Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

Neil LaBute: Fettes Schwein
Deutsch von Frank Heibert

Deutschsprachige Erstaufführung:
2. Oktober 2005 am schauspielhannover  

 

Helen             Sabine Orléans
Tom                Oliver Masucci
Carter             Wolfgang Michalek
Jeannie          Mavie Hörbiger

Regie              Christina Paulhofer
Bühne             Alex Harb
Kostüme        Charlotte Willi
Dramaturgie  Beate Heine

 

Der amerikanische Dramatiker Neil LaBute (geboren 1961 in Detroit) gehört mit seinen Theaterstücken Bash, Das Maß der Dinge und Tag der Gnade zu den erfolgreichen und vielgespielten ausländischen Autoren auf deutschen Bühnen. Sein jüngstes Stück, die tragikomische Liebesgeschichte Fettes Schwein, wurde 2004 am MCC Theater in New York uraufgeführt.

In Das Maß der Dinge aus dem Jahr 2000 setzt sich LaBute in komisch-satirischer Weise mit verlogenen Kunstidealen und dem Schönheitswahn vieler Menschen und der falschen und der richtigen Liebe auseinander. Eine Kunststudentin verändert nach und nach das Äußere ihres Freundes, seine Kleidung und sein Auftreten, und erst am Ende stellt sich heraus, dass sie nichts als ein Experiment durchgeführt hat: Sie will die schäbige Wirklichkeit, wie sie meint, ihrem Schönheitsideal anpassen und benutzt dafür als Demonstrationsobjekt ihren Freund, ohne dass der etwas von den Manipulationen ahnt. Als die Wahrheit enthüllt wird, bleibt ein in seinen Gefühlen betrogener junger Mann zurück.

Sabine Orléans, Oliver Masucci
(alle Fotos der Aufführung von Arno Declair)

In dem Stück, das jetzt in Hannover seine deutsche Erstaufführung erlebte, spielen erneut das Aussehen und die äußere Erscheinung eines Menschen eine entscheidende Rolle. Es ist ebenfalls ein Spiel zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Ernsthaftigkeit und lautstarker Oberflächlichkeit, zwischen richtiger und falscher Liebe.

Das Stück beginnt in einem bistroähnlichen Restaurant mit einem Wortgeplänkel zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau:

… ganz schön riesig.
Wie bitte?
Entschuldigung, ich hab nur gerade laut gedacht. Riesengroß hier. Das meinte ich.
Ah. Verstehe.
Massenhaft Platz für Leute.
… Ich dachte, Sie meinen mich.
Wie bitte?
Als Sie das sagten, „Ganz schön riesig“, ich dachte, das sagen Sie zu mir. Über mich.
Oh nein, um Gottes Willen! Niemals … Im Ernst?
Ganz kurz
Nein, das wäre … na ja. Unhöflich.
Sie würden sich wundern. Man kriegt allerhand zu hören.
Das heißt … Die Leute sagen … was? Mitten ins Gesicht?
Sicher. Ständig.
Worüber?
… meine Haarfarbe. Was dachten Sie?

Es gehört zu LaButes Stärken als Theaterautor, aus Geplauder und, wie es zunächst scheint, belanglosen Unterhaltungsfloskeln eine dramaturgisch spannungsreiche, bis in Einzelheiten hinein durchgeplante Handlung zu entwickeln. Und so ist auch dieser Eingangsmonolog der Beginn einer Liebesgeschichte, die einige Zeit so aussieht, als könne sie gegen alle Vermutungen und Widrigkeiten gut ausgehen und die dann am Ende doch scheitert, weil der, auf den es ankommt, im entscheidenden Moment davor zurückschreckt, den eigenen Wünschen anstatt den Erwartungen der anderen zu folgen.

Sabine Orléans, Oliver Masucci

Die da miteinander reden sind Tom und Helen, und von Beginn an zeigt sich, wie selbstbewusst, aber auch sensibel und verletzbar Helen auftritt. Sie bezieht Toms flapsige Bemerkung „ganz schön riesig“ sofort auf sich, drängt aber Tom, indem sie offen und ohne Scheu mit seinen Anspielungen umgeht, in die Defensive, so dass er Ausflüchte und Ausreden sucht. Am Ende des Gesprächs entlarvt Helen Toms Höflichkeitsfloskeln vollends dadurch, dass sie ihrer Begegnung mit dem Hinweis auf die Haarfarbe eine komische Wendung gibt.

Helen bleibt während des ganzen Stückes eine Frau, die trotz ihrer „Dickheit“ zu sich selbst steht, an keiner Stelle den Eindruck vermittelt, als schäme sie sich ihres Aussehens, aber auch nicht ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe verbirgt. – Tom dagegen ist ein gut aussehender Mann vom Typ Jungmanager mit Manieren, wie der erste Auftritt zeigt; eine Freundin zu finden, scheint für ihn kein Problem zu sein.

Oliver Masucci, Mavie Hörbiger, Sabine Orléans, Wolfgang Michalek

Tom – das ist der Punkt, aus dem sich die dramatische Handlung entwickelt – verliebt sich in der ersten Szene in Helen, die so gar nicht zu ihm zu passen scheint. Er sieht in ihr eine geistreiche, humorvolle Frau, mit der er über Dinge reden und scherzen kann wie mit niemandem bisher. Helen geht zunächst zögerlich auf Tom ein, ergreift aber dann, als sie davon überzeugt ist, dass er sie wiedersehen will, die Initiative und steckt ihm beim Abschied eine Serviette zu, auf die sie ihre Telefonnummer schreibt: „Wenn Sie sich damit den Mund abwischen, werden Sie sich an mich erinnern.“

Tom trifft sich in der Folgezeit mehrmals mit Helen in Restaurants. Sie kommen sich näher. Es kommt zu einer Liebesszene in Helens Schlafzimmer. Helen versichert Tom, dass sie ihm absolut vertraue, und bittet ihn: „Wenn ich Dir jemals peinlich bin, musst du es mir sagen.“

Toms Liebe zu Helen hat eine private Seite, wird aber auch – hier scheint LaButes Stück amerikanischen Vorstellungen besonders verpflichtet zu sein – zu einer nahezu öffentlichen Angelegenheit an seiner Arbeitsstelle im Büro. Sein Freund Carter und seine Möchtegern-Freundin Jeannie mischen sich sofort in Toms Beziehung zu Helen ein, verspotten und verlachen Tom, als sie entdecken, dass seine Freundin ein „fettes Schwein“, wie Carter sie nennt, ist, verbreiten ein Foto von ihr gegen Toms Willen auf den Computern der Firma, machen Tom zum Gespött der Arbeitskollegen, vergleichen Dicksein mit körperlichen oder psychischen Behinderungen und stellen Dicke in eine Ecke mit ethnischen Minderheiten und anderen Gruppen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt und verachtet werden.

Sabine Orléans, Oliver Masucci

Tom wehrt sich gegen die Kritik. Aber mit Fortgang des Dramas mehren sich die Anzeichen dafür, dass er nicht das charakterliche Format hat, Helen seinen Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen gegenüber zu verteidigen, sich dagegen zu wehren, dass sie ausgelacht und ihr ein Schönheitsideal übergestülpt wird, das ihr Wesen und ihre Persönlichkeit verzerrt.

Es kommt zu der Szene, auf die das Drama vom ersten Satz an zuläuft. Und es spricht für LaButes dramaturgisches Fingerspitzengefühl, dass er aus dem entscheidenden Auftritt keine aufgebauschte Show-down-Szene macht. Tom und Helen nehmen an einem Betriebsausflug am Strand teil, sitzen aber in gehöriger Entfernung von den anderen. Als Helen Tom bittet, sie seinen Kollegen vorzustellen und gleichzeitig eine gemeinsame Urlaubsreise vorschlägt, muss Tom mit der Wahrheit herausrücken. Er räumt Helen gegenüber ein, dass er sich mit seiner Liebe zu ihr wohl nur etwas vorgemacht habe, dass er zu schwach sei, vor den anderen zu ihr zu stehen, und dass er deshalb ihre Beziehung beenden wolle. Zurückbleibt eine enttäuschte, vereinsamte junge Frau.

LaBute stellt in seinem Stück junge Menschen als Schwächlinge dar, die eigentlich nur gelernt haben, sich nach den Erwartungen der anderen zu richten, ihre Lebens- und Glücksvorstellungen von den allgemein akzeptierten Vorstellungen in ihrer Umgebung leiten zu lassen, ihre Individualität den Klischees zu opfern, die ihnen von der Allgemeinheit aufgezwungen werden, die nicht einstehen und kämpfen für etwas, das bei anderen aneckt und von ihnen verspottet wird, die nicht unterscheiden wollen und können zwischen Scheinwerten und Werten, mit denen sie sich wirklich identifizieren können. – Das gilt sogar – in abgeschwächter Form – auch für Helen. Denn als sie erkennt, dass Tom sich von ihr abwendet, verspricht sie ihm, sich in einer Klinik operativ „abspecken“ zu lassen. Auch sie ist letztlich nicht ohne weiteres bereit, sich für Tom in Abmagerungskuren abzumühen, sondern bleibt passiv und möchte lieber, dass andere ihrem Glück nachhelfen. Fettes Schwein ist auch eine Auseinandersetzung mit der Scheinheiligkeit einer Jugend-Gesellschaft, die die Doppelbödigkeit ihrer moralischen Werte und die Klischeehaftigkeit ihrer Gefühle gar nicht mehr sieht und nicht wahrhaben will, dass wir uns, wie es im Stück einmal heißt, oft nur einen Schritt weit weg vom Abgrund bewegen, vor dem wir uns fürchten sollten.

Sabine Orléans, Oliver Masucci sitzen im "M"

Christina Paulhofer (geb. 1969) inszeniert seit vielen Jahren an den großen Bühnen in Deutschland. Für das Stück Fettes Schwein am schauspielhannover hat sie mit Alex Harb eine mit roten Sitz- und Tischelementen ausgestattete Bühne entworfen, an deren Rückwand, fast wie eine Drohung, ein großes M-Symbol der McDonalds-Fastfood Kette, verfremdet schwarz, nicht wie sonst gelb ausgeleuchtet, prangt. Die aufdringlich rote Farbe passt zu dem aggressiven Ton in den Büroszenen und gibt den Liebesszenen zwischen Tom und Helen von Anfang an etwas Verlogenes und Falsches. Besonders in der Schlussszene, in der Tom und Helen das riesige M von der Wand holen, sich zwischen dem Buchstaben auf den Boden setzen und sich von ihm einrahmen lassen, so als könnten sie sich von der Bedeutung des „Fast-Food-M´s“ für ihr Leben niemals frei machen, ist die rote Bühnenumgebung das, was sie unterschwellig schon immer war: Zeichen eines Abschieds, einer Trennung, eines falschen Traums.

Dass die Inszenierung beim Publikum mit großem Beifall aufgenommen wurde, ist auch den guten Schauspielerinnen und Schauspielern geschuldet. Mavie Hörbiger in der Rolle als Jeannie verkörpert im Stück eine junge Büroangestellte, die mit ihrem Aussehen und mit ihrem Auftreten dem Stereotyp der schlanken, modisch gekleideten jungen Frau voll entspricht. Sie möchte selbst die Freundin Toms sein und wird schnell zu seiner „Feindin“, als sie erkennt, dass er in eine andere verliebt ist. – Wolfgang Michalek spielt Toms Freund und Bürokollegen. Er belächelt und verhöhnt Tom wegen seiner dicken Freundin und scheint, wenn man seinen Worten über Dicke und Behinderte folgt, von rassistischen und menschenverachtenden Prinzipien, ohne dass diese ihm auch nur in Ansätzen bewusst wären, nicht weit entfernt zu sein. – Als Helens Freund wehrt sich Oliver Masucci lange Zeit gegen die Vorurteile seiner Umgebung, halbherzig zwar, aber doch so, dass er den Schmähreden seiner Freunde über Helen – zunächst jedenfalls – widerspricht. Am Ende allerdings kapituliert er kläglich. Masucci führt diesen schmalen Pfad zwischen Ja und Nein zu Helen und zu seiner Umgebung glaubwürdig vor. Er ist hin- und hergerissen und flüchtet sich in der Schlussszene förmlich in seine Feigheit, da sie ihm ein Schlupfloch bietet, durch das er so leicht aus einer nicht ganz einfachen Beziehung in sein altes bequemes Leben zurückflüchten kann. – Großen Anteil an dem Bühnenerfolg des LaBute-Stücks in Hannover hat schließlich Sabine Orléans in der Rolle der Helen. Sie spielt die selbstbewusste Haltung der Figur souverän und zeigt am Ende eine Frau, die verletzt und allein übrig bleibt, herausfällt aus dem Netz des schönen Scheins und der verführerischen Ideale, nach denen LaButes Menschen so ausschließlich und schrecklich einfallslos funktionieren.

Im Marburger Forum kann ein Text zum dramatischem Werk von Neil LaBute mit dem Titel „Der ´ground zero´ in uns“ abgerufen werden.

Herbert Fuchs

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