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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Mireille Gansel gewidmet[1]
Und wie es das Verlangen der Finsternis ist, im Licht
aufzugehen,
so ist es das Verlangen der Nacht, im Tag aufzugehen.
Sohar
In seiner Auswahl der Gedichte der Nelly Sachs schreibt Hans Magnus Enzensberger, sie sei „die letzte Dichterin des Judentums in deutscher Sprache“ und ihr Werk sei „ohne diese königliche Herkunft nirgends zu begreifen“[2]. Das gilt insbesondere für die szenische Dichtung, Beryll sieht in der Nacht oder Das verlorene und gerettete Alphabet (1961)[3], die an den Sohar-Zyklus (an die in den fünfziger Jahren verfassten fünf Gedichte über das von Scholem übersetzte Schöpfungskapitel[4] ) anknüpft und ihn abschließt und vollendet. Ohne den Umweg über die jüdische Mystik und den Sohar bleibt der Text unzugänglich und unverständlich. In ihrer Anmerkung weist die Dichterin selbst auf ihre Quellen hin, auf das Böhmewort – „Nichts ist die Sucht nach Etwas“ –, dessen volle Bedeutung ihr vielleicht erst durch die Entdeckung des Sohar-Buches enthüllt wurde, und auf das Buch des Strahlens selbst: „Dies ist im Buch des Glanzes – dem Buch Sohar, dem Buch jüdischer Mystik, darin sich die Mystik der ganzen Welt trifft“. Der Stil selbst ist nur mit demjenigen des Sohar vergleichbar. Hier begegnet man auch „einer auf die Spitze getriebenen Assoziationssucht, die bis zur Gedankenflucht auszuarten scheint“, und einer ebenfalls „auf die Spitze getriebenen Wörtlichkeit“, die die Worte dem sachlichen und nüchternen Sinnzusammenhang entrückt, indem sie zu Symbolen für eine geheime Wirklichkeit, denen „das Schwebende und Vieldeutige der Vorstellung“ anhaftet, werden [Geheimnisse, 11, 18, 32]. Angesichts dieser Polysemie und auf Grund der Tradition der jüdischen Exegese soll hier kein Anspruch auf Endgültigkeit oder auf eine erschöpfende Analyse erhoben werden. Unsere Absicht beschränkt sich darauf, dem Leser Zugang zu dieser rätselhaften Dichtung zu verschaffen. Dann steht jeder und jedem frei, Nelly Sachs über den Horizont der unmittelbaren Wirklichkeit hinaus, in geheimnisvolle Sphären zu folgen.
Fast zwanzig Jahre nach der Verfassung von Eli, dem „Mysterienspiel vom Leiden Israels“, entstanden in einer nach dem Schema und dem Geist der jüdischen Prophetie erweiterten Perspektive „einige Szenen aus der Leidensgeschichte der Erde“ mit dem Titel Beryll oder Das verlorene und wieder gerettete Alphabet. Diese Dichtung von fast unübertrefflicher Schönheit kann als ein Kapitel des neuen Pentateuchs, an deren Verfassung Nelly Sachs seit dem Exil nach Schweden arbeitete[5], betrachtet werden, als eine ‚Verdichtung’, eine poetische und mystische Umdeutung vom achten Kapitel der Genesis. Nach dem Prolog von der Nacht, von der „Stimme der Nacht“, die vom Geheimnis der Schöpfung und von unsichtbaren Zeugungen erzählt, taucht die Arche „mit den Überlebenden nach der letzten Sintflut“ aus dem Nebel in der zögernden Dämmerung auf. Von vornherein muss betont werden, dass sich diese von den Menschen, vom schrecklichen Marionettenspieler und dessen Schergen herbeigeführte Sintflut durch das Adjektiv ‚letzt-' in eine Weltgeschichte einordnet, in der Katastrophen (Massenmorde) wiederholt auftreten, bzw. immer wieder auftreten können. Gott kann nicht wie in der Bibel dafür bürgen, es werde in der Zukunft keine Sintflut mehr geben [Genesis 8, 21-22]. Sobald das Böse sich in Gestalt eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen selbständig macht, kann Unerhörtes passieren.[6] Das Bühnenbild wird immer deutlicher, stellt eine Landschaft dar, die eine alle szenischen Dichtungen kennzeichnende „Kombination aus Abstraktion und Traumsubstanz“ ist.[7] Auf dem Sand gestrandet „[atmet] die Arche wie eine schwarze Lunge aus Nacht geschnitten“ im Rhythmus der Meereswellen. Der Zuschauer sieht zunächst diese Bewegung, dieses Ein- und Ausatmen der Arche und des umgebenden, nun besänftigten Elementes, das auf den möglichen Anbruch des Morgens hoffen lässt. Wir stehen in einem Augenblick des Zögerns und der Ungewissheit: „Morgen zieht herauf, / aber auch Nacht noch“ [Jeschajahu 21, 12]. „Der zur Bühne gewendete Teil öffnet und schließt seine Wand wie Augenlider“ und das ganze Gerüst ist von besonderer Elastizität: Die Arche ahmt die Bewegungen der Menschen und Tiere, die im inneren Raum sind, nach, sie „zieht sich zusammen, streckt sich aus“, ein Mutterschoß, der alles im Keim, im schlummernden Zustand enthält, und selbst von der allumfassenden Matrix, vom Meer, umgeben ist. Die eigentliche ‚Handlung’, die in der Rettung des Alphabets durch die vereinten Bemühungen von Beryll und Netzach besteht, spielt sich außerhalb der Arche ab, aber der Ausgang des ganzen Schöpfungsprozesses hängt von Willen und Fähigkeit der Archebewohner ab, die Sehnsucht, die Beryll innewohnt, auszuhalten und selbst von Berylls Inbrunst durchdrungen zu werden, vom Willen und Fähigkeit der Arche selbst, sich zu öffnen (es besteht die Alternative, die Wand zur Bühne zu öffnen oder zu schließen) und sich als Gebärmutter von Berylls Glut befruchten zu lassen. Diese Aufnahmebereitschaft ist die Voraussetzung für die Vereinigung der oberen und der unteren Welt, des Weiblichen und des Männlichen.
Auffallend ist beim ganzen schöpferischen Prozess, den wir genau untersuchen werden, die Abwesenheit vom biblischen Gott der Offenbarung, dessen Wort die Menschen herausholt und die Propheten überwältigt, vom allmächtigen Gott, der über das Schicksal der Menschen und seines Volkes entscheidet. Die einzige Stimme, die von himmlischen Sphären kommt, von einem „Eiland im Äther“, ist die Stimme des Fernsehkommentators. Man darf sich von diesem Kommentator ohne Gesicht, von dem man sich keine bestimmte Vorstellung machen kann, nicht irreführen lassen. Wie alle ‚Requisiten’, die in den szenischen Dichtungen auf die Wirklichkeit der modernen Konsumgesellschaft hindeuten – eine Wirklichkeit, die immer berücksichtigt wird, aber überwunden oder transzendiert werden muss –, ist er eher negativ zu bewerten. Als neues Idol, das den leerstehenden Thron Gottes für sich beansprucht, bezeichnet er sich selbst und seine Mitarbeiter (seine himmlischen Scharen) als die neuen Schöpfer, „die Ausgräber die tief die Lüfte durchfahren – / heben die Schätze des Atems – also / ist Sonne wieder / also ist Mond“, als „die Besieger aller alten Mythen“, und er will die Lösung des Rätsels, die Wahrheit besitzen. Als Ersatz von Gott und Usurpator tritt er auch als falscher Prophet auf, der über das Desaster berichtet:
Ihr habt euer Alphabet erschlagen –
Eure Buchstaben vergessen –
Sintflutertrunken ist euer Wort.
und nun für sich die Allmacht beansprucht: „Also gehört eure Welt uns“. Nachdem die Henker die Sprache entartet und durch die Vernichtung des jüdischen Volkes, des Trägers des göttlichen Wortes, Gott selbst zum Schweigen gebracht haben, will der Fernsehkommentator der einzige Besitzer des Wortes sein [„Die Worte gehören uns allein“] und er wundert und ärgert sich, wenn er Stimmen in der Arche vernimmt, obwohl er selbst die Archebewohner aus ihrem Schlaf gerissen hat. Beim Anbruch einer neuen Zeit und Welt besteht also schon die Gefahr, bzw. die Versuchung der Abgötterei.
Obwohl der Fernsehkommentator verkündet, dass die Gebärerin Nacht ihm gehöre, muss doch festgestellt werden, dass seine Meldungen im Gegensatz zum Kommentar der Nacht oberflächlich bleiben. Ohne gründliche Analyse berichtet er nur über Sensationelles: über die Rettung eines Schneemanns oder die Entdeckung einer Nova. Trotz seiner erhobenen Stellung, die ihm erlaubt, das ganze Universum mit dem Blick zu umfassen, ist er nicht im Stande, die geheimnisvollen Geschehnisse auszudeuten: merkwürdigerweise erwähnt er Beryll nie. In dieser Hinsicht ist er mit dem Unwissenden aus dem Sohar vergleichbar, der hinter das Geheimnis der Tora nicht kommt und Worte erfindet, dessen Sinn er nicht begreift, so dass sein verdrehtes Wort eher Hader stiftet[8]. Deshalb sollen sich die Archebewohner, genauso wie die Zuschauer, davor hüten, der Faszinationskraft des scheinbar Allwissenden und der Fernsehbilder, die sich auf der Tiefenwand der Arche abzeichnen, zu erliegen. Paradoxerweise ist die Nacht viel hellsichtiger als der Kommentator: Sie weiß vom Geheimnis und berichtet über den ganzen sich ablaufenden Schöpfungsprozess. Als Ort der Erinnerung ist sie zugleich zukunftsträchtig, hat gespürt, wie das „schlafende Wort“ sich in ihrem Schoss, in ihrer „Mitternacht“ gerührt hat. Mittnachts stand David auf, Gott zu loben und Ihm zu danken [Preisungen 119, 62]. Zu dieser gesegneten Stunde, lehrt der Sohar, begibt sich der Heilige, gelobt sei Er, zu den Gerechten im Garten Eden, um sich mit ihnen zu erheitern und an der Tora zu erfreuen[9]. Gleichfalls mitten in der Nacht, erzählt Rabbi Na’hman aus Pressburg, der Meister des Chassidismus, mit dessen Lehre Nelly Sachs vertraut war, erhebt sich das Gebet zur Wiederherstellung der Welt (Tikkun) und der Einheit, die in Gottes Namen eingeschlossen ist[10]. Und aus der tiefen, undurchdringlichen Nacht entstand das Werk der Nelly Sachs vor dem schwarzen Abgrund Auschwitz, erhob sich zunächst der Kaddisch für die ermordeten Schwestern und Brüder und dann gerade dieses Gebet zur Restitution der hienieden freilich immer wieder gefährdeten Harmonie und zur Erlösung der Seelen der Verstorbenen, zum Einswerden mit ihnen in der Auferstehung.
Kommen wir nach diesem notwendigen Exkurs auf die scheinbare Abwesenheit Gottes zurück. In einem Gespräch mit Jorge Semprun stellt Elie Wiesel, der Überlebende und unmittelbare Zeuge des Mordes am jüdischen Volk, die schmerzliche Frage nach Gottes Passivität und Entfernung: Wo war denn Gott, was machte Er? Wiesel spricht von einem mit dem Tod nicht gleichzusetzenden zeitweiligen Verschwinden Gottes. Er rebellierte eine Zeitlang gegen Gott, indem er nach dem Krieg zur Waffe der Philosophie griff, musste aber feststellen, dass „Gott immer da war“[11]. Bei Nelly Sachs ist keine Spur von einer Rebellion, nie spricht sie gegen diesen Gott, der sie von Celan trennt[12]. Sie lässt das Tor offen – den Gedankenstrich in der Schwebe, am Ende vieler Verse – für den Empfang des zurückkehrenden Gottes und für eine mögliche Erlösung. Die Tatsache aber, dass in Beryll und im ganzen Werk überhaupt das Wort Gottes ‚am Anfang’ nicht mehr ertönt, weist auf eine Vorstellung von Gott hin, die sich nicht mehr unmittelbar auf den biblischen Text gründet. Bei der „Sternverdunkelung“ ist Gott verschwunden und paradoxerweise zeugt diese Abwesenheit Gottes von seiner Existenz. Denn was für ein Gott hätte so etwas wie Auschwitz oder Hiroshima erlauben, bzw. anordnen können?
O Messer aus Abendrot, in die Kehlen geworfen,
wo die Schlafbäume blutleckend aus der Erde fahren,
wo die Zeit wegfällt
an den Gerippen in Maidanek und
Hiroshima.[13]
Was für ein Gott könnte unbekümmert sein Wort in jener „Landschaft aus Schreien“ wie am ersten Schöpfungstag erschallen lassen? Vor Entsetzen und Leiden erstarrt und stumm geworden, ohnmächtig gegenüber dem rasenden Zerstörungswillen des Menschen, hat sich der biblische Gott zurückgezogen. Er selbst ist ins Exil gegangen, hat Zuflucht im Schweigen gesucht. So lautet es in Beryll:
Der heilige Name sprang aus der Zeit
mit allen Buchstaben verschwand er
aus dem Atem
verschwand im Gesicht der Fische
In seinem Versuch, einen „Gottesbegriff nach Auschwitz“ zu definieren, kommt Hans Jonas gleichfalls zum Schluss, der zugleich ein moralischer Imperativ ist, es sei unmöglich, auf die früheren Prädikate Gottes – abgesehen von seiner Barmherzigkeit und Einheit, die zu ihrer Rettung den Verzicht auf die Allmacht verlangen – und auf die alte Kategorie der Theodizee zurückzugreifen. Demnach entwickelt er den Mythos eines demütigen, leidenden, werdenden Gottes, der im Akt der Schöpfung sich zurückgezogen habe, damit die Freiheit der Menschen im freigelassenen Raum gedeihen könne, und seitdem dem Schauspiel der Welt und der Geschichte als ohnmächtiger und schweigender Zeuge gegenüberstehe und daran selbst mit den Opfern leide und auf seine Erlösung durch die Menschen warte. Jonas gesteht zu, er habe aus der Quelle der jüdischen Mystik geschöpft, und der Mythos sei im Grunde nichts anderes als die Radikalisierung des Zimzum, des kosmogonischen Kerngedankens der Kabbala[14]. Für Nelly Sachs, die als Jüdin auf Gott nicht verzichten will, bzw. kann, ist der Umweg über die jüdische Mystik der einzige noch gangbare Weg, um dem Abgrund Auschwitz zu begegnen, und auch die Voraussetzung für ein Gedicht – für die Schöpfung – nach der Shoa. In der Mystik sucht Nelly Sachs nach einer Antwort auf die Frage nach Gottes Abwesenheit während und nach der letzten Sintflut und findet zugleich das Geheimnis für die Rettung der (deutschen) Sprache.
Der Gott des neuen Pentateuchs ist der verborgene Gott der Mystik und der lurianischen Kabbala. Das „Zurückgehen Gottes auf sein eigenes Sein“ und die Freilassung eines Urraums sei nach der Lehre Isaak Lurias (1534-1572) die Voraussetzung für die Schöpfung gewesen. Nach dieser „Selbstverschränkung Gottes“, diesem „Schritt nach innen“, Zimzum genannt, den Scholem auch als „Exil“ Gottes oder „Verbannung seiner selbst aus seiner Allmacht“ bezeichnet, tritt Gott in der Schöpfung und Offenbarung durch Emanationen aus sich selbst in den freigelassenen Raum hinein[15]. Von diesem „Exil“ ist ausdrücklich die Rede im Brief der Nelly Sachs an Celan vom 3. Dezember 1959, in dem sie „den ersten Schöpfungsakt“ erwähnt, „damals, als Gott ins Exil ging (Zimzum), um aus seinem Inneren Welt zu schaffen“[16]. Diese doppelte Bewegung ist bei Scholem und bei der Dichterin mit Ebbe und Flut, mit Ein- und Ausatmen (mit dem Atem des Meeres um die Arche herum) vergleichbar:
Dabei findet […] eine ständige Wechselwirkung statt zwischen Ebbe und Flut, zwischen dem sich ausbreitenden und dem sich zurückziehenden Prinzip – die Kabbalisten nennen es Hithpaschtuth, das (zentrifugale) Hervortreten, und Histalkuth, den (zentripetalen) Akt des Zürucktretens, der Regression –, die fortwährend aufeinander reagieren. So wie also der menschliche Organismus durch den doppelten Prozess von Ein- und Ausatmen besteht und beide nicht ohne einander gedacht werden können, so konstituiert sich die gesamte Schöpfung in solchem Ein- und Ausatmen des göttlichen Lebens.[17]
Gottes Rückzug zu einem unbekannten, unerreichbaren und undurchdringlichen Punkt wird im Unteren vom Exil der Schechina, des Weiblichen in Gott, der zehnten und letzten Sefira, die die göttliche Herrschaft in der Welt, seine Gegenwart und Immanenz in aller Schöpfung darstellt und nicht selten mit Israel identifiziert wird, begleitet. Scholem bemerkt, sie sei „das zweite He im Gottesnamen JHWH, der also die gesamte Welt der Gottheit symbolisch umfaßt“ [Geheimnisse, 45]. Daraus ergibt sich, das Ende der (neuen) Schöpfung sei erst mit der Rückkehr der Schechina aus dem Exil erreicht, oder was gleichbedeutend ist: mit der Restitution des heiligen Namens in seiner Einheit und Vollständigkeit. Der Sohar lehrt uns, die Schechina habe sich, vom Bösen vertrieben, aus der Welt zurückgezogen, als die Menschen der Korruption und dem Laster[18] verfielen. Seitdem sei sie „die Staubgekrönte, / die durch Israel Schluchzende“ [FS, 194].
Der Weg, der zum verborgenen Gott der Mystik (zum En Sof) hinführt, ist dem biblischen Weg zu Gott entgegengesetzt:
Die Kabbalisten stimmen darin überein, den mystischen Weg zu Gott für eine Umkehrung jenes Weges zu halten, auf dem wir aus Gott hergekommen sind. Wer die Etappen des Weges kennt, auf dem Schöpfung zustande gekommen ist, kennt damit auch die Etappen seiner Rückkehr zu den Wurzeln allen Seins.[19]
So findet man in Beryll keine Erwähnung von Gott, der „alles Lebendigen“ [Genesis 8,1], aller Überlebenden, gedenkt und das Wasser weichen lässt, und dann zu den Menschen (durch Noahs Vermittlung) redet, und sie herausholt (wir verweisen hier auf jene ursprüngliche menschliche Erfahrung, die Buber als das „Herausgeholtwerden“ des Menschen durch Gott, durch das Wort Gottes bezeichnet): „Gott redete zu Noach, sprechend: / Zieh aus dem Kasten, du, und dein Weib, deine Söhne und die Weiber deiner Söhne mit Dir“ [Genesis 8, 15-16]. Auf diese erste Bewegung von Gott zu den Menschen folgt dann im biblischen Text eine zweite, vom Menschen zu Gott: „Noach baute IHM eine Schlachtstatt“ und „höhte Darhöhungen auf der Schlachtstatt“ [Genesis 8, 20]. In der szenischen Dichtung ist die doppelte, sich wiederholende Bewegung, die dem Akt der eigentlichen neuen Schöpfung vorangeht, umgekehrt: Auf Berylls Ertrinken „bis in der Sprache der Fische“, im Schweigen, wo Gott seine Zuflucht gefunden hat, folgt sein Auftauchen aus dem Meer, indem er den Stein, der „den heiligen Namen umschließt“, emporhebt. Gott wird von Beryll aus dem Nichts, aus dem Exil und der Verborgenheit herausgeholt. Dieses Nichts ist keine Negation oder Verneinung, keine Leere, sondern ist nach dem Böhmewort „Sucht nach Etwas“ – eine Sucht, die an vielen Soharstellen „Urwille“ genannt wird[20]. Das Nichts ist „die Gottheit selbst in ihrem verborgensten Aspekt“[21], die von Beryll hereingeholt dann durch Emanationen (die Sefirot der Kabbala) „in die Linie wächst“. So kann Beryll behaupten, nachdem er durch seine Hingabe und Selbstaufopferung, die auf keinen Fall als Verzweiflungsakt oder als Ausdruck eines nihilistischen Zerstörungswillens ausgedeutet werden soll, in das Urgeheimnis eingedrungen ist: „Meine Adern leer – Raum für die Wohnstatt des Namens / Ausfährt die Lebenslinie meiner Hand“. Die Gottheit erreicht man nur durch die von Beryll gemachte mystische Erfahrung, die Scholem mit Verweis auf den Sohar und den darin enthaltenen Kommentar von Psalm 130, 1 meisterhaft zusammengefasst hat:
„Aus der Tiefe rufe ich dich“ […] bedeutet nicht: „Aus der Tiefe [in der ich bin] rufe ich zu dir“, sondern: „Aus der Tiefe [in der du bist] rufe ich dich heraus“.[22]
Der ganze Prozess besteht in einem Hervortreten Gottes – oder, was dasselbe ist, des Namens Gottes – aus der Verschlossenheit seines Selbst durch Ausstrahlungen:
Das Geheimnis der Schöpfung im inneren Verstand ist nun nichts anderes als das Heraustreten des En Sof aus seiner Verborgenheit, womit er nicht mehr als En Sof, sondern als der lebendige Gott erscheint, dessen geheimes Leben sich unter einer Reihe von Aspekten darstellt […]. Diese Aspekte werden als eine Reihe von zusammenhängenden Bereichen und Potenzen der göttlichen Kraft dargestellt und heißen bei den Kabbalisten Sefirot […]. [Geheimnisse, 31]
Die Sefirot, heißt es weiter, sind nicht nur „die ‚Stufen’ aus denen das Licht der Gottheit strahlt […], sie sind auch zugleich die ‚Namen’, unter denen sich Gott offenbart“, so dass der Name Gottes sich in ihrem Zusammenwirken entfaltet und der Prozess, in dem die Welt sich bildet, das „sich immer restlosere Auswirken des Namens ist“ [S. 35-36].
Verfolgen wir nun den ganzen Schöpfungsprozess in der szenischen Dichtung, indem berücksichtigt werden soll, dass jede Handlung sich mehrmals wiederholt, so dass von einem nur chronologischen Geschehen nicht die Rede sein kann, und indem wir von der Hauptregel ausgehen müssen, dass erst die Paarung und Verbindung der Sefirot der Schöpfung einen Antrieb gibt. Es wird sich dabei herausstellen, dass Motive und Handlung alles andere denn zufällig sind, und dass wir es hier mit einer dichterischen Umsetzung, bzw. ‚Übersetzung’, von dem Kapitel über die Geheimnisse der Schöpfung, das Nelly Sachs durch Scholem bekannt wurde, zu tun haben. Alles verläuft nach dem Schema des Tikkun, der in der lurianischen Kabbala die letzte Etappe darstellt und zunächst verlangt, dass man die zerstreuten göttlichen Funken (in unserem Text die verlorenen Buchstaben), die in der Schale der Dinge eingeschlossen sind, einsammelt[23]. In der Einleitung zum Sohar[24] wird erzählt, die Buchstaben seien vor der Schöpfung schon da gewesen. Der Heilige, gelobt sei Er, betrachtete sie und spielte mit ihnen. Als Er beschloss, die Welt zu schaffen, stellten sich alle spontan zur Verfügung, vom letzten bis zum ersten. Nach der Shoa ist diese Bereitschaft vom gemarterten Alphabet, von „den herausgefolterten Buchstaben“[25] nicht zu erwarten. Beryll muss sie heraus- und hereinholen. Der Restitutionsprozess, dem der zeitliche Prozess der Weltgeschichte entspricht, ist dem Menschen überantwortet. Die Erlösung Gottes oder, was gleichbedeutend ist, die Einigung des heiligen Namens durch die Rettung der Buchstaben und die Zusammensetzung des Alphabets, und der Wiederaufbau der Welt liegen in den Händen des Menschen. Dieses Prinzip der menschlichen Verantwortung – vom Judaismus untrennbar – hängt in der jüdischen Mystik mit der Vorstellung eines ohnmächtigen Gottes zusammen und stellt den Menschen – hier vorzüglich dem Dichter – hohe Ansprüche, ohne die die Gefahr einer ewigen Wiederkehr des Gleichen und Bösen weiterbesteht.
Zunächst muss das Lauschen wieder erlernt werden und im Echo an das Gebet Schma Jisrael erinnert Nelly Sachs daran: „Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen / Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer“ [FS, 18]. Deshalb hat Beryll, auf der Suche nach den Spuren Gottes, nach dem versunkenen Alphabet, „die Muschel der Tiefe belauscht“.
Wie Michael in Eli ist er „einer der sechsunddreißig geheimen Gottesknechte, die in jeder Zeit leben und auf denen das Gewicht des Universums ruht“ (Nelly Sachs’ Anmerkung), einer der sechsunddreißig Gerechten (Lamed-Vav Tsaddikim), die im Talmud erwähnt werden (Sanhedrin 97 a-b, Soukka 45 b) und die Pfeiler sind, die die Welt stützen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, sorgen sie wegen ihrer Gerechtigkeit und ihrer oft unbekannten, bzw. verkannten Heiligkeit für das Weiterbestehen der Welt und die Restitution des Namens Gottes. Sie bleiben unerkannt, „im Köcher versteckt“, sagt Nelly Sachs in einer Anspielung auf Jesaja, erscheinen plötzlich in Zeiten der äußersten Not zur Rettung der gefährdeten Menschheit und verschwinden wieder. Als „Urbild des Trägers der weltumfassenden und zeugenden Kraft hier unten“ ist der Gerechte im Sohar mit dem „phallische(n) Urgrund, auf dem Alles ruht“, mit der 9. Sefira, identifiziert [Geheimnisse, 43], er weist aber auch gemeinsame Züge auf mit der 6. Sefira, der mittleren Säule, auch Stamm des Weltenbaums genannt [Geheimnisse, 40 und 71] – was die frühere Vermutung, Beryll sei eine Figur oder ein Symbol des Männlichen bestätigt. Obwohl er blind ist, ist er der einzige Seher, der einzige, dem es gegeben ist, in der Nacht hellsichtig zu bleiben: „Offen der Deckel der Finsternis / für den Blinden“. Er gehört zu den wenigen, „die zur Einsicht kommen“ und „strahlen [werden] wie das Strahlen des Himmelsgewölbes“, auf die am Anfang des Sohar [Geheimnisse, 55] in Verweis auf Daniel 12,3 angespielt wird. In ihn, den Einsichtigen, den mit seinem „Leib aus Stern“ Strahlenden, „zieht das Urgeheimnis ein, das geborgen ist in der Kapsel des Urpunktes“ (Nelly Sachs’ Anmerkung). Zum „Ungrund“, zum Nichts des En Sof, kann kein Geschöpf eindringen. Erreichbar ist nur der Urpunkt (2. Sefira), der aufleuchtet, da wo die Quelle mit einer aus ihr entsprungenen Flamme den sie umgebenden Äther durchbricht. „Über diesen Punkt hinaus ist nichts erkennbar, und darum heißt er Reschit, Anfang, das erste Schöpfungswort“ [Geheimnisse, 55]. Durch sein Ertrinken gerät also Beryll wieder an den ‚Anfang’. Durch seine Selbstaufopferung, sein Hindurchsterben, gelingt es ihm, dem „geopferte(n) Meridian“ (Anspielung an Celan und Nelly Sachs selbst), das verlorene Alphabet zu retten und die Einigung des Namens Gottes vorzubereiten:
STIMME DER NACHT
[…]
Einer ertrank bis in die Sprache der Fische –
Einer hat seine Adern geöffnet
Blut füllt die Glorienkette des Alphabetes –
[…]
NACHT
[…]
Die Flammenwurzeln des verborgenen Namens
siedeln in Berylls Blutbahn
Der geopferte Meridian
eilt über die Wellen
die Zeit wieder mit Heimweh zu binden
dem Flügel des Staubes –
Berylls Versinken und Auftauchen (man denkt dabei an das Tauchbad, dem in Bubers Erzählungen der Chassidim eine so wichtige Funktion zukommt), das den Prozess der Schöpfung und des Tikkun in Gang setzt, ist „echte religiöse Tat“, wie sie in der lurianischen Kabbala definiert wird: „Der Tikkun stellt die Einheit des Namens Gottes, die von dem Urmakel aller Dinge bedroht ist, wieder her – Luria spricht von den Buchstaben JH, die von den Buchstaben WH im Namen weggerissen wurden. Das bedeutet konkret, dass jede einzelne echte religiöse Tat auf dieses Ziel gerichtet ist“[26].
Diese religiöse Geste erinnert an die Entstehung des Sohar im ersten Gedicht des Zyklus über das Schöpfungskapitel, den Nelly Sachs am Ende der fünfziger Jahre verfasste:
Da schrieb der Schreiber des Sohar
und öffnete der Worte Adernetz
und führte Blut von den Gestirnen ein,
die kreisten unsichtbar, und nur
von Sehnsucht angezündet.
Des Alphabetes Leiche hob sich aus dem Grab […] [FS, 209]
Dem Schreiber, eine der zahlreichen Erscheinungen, die den Dichter verkörpern, wohnt dieselbe Sehnsucht wie Beryll inne. Gedicht und Welt entstehen an dieser doppelten und ständigen Bewegung von unten nach oben und von oben nach unten, an diesem Begehren und Hingerissensein, diesem „inneren Kreislauf“, der immer weitergeht [„Briefe aus der Nacht“, 8], der die Faszinationskraft des Sohar ausmacht. Der Dichter sehnt sich nach Gott, der sich wiederum nach dem Dichter sehnt, so dass das Gedicht zum Ort einer Epiphanie wird: „Dichtung – soweit diese wahr ist –“, schreibt Ruth Dinesen in ihrer Biographie, sei eine „Erscheinungsform des verborgenen Göttlichen“[27]. Die schöpferische dichterische Tätigkeit ist ein Leidenswerk und verlangt vom Schreibenden Opferbereitschaft: „Nur das Opfer reicht ins Geheimnis / wer tief ertrinkt / bindet Flügel an die Meere“, verkündet die Nacht in Beryll. Der Verfasser des Sohar öffnet „der Worte Adernetz“, während Beryll seine Adern öffnet. Die Verschiebung zeugt vom Status des Dichters nach Auschwitz: Aus dem Opfer ist eine Selbstaufopferung geworden, und aus der Sehnsucht die schmerzlichere, intensivere Inbrunst, die Nelly Sachs in Bezug auf Beryll erwähnt. Das Leidenswerk ist nun ein Durchschmerzen, ein Hindurchsterben, das man auch als Ausbruch, Außer-sich-Geraten bezeichnen kann[28]: „Nacht – mein Auge brennt –“, klagt Beryll, dem „ein Salzkorn übrig von der Sinflut“ in die Träne gekommen ist, und die Nacht berichtet: „Einer ist außer sich geraten“, „Beryll ist durch den Tod gegangen –“. Was auch immer geschehen mag, der letzte Gesang, sagt Beryll, sei „Wehegesang des Blutes“.
Während Beryll immer wieder im Meer versinkt „[bereitet] die Luft ihre Königszeichen“ für den Empfang der geretteten Buchstaben, für den Empfang des Göttlichen und den Anfang der Zeugungen, von denen die Nacht und die in der Arche Schlummernden eine Vorahnung hatten:
denn die Zeugungen sind schon
den Müttern anvertraut
die wissen mit dem Blut
den Stern an die Träume zu ketten –
und die Beryll nun mit der Zeit verbinden muss, damit die Schechina, die Gegenwart Gottes in der Immanenz aus dem Exil zurückkehre.
Der ‚Anfang’ genannte Urpunkt (2. Sefira) dehnt sich als Strahlen aus und baut ein ‚Haus’, in das er den heiligen Weltensamen ausstreut. So beginnt die Entfaltung aus dem Geheimnis des ‚Anfangs’. Was aber ist jener heilige Same, der das Haus, das mit der 3. Sefira identifiziert wird, schwängert? „Das sind die geistigen Formen der Konsonanten, die den geheimen Bau der Tora bilden und aus jenem Urpunkt entsprungen sind. Jener Urpunkt säte in dem ‚Palast’ die Saat der drei Vokalpunkte […] aus [die über die Konsonanten gesetzt werden]. Und Vokale und Konsonanten durchdringen einander und werden zu einem Geheimnis: zur Stimme, die in dieser Verbindung entsteht“ [Geheimnisse, 55-58]. Aus den Verschlingungen der singenden Konsonanten und Vokale, aus ihrer Vermählung entsteht nämlich die Stimme, von Nelly Sachs poetisch und in Anlehnung an das Wort Lebensbaum „Zungenbaum“ genannt. Diese Stimme berichtet selbst über ihre Wiedergeburt, indem sie dem Leser und Zuschauer anvertraut, Beryll habe durch seine Selbstaufopferung „den Zungenbaum zum Blühen gebracht“. Stimme und ausgesprochenes (prophetisches) Wort sind das Ergebnis eines langen Prozesses, der mitten in der Nacht angefangen hat, als das Wort als Embryo noch im Schoss der Nacht schlief. Dann begann sich das Wort zu regen und darauf folgten verschiedene Etappen, die gleichfalls den verschiedenen Momenten vom Entstehen des Gedichts entsprechen:
STIMME DER NACHT
Das schlafende Wort
hat sich in meiner Mitternacht gerührt
Wasser die Zeit umarmt
Schon werden die Wohnungen des Sandes ausgemessen –
Die Läuterung des Goldes beginnt –
Ein brennender Walfisch taucht auf –
Wasser und Zeit einigen sich: das noch in den Urgewässern Schlummernde, das Ungeborene drängt nach Geburt. Das versunkene Alphabet, dessen Elemente zerstreut sind, sehnt sich nach dem Namen und nach der durch die Einigung des heiligen Namens wiederhergestellten Verbindung zwischen Immanenz und Transzendenz. Durch ihre Rettung werden dann die Buchstaben in die Zeit hereingeholt und die Zeit selbst hat Anteil an der Ewigkeit, die ihnen anhaftet. Beryll tritt hier als Vermittler zwischen der oberen und der unteren Welt auf, als 6. Sefira (Tiferet, ‚Pracht’, genannt, woran seine strahlende Gestalt, sein „Leib aus Stern“, erinnert). Als Einsichtiger misst er die Wohnungen des Sandes, die die verborgenen und zu erlösenden Spuren Gottes enthalten, aus. Dann beginnt der notwendige Läuterungsprozess, die Entfernung der Schlacken, d. h. des Bösen und Unreinen, damit das von Beryll gerettete Alphabet in seiner Glorie erscheint und der Name Gottes am Ende in seinem Glanz erscheint:
Tohu-Bohu
Immer das Reine aus Unreinem
Die Steine versenkt im Abgrund
bluten im Geheimnis –
Vom Tohu, dem formlosen und unbestimmten „Ort des Unreinen und Dunklen“, der „Stätte des Unsauberen“ und dem „Nest des Minderwertigen“, muss das Bohu, der edlere Teil, der Form und Gestalt hat, ausgeschieden werden. Der Verfasser des Sohar erinnert daran, Bohu seien nach dem Talmud (Chagiga 12 b) „die ‚in den Abgrund versenkten Steine’ [, die in die Urmaterie versenkten Formen]“, die nachher als „formende Kräfte“ nach außen hervortreten [Geheimnisse, 62-63].
Die erste Form, die herausgeholt wird, ist die Urform, nämlich der Buchstabe A (es bleibe dahingestellt, ob der brennende Walfisch eine Anspielung darauf ist). Über das Aleph erfahren wir, es sei die Urform, da im hebräischen Buchstaben (im schrägen Strich mit einem Häckchen nach oben und einem nach unten) die oberen und die unteren Formen angedeutet seien. Seiner Form nach weist das Aleph auf Anfang und Ende, auf die ursprüngliche, dann verlorene und wiederherzustellende Einheit und Harmonie beider Welten und auf die Einheit Gottes, dessen Licht nach dem Bruch der Gefäße (Amn. 23) zerstreut wurde: „kein anderer Name kommt [dieser Urform] zu als ‚Eins’, um anzuzeigen, dass sie [wie die Gottheit], obwohl sie viele Formen in sich selbst fasst dennoch nur eine ist“ [Geheimnisse, 105-106]. Über die Rettung des Alpha wird mehrmals im Text berichtet: "Alpha in der blutenden Sonne singt / Es reden die Fische" (Hinweis darauf, dass das Aleph ein stummer Buchstabe ist), lallen die Archebewohner im Schlaf; „Eine Nova entdeckt / der Buchstabe A in die hunderttausendste / Lichtkraft greaten“, meldet der Fernsehkommentator, während die tiefsinnige Nacht hinter das Geheimnis des Aleph kommt: „A – der Atemriese – / hat hinter dem Tod wieder Leben angefangen“, und nun „rauscht das Alpha mit der Sternenschleppe“ in der Krone des Zungenbaums und man spürt die Gegenwart Gottes, ein Rauschen, „eine Stimme verschwebenden Schweigens“ [Könige I 19, 22], eine „leise, zarte Stimme“ [Geheimnisse, 63].
Netzach setzt die fliegenden Buchstaben in der Luft zusammen und sie leuchten, zeugen durch diesen Glanz von ihrer göttlichen Herkunft. Mit der Wiederherstellung des Alphabets beauftragt, arbeitet er an der Restauration der Welt, deren Voraussetzung die Einigung des heiligen Namens ist: Im Buch des Glanzes, im zweiten Kapitel über die Genesis (von Scholem freilich nicht übersetzt) steht nämlich geschrieben, die Erde habe im Zustand des Tohu-Bohu keine Festigkeit, erst wenn die Welt sich mit 42 Buchstaben abzeichnet, erhält sie Standhaftigkeit [Béréchit II, 172].
Der Name Netzach bedeutet ‚Sieg’ und bezeichnet die 7. Sefira, die mit der linken Hüfte Jakobs identisch ist und zusammen mit der nächsten Sefira, Hod (‚Majestät’ oder ‚Glanz’) die Quelle der prophetischen Vision ist. Die 7. Sefira sei vom Kampf Jakobs mit dem Engel gelähmt worden, und erst durch die Verbindung mit Hod könne das ausgesprochene Wort entstehen (so etwa wie der stotternde Mosche den Beistand von seinem Bruder Ahron brauchte) [Geheimnisse, 42-43, 109ff.]. Was Netzach in der szenischen Dichtung anbetrifft, ist er stumm. Eine mögliche Ausdeutung wäre also, dass die Vision – das stumme Ballett von Beryll und Netzach und von den Buchstaben in der Luft – noch der Stimme des Dichters bedarf, um schöpferisch zu wirken und zukunftsträchtig, prophetisch, zu sein. So lautet es im Sohar: „Nezach ‚Sieg’ war die linke Hüfte Jaakows, und darum kam David und schloss sie in die rechte Seite ein“ [Geheimnisse, 111].
Als gefallene Engelin stellt Azraela den Vernichtungswillen (Nelly Sachs’ Anmerkung) dar und ist auch ein notwendiges Ferment der Schöpfung, wie in den „Briefen aus der Nacht“ geschrieben steht: „Gut-Böse, die ausgestrahlten Kräfte, die das Universum immer neu schaffen“ (S. 12). Diese Emanationen entsprechen der 4. Sefira, Cheßed (‚Liebe’ oder ‚Gnade’) oder Gedulla (‚Größe’) genannt, und der 5., Din (‚Gericht’) oder Gewura (‚Stärke’) genannt. Motor der Geschichte ist gerade dieser Widerspruch, der in Beryll zum Leitmotiv wird: „Alle Zeit ist Sieger-und-Besiegten-Zeit –“. Im Kampf beider Kräfte bleibt unentschieden, welche den Sieg davonträgt, so dass jede Schöpfung mit Vernichtung bedroht wird, insbesondere wenn die böse, richtende Kraft sich verselbständigt und vom Göttlichen losmacht. Im letzteren Fall ist die 6. Sefira nicht mehr in der Lage, ihre verbindende Funktion auszuüben (was Berylls Schwächung bedeuten würde). Damit GEDULLA, jene messianische Hoffnung, die die Nacht in sich trägt [„Schon kommt der Abend mit Tod gezogen – / und ich trage wieder / GEDULLA / zum Morgen –“], sich erfüllt und dem scheinbar ewigen Kreislauf der Geschichte ein Ende setzt, oder mindestens am Horizont des Möglichen bleibt, braucht sie die Inbrunst und die vereinten Anstrengungen von Beryll, und Netzach und vom Dichter, die wiederum von jener Kraft der Liebe und der Gnade beseelt sein müssen.
– eine Möglichkeit, worauf Nelly Sachs nicht verzichten will, obwohl die Chancen für seine Verwirklichung insbesondere in den szenischen Dichtungen sehr gering sind. Man höre die Stimme der Nacht in Beryll:
Und die Erde baut leise
auf den Traumwegen der Worte
die Zeichen eingerätselt
in der Locke der Propheten
GEDULLA
Man hat es noch mit einem Traum zu tun, und es stellt sich die Frage: „Sind Träume Anfang der Prophetie“ [„Briefe aus der Nacht“, 10], genügen sie, um das messianische Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit zu verkünden, kann man auf Traumvisionen bauen?
Diesen Traum will Azraela, „die andere Seite“, die Vertreterin „de(s) dämonische(n) Bereich(s), der eine vollständige Gegenwelt zerstörender Kräfte, zu der des Guten parallel, entfaltet“, und der aus dem Übermaß der richtenden Gewalt entsteht [Geheimnisse, 40-41 und 95], austilgen. Netzach, den sie als „Kehrichtfeger“ betrachtet, wirft sie die „verworfenen Bausteine“, die Buchstaben zu, die in ihren Augen nichts anderes sind als Unrat, „ertrunkenes Nichts aus Nichts“, und sie fordert den Stummen heraus, etwas daraus zu machen. Als Jägerin (eine höchst negative Figur bei Nelly Sachs) sucht sie den Atemriesen, das Alpha, mit dem Lasso einzufangen und zu erwürgen. Mit der Ermordung des schweigenden Aleph wäre die Quelle selbst versiegt. Als richtende Gewalt ist sie von vier Cherubim umgeben, aus denen sie ihre Spitzel und Gehilfen gemacht hat:
Angeflügelte mit vier Augengesichtern
nach jeder Windrichtung eines drehend
an der Rückwand sitzt das Auge: Nachtspion
Die Stirn sieht schrecklich in die Sünde
und die Seitenblicke
lesen den geheimsten Wunsch –
Entzifferer der Sternenkarte Mensch
Gehilfen die mich lesen lehrten –
Die Cherubim sind aber nicht nur Menschenkenner, die mit Verweis auf Jecheskels Vision auf das Menschengesicht schauen [Geheimnisse, 88ff.], sondern auch und vorzüglich „die mit Kindergesichtern ausgestatteten Opfer der Sünden der Väter“ (Nelly Sachs’ Anmerkung), die, wie die Stimme der Nacht berichtet, die Luft „durchschmerzen“, „bis die Farbe Unschuld erreicht ist / und brennen in der Sünde wieder“ – auch ein Symbol vom ewigen Kreislauf und eine Anspielung auf die sich in der Geschichte wiederholenden Leiden der Kinder Israels. In unserem Zusammenhang ist die Tatsache wichtig, dass die Cherubim, die unschuldigen Kinder, plötzlich zu Opfern Azraelas werden: „Scheiterhaufen brennen gut mit Flügeln geheizt“, droht sie mit Schadenfreude, und dann fordert sie die Cherubim heraus: „Verbrennt und erhebt euch wieder –“. In dieser Aufopferung der Unschuld entlarvt sich Azraela als Hypertrophie der richtenden Gewalt, die vom „heiligen Verband losgerissen“ [Geheimnisse, 40] nun als radikales Böse auftritt. Fest entschlossen, den Embryo, die noch schlummernde Welt im Keim zu ersticken, verfolgt sie zuletzt mit dem mörderischen Eifer der Henkerinnen im Lager die Ungeborenen: „Erdteile – die Beuteltiere / werden entdeckt mit dem Lasso“. Und dann bläst sie „Gewittermusik“ noch vor Anbruch des Tages, während das Meer „sich schon mit Jenseitsarmeen [erhebt]“.
Azraelas Ahnentafel lässt sich anhand des Sohar ziemlich leicht aufstellen. Sie stammt in gerader Linie von Lilit, dem weiblichen Gegenstück des Satan ab. Nach Kains Geburt gelang es endlich Lilit, der Nebenbuhlerin der Chawa, sich Adam zu nähern, und sie gebar von ihm Geister und Dämonen. Aus Adams weiterem Umgang mit jenen weiblichen Dämonen kam Na’ama, die Dämonenfürstin, die die ‚Söhne der Elohim’, die Engel Asa und Asael, verlockte und von ihnen böse Geister und Dämonen, die nachts verführerisch herumschweifen, gebar, zu denen Azraela (der weibliche Name weist auf eine Filiation mit Asael hin) gehört. Wesen und Benehmen der gefallenen Engelin zeugen von dieser Herkunft. Genauso wie Lilit, ihre berühmte Ahne, verfolgt sie die Cherubim zugleich mit schmeichelnden und drohenden Worten. Ihr ganzes Tun und Treiben wird der Beschreibung von Lilit im Sohar entlehnt. Von dieser wird in Anlehnung an den Talmud (Ta’anit 27 b) erzählt, sie sei eine „kindermordende Dämonin“, die ‚Bräune’ genannt, gewesen und wollte nicht ruhen und rasten, bis sie sich an die von ihr begehrten Cherubim geheftet habe. Gewalt habe sie über die unschuldigen Geschöpfe seit der Sünde der Eltern, nämlich seitdem Adam und sein Weib sündigten: „[Sie] findet Kinder, die Strafe zu leiden bestimmt sind, liebkost sie und tötet sie“ [Geheimnisse, 93ff.].
Mit Azraelas Auftritt wird die Schöpfung mit der höchsten Gefahr konfrontiert. Beryll, der schon sah, wie die Hände des Embryos „an der Finsternis bauten“, wird plötzlich von Zweifeln befallen, weiß nicht mehr, ob der von ihm emporgehobene Stein, „der den heiligen Namen umschließt“, die Erde sei, oder „ein Totenschädel“ (er scheint sich für letzteres zu entscheiden), ob er schlafe oder wache, ob er im freilich noch „traumhaften Raum des Wortes“ oder „im Nichts“ lebe, was bedeuten würde, alles müsste wieder von vorne anfangen. Auf die Nacht, die Beryll aufrütteln und ihn wieder zur Selbstaufopferung bewegen möchte [„Lausche und hör meinen dunklen Gesang!“], antwortet Azraela: „Die spitzen Degen des Lichtes durchbohren deinen Gesang –“. Was für ein Licht aber, was für ein Tag verkündet sich hier mit dem Glanz der Waffen und durchbohrt die geschwängerte Nacht? Wird der Gerechte, wird der Dichter, bzw. die Dichterin, noch genügende Kraft sammeln können, um aufs Neue durch ihr Leiden die Materie durch die Enthüllung und Entfaltung des heiligen Namens „durchsichtig zu machen“ (Nelly Sachs’ Anmerkung)? Von Schmerzen bedrückt, scheint Beryll aufgeben zu wollen und den Archebewohnern die Zukunft zu überlassen:
BERYLL
Leiden hat starke Arme
Hier eine Hand voll Sand
und hier eine Hand voll Meer
und Sieger- und Besiegten-Zeit
schütte ich in die Arche des Schlafes
vielleicht machen sie Morgen daraus
und das Heimweh im Salz.
Wie steht es nun mit dem Willen der Überlebenden zum Neubeginn, mit ihrer Sehnsucht nach Gott? Die Vorahnungen, die sie im Traum haben, die spektakulären Ereignisse, die sie am Fernsehen verfolgen (so z.B. die Rettung eines Schneemanns, eine Anspielung vielleicht einerseits auf die unbekümmerte Zeit der Kindheit und an das Märchenhafte, und andererseits auf eine Überwindung des Tohu, als Schnee und Wasser vermengt waren und daraus Unsauberes entstand [Geheimnisse, 62], aus diesem Formlosen tritt nun in Gestalt des Schneemann Form hervor), die Zeichen einer Wiederbelebung der Welt (die Stieglitzin, die ihr Nest bauen will, parallel zu Genesis 8, 11) genügen nicht, um die Archebewohner endgültig aus ihrem Schlaf zu reißen. Die Versuchung ist groß, in einem betäubenden Schlaf zu versinken: „Nacht decke mich mit deinem Bettzipfel zu – / Schlafmittel – riegle die Sehnsucht ab –“, lallt eine Archestimme. Woraus könnte man die Kraft zum neuen Leben schöpfen, wenn die Erinnerung an die ausweglose Vergangenheit einen plagt: „Bumbs – bumbs – das war meine Stirn, gegen die Wand der Nacht gerannt –“? Oder wenn man von der Vergeblichkeit aller Bemühungen und von der Nutzlosigkeit jeder Schöpfung oder Zeugung überzeugt ist und weiß, dass der Gejagte und Verfolgte, der ewig Wandernde, keine Zuflucht findet:
ALTE
STIMME in der Arche
Ich hatte einmal eine Stadt geboren
eine fliehende Stadt Haiderabad –
aber als die Hebamme kam, waren die Wölfe schon da
Zu spät zum Fliehen
kein Baum hochzuklettern –
Lohnt es sich überhaupt, dass die Arche sich auf eine neue Welt, die der alten, der „Sieger- und Besiegten-Zeit“ so ähnlich aussehen wird, öffnet? Wozu die Zeugungen? Und wie könnte man der Macht des Bösen entkommen, sich von ihm losmachen: „Stehe mit meinen Wurzeln fest verankert / nur die Schlange als Gürtel“, klagt eine andere Stimme. Alle schwanken zwischen Schlaf und Erwachen, Leben und Tod: „Rechts oder links – zwei Dämmerungstüren / gleich weit zum Leben wie zum Tod –“, und keiner wird die Arche verlassen. Die Entscheidung fällt schwer zu einer Zeit und in einer Welt, wo die helle, klare Stimme des biblischen Gottes nicht länger gebietet: „das Leben und den Tod habe ich vor dich hin gegeben, / die Segnung und die Verwünschung, / wähle das Leben, / damit du lebst, du und dein Same“ [Deut. 30, 19]. Als alle wieder im Schlaf versinken, antwortet doch eine Stimme auf Beryll, bevor dieser in der „Leere“ (mit dem Nichts nicht zu verwechseln) verschwindet: „Vielleicht machen wir Morgen daraus“.
In diesem „vielleicht“ steckt Ungewissheit, aber auch Hoffnung, und drückt sich Nelly Sachs’ Ablehnung vom Endgültigen aus: „Hier ist kein ‚Fertigwerden’. Die Steine der Unruhe pflastern den unendlichen Weg“ („Briefe aus der Nacht“, 11). Auf diesem Weg wandern der Jude und der Dichter, jene ‚Ruhestörer’, die die Menschen vor ihre Verantwortung stellen und daran erinnern, dass Welt und Gott ihrer bedarf. Man höre die Lehre von Rabbi Buman in den Erzählungen der Chassidim von Buber:
[…] auch jetzt noch ist die Welt in dem Stande der Schöpfung […] Tag um Tag, Nu um Nu bedarf sie der Erneuerung der Urwort-Kräfte, durch die sie erschaffen wurde, und würde die Kraft dieser Kräfte für einen Angenblick von ihr scheiden, sie verfiele wieder zu Irrsal und Wirrsal. [S. 758]
Die Urwort-Kräfte zu erneuern, oder mit Nelly Sachs zu sprechen „die Schätze des Atems“ zu heben, ist Auftrag des Dichters. Allein kann er aber nicht einen Morgen und einen Abend machen.
Der Gesang des Zungenbaums, womit die szenische Dichtung endet, bleibt noch zu enträtseln:
DER
ZUNGENBAUM singt:
Wir sind Alpha mit der Sternenschleppe
Der Atem ist Wiege und Sterbebett
Wegweiser sind wir in die Gegenden
wo Leib grenzt an seinen Besieger
[…]
Die Adern der Welt legen wir
In die Musik der Meridiane
Verlässt Nelly Sachs hier nicht die zeitliche und weltliche Szene, und flüchtet sie nicht wie immer in den szenischen Dichtungen und so oft in den Gedichten in jene Gegenden, wo kein Leib mehr ist und die Seelen ihrer geliebten Verstorbenen verweilen? War Berylls Vision von einer Spieltischplatte, deren Jahresringe ausgefahren waren, so dass die Karten in der Luft spielten, nicht schon ein Bild von den erlösten Seelen, nach denen er sich genauso wie die Dichterin sehnte? „Aus dem Fenster der Einsamkeit / sieht jedes Buchstabengesicht hinaus“: Soll das heißen, der Schöpfungsprozess sei gescheitert und Gott weiter zum stummen Exil verurteilt? Letzten Endes bleibt das Testament vom (jüdischen) Dichter nach Auschwitz:
Aus Nichts sind wir die Sucht nach Etwas gewesen
Im dunklen Stoff der Nacht.
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Gewöhnliche Bezeichnungen |
Andere Bezeichnungen und Korrespondenzen |
Mögliche Assoziationen mit dem Text |
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1.: Keter eljon ‘höchste Krone’ |
Name: Ehje, „Ich werde sein“ Bereich des Geheimnisses, unerreichbar: das Nichts oder das Nichts des Urwillens |
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2.: Chochma ‘Weisheit’ Aufleuchten der göttlichen Schöpfungsidee |
Bereich des Geheimnisses, den Einsichtigen erreichbar: der Urpunkt |
„In Beryll zieht das Urgeheimnis ein, das
geborgen ist in der Kapsel des
Urpunktes“ |
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3.: Bina ‘Vernunft’ |
Name: Das erste He im Gottesnamen, das erste Elohim der Tora Bereich: Die Weltenmutter, der Palast oder das ‘Haus’, aus dem Urgedanken gebaut Hier beginnt der Bereich der Erfragbarkeit |
Die Luft, in die Beryll die Buchstaben ausstreut |
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4.: Cheßed oder Gedulla ‘Liebe’ oder ‘Gnade’, ‘Größe’ Die liebende Gewalt |
Name: El, El Gadol (großer Gott) Die Rechte, die rechte Seite |
GEDULLA |
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5.: Din oder Gewura ‘Gericht’ oder ‘Stärke’ Die richtende Gewalt |
Name: Elohim Die Linke, die linke Seite, der dämonische Bereich |
Azraela |
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6.: Tiferet ‘Pracht’ Die verbindende Gewalt, das Männliche und Spendende |
Name: das Waw Bereich: der Himmel, der Stamm des Weltenbaums, die mittlere Säule |
Beryll |
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7.: Nezach ‘Sieg’
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Repräsentant: Mosche Die linke Hüfte Jakobs Bereich der Schwäche |
Netzach
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8.: Hod ‘Majestät’, ‘Glanz’ |
Repräsentant: Ahron Mögliche Assoziation mit David (vorzüglich als Dichter) |
Der Dichter, bzw. die Dichterin |
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9.: Jeßod Die zeugende Schöpfungskraft |
Repräsentant: der Gerechte Bereich: der Urgrund, das Gewölbe unter dem Himmel, wo alle wirkenden Potenzen sich sammeln |
Beryll |
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10.: Malchut ‘Reich’ |
Name: das zweite He im Gottesnamen, Adonaj (Herr der ganzen Erde), Gott unter dem Aspekt der Schechina Repräsentant: David als König Bereich: Welt des prophetischen Gesichts Das Ende der Schöpfung |
In Beryll immer (wieder) zu erreichen |
Anmerkungen
[1]
Mireille Gansel verdanken wir die unübertreffliche
Übersetzung des gesamten dichterischen Werks von Nelly
Sachs, die in drei Bänden beim Verlag Verdier in Paris
erschienen ist: Eclipse d’étoile, précédé de
Dans les demeures de la mort (1999), Exode
et metamorphose, précédé de Et personne n’en
sait davantage (2002), Paratge-toi, nuit
(et autres recueils de 1960 à 1971) (2005). Sie
übersetzte auch Gedichte von Reiner Kunze und
veröffentlichte 2004 zusammen mit ihm Die Chausseen
der Dichter. Ein Zwiegespräch über Peter Huchel und
die Poesie beim Radius-Verlag Stuttgart.
[2]Zit.
nach: Thomas Sparr, „Sachs, Nelly“, in:
Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen
Literatur, hrsg. von Andreas B. Kilcher,
Stuttgart; Weimar, Verlag J. B. Metzler, 2000, S. 503.
[3]Mit
einer Anmerkung von Nelly Sachs, in: Zeichen im
Sand. Die szenischen Dichtungen der Nelly
Sachs, Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag, 1962, S.
287-304; oder in: Das Buch der Nelly Sachs,
hrsg. von Bengt Holmqvist, Frankfurt a. M., stv, 1991,
S. 249-263.
[4]
Nelly Sachs besaß ein Exemplar von Scholems
Übersetzung vom ersten Kapitel des Sohar:
Die Geheimnisse der Schöpfung, erste
Veröffentlichung 1935 in Berlin beim Schocken Verlag.
Wir zitieren aus der Auflage 1992 (Jüdischer Verlag,
Frankfurt a. M.). Im Text: [Geheimnisse +
Seite].
[5]
1943 schrieb Nelly Sachs im 9. Bild von Eli
(in: Zeichen im Sand): „Der neue Pentateuch,
sage ich Euch, der neue Pentateuch, / steht mit dem
Schimmel der Angst geschrieben / auf den Wänden der
Todeskeller !“
[6] Zur
Problematik des Bösen im Werk von Nelly Sachs, siehe
Max Lorenzen, „Mystik und Poetologie“ im Marburger
Forum („Schwerpunkt Nelly Sachs“).
[7] Zu
dieser Kombination und dem Unterschied mit dem
Hofmannsthal’schen „Bühne als Traumbild“, siehe
Antonella Gargano, „Nelly Sachs und Ingeborg Bachmann:
poetische Korrespondenzen“, in: Nelly Sachs.
Ethique et modernité, Textes réunis par Claude
Cazalé-Bérard, André Combes et Andrée Lerousseau,
Université de Lille, UL3 (Travaux et Recherches). Der
Sammelband soll 2006 erscheinen.
[8]
Wir verweisen auf die französische Übersetzung des
Sohar: Le Zohar. Genèse, Tome 1:
Préliminaires, Béréchit, Noah, Lech Lecha,
traduction de l’araméen et de l’hébreu, annotation et
avant-propos par C. Mopsik, suivi du Midrach ha
Néélam, traduit et annoté par B. Maruani, Paris,
Verdier, 1981 (les dix paroles). Scholems
Geheimnisse der Schöpfung, die Hauptquelle von
Nelly Sachs, entspricht Béréchit 1. Siehe hier:
Préliminaires, S. 47. In diesem Auszug wird
ausdrücklich auf Sprüche 16, 28 angespielt.
[9]
Ebd., Noah, S. 365.
[10] Siehe
Claude Vigée, L’extase et l’errance, Paris,
Grasset, 1982 (Figures), S. 67; und: Tikkoun
‘Hatzoth, Jérusalem, 5739, S. 19.
[11] Jorge
Semprun, Elie Wiesel, Se taire est impossible,
Paris, Ed. Mille et une nuits / Arte, 1995, S. 27-28.
[12] Siehe
Celans Gedicht „Zürich, zum Storchen“, in: Die
Niemandsrose, Sprachgitter, Frankfurt a. M.,
Fischer Taschenbuch Verlag, 2001, S. 16.
[13] Nelly
Sachs, Fahrt ins Staublose. Gedichte
[FS + Seite im Text], Frankfurt a. M., stv,
1988, S. 222.
[14] Hans
Jonas, Der Gottesbegriff nach
Auschwitz. Eine jüdische Stimme,
Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag, 1984.
[15]
Siehe: Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in
ihren Hauptströmungen, Frankfurt a. M., stw, 1980,
S. 286-287.
[16] Paul
Celan, Nelly Sachs, Briefwechsel, hrsg. von
Barbara Wiedemann, Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag,
1993, S. 23.
[17]
Gershom Scholem, Die jüdische Mystik, S. 289.
[18] Siehe
das Kapitel über Noah, S. 311 der franz.
Übersetzung.
[19]
Gershom Scholem, Die jüdische Mystik, S. 22.
[20] Das
Böhmewort, das um „Unverbrauchkeit der
Schöfpungskraft“ weiß, schreibt Nelly Sachs, wird
zweimal in Beryll zitiert. In ihrer Anmerkung
weist die Dichterin auf eine zweite Bedeutung hin, die
für das Gesamtwerk besonders relevant ist, indem sie
unterstreicht, das Böhmewort wisse auch „um
Aufertstehung nach jedem Tod“.
[21]
Gershom Scholem, Die jüdische Mystik, S. 27.
[22] Ebd.,
S. 36.
[23] Es
wird nämlich am Anfang von einer Katastrophe
(Schebirath ha-Kelim oder „Bruch der Gefäße“,
die das ursprüngliche, göttliche Licht enthielten)
erzählt. Die Ursachen dieser Katastrophe sind
verschieden: einige Kabbalisten weisen darauf hin, das
Licht sei zu stark gewesen, andere behaupten, es liege
an bösen Kräften, die in den Gefäßen mitenthalten
gewesen seien, usw. Siehe Gershom Scholem, Die
jüdische Mystik, S. 291 ff.
[24] Wir
verweisen auf die Préliminaires in der
französischen Übersetzung. Es bleibt dahingestellt, ob
Nelly Sachs den Text in deutscher Übersetzung zur
Kenntnis nahm oder davon gehört hatte.
[25] Nelly
Sachs, Glühende Rätsel, in: Suche nach
Lebenden, Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag, 1971,
S. 37.
[26]
Gershom Scholem, Die jüdische Mystik, S.
301-302.
[27] Ruth
Dinesen, Nelly Sachs, aus dem Dänischen
von Gabriele Gerecke, Frankfurt a. M., stv, 1994, S.
207.
[28] Siehe
Andrée Lerousseau, „David dansait devant l’Arche
d’Alliance…: La danse comme accueil et célébration de
l’autre dans l’oeuvre de Nelly Sachs“, in:
Nelly Sachs: Ethique et modernité
(Anm. 7).
Andrée Lerousseau ist französische Germanistin und lehrt als ‚Maîtresse de Conférences’ an der Universität Charles-De-Gaulle Lille 3. Sie promovierte 1997 mit einer Arbeit über den Antijudaismus und Antisemitismus in der deutschen Philosophie: „Philosophie allemande et destin juif: 1770-1850“. Seit 1998 ist Frau Lerousseau Mitglied der Forschungsgruppe „Textes et Interculturalité“ und seit 2004 Mitglied der Forschungsgruppe "CECILLE" (Universität Lille 3), zudem Mitglied des Redaktionskomitees der (geistes)wissenschaftlichen Zeitschrift TSAFON, Revue d'Etudes juives du Nord (hebräische und jüdische Studien).
Zusammen mit Claude Cazalé-Bérard (Paris X-Nanterre) organisierte sie verschiedene Tagungen zum Thema „Frauen und Frauenliteratur und die biblische Tradition“ und außerdem das internationale Symposium über Leben und Werk der Nelly Sachs (Universität Lille 3, 26.-27. November 2003).
Veröffentlichungen
Autorin
Andrée Lerousseau, Le judaïsme dans la philosophie
allemande (1770-1850), Paris, Presses Universitaires de
France, 2001 (coll. Philosophie d'aujourd'hui), 354 pages.
Mitherausgeberin
Quatre poétesses juives de langue allemande: Else
Lasker-Schüler, Gertrud Kolmar, Rose Ausländer, Nelly
Sachs, textes réunis par Claude Cazalé-Bérard, André
Combes, Andrée Lerousseau, avec une introduction de Claude
Cazalé-Bérard, Lille, UL3, 2003 (coll. Travaux et
recherches), 151 pages.
Nelly Sachs. Ethique et modernité, Actes du Colloque international organisé à l'Université Charles-De-Gaulle Lille 3 les 26 et 27 novembre 2003, textes réunis par Claude Cazalé-Bérard, André Combes, Andrée Lerousseau, avec une introduction de Claude Cazalé-Bérard et d'Andrée Lerousseau, Lille, UL3 (coll. Travaux et recherches), à paraître en 2006 (Erscheinungsjahr 2006).
Femmes et tradition du Livre, textes réunis par Claude Cazalé-Bérard et Andrée Lerousseau, avec une introduction d'Andrée Lerousseau, Lille, UL3 (coll. Cahiers de l'UL3), à paraître en 2006 (Erscheinungsjahr 2006).
Verschiedene Artikel zum Thema „Deutsch-jüdische Studien“
Artikel und Beiträge über Nelly Sachs
1- „Mémoire de la shoah dans la poésie de Nelly Sachs et
de Paul Celan“, en collaboration avec Evelyne Lloze
(zusammen mit Evelyne Lloze verfasst), L'Ecole des
Lettres II, 1995-1996, Numéros 10-11, 12 et 13.
2- „Le personnage d'Abraham dans l'œuvre poétique et
dramatique de Nelly Sachs“, in: Bible et
littérature, sous la direction de Bernard Bach,
Germanica, N° 24, Lille 1999.
3- „Nelly Sachs : ‘Le puits juif’, désir et
souffrance“, in : Quatre poétesses juives de
langue allemande, textes réunis par Claude
Cazalé-Bérard, André Combes, Andrée Lerousseau, Lille,
UL3, 2003 (coll. Travaux et recherches).
4- „David dansait devant l'Arche d'Alliance… : La danse
comme accueil et célébration de l'autre dans l'œuvre de
Nelly Sachs“, in : Nelly Sachs. Ethique et
modernité, textes réunis par Claude Cazalé-Bérard,
André Combes et Andrée Lerousseau, Lille, UL3, (2006).
5- „Beryll voit dans la nuit de Nelly Sachs ou le
mystère de l'Arche sans Noé“, in: L'Arche de
Noé, Actes du Colloque organisé à l'Université d'Arras
les 28 et 29 avril, textes réunis par Jacques Sys et
Jean-Marc Vercruysse, Arras, Graphè, (février 2006).
6- In Vorbereitung: „Le retour à la source biblique dans
l'œuvre poétique et poétologique de Nelly Sachs“,
Colloque Herméneutique biblique et création
littéraire, organisé par Jean-Yves Masson et Sylvie
Parizet à Paris IV-Sorbonne et Paris X-Nanterre les 11, 12
et 13 mai 2006.
Übersetzungen
Nelly Sachs, Beryll voit dans la nuit ou L'alphabet perdu et de nouveau sauvé, introduction, traduction et annotations par Kerstin Gehring et Andrée Lerousseau, TSAFON, Revue d'Etudes juives du Nord, N° 39, printems-été 2000.