in einem Gedicht heißt' (464).

Aus dem Jahr 1947 stammt das folgende Gedicht Wolfskehls, „in dem er den Tod als ein Hinübergehen von einer Existenzweise zur anderen begreift“. (454/55)

Wandlung

Das Spiel vorüber, die Reigen verstreut,
Wölkchen um Uferweiden:
Die Dolden im Garten, dein Gestern und Heut,
Du Flattrer, Scheiden heisst Meiden.

Hinaus! Wo die Farbe geistiger flammt
Wie im Halblicht mulmiger Grotte.
Du Flatterer Ich, nun übe dein Amt,
Ob du Falter, ob du Motte.

Bist du Falter, Entfalter aus ewiger Brut,
Dann fliegst du dir selber entgegen,
Bist du Motte, versprühst, auch das ist gut;
Gleich darfst du wieder dich regen.

Nur im maasslosen Nu, wo Zeit verschwelt
Zum Ring, nur im Nu der Schwelle,
Scheint euch Wandlung Rast, euch, beseligt entseelt,
Wie ein Nachten Aufgang der Helle.

„Eine Rückkehr in die deutsche Literatur“ nennt Voit seinen Epilog, dem er die Zeilen voranstellt: „Mein Ruhm endet im Hafen von Auckland / aber er beginnt auch im Hafen von Auckland“. Hier geht es um das Schicksal des Werks und der Briefe Wolfskehls, betreut von Margot Ruben, der Testamentsvollstreckerin. Im „Literaturverzeichnis“ (765-792) finden sich die Ausgaben, gesondert die Erstausgaben, die Editionen, Übertragungen und Nachdichtungen, fremdsprachige Ausgaben und Lebenszeugnise: Briefe und Briefwechsel, Sammelbände und Erinnerungen an den Dichter. Es folgt eine ausführliche Zusammenstellung von Forschungsliteratur. Diese Verzeichnisse und der umfassende Anmerkungsteil erlauben die gründliche Beschäftigung mit Leben und Werk Wolfskehls – dem Verfasser ist dafür ausdrücklich zu danken. Ob er freilich Wolfskehl wirklich der Deutschen Literatur zurückgewinnen kann – diese Frage werden die Leser zu beantworten haben.

Renate Scharffenberg

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