![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Michael H. Kater: Hitler-Jugend. Primus Verlag, Darmstadt 2005, ISBN 3-89678-252-5, 288 S., 24,90 €
Als nationalsozialistischer Jugendorganisation war es Aufgabe der Hitler-Jugend, Jungen und Mädchen im Deutschen Reich im Sinne der rassistischen Ideologie der NSDAP zu erziehen und in die „Volksgemeinschaft“ zu integrieren. Einen Schwerpunkt bildete dabei die Wehrerziehung. Spätestens ab 1940 war es Hauptaufgabe der HJ, Jugendliche auf den Dienst in der Wehrmacht oder auch der Waffen-SS vorzubereiten. Obwohl die Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Jugendorganisation Pflicht war und es nur ganz wenige schafften, sich dieser Verpflichtung zu entziehen, gelang die Prägung der deutschen Jugend im Sinne der NS-Ideologie doch nur sehr unvollkommen. Ein breites Spektrum an Formen der Verweigerung - selten des aktiven Widerstands - aber auch die rasche Integration der sogenannten Flakhelfer-Generation in die politischen Strukturen der beiden Nachkriegsdeutschlands belegen dies.

Der kanadische Historiker Michael H. Kater gibt einen fundierten Überblick über Geschichte und Strukturen der Hitler-Jugend und macht dabei auch die Gründe für die Ineffektivität der Organisation deutlich. In vier Kapiteln werden der Aufbau der HJ und ihrer Unterorganisation für Mädchen, des „Bundes deutscher Mädel“ (BDM), die verschiedenen Formen der Verweigerung und schließlich die Funktionalisierung der NS-Erziehung im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg dargestellt.
In der Einleitung skizziert Kater kurz die Geschichte der HJ vor 1933. Nachdem – beginnend mit dem „Wandervogel“ – seit 1901 in Deutschland eine Vielzahl von weltanschaulich mehr oder weniger gebundenen Jugendorganisationen entstanden war, hatten diese ihren Zenit – gemessen an ihrem selbst gesetzten Ziel der gesellschaftlichen Erneuerung – Ende der 1920er Jahre schon wieder überschritten. Um 1930 konnte die HJ für sich in Anspruch nehmen, eine der letzten wahrhaft „jungen“ Jugendorganisationen zu sein. Nur das Durchschnittsalter der kommunistischen Jugendgruppierung war niedriger, während die „Bündischen“ und andere Gruppierungen bereits mit einem strukturellen Altersproblem zu kämpfen hatten. Ein niedriges Durchschnittsalter ihrer Mitglieder konnten im Übrigen auch die anderen NS-Organisationen wie die SA, die SS und der nationalsozialistische Studentenbund vorweisen.
Die nationalsozialistische Jugendorganisation entstand durch Initiative des Studenten Kurt Gruber. Im Juli 1926 wurde sie Hitlers SA unterstellt und erhielt die Bezeichnung „Hitler-Jugend“. Von den bündischen Organisationen unterschied sie sich weniger durch ihre ultrarechte und antisemitische Gesinnung, als durch das auf die Person Adolf Hitlers fokussierte Führerprinzip. Der allerdings zeigte anfangs – als es ihm in erster Linie um Wählerstimmen ging – wenig Interesse an der HJ. Mit der Reichstagswahl vom 14. September 1930, bei der die NSDAP zweitstärkste Fraktion im Reichstag wurde, gewann die HJ zunehmend an Attraktivität und erhielt großen Zulauf. Zu dieser Zeit erhielt sie auch ihre Unterorganisationen für Mädchen, den BDM, sowie für unter 14-jährige Jungen („Deutsches Jungvolk“) und Mädchen („Jungmädelbund“). Im Oktober 1931 ernannte Hitler den Leiter des NS-Schülerbundes und des NS-Studentenbundes, Baldur von Schirach, zum Reichsjugendführer der NSDAP und – nach der Machtübernahme – am 17. Juni 1933 zum Jugendführer des Deutschen Reiches. Dieses Amt hatte er bis 1940 inne als er zum Gauleiter von Wien ernannt wurde. Seine Stelle an der Spitze der HJ übernahm der damals 27-jährige Artur Axmann.
Kurz nach der Machtübernahme schnellten die Mitgliedszahlen der HJ nach oben. Waren es um den Zeitpunkt von Hitlers Triumph bereits über 100.000 gewesen, so zu Jahresende 1933 bereits mehr als zwei Millionen. Im Dezember 1936 waren es 5,4 Millionen – nach Angaben von Schirachs 60 Prozent der 10- bis 18-jährigen Deutschen. Dieser Mitgliederzuwachs erklärte sich zum einen aus der Übernahme bereits bestehender, v.a. bündischer, Jugendorganisation und zum anderen aus der ab 1939 geltenden Pflicht zur Mitgliedschaft. Trotz dieser beeindruckenden Bilanz wurde das erklärte Ziel der totalen Erfassung der deutschen Jungend klar verfehlt.
Bei seinen Bestrebungen, die organisierte Jugend in die HJ zu übernehmen, war von Schirach nicht zimperlich. Obwohl sich der Reichsjugendführer 1933 in einer HJ-Zeitschrift gegen gewaltsame Maßnahmen ausgesprochen hatte – nach Kater handelte es sich dabei nur um eine Scheinanordnung – sahen sich die Angehörigen der verbliebenen bürgerlichen Jugendorganisationen häufig tätlichen Angriffen von Hitlerjungen ausgesetzt. In einigen Fällen wurden Anführer anderer Jugendorganisationen von HJ-Angehörigen sogar ermordet.
Nicht alle Jugendgruppen ließen sich gleichermaßen gut für die HJ vereinnahmen. Schwierig wurde es bei solchen Organisationen, bei den ein starker Individualismus vorherrschte, wie etwa bei der „Deutschen Freischar“. Vertreter eines solchen Individualismus waren auch nicht dadurch geschützt, dass sie nominell in die HJ integriert waren. Kater nennt das Beispiel des ehemaligen Plauener Freischar-Leiters Karl Lämmermann, der auch als HJ-Führer nicht aufhörte, seine Gruppe in jenem Geist zu leiten. Er wurde von HJ-Mitgliedern gelyncht. Schwierigkeiten bereitete auch die Vereinnahmung der organisierten katholischen Jugend. Sie geriet noch bis 1939 immer wieder in den Verdacht, sich politisch zu betätigen und sah sich entsprechenden Beschuldigungen ausgesetzt. Anders sah es im Fall der protestantischen Jugendbünde aus. Das protestantische Milieu hatte schon vor 1933 stärker mit den Nationalsozialisten sympathisiert und arrangierte sich schnell mit der NS-Jugendpolitik. Dies gilt nach Kater nicht nur für die „Deutschen Christen“, sondern auch für die „Bekennende Kirche“.
Das Bild, das die Jugendlichen von der HJ hatten, war durchaus ambivalent. Zunächst war die HJ – besonders in ihrer Frühphase – wie alle anderen Jugendorganisationen eine Möglichkeit, der Welt der Eltern zu entkommen. Der Großteil der Jugendorganisationen verhielt sich in der Weimarer Republik ablehnend gegenüber den politischen und ökonomischen Verhältnissen. Sie waren antiparlamentarisch und antimaterialistisch eingestellt. Die Jugendgruppen boten ein Gemeinschaftsgefühl, nach dem sich viele in den unsicheren politischen und sozialen Zeiten sehnten. Einer Jugendorganisation anzugehören, bedeutete nicht nur eine Abnabelung vom Elternhaus, sondern auch einen gewissen Schutz beispielweise vor Arbeitslosigkeit und Armut sowie eine spannende Freizeitgestaltung mit gemeinsamen Fahrten, Wanderungen, Zeltlagern, Lagerfeuerromantik usw. Dass die Zugehörigkeit zur HJ auch mit dem Tragen von Uniformen, einem quasi-militärischen Drill (bis hin zu Schikanen und sadistischen Quälereien) und einer geduldeten Aggressivität nach Außen verbunden war, wurde von vielen nicht nur in Kauf genommen, sondern trug für sie durchaus zur Attraktivität der HJ bei.
Zu den mehrheitlich als negativ empfundenen Seiten der HJ gehörten sicher die ideologischen Schulungsabende. Die Beeinflussung der Jugend im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung gelang v.a. seit Beginn des Krieges kaum mehr. Dazu trug auch bei, dass nun der paramilitärische Charakter des HJ-Lebens überdeutlich wurde. Stumpfsinnige und nervtötende Übungen traten an die Stelle der Lagerfeuer- und Fahrtenromantik. Und diese Routine setzen sich beim Eintritt in den Reichsarbeitsdienst (RAD) und die Wehrmacht fort.
Die ideologische Beeinflussung der jugendlichen im Sinne des Nationalsozialismus wurde mit Beginn des Zweiten Weltkriegs immer schwieriger. So waren es vorwiegend die älteren HJ-Mitglieder, die sich von ihren Führern fanatisieren und brutalisieren ließen. Die jüngeren, für die das sogenannte Dritte Reich in erster Linie Krieg, den Dienst als Flakhelfer oder in Luftschutzbunkern bedeutete, waren für ein NS-typisches Verhalten weniger anfällig. Sofern sie noch für den Kriegsdienst an der Front herangezogen wurden, kehrten sie nach Kriegsende desillusioniert in ein zerstörtes Deutschland zurück. Wie Kater feststellt, taten sie dies größtenteils allerdings ohne jedes persönliche Schuldeingeständnis. Stattdessen sahen sie sich häufig selbst in einer Opferrolle, als Enttäuschte, Verführte und um ihre Jugend Betrogene. Die „Re-education“ im Sinne von Toleranz und Demokratie, die Briten und Amerikaner in ihren jeweiligen Besatzungszonen betrieben, war aufgrund der fehlenden Bereitschaft, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen ein schwieriges Geschäft. Es zeigte sich, dass nicht unbeträchtliche Teile der jüngeren Deutschen weiterhin rassistisch dachten – wenn sie auch die Methoden der Nationalsozialisten, für deren Umsetzung sie ja auch selbst einen hohen Preis gezahlt hatten, ablehnen mochten. Diese Haltung zeigte sich beispielsweise im Umgang mit Kriegsgefangenen, Juden, die auf Seiten der Alliierten tätig waren, oder schwarzen Soldaten. Aus zeitgenössischen Berichten geht hervor, dass nazistisches oder – wie man in jenen Kreisen gerne präzisierte: „nationalistisches“ – Gedankengut vor allem an den Universitäten gepflegt wurde.
Bis 1950 war diese unruhige Jugend nach dem Urteil Katers jedoch zur Ruhe gekommen. Die relevante Generation der damals 16- bis 34-jährigen hatte sich an die deutsche Nachkriegsgesellschaft angepasst. Dies war in der sowjetischen Besatzungszone eher noch früher gelungen, wo man eine eigene staatliche Jugendorganisation – die FDJ – aufgebaut hatte.
Auch wenn man es bei der Hitler-Jugend mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, die vielfach gar nicht unmittelbar in die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Vernichtungskrieg verstrickt waren, hält Kater es für erforderlich, die Frage nach der moralischen Verantwortung der HJ-Mitglieder nachdrücklich zu stellen, denn:
„[I]n einer martialischen Gesellschaft, in der die gesamte Jugendkultur durch die Vermittlung von intolerantem und unterdrückerischem Verhalten gegenüber Schwachen und durch Hass auf die Angehörigen anderer ‚Rassen’ systematisch vergiftet wurde, dürfte es kaum ein HJ-Mitglied gegeben haben, das keinen Machtvorstellungen anhing; schließlich brauchte es nur den in der Hierarchie über ihm stehenden Personen nachzueifern. So funktionierte die Befehlskette in militärischer, geistiger und moralischer Hinsicht. Dadurch gab es 1934 viele elfjährige Pimpfe, die aufgrund ihrer einjährigen Erfahrungen bei der Hitler-Jugend nun ihrerseits die zehnjährigen Neuankömmlinge zu demütigen vermochten, und im Frühjahr 1945 stellten an der Front Hunderte von Flakhelferinnen und –helfern sicher, dass keine Gefangenen gemacht wurden. 1943 existierten Zehntausende von Waffen-SS-Soldaten, die allgemeine Menschenrechte verletzten; als Jugendliche waren sie in der HJ rassistisch indoktriniert worden, und diese Grundsätze ließen sie nun schuldig werden. Außerdem amtierten viele kaum 30-jährige Richter, die die HJ durchlaufen und bald darauf ein Juraexamen abgelegt hatten; sie benutzten die pervertierten Rechtsgrundsätze eines verbrecherischen Regimes als Maßstab, z.B. wenn sie jugendliche Dissidenten zu Einzelhaft verurteilten – und wurden dadurch selbst zu Verbrechern. 1945 herrschte die Nazi-Ideologie bei den überlebenden Jugendlichen oft noch so stark vor, dass sie in ihrem rassistischen Überlegenheitsgefühl als Deutsche unerschütterlich waren.“ (225)
Letztlich aber wurden aus der Mehrheit der ehemaligen Hitler-Jungen und –Mädel Mitglieder einer funktionierenden demokratischen (im Westen) bzw. sozialistischen (im Osten) Gesellschaft, die sich fast mühelos in die nun existierenden ideologischen Blöcke eingliederten. Welche Mechanismen dafür verantwortlich waren, wäre Gegenstand einer eigenen Untersuchung.
Rainer Friedrich