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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Seit November 2005 präsentiert das Kulturamt Wetzlar zusammen mit der Galerie am Dom Werke von Niki de Saint Phalle. Neben einigen Objekten wie dem „L’Oiseau Amoureux“, einem Vogel, der in Lebensgröße mit weit gebreiteten Schwingen die Besucher empfängt, sind vor allem weniger bekannte Druckgrafiken zu sehen.

„L’Oiseau Amoureux“, 1990, bemaltes Polyesterharz
Die Bildwelten der Niki de Saint Phalle wirken auf den ersten Blick oft kindlich und heiter. Bei näherem Hinsehen verweisen sie jedoch auf Verletzungen, mit denen sich die Künstlerin im Laufe ihres Lebens in ihrem umfangreichen Œuvre auseinandergesetzt hat.
Als Tochter eines französischen Bankiers und einer amerikanischen Mutter wird sie am 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine als Catherine Marie-Agnés de Saint Phalle geboren. Von ihrer Mutter, zu der sie ein distanziertes Verhältnis hat, wird sie „Niki“ genannt. 1933 zieht die Familie nach Greenwich / Connecticut und einige Jahre später nach New York. Dort besucht Niki mehrere Klosterschulen, gegen deren streng katholische Erziehung sie immer wieder rebelliert. Nach dem Abitur strebt sie nach Unabhängigkeit, um der gefühlsarmen Mutter und Übergriffen des Vaters zu entfliehen. Sie beginnt mit 18 Jahren erfolgreich als Fotomodell zu arbeiten. Ihre Fotos erscheinen in der Vogue, in Harper’s Bazaar und auf der Titelseite des Life Magazine. Während dieser Zeit lernt sie den amerikanischen Schriftsteller Harry Mathews kennen und heiratet ihn 1950.
Nach der Geburt der Tochter Laura siedelt die junge Familie nach Paris um. Von dort aus unternimmt Niki de Saint Phalle lange Reisen in europäische Länder, auf denen sie viele Kunstwerke studiert. 1953 erleidet sie einen Nervenzusammenbruch, der deutlich macht, dass ihr die Rolle als Ehefrau und Mutter nicht gerecht wird. Während eines stationären Klinikaufenthaltes fasst sie den Entschluss, Künstlerin zu werden.
Ab Mitte der 50er Jahre malt sie Ölbilder in dunklen Farbtönen, oft Frauenfiguren umgeben von Alltagsgegenständen. Häufig sind Szenen kombiniert mit ornamental verzierten Flächen, das motivische Repertoire des Gesamtwerkes von Niki de Saint Phalle deutet sich an.
In der Ausstellung erinnert die Serigrafie „Witches Tea Party“ von 1970 an die frühen Bilder. Diese Druckgrafik, mit den für die 70er Jahre typischen intensiven Farbtönen, gehört zu einer Folge von siebzehn Serigrafien mit dem Titel „Nana Power“. Zwei Frauen sitzen an einem gedeckten Tisch, eine dritte scheint sich zu nähern. Sie sind umgeben von alltäglichen Gegenständen wie einer Blumenvase und einem Telefon. Diese geschützte Welt entpuppt sich als bedroht, vor dem Fenster lauert ein Monster. Ein Vogel im Käfig kann sein Gefängnis eben so wenig verlassen kann wie die Frauen nach draußen gehen können.

„Nana Power/The Witches Tea Party“ 1970, signierte Serigrafie
Ende der 50er Jahre beginnt bei Niki de Saint Phalle eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Rolle der Männer, die für sie mit Macht, Gewalt und Unterdrückung verbunden ist. Sie schafft Material-Assemblagen, in denen sie verschiedene Objekte wie Messer oder Pistolen auf Gipsuntergründen zusammenfügt. In diese Zeit fällt die Trennung von ihrem Mann, der mit den beiden gemeinsamen Kindern auszieht.
1961 nimmt sie mit dem Objektbild "Saint-Sébastien or Portrait of my Lover" an einer Gruppenausstellung im Musée d’Art Moderne de la Ville teil. Zu einem Hemd und einer Krawatte eines ehemaligen Partners, hatte sie als Kopf eine Dartscheibe hinzugefügt, auf welche die Besucher mit Pfeilen werfen können. Die Aggression richtet sich somit nicht auf den Körper des Mannes sondern auf seinen Kopf, als Zeichen für ein einseitig vom Verstand bestimmtes Begreifen der Welt. Das Objektbild „Saint-Sébastien or Portrait of my Lover“ erweckt durch seine Beschaffenheit das Interesse der Pariser „Nouveaux Réalistes“, einer Gruppe junger Künstler um den Kritiker Pierre Restany. Restany versucht unter dem Begriff „Neuer Realismus“ verschiedene Tendenzen zusammenzufassen, welche als gemeinsames Ziel die Malerei auf ebener Fläche aufgeben wollen. So sollen die Grenzen künstlerischer Ausdrucksmittel überschritten werden. Die Kritik der „Nouveaux Réalistes“ richtet sich vor allem gegen die überholten formalen Ausdrucksmittel und Materialien der klassischen Kunstgattungen. Diese gilt es ihrer Meinung nach, hinter sich zu lassen, um zu dem Ideal, einer Synthese von Kunst und Leben, zu gelangen.
Niki de Saint Phalle entwickelt in enger Auseinandersetzung mit den „Nouveaux Réalistes“ die Idee zu den Tirs, den Schießbildern, die sie zu Beginn der 6oer Jahre beschäftigen. Dabei wird auf Bildreliefs, zusammengesetzt aus Plastikfiguren und anderen Fundstücken, geschossen. Beim abschließendem Übergießen mit Gips werden kleine Farbbeutel eingearbeitet, deren Inhalt sich in zufälliger Verteilung bei den Schießaktionen über den Gipsgrund ergießt. An diesen Happenings, die erst in Paris und bald darauf auch in den USA stattfinden, beteiligen sich Künstlerfreunde und Prominente mit Begeisterung. Niki de Saint Phalle zelebriert die Schießaktionen wie eine Opferfeier, indem sie einen weißen Anzug wie „eine vestalische Jungfrau“ trägt und „ihre Bilder massakriert“. In dem Schießritual findet sie nach eigener Aussage einen „pazifistischen Ausdruck ihrer inneren Gewalt“.
„1961 schoss ich auf: Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter, alle Männer, Papa, auf mich selbst, auf Männer. Ich schoss um dieses magischen Moments willen. Ekstase. Es war ein Moment skorpionischer Wahrheit. Weiße Reinheit. Opfer. Schussbereit! Zielen! Feuer! Rot, gelb, blau – das Gemälde weint, das Gemälde ist tot. Ich habe das Gemälde getötet. Es ist wiedergeboren. Krieg ohne Opfer.“
Nach Jahren der heftigen Kunstaktionen kommt wie nach einer Befreiung eine heitere Niki de Saint Phalle mit Werken in leuchtenden Farben zum Vorschein. 1965 entstehen die ersten so genannten Nanas, fröhlich aussehende Frauenfiguren mit üppigen, weichen Formen. Sie sind zunächst aus Wolle und Stoff, später dann aus bemaltem Polyester gefertigt. Einige von ihnen sind als Schwangere ausgeformt, wie die in der Ausstellung zu sehende „Nana Soleil“ von 2001, die auf ihrer Rückseite eine Öffnung für Blumen verbirgt.

„Nana Soleil“ 2001, bemaltes Polyesterharz
Mit der Ausformung vieler Nanas als Schwangere verweist Niki de Saint Phalle auf ihre Freundin Clarice, die sie als Urheberin der Nanas bezeichnet. Deren Mann Larry Rivers hatte seine Frau kurz vor der Geburt der Tochter Gwynne 1964 gezeichnet und Niki de Saint Phalle damit die Anregung zu den Nanas gegeben. Trotz ihres voluminösen Körpers können diese Wesen scheinbar schwerelos tanzen und unbekümmert die Welt auf dem Kopf stehend betrachten.
„Für mich waren sie das Symbol einer fröhlichen, befreiten Frau. Heute, nach beinahe 20 Jahren, sehe ich sie anders. Ich sehe sie als Vorboten eines neuen matriarchalischen Zeitalters, von dem ich glaube, dass es die einzige Antwort ist. Sie repräsentieren die unabhängige, gute, gebende und glückliche Mutter. Es überrascht daher nicht, dass sie so heftige Emotionen von Liebe und Hass in den Leuten hervorrufen. Der Betrachter wird mit seinen Gefühlen der eigenen Mutter gegenüber konfrontiert.“
In der Tat gab es heftige Reaktionen auf die Nanas, so zum Beispiel als 1966 mit 28 Metern Länge die größte Nana im Moderna Museet in Stockholm entstand. Diese monumentale, liegende Skulptur mit dem Titel „Hon“ („Sie“) war in wenigen Wochen aus einer Zusammenarbeit zwischen Niki de Saint Phalle, Per Olof Ultvedt und Jean Tinguely entstanden. Die Besucher konnten diese Nana durch einen Eingang zwischen ihren Beinen betreten, um im Inneren beispielsweise Greta Garbos ersten Film „Luffarpetter“ oder gefälschte Kunstwerke anschauen zu können.
Die enge künstlerische Zusammenarbeit mit dem Schweizer Metallbildhauer Jean Tinguely ist in vielen Arbeiten Niki de Saint Phalles greifbar. Sie hatte ihn 1955 im Kreis der Pariser „Nouveaux Réalistes kennen gelernt und lebte und arbeitete seit 1960 mit ihm. Mit seiner Hilfe geht sie 1979 ihr größtes und umfangreichstes Projekt an, den Tarotgarten bei Garavicchio in der Toskana. Inspiriert von Antoni Gaudis Parque Güell in Barcelona, errichtet sie auf dem Gelände eines alten Steinbruches, den ihr Freunde überlassen haben, in über 15 Jahren einen Themenpark mit 22 zum Teil begehbaren und bewohnbaren Tarot-Figuren. In der Monumentalfigur der „Herrscherin“, die als Sphinx angelegt ist, bezieht Niki de Saint Phalle für die folgenden sieben Jahre einen Wohnraum, um die Arbeiten an ihrem Tarot-Garten intensivieren zu können.
Jean Tinguely fertigt neben den Unterkonstruktionen für die Skulpturen auch einige kinetische Metallskulpturen an. Beispielsweise gibt es im Inneren der „Justice“ eine von ihm entworfene Maschine, welche die eingesperrte Ungerechtigkeit symbolisiert. In der Ausstellung gibt es einige Lithografien, die das Thema des Tarot-Gartens aufgreifen.

„Justice“ (Card Nr. VIII) 1999, signierte Lithografie mit Folienprägung
Nach dem Tod von Jean Tinguely im Jahr 1991 widmet ihm Niki de Saint Phalle viele ihrer Arbeiten. Noch im gleichen Jahr entsteht ihre erste kinetische Skulptur, die sie „Méta-Tinguely“ nennt.
In der ausgestellten kolorierten Radierung „The Lovers“ von 1999 verleiht sie ihrem Empfinden einen Ausdruck, in Tinguely den Partner gefunden und verloren zu haben, mit dem sich künstlerisches Arbeiten und Lieben zu einer perfekten Gemeinsamkeit verbunden hatten. Dargestellt sind Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Ihre tiefen Blicke, ein häufig dargestelltes Motiv der Künstlerin, vereinen sich zu einer Herzform, während die kreativen Gebilde, die sich aus beider Köpfe winden, ein gemeinsames Kunstwerk bilden.

„The Lovers“ 1999, signierte kolorierte Radierung
Die Ausstellung gibt mit ihren etwa 50 grafischen Arbeiten aus 1970 bis 2002 einen interessanten Einblick in Niki de Saint Phalles vielseitiges künstlerisches Schaffen. Dazu gehören politische Arbeiten zur Ökologie oder zu Präsident Bush. Ihre letzten Jahre verbrachte Niki de Saint Phalle aus gesundheitlichen Gründen im milden Klima von Kalifornien. Dort starb sie im Jahr 2002 an einem Lungenemphysem. Zu Beginn ihrer Arbeiten an den Nanas hatte sie ihre Lungen nachhaltig mit den Dämpfen und dem Staub des Polyesterharzes geschädigt.
Eine Schenkung Niki de Saint Phalles an das Sprengel Museum Hannover ermöglicht seit dem November 2000 mit mehr als 300 Werken einen umfangreichen Überblick über ihr künstlerisches Schaffen.
Susanne Paesel