Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 5


 

Albert van der Schoot: Die Geschichte des Goldenen Schnitts, Frommann Holzboog, Stuttgart, Bad Cannstadt 2005; 382 Seiten, ISBN 3772822185; 76 €

Mit diesem Werk hat Albert van der Schoot etwas Besonderes geschaffen. Das intelligente Buch besticht vor allem durch seine klare Gedankenführung und Strukturierung, die den Leser niemals den Überblick verlieren läßt. Zugleich stellt sich jedoch die Frage an welches Publikum sich der Autor richtet:

in erster Linie an einen akademischen, zumindest aber klassisch - intellektuellen Kreis: Van der Schoot setzt Kenntnisse des Englischen, Französischen und Altgriechischen voraus – Zitate in diesen Sprachen durchziehen das Buch – und Platons Timaios oder Symposion sollten genauso bekannt sein, um die zahlreichen Anspielungen genießen zu können. Es wendet sich jedoch nicht speziell an Kunsthistoriker, per se an Überlegungen dieser Art interessiert – für diese spricht es in zu vielen Formeln, bewegt sich auf einem zu hohen Grad der Theoretisierung ohne konkrete Objektdarstellung. Das gleiche betrifft die klassischen Archäologen. Wie aber steht es mit dem ausschließlich philosophisch ausgerichteten Publikum? Hier bleibt die Materie vielfach nur für solche Leser interessant, die einen tieferen Sinn für mathematische Verflechtungen haben, denn es ist beileibe nicht jedermanns Sache Ästhetik in Formeln zu gießen; so auch die Analyse diverser statistischer Erhebungen im Rahmen psychologischer Untersuchungen.

Dabei ist das Buch kein trockenes Dartun systematisch aneinandergereihter Fakten. Im Gegenteil. Van der Schoot verfügt über eine sehr bildliche Sprache, flicht unterhaltsame Beispiele ein, und Humor ist ihm trotz des Themas keinesfalls fremd. In langen Passagen gelingt ihm, wovon seit der Antike viele Philosophen nur träumten: einen hochabstrakten und zugleich menschennahen Diskurs zu führen.

Ausgehend von der Feststellung, daß der goldene Schnitt, eigentlich nichts anderes als ein simples Zahlenverhältnis - das populärste aller Maßverhältnisse - darstellt, durchleuchtet der Autor in sieben Kapiteln Geschichte und Rezeption dieser Proportion von quasi „göttlichem“ Status. Dabei spannt er den Bogen von Antike bis Moderne, berührt die Ebenen der Philosophie, der Mathematik, der Architektur, Biologie und Psychologie, ergänzt durch einen umfangreichen Anhang, der weiterführende Materialien bereithält.

Zügig leitet van der Schoot den Rezipienten zur Erkenntnis, daß der Goldene Schnitt als Begriff zwar jedem bekannt ist, über seine genaue Bedeutung jedoch Unklarheit herrscht. Diese zu entfernen begibt sich der Autor auf den Weg, indem er zuerst über die Zahlenlehre der Pythagoräer referiert, um diese schließlich Platons Auffassungen gegenüber zu stellen, der den „Traum einer rational geordneten Welt“ durch die Einführung irrationaler Zahlen und Verhältnisse ein für allemal beendet. Nikomachos, Euklid, Eudoxos – sie und andere werden in der sich anschließenden Diskussion bemüht, in der Folge auch der Altmeister aller europäischen Wissenschaft, Aristoteles. Doch de facto kennen weder Antike noch Mittelalter oder Renaissance den Begriff des „goldenen Schnittes“, auch wenn ihre geistigen Vertreter unablässig bemüht sind, das Gute und das Schöne, Harmonie und Maß im Einklang miteinander, nämlich als kosmische Ordnung und Göttlichkeit, zu definieren. Der Begriff des goldenen Schnittes ist nämlich eine neuzeitliche Erfindung, zum ersten Mal in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts von Martin Ohm (1792-1872) in einem Lehrbuch der Mathematik verwandt.

Auf dem Weg zu dieser überraschenden Feststellung ist es van der Schoot beinahe wie beiläufig gelungen, dem Leser Einblick in den Neuplatonismus der Renaissance, in Gestalt der Schriften Marsilio Ficinos, vor allem aber des Franziskanermönchs Luca Pacioli (1445-1517), zu geben.

Wenn letzterer zwar nicht den Begriff des Goldenen Schnittes verwendet, so schreibt er doch von der „divina proportione“ in dem gleichnamigen Traktat, das er für „Studierende der Philosophie, Perspektive, Malerei, Skulptur, Architektur, Musik und andere mathematische Fächer“ verfaßt. In der Tat hat Pacioli inspirativ auf Leonardo da Vinci gewirkt, so wie umgekehrt.

Immer wieder kehrt van der Schoot zum Ausgangspunkt seiner Analyse zurück, zu den antiken Philosophen; vor allem den sog. platonischen Körpern gilt sein gesteigertes Interesse, sowie der Elementenlehre. Ihre Darstellung in einer analytisch-klaren, aber dennoch eleganten Sprache versieht van der Schoots Werk mit einer intellektuellen Gewandtheit, die dem Thema vieles von seiner Unzugänglichkeit nimmt und einen Gegenstand der Betrachtung wie selbstverständlich aus dem vorhergehenden erwachsen läßt.

So leiten die Überlegungen zu Johannes Keppler (1571-1630) in der Folge über zum Zusammenspiel zwischen Goldenem Schnitt und Natur, belebter wie unbelebter, und münden u.a. in die Schönheitsbetrachtungen Zeisings (1810-1876) über den menschlichen Körper ein, jenes Philosophen, der in „gänzlich unreflektierte(r) Arglosigkeit“ den Nährboden für die Nürnberger Rassengesetzte vorbereitete, indem er versuchte, die „ubiquas des goldenen Schnitts empirisch nachzuweisen“. So ist vor allem seinen Betrachtungen die „Idealisierung des goldenen Schnittes“ zu verdanken.

Diese Reflexionen über die Abhängigkeiten zwischen Maß und Natur führen schließlich zu jener Frage, die das Postulat der Renaissance – der Künstler unterwerfe sich den „proportionalen Konzepten“ der Natur – bezweifelt und über die Urgründe dieses Konzeptes zu forschen beginnt; eine Frage, die das 19. Jahrhundert stellt, und die mittels der damals entdeckten und entstehenden Psychologie gelöst werden soll. Es ist dies die „Ästhetik von unten“, entwickelt durch Gustav Theodor Fechner (1801 - 1887), eine empirische Psychologie, die bis in die Gegenwart hinein anregend wirkt.

Doch letztendlich muß der Autor bekennen, daß weder der mathematische, noch der religiöse oder biologische Ansatz, der perzeptuelle, informationstheoretische oder kognitive, vollständige Erklärungen, was denn nun der Goldenen Schnitt sei, was seine Wirkung und seine Besonderheit ausmache, liefern können. Was bleibt ist die Feststellung, daß Irrationalität eine göttliche Qualität darstellt, daß nämlich Einheit in Verschiedenheit herrscht.

Dies zu beweisen hat Albert van der Schoot ein bemerkenswertes Buch verfaßt.

Tanja von Werner

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